Wahre Sätze – Ware Wort (1)

 
 

 „Man muss sich wirklich sehr lieben, um bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben zu wollen ohne sich zu langweilen.“
(Genesis P-Orridge in einem Interview in „Testcard“)

 
 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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12 Antworten zu Wahre Sätze – Ware Wort (1)

  1. Uwe schreibt:

    Richtig: Leidenschaft hilft gegen Langeweile.
    Aber warum sich der Langeweile nicht ergeben?!
    Ist sie doch ein „Fenster zur Zeit in all ihrer sich wiederholenden übermäßigen monotonen Herrlichkeit“ (Joseph Brodsky).
    Also rein und durch, gerne auch zu zweit.

  2. Bersarin schreibt:

    In der Tat ist die Langeweile ein ausgezeichneter (philosophischer oder ästhetischer) Zustand, denn es kann einem, wenn man sich ihr aussetze, etwas aufgehen: das Verfließen der Zeit, überhaupt das Zusammenspiel von Zeit und Leben. Es gibt zudem solche Tage, in denen sie – ganz und gar ohne eigene Intention – einen befällt: ich bin dann müde, lustlos, willenlos und ohne jeden Antrieb. Dann wieder gibt es Tage, an denen ich nicht weiß, was das ist: Langeweile. Die Zeit vergeht wie im Fluge und viel zu schnell. Ein Tag müßte 48 Stunden haben.

    Auch zu zweit kann es seinen Reiz besitzen, sich (gemeinsam) zu langweilen, solange man sich nicht miteinander und aneinander langweilt. Dann wird’s bösen. Zumeist.

  3. hANNES wURST schreibt:

    Bezieht sich das Langeweilen auf die Wunschvorstellung ewigen Zusammenbleibens oder auf den Prozess ewigen Zusammenbleibens? Insgesamt ein Satz, an dem Wittgenstein sicherlich kein gutes Haar gelassen hätte.

  4. Bersarin schreibt:

    Das Wollen zeigt die Wunschvorstellung an. Eine Person X denkt zu einem Zeitpunkt T1: Ach, ich möchte ewig (TΩ) mit Y zusammenbleiben. (Ich hoffe, ich bediene mich einer gendergerechten Sprache, so daß alle sich bedingungslos mitgenommen fühlen.) Diese Wunschvorstellung beinhaltet einen in die Zukunft (T2 oder sogar T∞) reichenden Prozeß, für den wir sprachlich das Futur I verwenden: ich werde auch in 50 Jahren noch mit Y zusammensein. (Dabei häufig die Langweile ignorierend, die sich im realen Prozeß des Zusammenlebens einstellen wird denn mancher Wunsch wäre besser nicht wirklich geworden, und es ergeht einer oder einem wie dem König Midas.) Rückblickend dann im Vorblick (Futur II) zu einem Zeitpunkt T1-1 als TΩ kann Person X sagen: Ich werde immer mit Y zusammengewesen sein. Das Futurum exactum ist eine der interessantesten, weil poetischen Formen der Zeit.

    Die Person Y, die solche Sätze spricht oder denkt, wird von einer weiteren Person Z zu einem Zeitpunkt T1.1 imaginiert. In dieser Imaginationsszene wird nicht mehr die Zeit der Unendlichkeit sondern die Vorstellung der Langeweile zentral, die ins Leben und ins Denken einbricht. Person Z vermag es im Zustand der Phantasie, aber in Abwesenheit von Realität ein Szenario der Liebe auszuschmücken. Diese Personen X, Y und Z wiederum werden von einem Theoretiker im Grandhotel Abgrund (Person A) zu einem Zeitpunkt Tx allesamt in den Blick und in den Text genommen. Womit A dann seine gesamte Zeit ausfüllt, so daß diese Person A zwar aufgrund dieser Denk- und Konstruktionsprozesse niemals mehr mit Menschen in liebende Berührung kommt, aber ebenfalls verfällt er im Fuchsbau seiner Konstruktionen niemals der Langeweile.

    Leider gibt es bei Wittgenstein ebenfalls viele Sätze, an denen mancher kein gutes Haar lassen wird, weil sie schwammig oder unpräzise sind. Vom Sprechen und Schweigen angefangen bis hin zur Welt, die alles ist, was der Fall ist.

  5. ziggev schreibt:

    Es gibt dazu übrigens ein Stück von Karel Čapek bzw. eine Oper von Janaček, die Bernard Williams in seinem Aufsatz Die Sache Makropulos (der Titel der Oper): Reflexionen über die Langeweile der Unsterblichkeit von 1973 wie folgt zusammenfast:

    «Dieses Stück handelt von einer Frau namens Elina Makropulos, alias Emilia Marty, alias Elian Macgregor, alias mehrere andere Personen, deren Initialen »E.M« lauten. Der Vater dieser Frau war Hofarzt eines im 16. Jahrhundert lebenden Herrschers gewesen und hatte an ihr ein Lebenselixier ausprobiert. Zur Zeit der Handlung ist sie 342 Jahre alt. Ihr endloses Leben hat einen Zustand der Langeweile, Gleichgültigkeit und Kälte erreicht. Alles ist freudlos: »Am Ende ist alles dasselbe«, sagt sie, »singen und schweigen.« Sie weigert sich, das Elixier wieder einzunehmen, und stirbt. Eine junge Frau vernichtet gegen den Einspruch einiger Männer absichtlich das Rezept zu Herstellung des Elixiers.»

    In: Probleme des Selbst, Reclam 1978

    Er hält dafür, «daß sich aus Fakten über die Wünsche und das Glück des Menschen und sein Leben sowohl ergibt, daß Unsterblichkeit, wo sie überhaupt vorstellbar ist, unerträglich wäre, als auch dies, daß es (bei gleichen Rahmenbedingungen) vernünftig ist, den Tod als Übel zu betrachten.»

    Williams beginnt mit einem (es sind genaugenommen zwei) Argument von Lukrez (den er widerlegt) …

    Aber noch etwas:

    Wir haben es bei «(sich) langweilen» offenbar mit einem unechten reflexiven Verb zu tun; es kann reflexiv wie auch nichtreflexiv gebraucht werden. Er langweilt sich. Sie langweilt ihn (Akkusativobjekt). Es wäre also zu fragen, ob «langweilen» absichtlich reflexiv verwendet wird—sie langweilen sich—, also der nichtreflexive Gebrauch gezielt ausgeschlossen wird—sie langweilen einander.

    Ob also in der Übersetzung «sich langweilen» eine sprachliche Unsauberkeit ist (was natürlich kaum zu entscheiden ist, wenn das Original nicht bekannt ist). Es klingt jedenfalls für mich etwas clumsy – wie das «sich» in «sie lieben sich», welches wiederum durchgehen könnte, wenn es sich um das handelt, was gerne mit dem Anglizismus «Liebe machen» umschrieben wird.

    Auch frage ich mich, ob das «sich» im letzen Beispiel das „grammatikalische Objekt“ ist, als welches es bei unechten Reflexivpronomen gilt; wenn sie «sich lieben», dann tun sie, grammatikalisch, etwas anderes, als wenn sie sich waschen.

    Da es sich also beim «sich» in «sie langweilen sich» um ein grammatikalisches Objekt handelt und nicht um ein Akkusativobjekt, was deutlich wird, wenn wir zur ersten Person übergehen, die wohl kaum sich zu der abstrusen Vorstellung versteigern würde, sich selbst als Akkusativobjekt zu betrachten: «ich langweile mich», muss, rein sprachlich, bei dieser Übersetzung die umfassende Langeweile der Unsterblichkeit gemeint sein, die natürlich nicht das Einander-Langweilen ausschließen muss.

    «sich mit- und aneinander langweilen» sehe ich daher als eine etwas übers Ziel hinausschießende bzw. der hier auftretenden sprachlichen Unsauberkeit rechnungzollenden Interpretation an.

    Was einem manchmal zunächst wie lange Weile vorkommt, kann einem, sehe ich ähnlich, durchaus die Tür zu bestimmten ästhetischen Zuständen öffnen, es kommt nur darauf an, dies zu bemerken, es kann sich ein befreiendes Aha-Erlebnis einstellen, ähnlich dem, welches Meditation erzeugen kann; es können dies auch Zustände sein, die einem zu einer poetischen Sicht auf die Welt verhelfen, oder zu bewusst gelebter Muße—ein Wort, das mit dieser spezifischen Bedeutung eine Besonderheit im Deutschen darstellt, die durch den Gegensatz zur (protestantischen) Arbeitsmoral womöglich in außerabendländischen Konzeptionen so kaum anzutreffen wäre—und so sogar die Liebe vertiefen kann.

    Die Phänomenologie ist hier aber noch nicht abgeschlossen: Es gibt noch Zustände des Versonnen-Seins (…)

  6. Pingback: Unsterblichkeit (der Liebe?) | wortanfall

  7. ziggev schreibt:

    @hANNES wURST, bersarin:

    es handelt sich um ein „rhetorisches“ „um“, wie ich es mal nennen will, nicht um das „um“ in „um …. zu“. (In meiner subjektiven Wahrnehmung taucht es wegen der vielen Übersetzungen aus dem Englischen in letzter Zeit etwas häufiger auf.)

    Der Satz besagt, wie der da steht, ganz eindeutig: Man muss einander schon sehr lieben, wenn nicht bereits die triviale oder bereits abgegriffene Vorstellung (verweile doch, du bist so schön), auf Ewig zusammenzubleiben oder auch nur zu wollen, unermesslich langweilen soll, nein, wenn dies als eine recht spannende Sacher erscheinen muss. Es muss das Unmögliche sein !

    Ich lese den Satz aber freilich so:

    „Man muss sich wirklich sehr lieben, um bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben zu wollen und um sich dann nicht zu langweilen.“

  8. Bersarin schreibt:

    Ich antworte Dir später, ziggev. Ich muß jetzt den Koch überwachen. Denn gleich gibt es Abendbrot

  9. ziggev schreibt:

    … wo es oben „als welches es bei unechten Reflexivpronomen gilt“ heißt, muss es natürlich „bei unechten reflexiven Verben“ heißen !! …

  10. hANNES wURST schreibt:

    Kann man den Satz als ein Plädoyer für kürzere und damit hoffentlich abwechslungsreichere Beziehungen verstehen?

  11. summacumlaudeblog schreibt:

    Ein paar Abrißkalendarsprüche zum 35. Mai habe ich auch noch. Zum Beispiel:

    „…drum prüfe, wer sich ewig bindet
    ob sich das Herz zum Herzen findet!
    der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang…..“
    (Schiller)

    Hingegen das “ Verweile doch! Du bist so schön “ spricht ja gerade nicht von Ewigkeit, vielmehr droht am Horizont schon das „Zugrundegehen“, das auch noch „gern“ erlitten wird. Dann „sei die Zeit für mich vorbei!“, schwadronierts faustisch.

    Ich habe mich als Kind übrigens schon gefragt, in welcher Gestalt man denn nun ewig lebt (ewig im Himmel leben MUß)! Als Säugling, als Greis, als Twen oder doch etwas reifer? Da wird die Ewigkeit dann auf einmal kompliziert. Mit gichtmorschigen Knochen bitte nicht, aber auch nicht als dummdrauflosredender 13-Jähriger, der gerade H. Hesse verschlang und ohne bisher die ewigen (?) Begierden ausgelebt zu haben schon deren Ende als letzte Erlösung herbeisehnt. Vielleicht so: Eine nie versiegende Quelle guten Traubensaftes und eine ebenso trinkfeste wie anmutige Partnerin ist mir Gärung und Ewigkeit genug….

  12. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Williams scheint zu unterschlagen, daß solche Haltung wie bei jener Frau an bestimmte Umstände und gesellschaftliche Zustände gekoppelt ist, Gäbe es nicht ebenso eine Perspektive, wo es wünschenswert wäre, den Tod aufzuheben, den Tod abzuschaffen? Adorno stellt genau diese Frage. Weshalb diese Wut und diese vehemente Ablehnung, so fragt er, die sich regelmäßig einstellt, wenn man die Frage nach der Unsterblichkeit stellt. Ja, weshalb? Sind nicht durchaus Szenen denkbar und eine Gesellschaft, die entsprechend strukturiert ist, wo ein ewiges Leben als erstrebenswert erscheint? Daß dieses Leben langweilig ist, scheint mir nicht erwiesen. Es hängt dies wohl von den Lebenden und ihrer Zeit ab.

    Bei der Langeweile muß man wohl zwei Zustände unterscheiden: einen gleichsam depressiven, der einfach nur unangenehm aufgeladen ist und aus dem sich keinerlei Funken schlagen lassen, und eine Perspektive, die sich mit einem aisthetischen Blick auf sich selber verbindet und die in Reflexion, Text, Theorie, Kunst, Empfindungsfähigkeit übergeht– je nach dem, was die oder der Betroffene wünscht und reflektiert. Es sind dies die eigentümlich berührenden, interessanten Zustände der Selbstaffektion. In andere Weise – als Interaktion und Schönheit zu zweit – kann dieses Affiziertwerden ebenso zu zweit entstehen. Wie weit das aber ewig anzuhalten vermag? Schwierig zu sagen.

    @hanneswurst
    Jaein. Ich selber würde dazu nichts pauschal sagen wollen. Am Ende hängt alles am Gegenüber. Ich zumindest kann sagen, daß sich mit mir noch keine/r gelangweilt hat. Und auch nach Jahren noch saß ich mich unterhaltend und gemeinsam fabulierend abends im Restaurant oder am heimischen Eßtische. Anders als manche Pärchen, die sich im Restaurant stundenlang anschweigen. Gibt es bei mir nicht.

    @ summacumlaude
    Da sprichst Du eine Wahrheit aus, die ich teile. Insbesondere, was den letzten Satz anbelangt.

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