Hart gesotten und gebraten – Daily Diary (114)

Gürtelreifen war das Lieblingswort des Kindes, weil es fremd klang. Gefolgt von Gürtelrose als schrecklicher Krankheit, von der die Eltern erzählten, die seltsame Frau Krotschek habe sie gehabt und sei daran mit Qual in ihrer Einraumwohnung verstorben – einer Wohnung, die ein Zimmer war, wo Küche und Wohnzimmer eins waren. Ich stellte mir die Krankheit wie eine knallige Rötung vor, die vom Schlag eines Gürtels hervorgerufen wurde, der Striemen auf die Haut und wenn es gut kommt sogar in die Haut schlägt. Ich mochte es, wenn ich vom Nachbarskind diese wunden Stellen und die grell verfärbte Haut sah, als er sein enges T-Shirt über seinem schmalen Kindskörper hochhob. Ich beneidete den Jungen um die Male, die nicht die meinen waren. Ehrenmale.

Auch der Name des Gürteltiers oder aber ebenso dieses selber, aus einer fremden Welt stammend, reizte als gepanzertes Fabelungetüm die Vorstellungswelt des Kindes an. In einem Album mit Klebebildern von Zootieren war solch ein Wesen dann auf glänzendem Papier abgebildet. Ich liebte dieses Album, streichelte weniger die Tiere als das Material des Bildes, die glatte Oberfläche des glänzenden Bilderdruckpapieres. Ich vermutete darunter die Tiere, aber ich wußte doch, daß sie woanders waren, was mich beruhigte. Als Dreijähriger war ich in einer Landschaft nahe einer kleinen Stadt im Irgendwo einem Wolf ausgesetzt, dem ich meine Pfote entgegenhielt, als er aus dem Rudel gestoßen anstreifte, an einem Platz, wo dieses graue Tier nicht hätte sein sollen. Es gab viel Geschrei in einer Sprache, die mir fremd war. In der Weite des großen Landes kam sowas manchmal, wenngleich selten vor. Kalt war es, es kam der Sommer und einmal glitt meine Hand, die Hand ins Maul des Polizeihundes. Schockstarre des Vaters. Harter Blick des Polizeimannes. Der belgische Schäferhund ließ es gutmütig oder gleichgültig zu. „Der Hund beißt erst dann und genau dann und geht den Menschen an, wenn ich es sage. Nicht eine Sekunde früher!“ In dem Geschäft mit Tiernahrung, den widerlichen Goldhamstern, den scheußlichen Katzen, den Vögeln und Meerschweinchen roch es nach angepißten Sägespännen, Heu und Tierduft. Vielleicht war es jedoch der Verkäufer, der so stank, dachte ich. Aber beim nächsten Geschäft mit Tierbedarf roch es nicht anders. Später dann im Westen waren es gegrillte Hähnchen vom Wienerwald. Die waren zwar verboten. Aber nicht schlecht. Sie weckten das heimliche Begehren des Kindes. „Heute bleibt die Küche kalt …“ Und so weiter. Die krosse, spritzige Haut, in der Hitze glänzend vor Fett, die knusprige Hülle im Licht des Grills. Grill Royale, in den Kinderaugen. Das alles spiegelt sich in Schaufensterscheiben.
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Hart gesotten und gebraten – Daily Diary (114)

  1. zeilentiger schreibt:

    Und wie das Gürteltier die Vorstellungskraft des Kindes reizte: Es war der erschreckende Protagonist meines ersten erinnerten Alptraums.

  2. Bersarin schreibt:

    Es ist, so vermute ich, diese eigentümliche, dem in Europa aufwachsenden Kind fremde Form, die fasziniert oder auch gruseln kann; vielleicht auch der Wandel der Gestalt.

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