Lichtenberg-Connection

„Denkt nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.“ (Mt 10:34-36)

Mit Martin Seel läßt sich in diesem zunächst theologischen Kontext im Hinblick auf die Ästhetik bzw. die ästhetische Erfahrung von der „Kunst der Entzweiung“ sprechen. Allerdings halte ich diesen von Seel thematisierten Aspekt ästhetischer Erfahrung als Modus der Ästhetik für fragwürdig, da es auf die Hybris der Empfindungszustände als Maß für Kunstbetrachtung und -kritik hinausläuft. Das Resultat ästhetischer Erfahrung ist die Event-Kunst.

Ich könnte mir am Wochenende die Art Berlin Contemporary an verschiedenen Orten und insbesondere am Gleisdreieck ansehen. Sollte ich bei diesen Betrachtungen den „10 Dinge, die man auf der ABC nicht verpassen sollte“ folgen? – eine Empfehlungsabarbeitungsliste des Magazins „Monopol“: Zeitschriften, die uns in der neuen Unübersichtlichkeit, die eigentlich jedoch recht übersichtlich ist, die Orientierung erleichtern sollen. Für alle ist gesorgt, so beschrieb Adorno die Mechanismen und das wohltätige Kunstwirken der Kulturindustrie. Noch schlimmer als das Kunstgewäsch aber bleiben all die linkspolitischen Geschwätzigkeiten: vom Gentrifizierungsgejammere, den Gendertröten, über sinnleeres Schwadronieren von der Macht des heterosexuellen weißen Mannes, das sich paternalistisch in gestanzten Sprechblasen der braven, braven Bürgerkinder_innen als Mantra und Moralmonstranz aufspreizt. Das gute Gewissen geht geothert als Katalogware hausieren. Vielleicht gehe ich morgen jedoch einfach nur spazieren. Mit der Kamera. Durch eines der Viertel dieser Stadt.

Halbfahles Licht und ich schlendere über die Flächen. Die Brachen, die Ränder, die Zonen der Stadt. Lichtenberg. Verhängnis, Randgebiet, Zentrum in einem. Oder ist das noch Friedrichshain, da, wo ich gehe? Da, wo der Ostbahnhof steht? Egal. Ich zücke wie immer die Kamera. Heute wieder die leichte Olympus. Irgendwann kaufe ich mir die Leica M 9. Inzwischen gibt es sogar eine Leica M 9, die nur schwarz/weiß photographiert. Ich kehre demnächst zu meiner Nikon F3 zurück und werde wieder Filme entwickeln. Das ist vermutlich die einzige Art, angemessen zu photographieren. Diese auf die Bilder gekleisterte Filtersoße ist nicht meine Sache. Ich möchte Bilder und keine Effekte. Der schwarze Boss-Blouson, den ich statt meiner Englandjacke trage, ist viel zu luftundurchlässig, speichert die Hitze. Im Herbst und Winter dann wieder die schwarze Lederjacke, wie es sich für den Intellektuellen auf den Spuren Ernst Jüngers und Uwe Johnsons geziemt. Praktisch, wasserabweisend, elegant und gut.

Bei Lichtenberg muß  ich zunächst immer an den großen Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg  aus Göttingen denken, er schätzte Kant ungemein, schrieb böse und teilte aus, ätzte gegen den blödsinnigen Geist der Zeit wie etwas Lavaters absurde Studien zur Physiognomie, wo man das Wesen nicht aus dem Namen oder dem Begriff, sondern aus der Physiognomie heraus lesen konnte. So kann es gehen, wenn die Empirie die Oberhand gewinnt. Die krude Beobachtung ist sich für keinen Blödsinn zu schade und sei er noch so flach. Lichtenberg schrieb dagegen die  „Fragmente von Schwänzen “. Und dann denke ich bei Lichtenberg natürlich an die Magdalena – ich mag diese Gegend rund um dieses seltsame Hochhaus mit dem grauen Hof herum. Wir möchten Sie bitten mit zu kommen, zur Klärung eines Sachverhaltes… Ich bin der Mann mit der schwarzen Lederjacke, der über die Höfe schlendert und durch den Eingang geht, vor dem früher mancher Wartburg oder Volvo hielt.

Lichtenberg ist auch: „Neues Deutschland“-Gebäude, davor der Franz-Mehring-Platz samt einem Denkmal. Was früher zentral für die DDR-Presse und ihre restringierte Berichterstattung war, ist heute Vergessenheit. Immerhin hat die Rosa Luxemburg-Stiftung hier ihren Sitz. Ansonsten liegt das Gebäude an einer Durchgangsstraße, die die Spree mit der Karl-Marx-Allee verbindet. Wohngebiete mit Hochhäusern, und der merkwürdig verkommene Hinterhof, wenn man den Ostbahnhof nach Norden hin verläßt und auf das Galeria-Kaufhof-Gebäude sich zubewegt. Eine vergessene Zone, derer man sich demnächst sicherlich erinnern wird. Dann wieder Brachland, in die Wohnzonen gestreut, und das geht ineinander über, von den verwilderten Flächen, den Grasnarben, den weggeworfenen Dingen, die am Rande liegen, Papier, Kippen, Flaschen, Hemden, das Höschen einer Frau, Socken, eine Toilettenschüssel, Plakate, die unendlich überklebt wurden und von den Sandwegen geht es auf die asphaltierten Straßen zu, die Durchgänge zu den Häusern. Ein Radio spielt laut Musik, daß es über den gesamten Hinterhof des Hochhauses schalt. Aber es ist keine Menschenseele dort zu sehen. Samstag-Mittag. Blumenkästen. Geranien. Am Fensterbrett türmen sich Aufstellfiguren. Dann laufen drei Kinder wie aus dem Nichts den Plattenweg entlang. Durch den Torbogen und wieder fort. Der leere Platz.

Es singen „Die Sterne“ auf ihrer neuen Platte „Flucht in die Flucht“: „Bezahlbare Wohnungen in den gängigen Vierteln gesucht. Nach Renovierung werden die Preise kaum merklich steigen …“

Photographien eines vor einem Monat getätigten Spaziergangs durch Lichtenberg  gibt es auf Proteus Image zu sehen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Fetzen des Alltags, Formen des gelingenden Scheiterns abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Lichtenberg-Connection

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Herzerfrischend schön wieder einmal Dein ästhetischer Auftritt gegen das richtige, linke Bewußtsein, hieße es nun Antigentrifizierung oder „Gegen heteronormative Gewalt e.V.“. Die Vereinsmeierei dieser selbsternannten Non-Konformisten ist ja evident.

    AAAAAAAAAber: Weder der Ostbahnhof noch das neue Deutschland liegen in Lichtenberg sondern in Friedrichshain, freilich in dem Teil von Friedrichshain, der nicht vom Touristen-Nepp lebt.
    Hier ging Gustav Stresemann zur Schule (und das wurde im ja auch von der damaligen upperclass unter die Nase gerieben), hier hatte der Dr. Döblin seine Praxis, „im Berliner Osten“ nicht in Charlottenburg wie H.Mann schon damals feststellte. Denn der Osten ist nicht durch die Teilung unfeiner und ärmer geworden; er war es schon immer.
    Grüße.

  2. Bersarin schreibt:

    Vereinsmeierei ist das treffende Wort. Ich denke, diesem gesinnungsmoralisierenden Politpopanz kann man nur mit Bösartigkeit entgegenkommen. Da ist mir dann der schnöselig-lakonische Christian Kracht, der sich zunächst nicht verorten läßt, sehr viel näher als die Vereinsmeier_Innen, die jede Regung mit einer Ordnungskarte vermerkt wissen wollen. Allein aus Provokation heraus. In Kreisen rechter oder konservativer Gesinnung wiederum käme ich eher mit Pasolini oder ganz anderen drastischen Namen. Eigentlich aber reichen dort immer noch Hegel und Marx, um deren Weltbild aus den Fugen zu bringen. (Obwohl: es ist das alles so fest verfugt, daß es im Grunde vergebens ist. Auf beiden Seiten des Vorhangs. Insofern paßt die Formulierung „Auf die Palme bringen“ besser.) Kontrafaktisches Opponieren oder auch die bestimmte Negation nenne ich dieses Verfahren.

    Ich habe mir fast gedacht, daß das Friedrichshain ist. Objektiv. Subjektiv aber glaube ich einzig an Lichtenberg. Wenigstens aber die Magdalena (Stasi) liegt in Lichtenberg.

    Ja, das ist ein armes zunächst einmal relativ uninteressantes Gebiet. Und dadurch gerade ungemein spannend zum Betrachten, Photographiern, Flanieren.

  3. Partyschreck schreibt:

    …Ich befürchte hingegen, wenn wir darauf warteten, bis Deutsche Buchpreisträger die perfekte Kritik formulierten, und bis dahin der Vermieter-Lobby weiter beim kalten Entmieten zusähen, dann wäre das auch nicht gerade zielführend, oder?
    Ich zumindest bin froh, dass es zumindest diesen leisen Protest gibt, und da ist es mir ganz pragmatisch betrachtet schnurzpiepe, wie geschliffen die Parolen sind, auch wenn mir zugegebener Maßen nicht jeder Gentrifizierungsgegner nun wer weiß wie sympatisch ist!
    …Und die Vermieter-Lobby wirft ja nun auch nicht gerade mit Bonnemots nur so um sich, oder?

  4. Bersarin schreibt:

    Und was ist, wenn es eine Deutsche Buchpreisträgerin wird?

    Es geht nicht um sprachlich gelungene Parolen, sondern darum, daß ein Teil des Protestes ganz einfach nur auf Besitzstandswahrung beruht. Für manche scheint es eine Unzumutbarkeit, in Berlin-Lichterfelde oder Wilmersdorf zu wohnen. Weiterhin wird beim Problem der Gentrifizierung gerne übersehen, daß die, die heute protestieren, dieselben sind, die vor zehn oder 15 Jahren in Friedrichshain, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg wiederum anderen die Wohnung wegnahmen. Da war von Gentrifizierung keine Rede. Eine Sache wird immer erst dann zum Problem, wenn es ans eigene Eingemachte geht. Insofern liegt das Problem sehr viel tiefer. Es geht darum, wie sich eine Stadt als Wohnort versteht und wie sich Viertel vermittels Politik strukturieren lassen. Das kann man auf verschiedene Weisen angehen. Über sozialen Wohnungsbau, über Genossenschaftsmodelle, über Mietpreisobergrenzen. In Friedrichshain z.B. haben vor 20 Jahren überwiegend Arbeiter und kleine Leutchen gewohnt. Solche Wohnsituation sinnvoll zu steuern, ist die Aufgabe von Politik bzw. von Stadt- oder Landesregierungen. Die von den Grünen favorisierte und forcierte schwachsinnige energetische Sanierung von Wohnhäusern führte z.B. dazu, daß die Auslagen für diesen Umbau zum großen Teil vom Mieter getragen werden. Das bedeutet: Mietsteigerungen. Dieselben Grünen protestieren in Kreuzberg gegen die Umstrukturierung ihres Viertels.

    Stadtviertel unterliegen einer Wandlung. Es gibt solche, die ich durchaus begrüße, wie z.B. die Aufwertung von Neukölln. Wohnungen zu mieten, kostet in einem System wie diesem nun einmal Geld, und begehrte Viertel haben einen gewissen Preis. Natürlich darf der nicht ins Unermeßliche steigen, und Wohnraum sollte in allen Gegenden einer Stadt bezahlbar sein. Dafür hat eine Stadt über Gesetze und über sozialen Wohnungsbau zu sorgen.

    Zynisch könnte man natürlich auch sagen: Mieten werden am Markt gebildet. Und so ist er nun einmal, dieser Markt, der alte Lümmel: Er kennt keine Unterschiede, kein gut oder schlecht, sondern nur Preise. Alle sind gleich. Sofern sie den Preis bezahlen können. Lieber als all das Reden und das ewige Lamentieren wäre es, wenn Menschen etwas tun, sich zusammenschließen und z.B. über die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Druck ausüben. Und weiterhin: eine Aufwertung und Verschönerung eines Stadtviertels muß nicht naturgesetzlich die Gentrifizierung zur Folge haben. Es sind durchaus Aufwertungen denkbar, wo Wohnraum für alle bezahlbar bleibt. Manche der Gentrifierungsgegner sind mir zu sehr Liebhaber des Mülls. Das ist meine Sache nicht. Geben Sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten, ist, mit Oscar Wilde gesprochen, immer noch meine Parole.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s