Die Schlucht von Babij Jar und der ganz Andere als Spiegel des Eigenen – Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (3)

Ich halte nicht viel davon, Textpassagen der Lyriker, Romanciers oder Philosophen ohne jeglichen „eigenen“ Kommentar (was immer das Eigene nun sei) gleichsam aphoristisch oder im Kontextbruch zu zitieren – das ist beliebig. Heute Rimbaud, morgen Nietzsche, übermorgen Trakl und einen Monat darauf vielleicht Jelinek, Zizek und Hegel. (Vom unvermeidlichen Rilke ganz zu schweigen.) Selten entsteht daraus ein Passagenwerk, das über die Anordnung der Zitate Aspekte der Sache eröffnet. Im Vorausblick zum letzten Teil meines Textes zu Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ und um diesen abschließenden Teil nicht zu lang zu machen, möchte ich dennoch kommentarlos diese zentrale Passage aus dem Buch zitieren:

„Vor vielen Jahren fragte ich David, einen Freund, der immer an jenem Tag nach Babij Jar ging, ob er Verwandte hier liegen habe. Er sagte mir damals, das sei die dümmste Frage, die er je gehört habe. Erst jetzt verstehe ich, was er meint. Denn es ist unwichtig, wer man ist und ob man hier eigene Tote zu beklagen hat – oder wünschte er sich, dass es unwichtig sein? – für ihn war es eine Frage des Anstands. Ich möchte von diesem Spaziergang so erzählen, als ob es möglich wäre zu verschweigen, dass auch meine Verwandten hier getötet wurden, als ob es möglich wäre, als abstrakter Mensch, als Mensch an sich und nicht nur als Nachfahrin des jüdischen Volkes, mit dem mich nur noch die Suche nach fehlenden Grabsteinen verbindet, als ob es möglich wäre, als ein solcher Mensch an diesem merkwürdigen Ort namens Babij Jar spazieren zu gehen. Babij Jar ist Teil meiner Geschichte, und anderes ist mir nicht gegeben, jedoch bin ich nicht deswegen hier, oder nicht nur. Irgendetwas führte mich hierher, denn ich glaube, dass es keine Fremden gibt,  wenn es um Opfer geht. Jeder Mensch hat jemanden hier.

Ich dachte schon immer, dass die Juden im Ghetto privilegiert waren, fast hätte ich gesagt, dass sie Glück hatten. Man hatte mehr Zeit, um zu verstehen, wohin es sich entwickelte und dass man wahrscheinlich bald sterben wird. Zehn Tage nach dem Einmarsch der Deutschen in Kiew, Ende September 1941, wurde hier in Babij Jar die ganze verbliebene jüdische Bevölkerung Kiews getötet, kaum verborgen vor den Augen der übrigen Stadtbewohner und mit Hilfe der westukrainischen Polizei. Kiew, die älteste russische Stadt, in der auch die Juden seit tausend Jahren gelebt hatten, wurde judenfrei. Ja, man nennt diese Opfer für gewöhnlich Juden, aber viele meinen damit nur die anderen. Das ist irreführend, denn die, die da sterben mussten, waren nicht die anderen, sondern die Schulfreunde, die Kinder aus dem Hinterhof, die Nachbarn, die Omas und die Onkel, die biblischen Greise und ihre sowjetischen Enkel, die man am Tag des 29. September auf den Straßen von Kiew in diesem endlosen Zug ihres eigenen Begräbnisses die Bolschaja Shitomirskaja entlanggehen sah.

(…)

Die Vergangenheit schluckt alle Laute der Gegenwart. Es kommt nichts mehr hinzu. Kein Raum für Neues. Mir ist, als ob diese Spaziergänger und ich uns auf verschiedenen Leinwänden bewegen. Gibt es etwas, in ihrer Gestik, was den Ursprung der menschlichen Gewalt verrät? Oder den Hang, zum Opfer zu werden? Wäre es mir lieber, wenn Babij Jar nun wie eine Mondlandschaft aussehen würde? Exotisch? Giftig? Alle Menschen – vom Leid zerfressen? Warum sehen sie nicht, was ich sehe.“

Asynchronizität der Zeiten und der Blicke am Ort der Erinnerung, der für andere nur ein Platz zum Spazieren ist. Orte, die sich nur in der Sprache noch ins Bild bringen lassen. Erinnerungen sind (Sprach-)Konstruktionen. Oder Versuche einem Etwas, einer schmerzhaften oder schönen Sache in Sprache oder Bild habhaft zu werden, die unweigerlich entschwand. Vorbei und verweht. Es bleiben die Spuren und Reste.

„‚Saemtliche Juden der Stadt Kiew und Umgbung haben sich am Montag, dem 29. September 1941 um 8 Uhr, Ecke Melnik- und Dokteriwski-Straße (an den Friedhöfen) einzufinden‘“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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