Familienszenen als Schreibszenen – Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Teil 1)

„Wenn Kain Abel getötet hat und Abel keine Kinder hatte, wer sind dann wir?“
Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther

 Vielleicht_EstherPassend mag es scheinen, diese Buchbesprechung eineinhalb Wochen nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geschrieben zu haben. „Falsch formuliert und falsch datiert!“, werden Sie sagen. „Der Zweite Weltkrieg brach vor 75 Jahren aus.“ Das stimmt sicherlich auf der Ebene der als Historie versteinerten Zeit. Aber wen es in den Sog der Geschichten zieht und treibt, vor allem jedoch, wenn es darum geht, die Biographie einer Familie über mehrerer Generationen hinweg zu erzählen, zu imaginieren oder zu fingieren beziehungsweise sich im Modus des literarischen Schreibens einer Familien-Biographie überhaupt erst zu versichern – samt all der Kindheitsmuster und dem Versuch, einen Vater, einen Opa, eine Oma, eine Großtante zu finden – dann sind diese Ereignisse so nah oder so ferne, wie es die Imago eben erlaubt. Der 1. September liegt dicht bei und ist für die Ereignisse im Osten Europas zentral: als einschneidendes Datum. Im Falle von Katja Petrowskaja erstem Roman bleibt die Geschichte das factum brutum, und dennoch darf dieses pure harte Faktum nicht das letzte Wort behalten: Schreiben heißt – auch in den jungen Jahren – im Modus des Textes vielfach gegen den Tod und das Vergessen anzuarbeiten, das Gerinnen der Zeit aufzuheben: als Erinnern etwas festzuhalten und aufzuheben, das unwiederbringlich verloren geglaubt wurde. Erst im Modus des Begriffs, im Erzählen jedoch gelingt die Visualisierung der Ereignisse, sie werden konkret, im Erzählen erst bringt sich das Leben in eine Anordnung – freilich eine konstellative, die sich immer neu und in immer anderen Umschriften darstellen ließe. Katja Petrowskajas Buchprojekt betreibt dieses Erzählen, wenngleich es ihr weniger um die Umschriften zu tun ist.

„Vielleicht Esther“ ist ein verwirrendes Buch, ein verstörendes Buch geradezu, denn es stößt uns mitten in die Geschichte hinein, taucht hinab ins Vergangene. Nämlich einerseits in unsere eigene, private Familiengeschichte, wenn wir uns fragen: „Wo waren meine Vorfahren zur Zeit des deutschen Faschismus und was machten sie in diesen Jahren?“ Insofern sind diese Familiengeschichten aufgeladen mit jener Geschichte als Geschichtsschreibung, die das Leben des einzelnen außerordentlich bestimmen kann – insbesondere dann, wenn diese Menschen nicht zur approbierten Mehrheit gehören. „Vielleicht Esther“ erzählt als Roman (oder als Tatsachenbericht, wir wissen es nicht), der den Untertitel „Geschichten“ trägt, ebenfalls solche Gegebenheiten, in denen sich private und gesellschaftliche Umstände, Zufall und Notwendigkeit aneinanderbinden.

Katja Petrowskaja schlägt mit versierten Fingern als Autorin das Familienalbum und die Stammbaumtafel auf. In diesem Blick ins Album verbinden sich das Private mit dem Historischen als Text: als Fiktion oder aber als Erinnerungsort. In jedem Fall aber sind Texte dieser Art einerseits Aufb(ew)ahrungsorte, andererseits benötigen wir sie, um uns eines Lebens zu vergewissern, das auch unser eigenes ist. Solch harter Sprung ins Vergangene, der bei Petrowskaja auf dem Berliner Hauptbahnhof mit einem Blick auf die Bombardier-Werbung beginnt – nomen est omen –, irritiert in der glattgebügelten Gegenwart. Eine Reise in den Osten – von Berlin nach Warschau. Das Vergangene ist eben nicht und nie vergangen, wenn wir es genealogisch betrachten, wenn wir uns wieder in die Archive begeben oder uns über die grauen oder brauen, über die vergilbten Photoalben mit den Zwischenblättern beugen, um unsere Herkunft als Bild in den Blick zu nehmen. Beim ersten Betrachten scheinen es zunächst ganz harmlose Photographien von Menschen zu sein. Menschen, die lange schon nicht mehr sind, Verstorbene. Menschen, die von den Alben geborgen werden. Für den wissenden Blick aber sind diese Menschen zugleich mit bestimmten Ortsnamen gezeichnet, die im Hintergrund und noch unsichtbar über den Abgelichteten wie’s Schwert der drohenden Zukunft schweben; Namen, von denen sie bisher nicht wußten, daß sie einst zu ihrem Leben und zu dem, was davon bleibt, gehören würden und die deren Zukunft bestimmen werden, sofern sie nicht rechtzeitig aus Kiew, Lodz oder Warschau in Richtung Osten flüchteten: Auschwitz, Birkenau, Treblinka, Majdanek, die Ghettos, deren Bewohnerinnen und Bewohner nach und nach liquidiert wurden. Von willigen deutschen Vollstreckern samt ihren Helfern. Von unseren Vorfahren.

Doch unter dieser Optik des Todes gerät zunehmend die Tatsache in Vergessenheit, daß es ebenfalls eine Welt vor der Shoah gab: als Warschau noch unzerstört war, als das Ghetto noch kein Ghetto war, eine Welt, in der das Ghetto Stetl hieß, eine Welt der vielfältigen jüdischen Kultur Osteuropas, allerdings auch mitsamt der Progrome in Rußland: von der Ausgrenzung und der Armut bis hin zum Willen, das Ghetto zu verlassen. Auch das ist dieses Buch: Der Konjunktiv des „Was wäre, wenn …“

Beuys
Wer von jener versunkenen Welt des Judentums in Europa lesen möchte, sei auf Barbara Beuys‘ Buch „Heimat und Hölle. Jüdisches Leben in Europa durch zwei Jahrtausende“ verweisen. Aber auch „Vielleicht Esther“ erzählt – rhapsodierend freilich und in umkreisenden Suchbewegungen – von dieser Welt, versucht eine Familiengenealogie in die Schrift zu bringen. Von den Verwandten in Warschau oder aber in Kiew, jener Frau, mit einem Namen, mit keinem Namen, mit dem Niemandsnamen, vielleicht Esther, Mutmaßungen über eine Biographie, von den Großeltern, den Großonkeln und -tanten. Manches läßt sich erzählen, weil es familiär in den Geschichten und Schwänken überliefert ist – unabhängig freilich vom Wahrheitsgehalt – anderes bleibt im Dunkeln oder beruht auf Legenden und gesponnenem Familiengarn. Aber auch diese Varianten sind in ihrer Weise Erzählungen, die mit dazugehören. Das allerdings tangiert damit auch die Wahrheitsfrage des Erzählens. Wie war es wirklich? Und was ist dieses „wirklich“?

„Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche.“ Aber diese Angelegenheit zwischen Geschichte und Geschichten erweist sich im Gang des Schreibens als deutlich schwieriger. Das autopoietische Verfahren, die Frage, wie sich ein Text generiert, deutet es an: beim einfachen Nacherzählen, das vom biographischen Material und von den Bildern ausgeht, kann es nicht bleiben. Und so schwingt in diesem Roman zugleich die Reflexion aufs Erzählen als Subtext mit, auf den Plan als Vorlauf zum Thema. Doch dabei spreizt sich diese Geschichte auseinander, weist auf Komplizierteres. Petrowskaja verfährt in ihrem Erzählen zwar hochkonventionell, aber gerade darin, daß sie die Konventionen so strikt befolgt, gerät das Erzählkonzept in die Schwebe. Handelt es sich um ein biographisches Dokument, das literarisch aufgearbeitet oder leicht verfremdet wird, wie wir es etwas bei von Walter Kempowskis „Deutscher Chronik“ her kennen, oder ist es pure Literatur und das heißt dann: nichts als Fiktionalisierung? Wie verhält es sich mit dem Umstand, daß der Text – dem ersten Anschein nach – nicht einmal mehr zwischen der Autorin und der erzählenden Person trennt, beides – scheinbar zumindest – in eins setzt. Ob dieses Ineinanderfließen mit Intention geschieht oder nicht, bleibt dabei ganz und gar zweitrangig. Denn allein der Text selber samt seiner Form, seinem Bau, seine Konstruktion trägt diese Geschichte. Auch dieser Zug des falschen oder des richtigen Namens als Autor und/oder als Protagonist ist das Zeichen modernen Erzählens. Prominentestes Beispiel dürfte sicherlich jener „Marcel“ in Proust „Recherche“ sein. Wobei allerdings dieser Name als Identifikationsmodus nur ein einziges Mal in diesem Werk genannt wird. (Finden Sie die Stelle, liebe Leserinnen und Leser!)

In einem entfernten Sinne ist „Vielleicht Esther“ ebenso ein Buch über die Photographie bzw. die Dokumentation des eigentlich nicht-dokumentierbaren Grauens und ließe sich mit Helmut Lethens „Der Schatten des Fotografen“ in Kombination lesen. (Insbesondere aufgrund dieses Motivs des Schattens, der – von außen gleichsam; als der des Fotografen? – ins Bild fällt und zwei ganz und gar unterschiedliche Ordnungen markiert: „Auf eines der Dias fällt auf das gemusterte Kleid eines jüdischen Mädchens ein Schatten. Der Schatten des Fotografen?!“) Auch aufgrund ihrer Subjektivierungsweisen berühren sich beide Bücher. Ich will dabei nicht verhehlen, daß mir dieser Blick an vielen Stellen mißfällt, weil er sich in den Regungen suhlt, was per se nicht schlimm ist, solange man irgendwann darüber hinaus gelangt. Bei Lethen mehr noch als bei Petrowskaja, der in gewissem Sinne einen Antiakademismus kultiviert und damit eben auf diesen bezogen bleibt und dessen Bahnen bloß fortschreibt. Wir kommen nicht los von einer bestimmten Form von verhängnisvoller Subjektivität. Petrowskaja zumindest meistert den Bann in der Form des Erzählens.  Denn Erzählen heißt immer: „nicht ich“, „Nicht-Ich“ zu sagen. Ob gewollt oder ungewollt. (Ins Detail geht es dann im zweiten Part der Besprechung.)

Und weiterhin in
Teil 3
Teil 4

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Familienszenen als Schreibszenen – Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Teil 1)

  1. holio schreibt:

    Eva Rechel-Mertens auf S. 97 der Gefangenen I: „Sie fand die Sprache wieder, sie sagte: ‚Mein‘ oder ‚mein lieber‘, jeweils gefolgt von meinem Taufnamen, was, wenn man dem Erzähler den selben Vornamen verliehe, den der Verfasser des Buches trägt, ergeben hätte: ‚Mein Marcel‘ oder ‚Marcel, Liebling‘.

    Und auf S. 208 desselben Bands: „Dies Gefühl nahm noch zu, als ein Radler kam und mir, damit ich mich gedulde, ein Wort von ihr überbrachte, das in den netten Wendungen abgefaßt war, auf die sie sich so gut verstand: ‚Marcel, mein lieber Marcel, ich komme nicht so schnell zu Dir wie dieser Bote, dessen Rad ich gern genommen hätte, um desto eher bei Dir zu sein.'“

  2. Bersarin schreibt:

    Großartig! Vielen Dank für diese Belege! Es erspart mir unendliches Suchen und Lesen.

    Schön auch diese Sentenz: „… ein Wort von ihr überbrachte, das in den netten Wendungen abgefaßt war, auf die sie sich so gut verstand …“ Wozu mir der Schlager „Die Maschen der Mädchen“ einfällt. Als Kind dachte ich beim Hören immer an Strickmaschen. Irgendwann aber merkte ich, daß doch wohl anderes gemeint sein müsse.

  3. juttareichelt schreibt:

    Vielen Dank für diese beiden klugen, anregenden Beiträge zu „Vielleicht Esther“!

  4. Bersarin schreibt:

    Es folgt Ende der Woche noch ein dritter, abschließender Teil. Danke für Dein Lob.

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