All diese Träume und Vergeblichkeiten – in Schönheit und Schmerz verwoben. Pfaueninsel

„Es gibt Tiere, die erinnern uns daran, wie unsere Träume entstanden. Staunend stehen wir immer wieder vor ihnen, als wäre es das erste Mal, daß wir sie sehen, und sehen zugleich all die Bilder, die wir uns von ihnen gemacht haben. Und sie? Sie schreiten vor uns auf und ab und lassen sich betrachten, schreiten auf und ab an der Grenze von Leben und Bild, für uns.“
(Thomas Hettche, Pfaueninsel)

Ich denke, Hettches Pfaueninsel ist einer der eindringlichsten und geistreichsten Romane der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die ich seit langem gelesen habe. Ich hoffe, daß es den (im Grunde unwichtigen) Deutschen Buchpreis gewinnt, sofern man denn Bücher preisen möchte. Allein aufgrund der Konstruktion des Buches und der Anordnung seines Figurenpersonals wäre diese Ehrung mehr als gerecht. Ebenso von der Geschichte her, die dieser Roman erzählt. Nämlich der von der Zwergin Maria Dorothea Strakon, die samt ihres Zwergenbruders Christian am Hofe des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. und deren Nachfolgern lebt, die sie irgendwann vergessen haben und mit jener Gestalt nichts anzufangen wissen. Genauer gesagt lebt das Hoffräulein Maria Dorothea Strakon auf der Pfaueninsel beim Lustschloß aus Holz, das da strahlend im Weiß auf der Westseite dieser verwunschenen Havel-Insel in den Blick ragt. Das endet tragisch, natürlich. Mit Liebe und Menschen, die nicht zusammenkommen können. Und was für eine Landschaft! Inmitten der Havel, vor den Toren der sprießenden Großstadt. Ein Buch über die Schönheit, die Vergeblichkeiten, die Wucherungen der Moderne, ein Märchen, und wie diese Schönheit  immer als Konstruktion sich erweist und eben nicht natürlich ist. Es ist ein Buch von überschießender Phantasie, eine Antwort auf Kants „Kritik der Urteilskraft“, insbesondere was im Hinblick auf die Zweckmäßigkeit der Natur den teleologischen Teil betrifft. Vor allem ist es aber ein Buch, das ob des Unmöglichen von einem tief elegischen Ton getragen wird, ohne dabei sentimental oder rührselig zu werden, wie wir es leider so häufig beim Sentimentalen und Elegischen erleben müssen.

Von diesem Roman hier im Blog demnächst mehr.
 
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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