Martin Heidegger zum 125. Geburtstag

„Die Frage, ob die antisemitischen Passagen der ‚Schwarzen Hefte‘ einen Abschied von Heideggers Denken notwendig nahelegen, scheint keineswegs abwegig zu sein. Wer mit Heidegger philosophieren will, muss sich über die antisemitischen Implikationen bestimmter Gedankenzüge im Klaren sein.“
(Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“)

 Mit Heidegger gegen Heidegger. Gegen Heidegger mit Heidegger? Schwierige Frage. Wieweit diese inkriminierenden Textstellen in den Schwarzen Heften, insbesondere in der Gesamtausgabe im Band 95 und 96, nun eine Philosophie im ganzen diskreditieren, läßt sich sicherlich nicht im Verfahren des „Daumen hoch“ oder „Daumen herunter“ in ein oder zwei Aphorismen entscheiden. Mitzulesen sind diese Stellen jedoch im Gesamt der Heideggerschen Philosophie unbedingt. Und es entschuldigt sicherlich ebenso wenig, daß Philosophen wie Sartre, Foucault, Derrida oder Nancy – allesamt einem eher links zu nennenden Spektrum zugehörig – in ihrer Art des Denkens und Schreibens stark von Heidegger geprägt waren und dabei eine Lektüre Heideggers lieferten, die abseits des Seins-Sounds siedelte und Methoden seines Denkens fruchtbar aufnahm und weitertrieb.

Was fasziniert an Heidegger? Insbesondere für eine Kritische Theorie der Gesellschaft, die das, was ist, so wie es ist, nicht will? Und diese Kritik, dieses Nicht-Wollen resultiert nicht aus bloßen Geschmacksgründen oder ergibt sich aus subjektiver Willkür heraus, sondern im erkenntnistheoretischen Sinne, wenn es um Begriff und Sache samt deren Verhältnis und den Entsprechungen geht. Heidegger trifft einen ganz bestimmten Ton, und er geht scheinbar unkonventionell vor. Im Text-Gestus aufgrund des Jargons sicherlich lange nicht so schillernd und im Stil nicht annähernd so gekonnt wie Nietzsche formulierend. (In den „Schwarzen Heften“, also in der Notizform, die in gewissem Sinne auch die „Beiträge zur Philosophie“ bestimmt, nähert sich Heidegger zwar diesem Aphoristischen sowie dem Stil Nietzsches und den Denkmöglichkeiten des ganz Anderen an: wenn es nicht mehr Werke sind, sondern Wege begangen werden, die in einer Sprache stehen, die die Furchen zieht. Allein: Bei Nietzsche sind es keine Furchen, sondern es ist der Tänzer, der auf jenem glatten Eis sich in anmutigen oder geistreichen Posen zu bewegen weiß. Die Grenze zwischen Literatur und Philosophie, zwischen Erkenntnis und Fiktion, zwischen Wahrheit und Metapherntrieb wurde bei Heidegger sicherlich nicht derart radikal eingezogen wie bei Nietzsche.

Dichten und Denken werden gerne als Paar genommen. Diese Kombination aber erweist sich nicht immer als gut, wenigen gelingt mit sprachlicher Präzision und Brillanz beides. Und in mancher sprachlichen Fügung bei Heidegger läuft das in den Kitsch hinein. Aber es gibt dieses Dennoch. Das, was als eine Schicht unter oder im Text Heideggers liegt, wenn man ihn von diesem Jargon und dem Raunen befreit.

Heidegger selber ist in seiner Antimoderne ausgesprochen modern zu nennen. Technisch geradezu in seiner Rhetorik, die als Handhabung spult, modern in seiner Modernitätskritik. Fast grün zu nennen, wenn es auf die Scholle geht.

 „Was Philosophie möchte; ihr Eigentümliches, um dessentwillen ihr die Darstellung wesentlich ist, bedingt, daß all ihre Worte mehr sagen, als jedes sagt. Das schlachtet die Technik des Jargons aus. Die Transzendenz der Wahrheit über die Bedeutung der einzelnen Worte und Urteile wird von ihm den Worten als ihr unwandelbarer Besitz zugeschlagen, während jenes Mehr allein in der Konstellation, vermittelt, sich bildet. Philosophische Sprache geht, ihrem Ideal nach, hinaus über das, was sie sagt, im Zug des Gedankens. Sie transzendiert dialektisch, indem in ihr der Widerspruch von Wahrheit und Gedanken sich seiner selbst bewußt und damit seiner mächtig wird. Zerstörend beschlagnahmt der Jargon solche Transzendenz, überantwortet sie seinem Klappern. (…) Heuchelei wird zum Apriori: alltägliche Sprache jetzt und hier gesprochen, als wäre sie die heilige. Dieser könnte eine profane sich nähern nur durch Distanz vom Ton des Heiligen, nicht durch Nachahmung. Blasphemisch frevelt daran der Jargon. Bekleidet er die Worte fürs Empirische mit Aura, so trägt er dafür philosophische Allgemeinbegriffe und Ideen wie die des Seins so dick auf, daß ihr begriffliches Wesen, die Vermittlung durchs denkende Subjekt, unter der Deckfarbe verschwindet: dann locken sie als Allerkonkretestes. Transzendenz und Konkretion schillern; Zweideutigkeit ist das Medium einer sprachlichen Haltung, deren Lieblingsphilosophie jene verdammt.“ (Th. W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit)

 Diesen hohen Ton, der die Begriffe des Alltags affiziert – solche wie Sorge, Angst oder Tod – kann man in „Sein und Zeit“ gut beobachten. Zwar ist in einem bestimmten Sinne jegliche Philosophie ein Jargon – Walter Benjamin sprach davon, daß Philosophie eine Zuhältersprache sei –, doch umschifft Adorno jene Klippe, indem er die Vermittlung zwischen Begriff und Sache, die Heideggers Philosophie abgeht, richtig beim Namen nennt und er zeigt im Modus des Textes, wie sie sich sprachlich realisiert: als Konstellation und Vexierbild. (Bei Walter Benjamin sind es die dialektischen Bilder.) Doch es reicht nicht aus, bloß den Begriff „Konstellation“ zu schreiben, sondern er will kompositorisch ebenso realisiert werden. Die „Negative Dialektik“ verfährt selber – fast mimetisch zu nennen – konstellativ und löst in ihrer Komposition genau diese Sprachfrage der Philosophie ein, ohne ins Raunen des Nichtidentischen zu verfallen. Die sprachliche Darstellung und die Anordnung ihrer Elemente sind dieser Dialektik in der Konstruktion des Textes wesentlich. Heidegger geht solch konstellatives Denken vollständig ab. Vom Aspekt der Geschichte ganz zu schweigen, die sich bei Heidegger ins Nebulöse auflöst: verdünntes Abstraktum. Wenn das Sein das Bewußtsein bestimmt, so bleibt bei Heidegger ein Seinszug, der ins Unermeßliche des A-Historischen ausschlägt. Sein und Nichts als abstrakte Identität. Heideggers Seinsbegriff liegt auf der Stufe vom Beginn der Hegelschen Logik. Sein – reines Sein in seiner Unbestimmtheit. Heidegger würde diese Unbestimmtheit vielleicht sogar gefallen. Und dieser Umstand eines vorgängig Anderen und Unbestimmten, das in den Texten der Dichtung und der exponierten Philosophie als ästhetischer Theorie sich in Darstellung bringt, kann durchaus den Reiz dieser Philosophie ausmachen. Indem man sie derart – geradezu hegelianisch – weitertreibt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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56 Antworten zu Martin Heidegger zum 125. Geburtstag

  1. Bersarin schreibt:

    Der frühe Martin Heidegger (vor der Kehre) und der frühe Harald Schmidt – was für eine wunderbare Kombination. Aus der Erschlossenheit muß die Entschlossenheit werden, mal wieder die Stube aufzuräumen und den Suff gepflegter anzugehen.

  2. Joachim Weiser schreibt:

    Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 in Meßkirch geboren. Heidegger war ein bedeutender und einflußreicher deutscher Philosoph und gilt als einer der größten Denker klassischen abendländischen Philosophie, mit deren zentralen Grundfragen er sich beschäftigte, um sie mit seiner Seinslehre auf ein neues Fundament zu stellen.

    Sein Werk ist von einem Widerhall begleitet, wie es in der Geistesgeschichte ohnegleichen ist. Heideggers Denken entfaltete weltweite Wirkung. Eine breite Rezeption machte Heidegger zu einem der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl ist sein Werk inhaltlich umstritten. Auch sein nationalsozialistisches Engagement ist bis heute Gegenstand kontroverser Debatten.

    – Philosophenwelt-Blog – Philosophenwelt-Blog

  3. Joachim Weiser schreibt:

    Martin Heidegger vor 125 Jahren geboren

    Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 in Meßkirch geboren. Heidegger war ein bedeutender und einflußreicher deutscher Philosoph und gilt als einer der größten Denker klassischen abendländischen Philosophie, mit deren zentralen Grundfragen er sich beschäftigte, um sie mit seiner Seinslehre auf ein neues Fundament zu stellen.

    Sein Werk ist von einem Widerhall begleitet, wie es in der Geistesgeschichte ohnegleichen ist. Heideggers Denken entfaltete weltweite Wirkung. Eine breite Rezeption machte Heidegger zu einem der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl ist sein Werk inhaltlich umstritten. Auch sein nationalsozialistisches Engagement ist bis heute Gegenstand kontroverser Debatten.

    Martin Heidegger vor 125 Jahren geboren – Philosophenwelt-Blog – Philosophenwelt-Blog

  4. Bersarin schreibt:

    Wieweit dieses Fundament trägt, ist die Frage und darin entzündet sich die Debatten. Was man von Heidegger lernen kann, ist sicherlich das Hinterfragen des Gegebenen. Das freilich kann man überhaupt in der Philosophie lernen: mit Kant: Allein der kritische Weg ist noch offen. Mit Heidegger gesprochen, befragte Kant die Grenzen der Metaphysik, aber immer noch innerhalb der abendländischen Metaphysik. Mit Marx: Die Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft: das jede gesellschaftliche Formierung auf einer Ökonomie basiert.

  5. El_Mocho schreibt:

    Dass der Typ einfach ein Nazi gewesen ist, stört offenbar niemand, solange er als großer Philosoph gilt.

  6. alterbolschewik schreibt:

    Im Gegenteil, El Mocho, ganz im Gegenteil. Ich bin fest davon überzeugt, daß Heidegger ähnlich vergessen wäre wie, sagen wir mal, Dilthey, wenn er kein Nazi gewesen wäre. Gerade dadurch, daß ihm das Label „umstritten“ angeheftet werden kann, ist er weiterhin im Gerede und, wie Joachim Weiser oben in seiner unübertroffen verdinglichten Sprache formulierte, „Gegenstand kontroverser Debatten“.

  7. Bersarin schreibt:

    Heideggers Vergangenheit war und ist von den 50ern bis heute hin (siehe die Bücher von Peter Trawny oder Emmanuel Faye) Gegenstand von Debatten und Erörterungen. Dabei ist es unzweideutig, daß Heidegger, was das Politische betrifft, zumindest erzkonservativ war. Ob er ein bekennender Nationalsozialist war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Zumindest folgte er, was das Gesellschaftliche anbelangt, einem sehr traditionalistischen Obrigkeitshörigen Schema.

    Über die Gehalte seiner Philosophie kann man ebenfalls debattieren. Wie viele nahm er den Weg des abendländischen Denkens in die Kritik. Anders aber als Adorno vermochte er dieses Denken des Abendländischen aber nie mit denökonomischen Mechanismen n Verbindung zu bringen, die für Heidegger wohl nur schnödes Ontisches darstellten.

    Ich selber bemesse die Werke von Autoren nicht nach deren politischen Standpunkten, die sie privat in die eine oder andere Richtung hin einnehmen. Wittgensteins Philosophie ist nicht deshalb abzulehnen oder zu kritisieren, weil er als Grundschullehrer Kinder schlug. Celines Prosa oder Benns Gedichte sind trotz des politisch Fragwürdigen, das diese Herren absonderten, gelungen. Gleiches gilt für Heidegger. Oder auch für die Texte von Marx. Es gibt Menschen, die weisen Marx gerne menschliche Mängel nach und münzen im Fehlschluß diese Mängel sodann aufs Werk. Mich interessieren jedoch zunächst die Texte. Ob Adorno seine Frau betrog, wäre vom Text her nur dann interessant, wenn er in diesen Texten ein striktes monogames Weltbild predigte.

    Ich denke, es verhält sich eher umgekehrt. Wäre Heidegger unbelastet gewesen, gäbe es einen sehr viel stärkeren Zustrom und diese Art der Fundamentalontologie stellte statt der (Gadamerschen) Hermeneutik die herrschende Lehre der 50er Jahre dar.

    Kritisieren kann man Heidegger nur immanent.

  8. Fabs schreibt:

    Ich denke, kein Mensch ist davor gewahr, im Vermittlungskampf der inneren und äußeren Natur, ideologische Ablassventile zu betätigen. Ich habe Heidegger nie gelesen und kann mir deshalb kein Urteil über dessen Werk bilden. Doch kann ich vermuten, dass die allgemeine (und auch meine eigene) Verurteilung (treffender wäre Abwehr) Heiderggers, weniger mit dessen nationalsozialistischen Tendenzen zu tun hat, als vielmehr damit, dass Heidegger der Beweis dafür ist das selbst das gebildetste und vernünftigste bürgerliche Subjekt seines Nächsten Wolf werden kann. Auch Freud hat zur Zeit des ersten Weltkrieges das aufflammen patriotischer Gefühlsregungen in sich verspürt. Grade die bürgerlichen Kreise, denen eine breite Massenbewegung bis dahin vorenthalten war, zog es auf den Odeonsplatz und die anderen Schauplätze der Ekstase. Im Unterschied zu Heidegger hat Freud seine Affekte reflektiert und sich mit ihnen versöhnt. Anstatt aus Angst vor der eigenen Sterblichkeit, den Tod herbei zu jubeln, schrieb er Massenpsychologie und Ich-Analyse. Dieser Mangel an Reflexion ist Heidegger in jedem Fall vorzuwerfen.

  9. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht darum, sich ohne Irrtum durchs Leben zu bewegen – das wäre schlicht absurd. 1933 ahnten die wenigsten, was dann tatsächlich kommen würde. Zumindest hat es keiner wissen können, wenngleich die Zeichen und Wörter deutlich zu lesen und die Stimmen deutlich zu vernehmen waren. Doch viele dachten, es wäre ein Spuk und der ginge wohl bald vorüber.

    Wenn ich jedoch in der Einschätzung der politischen Lage (oder auch in anderen Dingen) irre, dann täte ich gut daran, mich mit diesem Irrtum zu befassen. Insbesondere, wenn ich eine Person der Öffentlichkeit bin. Und wenn ich ein System unterstützte, das Verbrechen beging, die jeden Rahmen und jede Dimension sprengten, wäre von jenem großen Denker des Seins doch mehr als ein paar läppische Worte angebracht. Denn diese 12 Jahre waren nun gerade kein Ausdruck von Seinsvergessenheit oder welche anderen Begriffe man hier darüberstülpen möchte. Selbst wenn Heidegger die Öffentlichkeit als bürgerliche Kategorie verachtete und sich insofern zu keinerlei Rechenschaft veranlaßt sah, liegt die Lage bei einer Person, die vom Katheder herab an den Universitäten, in der Öffentlichkeit also, Vorlesungen hielt, anders.

    Wer dieses Grauen nicht zum Thema seiner Philosophie zu machen vermag – vor allem einer solchen, die vorgibt, aufs Ganze zu gehen – hat Wesentliches der Philosophie versäumt.

  10. alterbolschewik schreibt:

    Mit der Forderung, Heidegger immanent zu kritisieren, wirfst Du eine schwierige Frage auf. Ich stimme mit Dir fast darüber ein, daß man über Heideggers Philosophie nicht einfach deshalb den Bannfluch aussprechen kann, weil er ein Nazi war. Aber eben nur fast.
    Ich weiß nicht, ob sich das Prinzip, daß ein Kunstwerk für sich steht und nicht durch Rekurs auf den Künstler „erklärt“ werden kann, auf philosophische Werke übertragen werden kann und darf. Ich denke, daß der Philosoph in seinem Werk anders präsent ist als der Künstler und daß er bei der kritischen Beurteilung nicht so einfach durchgestrichen werden darf wie letzterer (aber vielleicht liegt diesem Instinkt auch nur ein verkapptes romantisches Motiv zu Grunde, daß ich den Künstler mehr als Medium denn als eigenständigen Schöpfer sehe; und im Gegensatz dazu weiß ich, daß Philosophie harte Knochenarbeit ist).
    Der Grund liegt meines Erachtens darin, daß Kunst prinzipiell zweckfrei ist, Philosophie aber nicht. In letzter Instanz geht es bei Philosophie immer um das gute oder richtige Leben (und sei’s im Negativen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“). Das heißt aber, daß das Leben des Philosophen nicht völlig losgelöst von der Wahrheit seines Werkes betrachtet werden kann. Und wenn man Marcuse zustimmt, der erklärte, daß Heideggers „politischer Fehler“ kein Fehler war („Fehler macht man beim Addieren“), sondern Verrat an der Philosophie, dann greift eine rein immanente Kritik zu kurz.
    Der andere Punkt, der gegen eine immanente Kritik Heideggers spricht, ist äußerst pragmatisch: Lohnt sich das? Ich habe versucht, Sein und Zeit zu lesen, und muß gestehen, daß ich nicht über das erste Drittel hinauskam. Nicht, weil’s mir zu kompliziert gewesen wäre. Sondern weil meine Erwartungshaltung bitter enttäuscht wurde. Denn mir ging’s wie bei Riefenstahls Triumph des Willens: Da hatte ich dämonische nazistische Verführung erwartet, der ich mich nur durch kühle Rationalität zu entziehen hoffte. Und wurde mit einem Machwerk konfrontiert, dem die unfreiwillige Komik aus allen Poren troff. Ähnlich bei Sein und Zeit: Ich hatte etwas durchtrieben Kluges erwartet, dem man sich nur durch die höchste Anstrengung des Gedankens würde entziehen können. Statt dessen: Ausufernde Geschwätzigkeit, die banale Alltagsbeobachtungen in den Rang philosophischer Offenbarungen erhob. Ich hab’s aus purer Langeweile abgebrochen (und ich habe nie begriffen, was Sartre daran fand). Das meinte ich, als ich schrieb, daß Heidegger nur noch gelesen würde, weil er Nazi war, also „umstritten“ und „gefährlich“.

  11. Fabs schreibt:

    Wer im Kopf ein Fitness-Studio hat, dessen Muskeln kommen nur vor einem Spiegel zur Geltung…

  12. Bersarin schreibt:

    @ Alterbolschewik
    „Lohnt sich das?“ ist angesichts der Lebenszeit sicherlich eine berechtigte Frage. Wir haben nicht unendlich Zeit zur Verfügung, um alles zu lesen. Wir wählen aus. Diese Wahl hängt (manchmal) mit bestimmten Präferenzen zusammen. Manchmal lehnen wir jedoch ein Denken oder eine Philosophie aus dem Grunde ab, weil sie mit den politisch falschen Vorzeichen auftritt. Die politische Ausrichtung eines Philosophen interessiert mich im Grunde nicht. Sondern der Text. Kritisieren kann man einen Text nur immanent, daran halte ich fest. Und selbst im Falschen gibt es Aspekte des Richtigen.

    Den Reiz Heideggers macht nicht seine Gefährlichkeit aus. Heidegger war ein langweiliger Mitläufer, der sich, wie so viele, irrte, und es hat der Dümmste schnell begriffen, daß der Führer keine große Lust verspürte, sich führen zu lassen. Schon gar nicht von einem Philosophen.

    Der Philosophie geht es um das Leben: ums gute, ums falsche, ums gelingende, ums gerechte, in all seinen Spielarten. Das ist einerseits richtig. Trotzdem kann jemand, dessen Lebensführung nicht ganz einwandfrei ist, Richtiges oder zumindest Bedenkenswertes schreiben. Und wir können Aristoteles selbst dann noch lesen, wenn er der im privaten Rahmen Plädoyers für die Tyrannei gehalten hätte. Das tangiert seine „Metaphysik“ nicht, kann allenfalls ein Stirnrunzeln erzeugen. Wenn es um Gesinnungen und Verhaltensweisen geht, werden wir übrigens bei fast jedem etwas finden, das anrüchig ist. Heidegger war Mitläufer, wie so viel. Er war jedoch kein Rosenberg und kein Alfred Baeumler. (Der übrigens – trotz alledem – ein lesenswertes Buch über „Das Irrationalismuspoblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhundert bis zur Kritik der Urteilskraft“ schrieb. Darin in instruktives Kapitel zum Geschmacksbegriff.) Heideggers Antisemitismus unterschied sich vermutlich nicht von dem eines Thomas Mann zum Beginn des Jahrhunderts. Was ihn nicht entschuldigt.

    An der Stelle, wo sich Leben und Philosophie berühren setzt auch Heidegger mit „Sein und Zeit“ ein. Analytik des Daseins. Was bei Heideggers „Sein und Zeit“ neu auftritt, ist eine Verbindung von Phänomenologie, kierkegaardscher Existenzphilosophie, Ontologie und eben der Frage nach dem Dasein. Die Begriffe Subjekt oder Mensch vermeidet Heidegger aus bestimmten, methodischen Gründen, weil im Dualismus von Subjekt und Objekt genau das Verhängnis liegt, das unser Denken verhext. Dieses Verfassung des Da-Seins, seine Gebundenheit ins alltägliche Leben, dieses In-der-Welt-sein, dessen gesellschaftliche und sozial vermittelten Aspekte Heidegger allerdings aus dem Blick läßt und sie mit Begriffen wie Angst, Sorge, Tod in Existentiale überführt, machte insbesondere bei Sartre den Reiz aus und prägte noch Marcuses frühe Schriften, in denen es arg heideggert. Heidegger reloaded sozusagen, angereichert ums Gesellschaftliche. Was Heidegger darlegt, ist die Gebundenheit des Subjekts in eine Struktur, und er zeigt, nicht anders als Freud, ein Moment des Unbewußten und vorgängig Ungedachten, das dem Subjekt vorausgeht und es dennoch in seinen Bahnen bestimmt. [Was für die Philosophie freilich so neu nicht ist, denn diese befragt immer wieder die Konstitutionsbedingungen – wenngleich methodisch in doch unterschiedlichen Weisen.] Insofern prägte Heidegger für diese umsorgende, umhaltende Weise des In-der-Welt-Seins eines lebendigen und denkenden Wesens den Begriff des Daseins. Der Begriff des Subjekts war für Heidegger mit einer bereits vorausliegenden Gegenständlichkeit konnotiert, die den lebensweltlichen Vollzügen nicht gerecht zu werden vermochte.

    Was bei Heidegger abschrecken mag, ist eine bestimmte Weise von Sprache, auf die Du zu Recht hinweist. Triviales oder Phänomene des Alltags, wie eben Sorge oder Angst, kommen sprachlich überhöht und tönend, manchmal auch unelegant hölzern zur Darstellung. Das hat etwas Gestanztes und Künstliches, manchmal auch bäuerisches. (Im schönen Harz übrigens liegen die Orte Sorge und Elend ganz dicht beieinander.) Heideggers Verfahren ist es jedoch, von genau diesem Alltäglichen auszugehen, von dem, was uns am nächsten ist, nicht von den Abstraktion. Insofern, so Heidegger, ist unser Verhältnis zur Welt, zu den Dingen, zum Anderen, zunächst keines von Subjekt und Objekt, sondern eines des Umgangs. Heidegger spricht von Zuhandenheit. Solche Begrifflichkeit kann man kritisieren. Doch ist die Sprache der Philosophie häufig eine der Konstruktionen.

    Diese Nähe zum Alltäglichen machte bei einem Großteil der philosophisch gebildeten Leserschaft den Reiz der Lektüre aus und sicherlich knüpfen an diese Rezeption ebenso Aspekte der Lebensphilosophie an, wo es teils irrational gor, denn auch das philosophisch gebildete Publikum schätzt es zuweilen, wenn es an die eigene Substanz, eben ans Leben als solches geht. Insofern erfüllte Heidegger durchaus diese Forderung, daß Leben und Philosophie in einem Zusammenhang stehen. Nur macht er dies auf eine Weise, die sehr weit in die Geschichte der Philosophie ausgreift, hin zur griechischen Seinslehre.

    Wenn ich davon schreibe, Heidegger gegen Heidegger zu lesen, so meine ich, daß man insbesondere die Aspekte fruchtbar machen sollte, die auf jenes Andere des Denkens, auf jenen anderen Anfang deuten. In Heideggers Texten wirkt etwas, das Philosophen ganz unterschiedlicher Prägung ansprach. (Zuweilen haben diese Texte Heideggers etwas von einer mystischen Meditation.) Ich lese darunter oder darin eine Schicht, die – auch über die teils gewollt eigenwillige, manchmal auch unfreiwillig absurd-komische Sprache – auf eine Frage weist, in der sich Dimension einer Philosophie erschließen, die das, was wir Verdinglichung oder aber das Geronnene dieser Welt nennen, übersteigt. Wenngleich Heideggers Sprache leider teils selber dieser Verdinglichung eines agrarischen Denkens anheimfällt.

    Eines der Probleme bei Heidegger ist insofern sicherlich seine eigenwillige Sprache und Begrifflichkeit, die teils knapp am Kitsch vorbeischrammt und Triviales in eine Poetisierung oder in eine eigentümlich holpernde Sprache der Philosophie bringt, die man zuweilen als Afterpoesie wird bezeichnen können. Was jedoch den Sprachkitsch betrifft: Weshalb sollten wir bei Bloch gnädiger sein als bei Heidegger? Das freilich ist noch kein Argument für Heidegger.

  13. ziggev schreibt:

    hmn …, alterbolschewik, ich fand immer, dass es die kriminalistische Sorgfalt gebietet, wenigstens anfänglich in die Beweisaufnahme zu gehen, wenn ein Philosoph zur Sprache kommt, den oder die zu lesen nicht als opportun gilt. Vielleicht kommen dann ja noch Hinweise, die in eine andere als die erwartete Richtung lenken.
    Und weiter denke ich schon, dass solche detektivische Neugier nicht zum Selbstzweck mutieren muss; beispielsweise erinnere ich mich an eine Session im „Birdland“ i.d. End-80ern, bei der Jonas Schön (wiki-Link) bei Monks „Well, You Needn’t“ abwinkte: „nee, das ist mir zu stressig, alles nur Chromatik !“ (und dann noch halbtaktig!) Mit anderen Worten: Es geht in der Philosophie nicht nur immer auch um das gute oder richtige Leben, sondern auch um das richtig gute Leben, die Eudämonia. Wenn es sich dann also um einen „Verrat“ handelt, um Marcuse ein Stück weit zu folgen, um einen solchen, weil es dann nicht nur ein Verrat an der Philosophie, sondern folglich auch am Leben wäre, wie ich Marcuse interpretieren möchte, dann kann der Punkt kommen, wo eins sich sagt: „nein, das tue ich mir jetzt nicht mehr an“ – unter einem guten Leben verstehe ich etwas anderes; wenn mich die Person H. anekelt, dann … ich muss ja nicht …
    Sich aber – zweifellos in gewissen Graden verantwortungslos – z.B. mit Heidegger zu beschäftigen, und zwar nicht etwa weil eins H.s (oder nehmen wir Jüngers ostentative) Pose der anarchischen Verantwortungslosigkeit gefiele und einen zum Nachahmen verführte, sondern durchaus im Bewusstsein, dass so etwas eine Vernachlässigung o.g. „kriminalistischer Sorgfalt“ hinsichtlich dessen NS-Verstrickungen bedeutet oder bedeuten kann, kann nun aber auch dadurch mitbedingt sein, dass einen die politische Dimension der Causa Heidegger anekelt.

    Ich behaupte nicht, dass die Haltung, auf die ein solches Verhalten möglw. schließen lässt, auch nur entfernt rühmenswert wäre; meine aber, dass gerade die Abscheu vor der Person Heideggers dazu Anlass geben kann, sich eben ausgerechnet ausschließlich mit immanenter Lektüre des betreffenden Autors zu befassen, – in der bangen Erwartung, dass wenigstens eine solche sich lohnen würde.

    So begann ich vor einem halben Jahr mit dem Kunstwerkaufsatz – und positiv überrascht meinte ich recht deutlich den husserlschen roten Faden weitergesponnen wiederzufinden. Allerdings vergaß ich den Aufsatz bei demjenigen, der mir (dafür) die Bhagavad Gita auslieh – zum Schmökern. Was stellte sich nun aber heraus? Auf Seite c.a. 14 wurde der Kommentar/die Einleitung dogmatisch/manipulativ (bloßes sektenmäßiges Behaupten und Ermahnen, das nicht mehr durch die Rhetorik eines gewissen religiösen Furors zu rechtfertigen war). Die Ausgabe stammte von einem dieser Typen, die diese Hare Krishna-Sekte mit dem gleichnamigen Mantra ins Leben gerufen hatten. Das stieß mich ab und ich musste ja nicht. Die Bhagavad Gita werde ich jetzt wohl nie lesen …

    Aber etwas phänomenologie- bzw. husserlvernarrt habe ich nach dem Kunstwerkaufsatz letztlich noch mehr Lust auf z.B. „Sein und Zeit“.

  14. El_Mocho schreibt:

    „Trotzdem kann jemand, dessen Lebensführung nicht ganz einwandfrei ist, Richtiges oder zumindest Bedenkenswertes schreiben.“
    Sicherlich; Frege war bekanntlich Antisemit und Nationalist, aber er hat das nur in einem privaten Tagebuch geäußert, das erst 1994 veröffentlicht wurde. Meines Wissens hat er sich nie öffentlich über Religion oder Politik geäußert, insofern erscheint mir sein Rang als Denker dadurch nicht beeinträchtigt.
    Es macht aber schon einen Unterschied, ob man auch öffentlich entsprechende Positionen vertritt wie Heidegger („“Lass nicht Ideen und Prinzipien dein Sein regieren. Heute und in der
    Zukunft ist nur der Führer selbst die Realität und ebenso sein Gesetz. „) und gleichzeitig noch als Philosoph andere über das „richtige Leben „ zu orientieren versucht. Es zeigt sich da eine völlige Unfähigkeit zu solcher Orientierung; er hätte besser geschwiegen.

    Im Übrigen herrscht hier auch ziemliche Willkür. Mir ist z.B. nicht bekannt, dass Ernst Jünger große Anhängerschaft unter Linken genießt. Jünger war mit Heidegger befreundet (und auch ein großer Verehrer von Nietzsche), es gibt einen Briefwechsel zwischen beiden. Und ein besserer Schriftsteller war er allemal. Jünger war Wehrmachtsoffizier, und Heidegger hat seine Uni judenfrei gemacht.

    Wo ist der Unterschied?

    Noch garnicht zur Sprache gekommen ist das Verhältnis von Philosdophen zum Stalinismus, auch ein interessanter Punkt. Über Sarte ließe sich da z.B. einiges sagen.

  15. Bersarin schreibt:

    Wenn die Lebens- und Denkweise sowie die politischen Präferenzen grundsätzlich die Philosophie bestimmen sollten, dann müßte dies auch bei Frege der Fall sein. Nur weil jemand seine Meinung zu Juden nicht öffentlich ausspricht, ist das Denken dadurch nicht ungeschehen. Ein Gegenstand im Raum ist schließlich auch dann noch anwesend, wenn ich mir die Augen zuhalten. Auch Heidegger hat sich wohl nie explizit antisemitisch geäußert. Zumindest war er nicht als eingefleischter Antisemit verschrien. Entscheidender ist es, inwiefern dieses Denken den Text der Philosophie beeinflußt. Ist Heideggers Philosophie antisemitisch? Ist sie – unabhängig mal von seinem Jargon – rassistisch? Ein erdverbundenes Denken, das auf einem konservativen Heimatbegriff beruht, und ein bäuerisches Weltbild wird man in Heideggers Texten sicherlich finden. Begriffe wie „Ruf“ und „Entscheidung“ sind schlicht Jargon. „Warum bleiben wir in der Provinz?“ mag das Motto seiner Philosophie sein, und Heidegger ist nie in der Moderne angekommen und hat deren Gehalte nicht begriffen. Die Aufklärung mit den Mitteln der Aufklärung zu kritisieren, und zwar in aufklärerischer Absicht, wie des Adorno tat, käme Heidegger kaum in den Sinn.

    Ernst Jünger war schnell wieder weg von den Faschisten. Viel zu sehr Pöbel und dem konservativen Aristokraten zuwider. In der Wehrmacht tat er trotzdem mit. Allerdings besaß er wohl Kontakte zum Widerstand des 20. Juli. Es bringt also nichts, alles über einen Leisten zu schlagen. Jünger war sicherlich kein ein Demokrat, ein Faschist war er aber ebensowenig.

    Ich kenne Sartres Bekenntnisse zum Stalinismus und auch zum Maoismus nicht (außer daß ich davon hörte) und wüßte dazu gerne die Primärquellen. (Also Äußerungen von Sartre selbst und nichts Kolportiertes oder was andere über Sartre schrieben und was er gesagt haben könnte.) Wenn sich solche inkriminierenden Stellen finden, insbesondere zu einer Zeit, als jeder, der die Texte von Koestler Gide oder Malraux hätte lesen können, es hätte wissen müssen, so muß man darüber sprechen.

  16. Noergler schreibt:

    „Heideggers Seinsbegriff liegt auf der Stufe vom Beginn der Hegelschen Logik.“
    Gemeint war wohl „vorm Beginn der Hegelschen Logik“.

    Und noch einmal Karl Kraus, der Heidegger noch nicht aber die Sprache sehr wohl kannte:
    „Es kommt nicht darauf an, mit ungewöhnlichen Worten das Gewöhnliche, sondern mit gewöhnlichen Worten das Ungewöhnliche auszudrücken.“

    Das fordert Kraus nicht nur, sondern er erfüllt es in 30.000 Seiten der „Fackel“.

    Auf immer wird es verrätselt mir bleiben, wie man Heideggern aiuch nur partial zu bewerten vermag, obzwar man 3000 Seiten Marx und 30000 Seiten Kraus erkennbar nie studierte.

  17. Noergler schreibt:

    Was hier weiterhin die Nerven mir belästigt, sind stets die, wenn man gerade hofft, sie wären nicht mehr da, dann noch zu brunzdämlichem Worte sich melden.

    Es sind dies der stets vollkekiffte „Ziggev“, der seinen THC-Level seit Jahren glaubt ins Öffentliche heben zu müssen, und die verhärmte K-Gruppe „Alter Bolschewik“, der neulich uns den Steinway-Konzertflügel bürgerlich erklären mußte. Der AB vertritt nämlich die These der Verfluchung des Klaviers, wiewohl er die von ihm selbst vergeigte Streichergruppe offenbar für gesellschaftlich transzendierend hält.
    Es ist, Alter Bolschewik, keine gute Idee, das Cello oder den Steinway mir erklären zu wollen.

  18. Bersarin schreibt:

    @ Nörgler
    Ja, im Hinblick auf Metaphysik und Logik muß es heißen „vorm Beginn“. Wobei dieses Sein, was die Schwierigkeit betrifft, es überhaupt zu bestimmen, zugleich im oder am Beginn der Hegelschen Logik liegt. Jenes „Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung.“

  19. ziggev schreibt:

    Als ein wahrer Schluss muss es spätestens seit Frege gelten, dass sogar wer den mindestens einseitigen grünen Käse, der der Mond ist, nie studierte, es vermag Heidegger zu bewerten, so rätselhaft das ohne Kenntnis der betreffenden zwei Zeilen Frege erscheinen mag.

  20. summacumlaudeblog schreibt:

    Die Diskussion ist hier schon einmal geführt worden – durchaus nicht weniger gehaltvoll als jetzt. Ich verweise auch auf die damaligen Beiträge Viktors.
    Was mich nervt: Wieder einmal wird von El_Mocho davon gesprochen, dass die Philosophenschnacker eben aufgrund des der Pilosophie immanenten substanzlosen Geredes jeder noch so ungeheurerliche Ideologie nachlaufen; offenkundig werden demgegenüber die der Naturbetrachtung verpflichteten, reinen Naturwissenschaftler und Mathematiker gesetzt, die dafür natürlich gänzlich umempfänglich sind. Liegt halt am Ansatz: Ideologie-Schnacker hier, vorurteilsfreie Naturergründer dort. Sprache: Schlecht! Labor und Technik: Gut!
    Und das stimmt eben nicht, schon gar nicht für die eugenisch dominierte Nazi-Zeit. Was sich deutsche Naturwissenschaftler geleistet haben geht weit weit über das hinaus, was der Heidegger in Wort und Tat so abgesondert hat. Als seine Tat bleibt im wesentlichen die Säuberung der Freiburger Uni, als Wort v.a. Tagebuchaufzeichnungen. Man studiere dagegen das Wüten der deutschen Ärzteschaft, die doch allesamt naturwissenschaftlich ausgebildet waren. Oder das Wirken der deutschen Chemiker oder Ingenieure mit ihren waffentechnischen Meisterleistungen. Wer das tut, muß
    a. starke Nerven haben und kann
    b. wohl kaum eine naturwissenschaftliche Ausbildung als Schutz vor ideologischem Wahnsinn verstehen.

  21. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Dem bleibt nichts hinzuzufügen. Exakt auf den Punkt gebracht.

  22. El_Mocho schreibt:

    Ich wüsste nicht, wo ich hier von Naturwissenschaften oder Naturwissenschaftlern gesprochen habe; es geht allein um den Nazi Heidegger und die Versuche, sein völliges Versagen als praktischer Mensch zu relativieren, warum auch immer.

  23. ziggev schreibt:

    Ok, meine Kurzversion lautet: Heidegger wird nicht gelesen, „weil er Nazi war, also ‚umstritten‘ und ‚gefährlich'“, sondern Heidegger wird manchmal immanent gelesen, „weil er Nazi war, also ‚umstritten‘ und ‚gefährlich'“.

    Es ist aber natürlich klar: Wenn jemand sich anschickt, die Bhagavad Gita zu lesen (nicht zu empfehlen: „Die Bhagavad-gītā, wie sie ist“), dann muss dies bei ihm am „THC-Spiegel“ liegen. Seitdem ich allerdings den unausgegorenen Quatsch gelesen habe, den Hegel in seiner „Ästhetik“-Vorlesung über die alten indischen Religionen verzapft hat, halte ich nach Cannabiskonsum wochen- bis monatelang striktest Abstand von jeder Tastatur. Meine Paradiese sind wirklich künstlich u. selbstgemacht.

  24. Bersarin schreibt:

    @ El Mocho
    Explizit hast Du es in diesem Kontext nicht geschrieben, El Mocho. Aber Du implizierst es und Du simplifizierst Heidegger zugunsten moralischer Selbstgerechtigkeit, die Du zudem noch mit Philosophie verwechselst. Wenn Du mir zudem nennen könntest, wer in dieser Diskussion mit welchem Satz das Versagen Heideggers als praktischer Mensch (was ist, als Gegenteil dieser Art von Mensch, dann ein unpraktischer und inwiefern gebraucht El Mocho Adjektive auf angemessene Weise?) zu relativieren versuchte, wäre ich Dir dankbar.

    Wenn ich mir betrachte, wie vehement Du Heidegger ablehnst, komme ich womöglich noch auf den Gedanken, daß an Heidegger mehr dran sein könnte, als ich bisher vermutete.

    @ ziggev
    Selbst dort, wo Hegel irrte, hatte er im Zusammenhang seines Textes dennoch recht. Es gibt einen produktiven und einen weniger produktiven Konsum von Drogen. Bei Hegel, so will es mir scheinen, verstärken sie den Text, sofern er denn welche nahm. Ansonsten gilt immer noch: Quod licet Iovi, non licet bovi.

  25. alterbolschewik schreibt:

    Jesses, Nörgler, das mit den Klavieren muß Dich damals echt schwer getroffen haben, daß Du in einem Post, der jetzt aber so gar nichts mit Musik und Klavieren zu hat, diese alte, von Dir offensichtlich als narzißtische Kränkung empfundene Debatte noch mal erwähnen mußt. Na ja, jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.

  26. Noergler schreibt:

    Die Bemerkung „Auf immer wird es verrätselt mir bleiben, wie man Heideggern auch nur partial zu bewerten vermag, obzwar man 3000 Seiten Marx und 30000 Seiten Kraus erkennbar nie studierte“ will ich so nicht aufrecht erhalten. Nach 50 Stunden ohne Schlaf, mit schwierigen Verhandlungen, 600 km Fahrt und einem Gefühl als hätte ich 1 Kilo Amphetamine eingepfiffen, hatte ich da etwas steil formuliert.

    „Wobei dieses Sein, was die Schwierigkeit betrifft, es überhaupt zu bestimmen, zugleich im oder am Beginn der Hegelschen Logik liegt. Jenes “
    Jedwedes, welches „ohne weitere Bestimmung“ ist, ist das schiere Nichts, da nur Bestimmtes ein Etwas ist. Sprachlich ist das garnicht mehr darstellbar, weil die Formulierung „Sein ohne weitere Bestimmung“ formal die Bedingungen der Bestimmtheit erfüllt. Das schiere Nichts der reinen Bestimmungslosigkeit ist nicht einmal ein Nichts, denn „Nichts“ ist bereits, indem es ein Benanntes ist, ein Etwas.
    Für Hegel ist das wichtig, weil er damit zeigt, dass der Geist aus seinen Formen nicht herausspringen kann. So geht Erkenntniskritik; damit fängt sie an. Zugleich ist das ein Modell dafür, dass Metaphysik keine Begriffsdichtung veralteter Denker, sondern die conditio sine qua non des Denkens selbst ist, wenngleich ich zugeben muß, dass El Mocho und Hume ihrem Ideal des begriffslosen Denkens schon recht nahe kommen.

    Was El Mocho gegen Heidegger hat, ist so leicht nicht zu verstehen, haben doch beide bei „Metaphysik“ 1,5 Meter schnittfesten Schaum vor dem Mund. Das Verdienst Heideggers ist, gegen die eigene Intention, gezeigt zu haben, wohin der der losgelassene Empirismus führt: ins Amalgam aus Wurzelsepp und Neologismus. Die neologistische Systematik, von Adorno in schwächerer Formulierung als „Jargon der Eigentlichkeit“ bezeichnet, ist der Versuch des unmittelbaren Zugriffs auf Vermitteltes. Das Vermittelte aber als Unmittelbares zu definieren; die Komplexität zu verhexen in die Einfachheit, gelingt nur gewaltförmig, und die neologistische Systematik ist diese Gewalt – eine sprachfrevelnde Untat, die mit dem Verweis, Philosophie präge nun einmal ihre eigenen Begriffe, nicht zu retten ist.

    Ob Heidegger Faschist war, sei dahingestellt. Ohne Zweifel aber war er struktureller Sprachfaschist: Der gewaltförmigen Reduktion der Nazis aufs Simple (Blut und Boden, Volk ohne Raum, dä Jodan sänt scholt) entspricht Heideggers nach Hause gebrachter Radikalempirismus. Die Philosophie des Zeugs und der Zuhandenheit folgt der Sehnsucht nach einer Welterklärung, die auch der geistig behinderten Volksgemeinschaft noch verständlich ist. Jede Hitlerrede zeugt davon.
    Und das, El Mocho, schreibe ich Dir jetzt ins Stammbuch: Martin und Adolf zeigen, was geschieht, wenn die von Dir vertretene erkenntnistheoretische Position geistig zu Ende gedacht und zur praktischen Gewalt wird.

    Dezennien sind „Logischer Positivismus“, „Sprachphilosophie“ und „Wiener Kreis“ rumgeeiert und haben der verfluchten Metaphysik sich angenähert, weil sie sahen, dass man ohne sie erkenntniskritisch nicht weiterkommt. Dieses Schauspiel schrie durch seine Jämmerlichkeit geradezu nach dem Erlöser, dem König Artus, der das Schwert aus dem Felsen zieht. Der Herkulesaufgabe der Lösung des Unlösbaren unterzog sich Heidegger, und er hat es gelöst.
    Heidegger ist der Schlußstrich unter Wittgenstein et. al., deren Insuffizienzen und Halbherzigkeiten er einfach wegwischt, indem er den Empirismus auf seine Essenz reduziert. Dass er damit den Empirismus besser diskreditiert und abtötet, als ein Adorno es jemals vermochte, macht ihn zu einem Großen in der Geschichte der Philosophie.

    ********************************************************

    Wie Du recht erkennst, Alter Bolschewik, ist da noch eine Rechnung offen. Keiner wird vergessen, jeder kommt dran. Neulich hatte ich keinen Erfolg mit der Suchfunktion in Ches Blog, um Deine infantile Hierarchisierung von Instrumenten wieder aufzufinden. Insoweit bitte ich um Hinweis, wo ich bei Che das finden kann, um zitatgestützt den Dir gemäßen Einlauf applizieren zu können.

  27. Noergler schreibt:

    Och nee. Das wurde verschluckt. Es heißt am Anfang, wo ich Dich zitiere:
    „Jenes ‚Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung.’“

  28. Bersarin schreibt:

    @ Nörgler
    Deine Ausführung über den Beginn der Hegelschen Logik teile ich. Es wird aus diesem ersten Satz Hegels samt den daran anschließenden Sätzen über Nichts und Etwas oft Abstruses abgeleitet. Mir ging es im Zusammenhang mit Heidegger um dieses (notwendig) Sprachlose, das seinem Begriff von Sein anhaftet. An der Sprache scheitert Heidegger. Diese Diskrepanz zwischen Auszudrückendem und Ausgedrücktem macht freilich den Reiz Heideggers aus: daß da etwas Unabgegoltenes liegt, das zu denken bleibt. Allein dieses Verhältnis jedoch verweist schon auf die sprachliche Vermittlung. Vermitteltes ist nicht als Unmittelbares darstellbar. Die Heideggersche „Frömmigkeit des Denkens“ bleibt Pathos- und Hohlformel, selbst wenn man seiner Sprache ein prosodisches Moment attestierte. In solchen Wendungen von „Frömmigkeit“ und anderen Begriffen knickt der Text Heideggers bauernschlau ein und wird zur Feld-, Wald- und Wiesen-Prosa.
    _________________

    Die Debatte über Instrumente fand meines Wissens auf „Shifting Reality“ statt.

  29. summacumlaudeblog schreibt:

    Zum Nebenaspekt meiner Unterstellung gegen El_Mocho nur noch das Eine: Du lobtst ja den Dir gemäßeren Frege und stellst die Antinomie zu Heidegger her. Frege starb 1925, sein mögliches Verhalten nach 1933 kann also gar nicht vernünftig beurteilt werden. Was wäre eigentlich in unseren Köpfen los, wenn Heidegger als der Geliebte Hannah Arendts 1933 einer dämlichen Grippe zum Opfer gefallen wäre? Die Fokussierung allein auf die Biographie kann den Blick sehr schnell einengen…
    Seis drum: Frege findet des El-Mchos Gnade, Heidegger nicht. Ich vermute Gründe, die außerhalb der angegebenen liegen, nämlich Anti-Intellektualismus. Das war hier schon einmal Thema, und El_Mocho hat auch damals die Karte ideologieanfällige Schnackerphilosophie versus menschendienlichem Ing.-wesen gespielt. Im übrigen habe ich meine böse Unterstellung mit „offenbar“ abgeschwächt. Sollte ich also mit meiner Diagnose falsch liegen, bitte ich vielmals um Verzeihung. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Da habe ich mich nicht verhört.

  30. Bersarin schreibt:

    Du hast Dich nicht verhört.

  31. alterbolschewik schreibt:

    Chapeau, Nörgler. Für einen Westentaschen-Karl Kraus hast Du echt Chuzpe. Erst stolperst Du wie ein betrunkener Vorstadtschläger in eine Diskussion hinein, zu der Du nichts Substantielles beiträgst, aber andere Diskussionsteilnehmer anlaßlos beleidigst. Dann willst Du, wild fuchtelnd, eine Streiterei wieder aufnehmen, aus der Du Dich vor Zeiten mit eingekniffenem Schwanz verabschiedet hast, weil Dir die Argumente ausgingen. Und dann soll ich Dir auch noch die Diskussion wieder raussuchen, weil Du in Deinem umnebelten Hirn nicht einmal mehr weißt, wann und wo das Ganze stattgefunden hat. Ist Dir eigentlich nichts peinlich?
    Ich habe mich früher mit Dir auf Diskussionen eingelassen, weil ich dachte, dabei könnte etwas für beide Bereicherndes herauskommen. Viel zu spät fiel mir auf, daß bei Dir alles Stil und null Substanz ist. Insofern kannst Du Dir Deinen Einlauf selbst verpassen. Und ich verabschiede mich mit dem schönen wienerischen Gruß: Geh‘ sterben!

  32. Bersarin schreibt:

    Am Tag der deutschen Einheit: Zwietracht – das gefällt mir irgendwie gut. „Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag“, so der ehemalige Titanic-Zeichner und -Texter Chlodwig Poth, dessen Satz zum Motto von DIE PARTEI wurde. Es ist auch meines.

    Heute morgen fragte mich meine Geliebte, die nicht mehr meine Geliebte sein will, was denn in meiner Männergruppe schon wieder los sei. Ich habe ihr gesagt, daß dies das Zusammenspiel von Freiheit und Notwendigkeit sei.

    Vielleicht sollte ich ein paar pastorale Töne der Versöhnung beisteuern? Eine kleine Gauck-Rede gefällig? Na, lieber nicht. Das Motto hier im Blog bleibt: FRIEDEN SCHAFFEN OHNE PFAFFEN!

  33. summacumlaudeblog schreibt:

    Für den Jo vom Amt zum 03.10.

    Das Wesen der Pfaffen
    studiert man beim Affen.

  34. ziggev schreibt:

    Der Schluss, dass das „Sein ohne weitere Bestimmung“ das schiere Nichts wäre, ist aus den gemachten Bedingungen so nicht zulässig, denn jede Bestimmung – die Bestimmung „Sein ohne jede Bestimmung“ ebenso wie eine material gehaltvolle – erfüllt lediglich formal die Bedingung dafür, dass etwas ist und nicht vielmehr nichts.

    Die Begründung, „da nur Bestimmtes ein Etwas ist“, reicht für diesen Schluss jedenfalls nicht aus und wäre auch gar nicht erfordelich. Sie besagt lediglich, dass, w e n n etwas i s t, es die notwendige Bedingung erfüllen muss, bestimmt zu sein.

    Lediglich s p r a c h l i ch ist das Sein als grammatikalisches Subjekt notwendig vorgegeben, damit überhaupt von irgendwelchen Bestimmungen gesprochen werden kann. Aus der Bestimmung „ohne Bestimmung“ lässt sich also nichts für ein Sein oder Nichtsein folgern. Es gibt für das Sein ebensowenig Bedingungen wie für das Nichtsein oder „das“ Nichts.

    „formal“ wird mit einer sprachlichen Angewohnheit verwechselt. Das Problem hier ist nicht, dass etwas „sprachlich gar nicht mehr darstellbar“ ist, das Problem ist, dass etwas sprachlich darstellbar ist (oder scheint) bzw. dass die Sprache, komme, was da wolle, uns ein Kriterium für ein Seiendes vorgaukelt. Dass „Nichts“ bereits „ein Etwas“ sei, indem es etwas „Benanntes“ sei, macht diesen Fehlschluss noch einmal explizit.

    Bekanntlich schuf Gott die Hölle für Leute, die fragen, was Er tat, bevor Er die Schöpfung vollbrachte; Er schuf aber auch die Hölle der Philosophen, für Leute, die fragen, warum etwas ist und nicht vielmehr nichts. Ich für meinen Teil weiß jedenfalls nicht, welcher Option ich den Vorzug geben soll: begriffslosem Denken oder „begrifflichem“ Nichtdenken. Wenn es Erkenntniskritik gibt, dann darf man verlangen, dass sie hinreichend bestimmt ist.

  35. Fabs schreibt:

    Puuuhh, Langsam wird diese Diskussion so absurd, dass schon wieder etwas Wahrheit durchschimmert. Begriffsloses Denken oder begriffliches Nichtdenken? Ist das Sein sprachlich darstellbar, ja oder nein? Das sind ordentliche Kopfnüsse. Aber ist nicht dieses ganze fachsimpeln bzw „philosophieren“ nur der verzweifelte Versuch von der Tatsache abzulenken, dass es „Dinge“ (Natur, Leben, Triebe, Mensch, Denken, Sein, Begriff, Kunst, whatever,…) gibt, welche nicht nur sprachlich nicht darstellbar sind, sondern nicht denkbar sind? Wo selbst die vernünftigsten der Vernünftigen verzweifeln? Wo der Drang zur Erkenntnis zum Wahn verkommen muss? Die Unendlichkeit ist nur schwer zu ertragen. Sie ist ein Schock. Sinnlos wie der Tod. Und trotzdem eingebettet in etwas Größeres. Ohnmachtserfahrung. Schlimmer als die eigene Geburt und dennoch mit ihr gleich. Die Kultur purzelt aus der Natur heraus, wie der Säugling aus der Mutter. Und genau wie das Individuum seine schmerzhaften Erinnerungen in der Amnesie der Kindheit bewahrt, so bewahrt auch das Gattungswesen Mensch seine tragische Geschichte in der Verdrängung der eigenen Kreatürlichkeit. Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, usw. Doch die unüberbrückbare Lücke zwischen Subjekt und Objekt, existiert nicht erst seitdem sich das (bürgerliche) Subjekt selbst zum Objekt machen kann. Die sogenannte zweite Natur ist aus der ersten erwachsen. Genau wie wir. Einst ein Klumpen Zellen, zuckend, elektrisiert. Im Saft unserer Mutter. Eins mit der Natur. Paradies. Plötzlich grelles Licht. Kälte. Kot und Körper. Eigener Körper. Eigenes Denken? I dont think so….

    Und trotzdem bin ich froh über diesen Blog und diese Diskussion. :)

    Und es ist auch nicht meine Intention, vermeintlich/ vermutlich spannende Diskussionen mit meinem eigenen Mist zu dekorieren, zumal ich Heideggers Werk, wie oben schon erwähnt, nie gelesen habe. Doch wird diese Chose irgendwann dann doch etwas eigenwillig. Streben nach Wahrheit hin, meine eigenen Projektionen her.

  36. Bersarin schreibt:

    Du mußt die Perspektiven unterscheiden, ziggev: nämlich Betrachdenes und Betrachtetes. (Und dazu noch wir, die Leserinnen und Leser von Hegels Logik, die dem Gang des Denkens zusehen.) Zunächst ist es die Perspektive des Geistes, der den Gang von der Seinslogik, über die Wesenslogik hin zur Begriffslogik vornimmt. In dieser vom Denken festgehaltenen Bewegung ist insbesondere der Übergang von Sein und Nichts zum Etwas interessant. Aber den kann nicht das Sein selber vornehmen, wenn es bestimmungslos ist. Nicht das Sein, „reines unbestimmtes Sein“, stellt sich hier selber dar, sondern es wird in der Entwicklung der Logik dargestellt, und zwar vom Denken. Das hat nichts mit Begriffslosem zu tun. Begriffsloses Denken gibt es nicht. Schon gar nicht bei Hegel.

    Aus der Bestimmung “ohne Bestimmung” lässt sich also nichts für ein Sein oder Nichtsein folgern. Genau. Es läßt sich aus dem Sein ohne Bestimmungen nichts ableiten. Genau das sagt Hegel. Und da hast Du ihn anscheinend ja auch verstanden. Insofern aus Sein und Nichts in ihrer unbestimmten Unmittelbarkeit nichts ableitbar ist, sind sie in ihrer Qualitätslosigkeit und in ihrer Bestimmungslosigkeit dasselbe. Aber in dieser Qualitätslosigkeit geschieht ein Übergang. Den beschreibt Hegel im Kapitel „C: Werden, a. Einheit des Seins und Nichts.“ Ich denke, bevor wir hier weiter debattieren, solltest Du zunächst diese Passagen lesen, damit die Kritik an Hegels Text festmachen können und nicht im Spekulieren verbleiben.

    Ansonsten hat der Nörgler in seinem Posting vom „3. Oktober 2014, 06:06“ dieses Aspekt des Seins und des Nichts ohne weitere Bestimmungen luzide dargelegt. Ich kann dem nichts mehr hinzufügen, weil diese Ausführungen vom Nörgler an Klarheit nicht zu übertreffen sind. Mir ist nicht klar, ziggev, was daran unverständlich sein soll. Und mir ist auch nicht klar, weshalb Du das nicht verstehst. Worauf diese Anfangspassage der Logik zudem hinausläuft – und das eben ist das Grandiose an Hegels Logik: Es existiert zwischen Himmel, Erde und Hölle nichts Unmittelbares. Und es gibt zwischen Himmel, Erde und Hölle nichts, was nicht in die Kritik genommen werden kann. Das macht Philosophie aus.

    Die Frage, warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts ist eine der zentralen Fragen der Philosophie. Auch Heidegger stellt sie in seinem Aufsatz „Was ist Metaphysik?“ um sodann auf genau dieses Nichts zu sprechen zu kommen.

    @fabs
    Das Sein bei Heidegger und das in Hegels Logik sollten zunächst unterschieden werden. Nur wenn man versucht, den Heideggerschen Seinsbegriff erst einmal immanent aus den Texten Heideggers heraus zu verstehen, kann man sich diesem Sein nähern. Und zwar Begrifflich. Wir haben nur die Sprache, um diese Dinge dazustellen. Mag Heidegger auch raunen oder – wie manche denken – fast schon dichterisch schreiben, so geschieht diese Annäherung und Umkreisung nicht begriffslos. Und bei Hegel natürlich ebensowenig: es ist die „Arbeit des Begriffs“, wie es bei ihm an einer Stelle in der „Phänomenologie“ heißt, die das Denken antreibt und die Bestimmungen vorantreibt. Dialektik ist nichts, was der Sache äußerlich ist, sondern sie geschieht, indem man immanent auf den Begriff schaut. Das beste Beispiel innerhalb unserer Gesellschaft ist der Begriff der Freiheit. Was befaßt er unter sich und inwiefern stimmen Begriff und Wirklichkeit miteinander überein? Als man Hegel entgegnete, daß die Wirklichkeit aber nun einmal nicht immer mit dem Begriff übereinstimme, entgegnete Hegel: Umso schlimmer für die Wirklichkeit. Wenn man einen emphatischen Begriff von Freiheit nimmt, der nicht nur der ist, Geschäfte machen zu dürfen, dann versteht man, denke ich, was Hegel mit diesem Satz meinte.

  37. Fabs schreibt:

    Die Arbeit des Begriffs treibt vielleicht die Bestimmungen voran. Ganz sicher aber nicht das Denken. So gesehen waren Hegel und auch Heidegger nur getriebene ihrer Fähigkeit zu Denken. Domestiziert wie Trüffelschweine. Hungrig wie Wölfe. Und ich will hier auch nicht immer wieder den psychoanalytischen Zement anrühren, um uns alle zu Götzenbildern der Natur erstarren zu lassen. Ich frage mich nur, was der Begriff der Freiheit WILL. Unlösbare Frage, i know… Und ich gebe Hegel recht: Es ist schrecklich, dass Begriff und Wirklichkeit nicht übereinstimmen (können). Denn letztere in die eiserne Jungfrau des Denkens zu sperren ist Verrat am Gattungswesen. Der Begriff ist, ähnlich wie der Wert, frei von Leid. Die Wirklichkeit ist es ganz und gar nicht. Und deshalb braucht es den Begriff. Braucht es das Denken und das denken wollen. Diese Dialektik ist allerdings nur schwer zu ertragen.

  38. Bersarin schreibt:

    Ob die Arbeit des Begriffs das Denken vorantreibt, hängt wohl von der Struktur des Denkens ab: ob es sich von der Arbeit des Begriffes, die von einem anderen Denken geleistet wird, affizieren läßt. Wie geschrieben: Man muß bei Hegel (zunächst) die Perspektiven unterscheiden: so in der „Phänomenologie des Geistes“: Betrachtetes Bewußtsein, betrachtendes Bewußtsein und das Bewußtsein derer, die den von Hegel aufgeschriebenen Text lesen. Zwischen diesen Ebenen gibt es zudem Vermittlungen. Sie stehen nicht unvermittelt neben- oder gegeneinander, denn sonst wäre es keine Dialektik, sondern Statik eines starren Systems.

    Inwiefern Hegel, Heidegger oder überhaupt Philosophen Getriebene waren oder sind, bleibt für die Philosophie ganz gleichgültig. Erkenntniskritik. Metaphysik und überhaupt Wissenschaft richtet sich nicht nach Befindlichkeiten. Einem Satz wie „Wasser siedet bei 100 Grad“ ist es egal, ob die oder der, die diesen Sachverhalt entdeckten, beim Entdecken irgendwelchen Befindlichkeiten ausgesetzt waren: Ob ihnen der Magen drückte oder der Kopf schmerzte.

    Der Begriff der Freiheit ist ein Sache für sich. Der Nörgler schrieb an einer Stelle einmal, daß es Unfreien nicht gegeben ist, über den Begriff der Freiheit positive Aussagen zu machen. Insofern bleibt, bei Adorno etwa,die Utopie schwarz verhüllt. Wenn es Wesen gäbe, die nur in zwei Dimensionen die Welt wahrnehmen, wird es schwierig sein, ihnen die dritte Dimension nahezubringen. Gleiches gilt für uns in bezug auf den Begriff von Freiheit.

  39. El_Mocho schreibt:

    Leute, macht´s doch nicht so kompliziert. ich finde es nur bemerkenswert, wie grade Philosophen und Künstler so häufig im Leben außerhalb ihres Feldes versagen. Naturwissenschaftler tun das sicher auch, aber die belehren in der Regel auch nicht andere über das „gelingende Leben“ (was immer man sich darunter vorzustellen hat).

  40. Bersarin schreibt:

    Kein Philosoph gibt Handlungsanweisungen und belehrt über das gelingende Leben. Weder Kant, noch Hegel, noch Marx, noch Adorno, noch Benjamin. Die Reihe ist beliebig fortsetzbar. Ich weiß nicht, was Du für einen Begriff von Philosophie hast.

    Im übrigen warte ich noch auf die Belege für Sartres Stalinismus.

  41. El_Mocho schreibt:

    Oben schreibst du selber: „Der Philosophie geht es um das Leben: ums gute, ums falsche, ums gelingende, ums gerechte, in all seinen Spielarten.“ Und natürlich beschäftigen sich Philosophen seit Platon mit Vorliebe damit, was andere tun sollten und wie sie leben sollten. Grade deshalb erscheint es mir auch so peinlich, wenn sie sich Diktatoren an den Hals werfen.

    Was Sartre betrifft gibt es einen schönen Text von Octavio Paz, der nach dem Krieg als Diplomat an der mexikanischen Botschaft in Paris arbeitete und Sarte persönlich kannte, Übersetzung hier:

    http://www.pnreview.co.uk/cgi-bin/scribe?item_id=8112

    Darin heißt es zu.a.: „Sartre’s case is exemplary but not unique. A sort of moralizing masochism, inspired by the best principles, has paralysed a large number of European and Latin American intellectuals for more than thirty years. We have been educated in the double heritage of Christianity and the Enlightenment; both currents, religious and secular, in their highest development were critical. Our models have been those men who, like a Las Casas or a Rousseau, had the courage to tell and condemn the horrors and injustices of their own societies. I would not wish to betray that tradition; without it, our societies would cease to be that dialogue with themselves without which there is no real civilization and they would become a monologue of power, at once barbarous and monotonous. Criticism served Kant and Hume, Voltaire and Diderot, to establish the modern world. Their criticism and that of their heirs in the nineteenth century and the first half of the twentieth was creative. We have perverted criticism: we have put it at the service of our hatred of ourselves and of the world. We have not built anything with it, except prisons of concepts. Worst of all: with criticism we have justified tyrannies. In Sartre this intellectual sickness turned into an historical myopia: for him the sun of reality never shone. That sun is cruel but also, in some moments, it is a sun of plenitude and fortune. Plenitude, fortune: two words that do not appear in his vocabulary . . . Our conversation ended abruptly: Simone de Beauvoir arrived and, rather impatiently, made him swallow down his coffee and depart.“

    Und später:

    „Time after time he supported the tyrannies of our century because he thought that the despotism of the revolutionary caesars was nothing but the mask of liberty. Time after time he had to confess that he had erred: what seemed a mask was the concrete face of the Chiefs. In our century, revolution has been the mask of tyranny. Sartre saluted each triumphant revolution with joy (China, Cuba, Algeria, Vietnam) and afterwards, always a little late, he had to declare that he had made a mistake: those régimes were abominable. If he was severe about the American intervention in Vietnam and the French policy in Algeria, he did not shut his eyes to the cases of Hungary, Czechoslovakia and Cambodia. Nonetheless, for years he insisted on defending the Soviet Union and its satelites because he believed that, despite everything, those régimes embodied, even if in a deformed way, the socialist plan. His criticism of the West was implacable and distills a hatred of his world and of himself; his preface to the book on Fanon is a fierce and impressive exercise in denigration which is, at the same time, a self-expiation. It is revealing that, in writing those pages, he did not perceive in the freedom movements of the so-called Third World the germs of political corruption which have transformed those revolutions into dictatorships.“

  42. Bersarin schreibt:

    Es geht all diesen Philosophen um Bedingungen guten und gerechten Lebens und nicht darum, einzelnen Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollten. Zwischen dem intelligiblen und dem empirischen Charakter, zwischen utopischer Konstruktion mit fiktionalen Gehalten, wie in Platons „Staat“, und dem, was objektiv der Fall ist, sollte im Denken strikt unterschieden werden. Zu diesen Bedingungen guten und gerechten Lebens gehört ebenso die Frage, wie eine Gesellschaft eingerichtet ist. Selbst Aristoteles Tugendlehre bestimmt nicht, wie sich ein einzelner konkret zu verhalten habe. Wenn Aristoteles bezüglich bestimmter Handlungen vom rechten Maß spricht, schrieb er sicherlich nicht vor: Trinke nur ein Glas Bier pro Woche und wirf Dich ansonsten dem Tyrannen an den Hals, aber maßvoll. Und wenn Adorno in den „Minima Moralia“ von dieser Gesellschaft schrieb, war das sicherlich kein Plädoyer dafür, die SPD zu wählen.

    Bei Sartre sprach ich (siehe oben) von Primärquellen. Sofern Paz und Sartre nicht identisch sind, scheint es mir also keine Primärquelle zu sein. Überliefertes, Kolportiertes und Erzähltes sind heikel. Wenn der Tag lang ist, läßt sich vieles erzählen. So wird ebenfalls kolportiert, Foucault habe sich für Chomeini ausgesprochen, was von der Textlage schlicht nicht stimmt und eine Unterstellung ist. Sartre und auch Foucault unterstützen sehr wohl revolutionäre Bewegungen, weil ihnen die Einrichtung der Welt nicht angemessen erschien. Diesem Impuls ist nachzugeben. Daß diese Revolutionen am Ende keinen Anlaß zur Hoffnung gaben, steht auf einem anderen Blatt. Insofern ist im nachhinein ein gutes Maß an Skepsis angebracht. Was das Engagement anbelangt, halte ich es eher mit Derrida und Adorno, die bei ihren Bündnissen vorsichtig sich verhielten. Bekanntlich frißt die Revolution ihre Kinder – das sollte jedem engagierten Intellektuellen bewußt sein. Ihnen per se ihr Engagement vorzuhalten, ist jedoch perfide. Zumal es zwischen dem Protest gegen die Massaker des Schahs, der Franzosen in Algerien oder der USA in Vietnam sowie der Parteinahme für den Nationalsozialismus doch einige qualitative Unterschiede gibt.

    Sofern man denn Tote überhaupt gegeneinander aufrechnen kann und dies nicht von vornherein eine Perversion ist: Wenn ich mir die Toten betrachte, die der Kapitalismus produzierte und die der revolutionären Bewegungen, dann scheint mir das Gleichgewicht doch gehörig hin zur Seite des Kapitalismus verschoben, was die Tötungsakte samt Perfidie anbelangt. Merkwürdigerweise herrscht bei den ach so großen Ereiferern für die hehre Reinheit des Tuns in diese Richtung hin ein großes Schweigen. Das ist ähnlich wie mit den Mauertoten. Man gedenkt ihrer – zu Recht. Aber es ist dieses Gedenken verlogen und heuchlerisch, wenn an anderer Stelle gar nichts geschieht: Die Flüchtlinge im Mittelmeer, die dort jährlich absaufen übersteigen bei weitem die Zahl der Opfer an der Mauer innerhalb von fast 30 Jahren. Sie flohen aus den selben Gründen, wie die Menschen in der DDR. Es scheint also zwei Klassen von Gedenken zu geben.

    Und um es noch einen Zacken zuzuspitzen: Wenn all die Naturwissenschaftler und Effizienzökonomen nur 1/8 der Selbstreflexion eines Sartre oder Foucault aufbrächten, wäre der Welt vielleicht nicht geholfen, aber es ließe sich für die Zukunft manch Schlimmes vermeiden. Merkwürdig: das, was bei Sartre & Co von den hehren Ereiferern des Moralischen mit Vehemenz gefordert wird, sparen dieselben bei Tätern in der Naturwissenschaft gemütlich aus. (Summacumlaude verwies auf genau diesen Umstand.) Daß Dimensionen derart verdreht werden, scheint mir doch mit einer gewissen Methode gehandhabt. Stichwort zu dieser bei Naturwissenschaftlern anstehenden Selbstreflexion: Umgang mit Natur und Naturbeherrschung.

    Die Welt ist nicht durch die Heideggers, Lukács‘, Foucaults und Sartres in dem Zustand wie sie ist, sondern trotz ihrer und ganz ohne ihr Zutun. (Wobei ich Heidegger und Sartre nicht über einen Leisten schlagen will)

  43. Fabs schreibt:

    Hier noch ein kleines Gedanken-Plagiat bezüglich der „höchsten Anstrengung“ desselbigen.

    http://phase-zwei.org/hefte/artikel/akademisierung-der-kritik-367/

    „Kritik am Privileg wird selbst zum Privileg, sagt Adorno, und fügt lapidar hinzu: So dialektisch ist der Lauf der Welt.“

  44. El_Mocho schreibt:

    „Die Welt ist nicht durch die Heideggers, Lukács‘, Foucaults und Sartres in dem Zustand wie sie ist, sondern trotz ihrer und ganz ohne ihr Zutun.“

    Na ja, so mancher dürfte sich durch die Lektüre ihrer Werke schon politisch motiviert gesehen haben. Von Karl Löwith stammt die Aussage, dass man nach einer Vorlesung Heideggers nicht so recht wusste, ob man zu den Vorsokratikern greifen oder mit der SA marschieren sollte. Mich verblüfft diese unfassbare Naivität von Philosophen der idealistischen Richtung jedenfalls immer wieder.

    Was Foucault betrifft gibt es ein sehr gutes Buch von einer iranischen Autorin:

    http://www.amazon.de/Foucault-Iranian-Revolution-Seductions-Islamism/dp/0226007863

    Vielleicht später mehr darüber.

  45. Bersarin schreibt:

    @ Fabs
    Ein kluger, anregender Text, den Christine Kirchhoff schrieb. Insbesondere betont sie diese Lust am Denken und an Theorie, ohne daß Denken zum bloß zweckfreien Glasperlenspiel mutiert oder als unvermittelter Ausweis für die Praxis fungierte. Wie es um die Praxis steht und weshalb Theorie insbesondere in bezug auf Praxis notwendig ist, betont Adorno zum Beginn seiner „Negativen Dialektik“.

    Das Denken des Eigenen oder auch das, was andere als eigenes Denken bezeichnen, ist leider nicht ohne die Mühen der Ebene und des Aufstiegs ins Textgebirge zu haben. Denn Theorie weist nun einmal auf Theorie und wer meint, sich schreibend frei flottierend im Raum zu bewegen, entdeckt häufig den Nordpol zum zweiten oder dritten Mal, ohne es zu bemerken. Aber auch diesen Aspekt betont Kirchhoff. Vor allem scheint mir ihr Verweis darauf, daß darin ein autoritärer Gestus steckt: Du mußt meinem Schreiben vertrauen. „Der unmittelbare Vorteil eines dezidiert nicht-akademischen Textes ist, dass er für mich leichter zu schreiben und sicher auch leichter zu lesen ist. Der Nachteil bleibt, dass nur diejenigen, die wissen, auf was ich mich beziehe, nachvollziehen und nachlesen können, wen ich da wann und wozu aufrufe und ob ich das überhaupt in einer Art und Weise tue, die nachvollziehbar oder gar sinnvoll ist. Das Angeben mit und von Quellen kann ja auch, Neugier vorausgesetzt, der Überprüfung und der Bildung dienen. Alle anderen müssen mir vertrauen und das ist autoritär, auch wenn das Vertrauen berechtigt sein sollte.“ Und ganz richtig: Fußnoten und Belege dürfen nicht dazu dienen, sich dahinter einzuigeln. Interessant und spannend wird es dann, wenn wir anhand solcher Belege und in der Konstellation der Zitate einen Gedanken weitertreiben, das Gewebe eines Textes weiterspinnen.

    Kritische Theorie an Universitäten ist eine Seltenheit: Sie findet meist in Grenzbereichen statt und wird allenfalls als Thema kurz gestreift. Und nehmen wir jemanden wie Derrida, der in Frankreich im offiziellen akademischen Betrieb niemals angekommen ist.

    Danke insofern für diese Verlinkung. Der Text ist unbedingt lesenswert, weil er einige grundsätzliche Aporien des Denkens und der Praxis aufzeigt, die in absehbarer Zeit wohl nicht behoben werden. Alles hängt hier, wie so häufig, am Begriff der Arbeit, die grundsätzlich eine entfremdete ist, selbst dort, wo es die Subjekte, die schon lange keine mehr sind, es nicht einmal mehr merken oder sich darin gar wohlfühlen. Denken und Theorie zu betreiben, bedeutet: Zeit zur Verfügung zu haben.

  46. Bersarin schreibt:

    @ El Mocho
    Es gibt Heideggers Rektoratsrede und andere Äußerungen von ihm. Heideggers Hang zum Faschismus hat hier nie jemand bestritten. Aber ins Gas gingen die Juden nicht wegen Heideggers Schriften, sondern weil es pfiffige Konstrukteure gab. Vernichtungslager werden in der Regel nicht von Philosophen, sondern von Technikern konstruiert, die sich auf Naturwissenschaftliches berufen. Und Dr. Mengele und andere waren sicherlich keine Heideggerianer. Zumindest sind sie mir in meiner Lektüre der Sekundär-Literatur bisher nicht untergekommen.

    Es gibt von Foucault kein Zitat und keinen Text, in dem er irgendwie Chomeini unterstützt oder zu dessen Unterstützung aufrief. Schon gar nicht, als absehbar war, worauf die Herrschaft Chomeinis hinauslief. Sehr wohl aber unterstützte Foucault den Sturz des Schahs. Zu recht, wie ich denke. Es gibt zahlreiche Artikel in den „Dits et Ecrits“, wo Foucault auf diese Dinge Bezug nimmt. Von einer Unterstützung Chomeini ist dort nirgends die Rede. Es handelt sich schlicht um Unterstellungen. Und wenn man Foucault diesbezüglich zitiert, dann sollte es schon die vollständige Textpassage sein. Nicht in Auszügen, wo das Wesentliches weggelassen wird. Wenn ich schreibe: „Hitler war für die Menschen ein Faszinosum.“ so scheint es mir intellektuell denn doch hintertrieben – und damit das Gegenteil des Geistigen – auf diese Weise zu zitieren: „Bersarin sagte ‚Hitler war (…) ein Faszinosum.'“

    Zudem: die iransische Revolution im Singular ist ein völlig absurder Begriff, weil dieses Ereignis von ganz heterogenen Gruppen getragen war. Von progressiv-linken Strömungen bis hin zu einem klerikalen politischen Islam.

  47. Fabs schreibt:

    Die von Adorno beschworene „Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre“, kann natürlich nur nutzen wer Zeit hat. Kontemplation ist in unserer Gesellschaft allerdings nur selten möglich und noch seltener gewollt. Und im Angesicht der Katastrophe ist jeder Moment, welcher den Zwängen der zweiten Natur abgetrotzt werden kann, ein schmachvoller und schuldbewusster. Das „pralle Leben“ rauscht an einem vorbei und oft drängt ein merkwürdiges Stechen im Bereich des Gyrus-Moralikus zum Handeln. Doch sich und die eigene Ohnmacht zu übertölpeln, führt meist noch tiefer in die Verblendung. Es braucht das Denken als Selbstzweck. Und dennoch darf die „Rationalisierung als Abwehr“ nicht unterschätzt werden. Das das automatische Subjekt frei von solch irdischen Problemchen ist, lässt wenig gutes hoffen…

  48. Bersarin schreibt:

    Denken und Kritik setzen Zeit voraus. Das ist richtig. Daß Menschen keine Zeit hätten, will mir jedoch nicht einleuchten – es sei denn, sie sind tot. Kontemplation kann sich jeder schaffen. Manchmal hat sie allerdings einen Preis, den man zu zahlen bereit sein muß. Richtig ist allerdings, daß es einer materiellen Unabhängigkeit bedarf, um längere Strecken Zeit für die Philosophie aufzubringen. (Wobei auch diese Unabhängigkeit noch keine Gewähr dafür bietet, daß da Kluges oder Interessantes herauskommt und nicht irgendein tausendmal gedachter Ranz oder Banalität, die sich qua Begriffscamouflage in Hochlage zu spielen versucht.) Den wenigsten ist es gegeben, dieses Privileg des Denkens auch beruflich auszuüben, und selbst dort zahlen manche einen hohen Preis: den Anforderungen des akademischen Betriebes zu genügen. Aber noch schwieriger scheint mir die Existenz des Privatgelehrten.

  49. El_Mocho schreibt:

    „Es gibt von Foucault kein Zitat und keinen Text, in dem er irgendwie Chomeini unterstützt oder zu dessen Unterstützung aufrief.“

    Das Gegenteil ist wahr, mach dich mal schlau, bevor du solchen Unsinn behauptest; ich empfehle das Buch von Afary. Darin ist die Geschichte von Foucaults Auseinandersetzung mit der islamischen Revolution haarklein erzählt, und es enthält auch alle Artikel, die er zum Thema geschrieben hat.

    Foucault hat gleich nach der Ankunft von Khomeini im französischen Exil Kontakt zu ihm gesucht und ihn in seinem Haus besucht. Dabei hat er empfohlen, K. Solle seine Rhetorik mäßigen, weil er sonst seine Ausweisung riskieren würde. Er war also gewissermaßen K.s Ratgeber.

    Seine Artikel lassen dann seinen Begeisterung für Khomeinis Revolution ganz deutlich werden:

    „Perhaps the shah´s rebellious subjects are in the process of searching for the thing that we have forgotten for so long in Europe; a political spirituallity“ (Afary p. 87)

    ebenso sein große Naivität: „There will not be a Khomeini party, there will not be a Khomeini government.“ (p.98)

    Als ihm die Frau eines iranischen Journalisten erzählt, dass im Islam die Todesstrafe auf Homosexualität steht, ist er baff: „Foucault was dumbfounded. He left that night. … Two or three weeks after the revolution, when Khalkkhali hanged several homosexuals, my wife said to me: Give me the adress of this friend of yours so I could tell him that that ideallistic society where you thought homosexuality would be approved ist this.“ (p.143)

    Und er hat noch nicht mal die Anständigkeit besessen, seinen Irrtum einzugestehen, er hat sich schlicht nicht mehr über das Thema Iran geäußert. „He lapsed into silence on Iran from may 1979 until his death in 1984, making no public declarations of any kind as the iranian people suffered terribly under a regime for which he had helped to built support.“ (p. 133)

  50. Bersarin schreibt:

    Wir hatten diese Diskussion über Foucault und den Iran 2011 schon einmal, und zwar teils hier im Blog und bei Hartmut auf „Kritik und Kunst“: Ich hatte Dir dort gezeigt, daß Foucault sich ganz und gar nicht für Chomeini aussprach, sondern vielmehr für eine umfassende iranische Revolution. Und zwar hatte ich Dir dies anhand von Textpassagen in den einschlägigen Artikeln Foucaults zitiert. (Originaltexte Foucaults und nicht Kolportiertes.) Durch Deine Wiederholungen, El Mocho, werden Unwahrheiten deshalb nicht wahrer. Wenn Du zehnmal schreibst, 1×1=4 wird es beim elften Mal auch nicht vier sein. Du beziehst Dich auf ein Buch, darin die Autoren keinen der Texte Foucaults gelesen haben bzw. die entsprechenden Passagen entstellend wiedergeben. In der Tat aber hat Foucault sich ebenso mit dem Aspekt des Religiösen beschäftigt, der diese Revolution zu einem großen Teil trug, aber eben nicht als einzigem, denn es gab genauso starke linke Kräfte.

    Wie auch bei Sartres Stalinismus konntest Du bisher kein Zitat und keinen Text Foucaults mir nennen, wo er ausdrücklich den Ajatollah Chomeini als Führer der Revolution lobte und einen klerikalen Staat nach dem Vorbild des Islam propagierte. Vielleicht fängst Du einfach mal mit den Originaltexten Foucaults an, etwa seinen Reportagen aus dem Iran, und zwar vor Ort, die Foucault unter anderem für den „Corriere della sera“ schrieb.

    Daß Foucault sich nach der Revolution im Iran nicht äußerte, ist ebenso gelogen. Entweder mit Bedacht oder weil nicht recherchiert wurde. Eine Antwort Foucaults gegen Vorurteil und Vorverurteilung lieferte Foucault in Le Matin Nr. 647, 26. März 1979. (Auch diesen Beleg brachte ich Dir schon einmal. Leider ignorierst Du diese Dinge.)

    Und da Du so gerne von Erkenntnistheorie samt dem Bezug zur Empirie fabulierst, solltest Du Dir den Unterschied zwischen einer Behauptung und einem Faktum klarmachen. (Letzteres muß man belegen, damit es dann ein Faktum ist.) Diese Unterscheidung könnte helfen, die Dinge zu sichten. Mir ist übrigens ein schahkritischer Foucault, der sich hinsichtlich der Resultate der Revolution irren mochte (aber eben nicht, weil er für Chomeini Partei nahm) lieber als diejenigen in der BRD und in Frankreich, welche die Folterkeller des Schah unterstützten, um dann hinterher wiederum mir Chomeinis klerikal-Diktatur Geschäfte zu machen. Darüber sollte gesprochen werden, und das ist auch heute noch aktueller denn je in bezug auf IS- und Taliban-Strukturen.

    Diese Art Sartre, Foucault und teils auch Chomsky ohne jeden Textbeleg Dinge anzudichten, um ihr Engagement im ganzen zu diskreditieren, hat schon etwas arg Hinterhältiges.

    Solltest Du nach drei Jahren wieder alles vergessen haben, El Mocho, erinnere ich Dich wiederum gerne an die Fakten.

  51. El_Mocho schreibt:

    Der Artikel vom März 1979 ist im Buch von Afary auch enthalten. Er ist ganze 16 Zeilen lang, als „Antwort“ kann man das wohl kaum bezeichnen. „I will respond neither to the on nor the other, becaus throughout my life I have never taken part in ploemics. I have no intention of beginning now.“ Also er lässt sich auf seine Kritiker nicht ein, aus Prinzip nicht.

    Der Artikel ist übrigens eine Antwort auf einen vorhergehenden kritischen Artikel zweier Journalisten, Claudie und Jacques Broiyelle, die geschrieben hatten: „When one is an intellectual, … when one has the freedom not to be a sycophantic writer, then one also has some obligations. The first one ist to take responsibility for the ideas one has defended when they are finally realized. The philosophers of „peoples justice“ should say today, „Long live the islamic government!“ and it would be clear that they are going to the final extreme of their radicalism. Or they should say „No, I did not want that, I was mistaken. Here is what was wrong in my reasoning, here is where my thinking was in error.“ They should reflect. After all, that is their job.“ (Afary P. 249)

    Aber das wollte er nicht, obwohl „Le Matin“ einen weiteren Artikel von Foucault zum Thema Iran angekündigt hatte, der dann nicht erschien. „Perhaps he thought it better to cut his losses“, schreibt Afary.

    Wenn man sich Foucaults Artikel zum Iran anschaut, wird ganz klar, dass er zutiefst fasziniert war von dem, was da geschah: ein großer Aufstand gegen die westliche Moderne, von der er ja auch nichts hielt. „Something very old and also very far into the future“, von der Vormoderne des Islam direkt in die Nachmoderne des Islamismus. „The distrust of legalism seemed to me to be essential, along with a faith in the creativity of Islam“ (p. 206) Eben, weg mit Recht und Gesetz, dient ja ohnehin nur zu Intensivierung der Unterdrückung, wie wir seit „Überwachen und Strafen“ wissen. Seine bestimmende Idee ist die „politische Spiritualität“: „this thing whose possibilty we have forgotten since the Renaissance and the great crisis of Christianity, a political spirituality. I can allready hear the french laughing, but I know they are wrong.“ (P. 209) „Khomeini is the focal point of a collective will…. the first great insurrection against global systems“ (p. 222) Ich würde sagen der Typ war richtiggehend berauscht von dem was da vor seinen Augen geschah.

  52. El_Mocho schreibt:

    Es ist ja wohl klar, ich sehe einen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Denkweise nicht nur Foucaults und der Begeisterung für totalitäre Ideologien; beide ergänzen sich hervorragend. Der russische Schriftsteller Boris Schumatsky hat kürzlich in der Zeit einen Artikel dazu veröffentlicht:

    „Es war eine neue schöne Welt der Diversität und Differenz, losgelöst von bindenden Werten in Denken und Politik, emanzipiert vom Diktat universeller Menschenrechte. Wir hörten Jürgen Habermas nicht zu, als er in der postmodernen Vernunftkritik eine neue Welle der Gegenaufklärung erkannte. Doch es dauerte nicht lange, bis unsere befreiende Postmoderne ihr politisches Zerrbild im Medienpopulismus eines Berlusconi fand, wie es der Philosoph Maurizio Ferraris in seinem Manifest des neuen Realismus schreibt, und dann in Putins Propagandastaat. Wladimir Putin ist ein noch besserer Postmodernist als sein italienischer Männerfreund. Putins Russland lügt, weil es aufrichtig und redlich glaubt, dass es sowieso keine Wahrheit gäbe. In der späten Sowjetunion glaubten weder Leute wie Putin noch solche wie ich an die kommunistischen Parolen. Als die Sowjetideologie verblich, begann aber gleich die Suche nach einer neuen »nationalen Idee« für die Massen. Die jüngste von diesen Ideen ist die orthodox-religiöse Russische Welt. Die Chimäre des russischen Sonderwegs ist auf dem Mist der Blut-und-Boden-Ideologien des vergangenen Jahrhunderts gewachsen, und natürlich ist sie durch und durch konstruiert – hätte man früher gesagt. Heute sage ich einfach – erlogen. Putins Russland ist eine Lüge. Seine Untertanen glauben nämlich weder an Gott noch an Boden und Blut, sondern nur an die zwei Buchstaben, PR, public relations. Dieser Glaube besagt, dass alle Menschen käuflich sind, von Journalisten bis Politiker, von Russen bis Amerikaner. Niemand sagt die Wahrheit, und es zählt nur das, was als englischer Lehnbegriff auf Neurussisch »Pi-Ar« heißt. Es ist die wahre Wahrheit Russlands, und diese Wahrheit ist die Lüge.

    Der Kreml zwingt der Welt sein geopolitisches Spiel auf, und in diesem Spiel regiert die politische Postmoderne. Jeder Spieler hat seine eigene Wahrheit, oder gar mehrere, die er nach Bedarf frei variiert. Denn es zählt nur eins: Wer ist stark genug, seine Wahrheit dem Gegner aufzuzwingen. Putins Russland hat nicht wirklich etwas gegen die westliche Allianz, der Putin ja am Anfang selbst beitreten wollte. Er beansprucht für sich lediglich das Recht, dasselbe zu tun, was seiner Meinung nach alle großen Spieler der Geopolitik treiben: betrügen und töten. Wladimir Putin und seine Getreuen kennen die Spielregeln nicht aus philosophischen Texten, sie haben sie auf der Straße gelernt.

    Eine Lüge, von Schlägern erzählt, so nannte Ernest Hemingway den Faschismus: Fascism is a lie told by bullies. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Putinismus und dem Hitlerfaschismus ist, dass die Faschisten und Nationalsozialisten ihre Lügen weitgehend selbst geglaubt haben. Der Putinist glaubt jedoch nur an eins, an die Lüge als Lebensprinzip. Wer wie Wladimir Putin oder ich in einer sowjetischen Großstadt aufwuchs, lernte das schon in der Grundschule. Man wird von einer Gruppe von Schlägern umstellt. »Du hast mich an die Lehrerin verpfiffen«, sagt der eine, obwohl man ihn zum ersten Mal sieht. Sagt man, »Das stimmt nicht«, haut er sofort zu. Entschuldigt man sich, wird man erst verhöhnt und dann verdroschen.

    Opfergejammer gepaart mit geballter Faust ist eine nicht unbekannte Gebärde. Putins Russland, das wie eine Weltmacht in den Ring springt, beklagt sich zugleich über westliche Intrigen. Dem Kreml sind die Schwächen des russischen Staates, der Wirtschaft und des Militärs durchaus bewusst. Doch in einer Straßenschlägerei versteckt man die eigenen Schwächen. Der Gegner soll denken, du seist stark. Der Gegner soll Schiss bekommen. Er soll glauben, dass er, zweifelt er deine Lüge an, umgehend eine auf die Schnauze bekommt. Er kann deeskalieren, wie es Politiker überall auf der Welt mit Putin versuchen. Er kann »Frieden!“« rufen, aber mit dem Effekt, dass der Schläger auch »Frieden!« schreit, bevor er zuschlägt.

    Wenn sich der Angegriffene nicht von vornherein gegen die Lüge wehrt, wird er sich auch gegen die Gewalt nicht wehren. Er wird verdroschen, und der Angreifer hat eigentlich schon in dem Moment gesiegt, als ihn sein Opfer nicht gleich einen Lügner nannte.

    Selbstverständlich ist Russland kein Land roher Gewalttäter, die skrupellos Passagiermaschinen abschießen. Selbstverständlich gibt es auch ein anderes Russland, und nicht nur eins. Doch die ganze Vielfalt Russlands wurde ins innere und äußere Exil verbannt. Bis das Trugbild zusammenbricht, können die Millionen Kartoffelbauern oder Mathematiklehrer, Bankkauffrauen oder Verlagslektoren politisch genauso wenig ausrichten wie jemand, der wie ich Russland verlassen hat. Nur eine Stimme ist jetzt in Russland zu hören, es ist die Stimme des kollektiven Putins, und sie verschlägt einem die Sprache.

    Die heutige politische Sprache wird dem Zerfallsprozess der herkömmlichen Ordnungssysteme in Europa und der Welt nicht mehr gerecht. Die alten Parolen über den aggressiven amerikanischen Imperialismus vernebeln nur die Umstände des Krieges für die »Russische Welt«. Genauso wenig werden die Erklärungsmuster des Postkolonialismus dem Morden des »Islamischen Staates« gerecht. Dafür gibt es noch keine Begrifflichkeit. Für den Anfang könnte man, allen postmodernen Zweifeln zum Trotz, den Krieg wieder Krieg nennen, und die Lüge Lüge.

    »Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen«, dieser in der Postmoderne so beliebte Spruch Nietzsches hat heute seine wahre Bedeutung gezeigt, die Ferraris so formuliert: »Die Vernunft des Stärksten ist immer die beste.« Das ist paradoxerweise genau das Gegenteil davon, was jemand wie Michel Foucault eigentlich erreichen wollte: Denn wenn die Macht immer das Sagen hat, ist auch allein die Macht real. Nicht zufällig formiert sich die aktuelle Auseinandersetzung mit dem postmodernen Denken um den Begriff des Realen. Der Spekulative Realismus will das Reale unabhängig von unserer Wahrnehmung denken, der nuovo realismo setzt sich stark ab von den politischen Implikationen der Postmoderne: »Das, wovon die Postmodernisten geträumt haben, haben die Populisten verwirklicht«, sagt Ferraris.

    Natürlich war es nicht die Philosophie, die weltweit die Berlusconis oder Putins hervorbrachte. Doch die Ablehnung von deren Lügenpolitik erfordert auch die Revision des postmodernen Habitus. Der plurale Wahrheitsbegriff der Postmoderne wird gerade in der Ukraine zerschossen. Putin erzwingt einen Rückzug in die Realität, und an die Stelle der Realpolitik tritt das Reale. Das altmodische Wagnis, den Dingen Namen zu geben. Den Luxus relativer Wahrheiten und entwerteter Werte gibt es schlicht nicht mehr. In Russland hat die Lüge wieder einmal gesiegt, und wieder einmal wird allein eine einfache, schwarz-weiße Sprache diesem Drama gerecht. Bei Solschenizyn klingt das so: »Die Gewalt kann sich nur mit der Lüge verhüllen, und die Lüge kann nur durch Gewalt bestehen«.

    http://www.schumatsky.de/RusslandLuege.htm

    Nicht hinzu zu fügen. Putin würde der Auffassung, dass „es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert“ sofort zustimmen.

  53. Bersarin schreibt:

    Genau. Foucaults Artikel ist kurz gehalten, weil er nicht gewillt ist, sich auf eine bestimmte Form von Denunziation einzulassen. Insofern ist dieser kurze Text in seiner Drastik ein deutliches Zeichen, wie Foucault zu Chomenei steht. Danke für diesen Hinweis El Mocho. Und in dieser Weise muß man auch mit Dir umgehen. Du behauptest, berufst Dich auf Drittquellen und kannst nichts anhand von Foucaults Artikeln belegen.

    Deine litaneihaften Wiederholungen erinnern ansonsten aber an jene, die immer noch glauben, die Erde sei eine Scheibe und die meinen, daß es durchs Sagen des Immerselben irgendwann wahr wird. Was Du machst ist keine Wissenschaft, sondern Du pflegst Dein Ressentiment und rührst alles mit jedem zusammen.

    Ceterum Censo: Bitte beleg Deine Behauptungen anhand von zusammenhängenden Foucault-Zitaten! Du nennst irgendwelche Bücher, das sind jedoch Quellen aus zweiter und dritter Hand. Gerne nenne auch ich Dir dann solche. Nimm das Buch von Didier Eribon, der zeigt Dir und belegt, daß es Foucault nie in den Sinn kam, ausgerechnet Chomeini zu unterstützen. Und was sagst Du nun?

    Bisher konntest Du kein einziges Zitat von Foucault bringen. Was sollen also Deine Unterstellungen und welchen Zweck haben sie? Vermutlich geht es Dir darum, eine bestimmte Philosophie zugunsten eines reduktiven Biologismus und Naturalismus zu denunzieren. Apropos Biologismus: Wer baute und konstruierte nochmal die KZs und entwickelte Zyklon B zur Menschentötung? Wer lieferte Waffen in den Iran? Sicherlich nicht Nietzsche, Heidegger oder Foucault. Und – kleiner Tip El Mocho – auch Adorno nicht, obwohl seine Frau Chemikerin war.

    Du zitierst Ferraris, rührst hier einen Brei an, der alles mit allem vermengt, hältst Derrida aber seine textuellen Spiele vor, Du hast weder von Nietzsche noch von Derrida irgend etwas verstanden, geschweige denn gelesen. Du unterläufst jeglichen die Standard ernstzunehmender Philosophie und des Lesens in Zusammenhängen und Kontexten meilenweit.

    Sich mit Narren auseinanderzusetzen, mögen die betreiben, die Zeit haben. Wer Sätze entstellend wiedergibt und nicht fähig ist, korrekt zu zitieren, sollte sich nicht der Postmoderne, sondern zunächst den Techniken wissenschaftlichen Zitierens und Arbeitens widmen. Was Du präsentierst ist nicht einmal eine Postmoderne für den Kindergarten, sondern es handelt sich um Plattitüden.

    Ich habe Dir in bezug auf die Intellektuellen und die totalitären Systeme nun zum dritten Mal Kommentare geschrieben, El Mocho: entweder Du bist schlicht begriffsstutzig, um es wahrzunehmen. Oder Du willst es nicht, und das hat System. Es waren keine Intellektuellen die Faschismus und Gulag, KZ und Mord möglich machten. Und auch nicht die Postmoderne. Oder hatte Herr Heidegger Menschenexperimente vorgenommen und das Zyklon B entdeckt: Solltest Du dafür Belege haben, bitte laß es mich doch wissen.

    Ansonsten: Ich habe alle diese Argumente zu Foucault schon einmal bei Hartmut und auch hier im Blog im Jahre 2011gebracht und Dir anhand von Foucault-Texten gezeigt, daß Du Unwahrheiten behauptest. Ich weiß nicht, was Deine Wiederholungen sollen. Bringe bitte Belege und Zitate von Foucault, wo er seinen Haß auf die westliche Moderne verbreitet.

    Du hältst die Philosophie Derridas und Foucaults für unseriös, weil sie angeblich Zinnober schreiben, entblödest Dich aber nicht Postmoderne und Rußlands Putin in einen Topf zu werden. Ich glaube auf solche Scheiße verfiele nicht einmal Zizek.

    Putin würde der Auffassung, dass „es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert“ sofort zustimmen. Dies zeigt zumindest, daß Putin ein kluger Kopf zu sein scheint. Das kann man im Westen nicht von jedem sagen, nicht wahr, El Mocho?

  54. Noergler schreibt:

    Die Debatte über Instrumente fand meines Wissens auf „Shifting Reality“ statt.

    Danke für den Hinweis.

  55. Bersarin schreibt:

    Gerne geschehen. Service und Wissen werden im Grandhotel Abgrund groß geschrieben.

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