Die Bilder, die bleiben und die, die vergehen: Kleiderhaufen, Schuhberge, Erinnerungsfetzen und ein Stück vom Gekochten – Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Teil 2)

Das Private ist – sozusagen – gesellschaftlich, und zwar genau dann, wenn wir die Ebene der bloßen Subjektivität verlassen und die Regungen des Privaten in der Ordnung der Literatur aufrufen oder aber in der Geschichtsschreibung mehr oder weniger systematisch betrachten. „Vielleicht Esther“ begibt sich auf die Suche nach einer Familie, nämlich der der Ich-Erzählerin. Das scheint einerseits eine heikle Sache: Insbesondere da, wo Literatur authentisch sein will, bewegt sie sich auf dünnem Eis, wirkt vielfach bemüht und schal im Ton, weil sie die Möglichkeiten von Fiktionalisierung und Poetisierung preisgibt. Wer häufig „ich“ sagt, ist deshalb lange noch kein „Ich“. Kann Literatur als Dokument dienen? Nein. Zumindest dann nicht, wenn sie dieses Dokumentieren mit Intention betreibt. Aber ebenso  – und das berührt sich manchmal durchaus – gibt es die allzu bemühte Fiktionalisierung, die gewitzt sein will und sich doch bloß in der Konstruktion erschöpft. Unter dem pygmalionischen oder postmodernen Punk schlummert in der Geste halbherzig gewagten Spiels mit Wahrheit und Fiktion am Ende bloß tranig der alte Fontane.

Doch sind dies Subjektivierungsweisen und die Frage nach der Autorenschaft im Falle von „Vielleicht Esther“ im Grunde ganz gleichgültig. Die Ich-Erzählerin ist eine  Ukrainerin/Sowjetrussin aus Kiew, die einer jüdischen Familie entstammt. „Ebenso wie Wil bin auch ich als Teil des staatlichen Stoffwechsels geboren. Hundert Jahre nach Lenin. Ich feierte meine Geburtstage zusammen mit Lenin, nur minus hundert. Ich wusste, es wird mir helfen, meine Koordinaten in der Weltgeschichte zu finden, aber die Kraft des jungen, aufstrebenden Staats, die mein Onkel durch Geburt geschenkt wurde, war längst dahingeschwunden.“ Sie reist, sie reist durch die Welt, surft im Internet, recherchiert am Telefon und ihrer Biographie hinterher: der Schrift des Lebens. Das, was sich rekonstruieren läßt, bruchstückhaft, im Fragment aus den Überlieferungen der Verwandten zusammengeklaubt oder aus den Dokumenten, sei’s vor Ort in Mauthausen, in Warschau oder über das Internet gesucht, sei es übers Telefonbuch, über Yad Vashem oder Suchmaschinen, in die auf gut Glück Namen gespeist werden. So heißt gleich die erste Kapitelüberschrift als Auftakt „Google sei Dank“, was zunächst wie „Gott sei Dank“ klingt.

Um die Geschichte einer Familie zu erzählen, braucht es jedoch einen Stammbaum oder zumindest genealogische Hinweise, worauf der Blick sich zu kaprizieren habe. Denn ein Stammbaum allein nützt wenig, wenn bloß auf dem Papier die Namen starr und stumm stehen:

 „Als Lida, die ältere Schwester meiner Mutter, starb, habe ich begriffen, was das Wort Geschichte bedeutet. Mein Verlangen zu wissen war reif, ich war bereit gewesen, mich den Windmühlen der Erinnerung zu stellen, und dann ist sie gestorben. (…) Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen. Ich hatte niemanden mehr, den ich hätte fragen können, der sich an diese Zeit noch erinnert.“

 Aber es geht die Erinnerung durch die große Geschichte hindurch und setzt sich vielmehr in den Kleinigkeiten fest, heftet sich – so wenn ich mich an die frühen 70er Jahre erinnere – ans Detail, wie dem Duft in der Küche, wenn die kaschubische Urgroßmutter das Schnitzel briet, wie ein Musikstück, das in dem unendlich scheinenden, gedehnten frühen Samstagabend zwischen Daktari und dem Zu-Bett-Gehen aus dem Radio klang. Nicht viel jedoch bleibt von den Toten, und mit der Zeit zerrinnen die Bilder, die wir vom Gesicht eines einstmals geliebten Menschen in uns tragen:

„Das einzige, was ich von Tante Lida habe, ist ein Rezept für Kwas, einen erfrischenden Trank. (…) Das Rezept entpuppte sich als eine Art verschlüsselter poetischer Übung. Ich hatte nie wahrgenommen, dass meine Tante etwas Jüdisches an sich hatte, sie hatte wirklich nichts davon, außer dass sie diese Gerichte kochte, die ich erst nach ihrem Tod zuordnen konnte, und ich verstand, dass ausgerechnet sie, die nichts mit dem ganzen Schmerz zu tun haben wollte, dass man Jude sagt und sofort an Gräber denkt, und die, weil sie noch lebte keine Jüdin sein konnte, das ausgerechnet sie alles Schmackhafte und Saftige von ihren damals noch jüdischen Großeltern gelernt und vieles übernommen hatte, was selbst ihre Mutter schon nicht mehr kannte.“

 Über solche Details nähert sich die Erzählerin einem Leben. Es lassen sich einzig die Bruchstücke sammeln und in den verschiedenen biographischen Konstellationen fügt die Erzählerin die kleinen Details zum Mosaik oder eher noch: einem Kaleidoskop, in dem die Steinchen, Figuren und Formen in der Bewegung ein Bild entstehen lassen, das aus dem Zufall heraus auftaucht und wieder ins Nichts vergeht, während sich neue Figurationen erzeugen. Es bleibt dieses Schweigen, wenn eine Angehörige nicht mehr über all das, was ein Leben ausmachte, sprechen und sich erinnern möchte. Wie daraus eine Geschichte hervorziehen?

„Sie verschwieg alles, ihre frühere Schönheit, ihre Belesenheit, sie verschwieg alles, im Dienst ihres Mannes, eines Kriegshelden, eines siebenmal Durchschossenen, eines der Schönsten unter den Helden, sie verschwieg ihre Krankheiten und Sorgen, ihre Lehrmethoden, ihre zunehmende Taubheit, wenn sie in die Küche ging und zurück, sie verschwieg die Geburtstage der Toten, die Geburtstage der Getöteten, die sie jahrzehntelang feierte, allein, sie verschwieg auch andere Daten, sie erinnerte sich an alles und an alle, die sie im Leben berührt hatten, sie verschwieg den Krieg und das Davor und das Danach und all die Züge und all die Städte, die Trauer um ihren Vater, der den Krieg überlebte, aber nicht zur Familie zurückkehrte und später im Haus nebenan wohnte, jahrelang, in einem der neunstöckigen Plattenbauten unserer anonymen sowjetischen Siedlungen. Als sie erwachsen wurde und dann alt, wartete sie sie immer noch, und irgendwann wurde sie stumm, weil sie verstand, dass sie taub wurde, und sie ging zurück zu ihren taubstummen Kindern, die sie ihr ganzes Leben lang unterrichtet hatte, und wenn sie gekonnt hätte, hätte sie auch ihren Tod verschwiegen. Ich hatte sie nach nichts gefragt und frage mich nun, warum ich sie so vollständig verpasst habe, sie und ihr Leben, als hätte ich ihre entschlossene Taubstummheit von Anfang an akzeptiert, ihre Rolle und ihren Dienst.“

Eine tiefe Melancholie über all das Verflossene und Vertane trägt diesen Text, eine Melancholie, die gerade durch das Lakonische des Erzähltones sich aufsteigert und das Motiv der Vergeblichkeit hervortreten läßt. Es läßt sich nichts ungeschehen machen. Nur erinnern und in den Zügen nachvollziehend als Text aufschreiben. All diese Texte, in die am Ende des Ganges auch unser Leben geronnen sein wird. Daß das Judentum vor allem eine Schriftreligion ist, die von der Umschrift und dem unendlichen Kommentar der Thora als Text lebt, mag ein Aspekt sein, der der Prosa von Petrowsakja zumindest beispielt, wenngleich im Sinne eines Motivs nicht als tragend sich erweisen mag. Dennoch halte ich dieses Zusammenspiel für nicht unwesentlich. Insbesondere, was den  realistisch erzählenden Ton, der dennoch im Fiktionalen verbleiben muß, und den umschreibenden Charakter dieser „Geschichten“ (wie der Roman untertitelt ist) anbelangt.

Katja Petrowskaja gelingen Passagen von unendlicher Traurigkeit – diesem Ruf des Vergeblichen in der Schrift: So ist es, und es läßt sich nichts mehr ändern, weil ein Leben nun vorüber ist. Dieses eine Leben. In seiner absoluten Singularität. Das dennoch vom Außen so sehr bestimmt wurde und das sich ins Allerprivateste retten möchte, um nichts mehr sehen zu müssen. Dieses Verstummen ist metaphorisch zu nehmen und zugleich psychosomatisch als Bild konstruiert. Ein Moment des Anderen, das entrückt und ins Abseitige der Bewußtseinskammern geschoben wurde. Das, was davor war, die Stellen, wo ein Leben einst noch lebte und sich etwas regte. Zumindest dem Anschein nach, sofern es denn ein richtiges Leben im falschen überhaupt geben mag. Jedoch wird all das im Erzählen wieder eingefangen. Egal ob wahr oder erdichtet – das vermag keiner zu entscheiden.

An diesem Buch bestürzt vor allem der Umstand, daß es uns so direkt und flugs in die Gegenwelt des osteuropäischen Judentums trägt, eine uns unbekannte, versunkene Welt, die heute allenfalls – quasi als Ablaßhandel – aus folkloristischem Flair oder läppischen Klezmerabenden uns bekannt ist und selten nur, als Moment, in Texten und Bildern aufblitzt, angeahnt und häufig in Shoah-Rührseligkeit verkitscht und mit Goldstaub überzogen: Gelber Staub, gelber Stern. Diese Bilder, die in unserem Kopf schwirren. Ja: sobald eine/r Jude sagt, kommen die Bilder von Kleiderbergen und Schuhhaufen, die Bilder der Ermordeten, all diese schreckliche Asche. Die gelben Sterne auf den Schwarzweißphotographien, die wir beim Betrachten in unserem Kopfe unwillkürlich gelb einfärben. Und auch die Erzählerin spielt mit den Stern-Bildern: „Es gab viele Sterne in den Gelben Seiten. Acht volle Seiten mit Gelben Sternen im Telefonbuch.“ Wie kann man davon erzählen, ohne im Schreiben dieses Leid zur Folklore zu degradieren oder zur bloß engagierten Realismusliteratur, die niemals ans Grauen heranzureichen vermag, im Eins-zu-eins-Ton herabzuspulen?

Wir müssen unsere Geschichten und Biographien neu erfinden, sie anders zu lesen wissen, sie in Literatur umpolen, sie umschreiben, wie dies eben Petrowskaja in ihrem Debütroman versucht. „Manchmal ist es gerade die Prise Dichtung, welche die Erinnerung wahrheitsgetreu macht.“ schreibt sie. Wenn unsere Großväter und Väter, wenn unsere Großmütter und Mütter verstorben sind, gibt es niemanden mehr, den wir befragen können. (Ende des zweiten Teils der Besprechung)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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