Photographie und Literatur (1) – am Beispiel von Esther Kinsky

Inwiefern Literatur und Photographie zusammenspielen, läßt sich in verschiedenen Positionen ausmachen. Zunächst direkt vom Gesichtspunkt der Technik her: Wie hat das seinerzeit neue Medium der Photographie die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts in ihrer Erzählweise beeinflußt und inwiefern trug es dazu bei, daß sich vermittels dieses (Wahrnehmungs-) und (Aneignungs-)Mediums bestimmte Bilder und Erzählweisen innerhalb der Literatur generierten? Als Beispiel mögen die photographisch erzählten Szenen, wie etwa die Schlußbilder im „Prozeß“ dienen oder aber Kafkas eingefrorenen Träume, wenn in der Partizipialkonstruktion des Satzes die Szene ins Bild gebannt wird. Ähnliches gilt, wenngleich formal anders konstruiert, für Proust „Recherche“, in der auch im Text selber Photographien eine zentrale Rolle spielen.

Ebenso kann man sich jene Werke betrachten, die Photographien einsetzten, um dem Medium des Textes einen Bildtext hinzuzufügen. Das geschah etwa bei Rolf Dieter Brinkmann. In seinem Gedichtband „Westwärts 1 & 2“ sind Photographien voran- und nachgestellt, die diese großartigen Gedichte rahmen, in „Rom, Blicke“ und anderen seiner Reflexions- und Assoziationsbücher erweitert er den Text durch verschiedene Arten von Bildern: Photographien, Eintrittskarte, Postkarten, Pornobilder, Zeitungsbilder: was sein Fundus hergibt und was von ihm als Objet trouvé im Lauf seiner aufs Bild fixierten Lektüren aufgelesen wurde, um Szenerien zu beglaubigen. In anderer Weise wieder beschäftigt sich der ungarische Schriftsteller Péter Nádas mit der Photographie. Schreiben und photographieren sind verschiedene Akte des Aufnehmens von Wirklichkeit, von Dinglichkeit, von Leben und dessen Szenen. Ebenso bestimmen in Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ Photographien die literarische Dokumentation, die den Blick ins Familienalbum aufschlägt und erzählt. (Eine Besprechung des Buches folgt demnächst.) Bei Petrowskajas dienen die gezeigten Bilder als Beglaubigung eines literarischen Textes, der die Grenzen zwischen dokumentiertem Leben und literarisch erzähltem Leben verschiebt. Erzählen ist bekanntlich immer auch visualisieren. Der Topos von den „inneren Bildern“ dürfte geläufig sein.

Mir geht es aber – im Augenblick zumindest – weniger um die Verbindungen, die sich im Sinne einer von der Kunsttheorie und der Ästhetik her motivierten Annäherungsweise an den Medientransfer, an deren Kombination oder in deren Ergänzung, Aufsteigerung bzw. in deren Konfrontation einstellen, sondern um einen Reflexionstopos, den Esther Kinsky in ihrem Ende August erschienenen Roman „Am Fluß“ entwickelte. (Auch hier folgt demnächst eine Besprechung.)

Interessant scheint mir insbesondere die Weise zu sein, wie Esther Kinsky sich im literarischen Text des Mediums Photographie bedient. Bereits in ihrem Gedichtband „Naturschutzgebiet“ baute sie Photographien ein; das Buch trägt zudem den Untertitel „Gedichte und Fotografien“. Wer freilich meint, zu den lyrischen Passagen, die den Aufenthalt und die Wahrnehmung von Natur thematisieren und die Naturbilder evozieren, gesellten sich irgendwie lyrisch gestimmte Photographien, die den Ansprüchen der Photographieästhetik in irgend einer Weise entgegenkämen, der wird schnell enttäuscht: Die von Esther Kinsky eingesetzten Bilder sind ganz und gar unkünstlerisch und im strengen Sinne sogar als schlecht zu bezeichnen. Zufallsfotografien. Sie zeigen im Grunde das, was das Auge sieht. Sie verfremden nicht, sie verdichten oder transformieren nichts, sondern sie schauen so aus, wie von jemandem, der Photos macht, um die Beschaffenheit eines Platzes, eines Ortes samt den darauf sich befindlichen Bau- und Naturelementen festzuhalten.

Auch geben die Bilder keinen Raum, um – wie es in dummdeutscher Kitschmanier so schön heißt – in den Bildern versinken und sich dann suhlen zu können, wie’s kleine Schweinchen. Dazu sind die im Gedichtband angeordneten Fotos viel zu winzig und zu unspektakulär. Das ist gar nicht einmal als Kritik an den Fotografien gemeint (im Gegenteil), denn sie möchten genau das gar nicht sein: ästhetisch aufgeladen, indem sie mehr sein wollen als bloßes Abbild einer Welt. Allenfalls bestechen sie durch ihren seriellen Charakter – womit wir beim Gehalt und der Funktion dieser Bilder im Text angelangt sind. Denn diese Photographien strukturieren den lyrischen Text und geben ihm einen Resonanzraum. Sie spiegeln den Text, weil sie das zeigen, was das Auge des lyrischen Ichs – möglicherweise – wahrnimmt. Sie sind insofern nicht nur Dokumente eines Textes (oder eines Spaziergangs), sondern sie erweitern diese Lyrik und stehen in Korrespondenz zum lyrischen Text, weil sie auf eine Weise von Wahrnehmung deuten, die das Lyrische spezifiziert. Es dürfte kaum ein Zufall sein, daß der gesamte Teil III des Bandes nur aus Photographien besteht. Dem Text geht es um die Wahrnehmung einer Landschaft – „Naturschutzgebiet“ in einem mehrfachen Wortsinn –, und zwar vermittels Sprache und zugleich im Hinblick auf (die Leistung) einer Sprache, die es immer schon mit Bildern zu tun hat. Inneren wie äußeren. Dieser Blick auf Natur – sei es der des lyrischen Ichs oder der unsere – ist mehrfach durch Bilder bestimmt. Solche, die wir in den kulturellen Präformationen von der Natur in uns tragen und auf sie projizieren und solche Bilder, die wir von der Natur als einzigartigem Raum freier Wahrnehmung in ihren wunderbaren Momenten von ihr empfangen. Auch hier mag der Topos von der Intension der Intentionslosigkeit zutreffen.

In anderer Weise, und doch thematisch verbunden, fällt die Funktion der Photographie in Kinsky Roman „Am Fluß“ aus. Die Foto-Kamera des erzählenden Ichs dient der Vergewisserung des Raums. Dieses Ich photographiert im Erlenhain, einer Landschaft an einem Fluß bei London, „unvereinbare Dinge“. „Ansichten die ich behalten wollte, Zufälliges, das sich auftat oder unversehens in den Blick schob.“ Was ist die Funktion oder aber der Sinn einer solchen Art von Photographie, die man vielleicht mit dem Ausdruck der poetischen Dokumentation umschreiben könnte? Diese Weise, wie Photographie als Medium benutzt wird und wie sie zugleich den Text selber trägt, hängt – ähnlich wie in „Naturschutzgebiete“ – mit dem zusammen, was der Roman in die Darstellung bringen möchte: Er eröffnet einen Erfahrungsraum von Landschaft, insbesondere der Flußlandschaft, eine Landschaft, die sich als eine des Inneren erweisen könnte, aber ebenso in ihrer Natur- und Dinghaftigkeit für sich und zugleich für den Blick der Betrachterin bzw. des Betrachters steht; es wird sich der Wasserregionen, der Auen, dem, was abseits liegt, vergewissert. Die Wahrnehmung des erzählenden Ichs ist von einer hohen Intensität getragen. Diese Poetisierung reicht von der Gegenwart in London bis zu den biographischen Rückblicken auf die Kindheit am Rhein. Ich stecke noch am Beginn der Lektüre und wie ich sehe, erschien gestern in der „Zeit“ eine Besprechung zu dem Buch. Zudem ist „Am Fluß“ für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Das erzählende Ich streift mit einer Polaroidkamera durch diese Landschaft, und es tun sich dabei zwei Aspekte auf: Der des unmittelbar wahrnehmenden Auges und der des Bildes, in das die Welt mittels eines Apparates gebannt wird. Mit dieser Visualisierung von Welt verbindet sich der Aspekt des Apparates, der das, was das Auge wahrnimmt, aufs mit Chemie beschichtete Papier bringt; und als Gegenpol die Welt einer Natur, die dinghaft und in ihrem So-Sein vor dem erzählenden, spazierenden Ich liegt. Aber sie liegt eben – und das ist die Crux – nicht einfach so da, sondern ist bereits vielfach durch die Wahrnehmung strukturiert. Wie sehen wir die Welt? (Dazu passend scheint mir die Photographie von einem blinden Mädchen, die zu Beginn des Buches positioniert ist und das Erzählen eröffnet. Unserem Nichtsehen das Sehen zu eröffnen? Aber es wird sich diese anfänglich positionierte Photographie im Gang der dekonstruktiven oder auch hermeneutischen Lektüre sicherlich weiter erschließen oder sich ihr verborgener Ort ausmachen und sichtbar machen lassen. Sei es auch nur, daß diese Verortung mit Unsichtbarkeiten zu tun hat.)

Was macht für manche Menschen den Reiz aus, die Szenen, Objekte, Dinge, Lebewesen, die sie beim Spazieren oder Flanieren wahrnehmen, zugleich zu photographieren und damit in einer bestimmten Weise magisch im Bild zu bannen? Weshalb photographieren mache wie besessen, wenn sie durch ein Gebiet streifen – egal ob Natur- oder Stadtraum? Dieser Frage geht der Roman allerdings nur indirekt nach. Vielmehr wirkt die Photographie in dieser Konstellation – so vermute ich – als Wahrnehmungsverstärkter, als Medium der Intensitätssteigerung, und sie spielt vor allem in den Prozessen des Poetisierens eine Rolle. Es dürfte kein Zufall sein, daß Esther Kinsky in ihren Büchern mit Photographien arbeitet. Poetisierung und Visualisierung stehen in einem Verhältnis. Kinksy lotet dieses Verhältnis aus.

 „Diese Bruchstücke von Bildern erschreckten mich gelegentlich, als seien sie Zeugnis einer Gewalteinwirkung. Sie hatten nichts mit meinen Gängen am Niemandsufer des River Lea zu tun, trotzdem betrachtete ich sie immer wieder, als berge diese Entlarvung des auf Zersetzung beruhenden Vorgangs der Bildwerdung einen Hinweis, der etwas vom Geheimnis der Beziehung zwischen Bildaufnahme und Erinnerung aufdecken könnte. Doch nur die unversehrten Bilder stellte ich auf den Umzugskisten und Möbelstücken auf und betrachtete sie oft und lange, bis sie zu einer Geschichte wurden.“

 Dies freilich ist kein poetologisches Konzept, wie zu literarisieren und die Welt erst in ein Bild und dann in einen Text zu verwandeln sei, sondern es ist zunächst die Rede der Protagonistin dieses Romans, die von einer starken Empfindungsfähigkeit getragen wird. Der Text und in diesem Falle ebenfalls das Text-Ich erzeugen erzählerisch eine Analogie zwischen Wahrnehmung, Aufnahme und Erinnerung. In solcher Betrachtung wohnt insbesondere der beschädigten, bruchstückhaften Photographie einerseits eine eindringende Gewalt inne – sie beschädigen eben das, was in einer Landschaft intensiv erlebt und gesehen wurde – andererseits üben diese Bilder einen Reiz aus: das Geheimnis von Bildaufnahme und Erinnerung wird sichtbar, und zwar insbesondere über diese Beschädigung der Photographien, die daher rührt, daß sie nach dem Entwicklungsprozeß in der Jackentasche getragen wurden, und so löste sich manchmal die noch feuchte Folie ab, bleibt am Futter der Jacke haften. Es entstehen in diesem Prozeß von Photographieren, Entwickeln, Gehen beschädigte und fragmentierte Bilder; wie in der Erinnerung, wo die Wahrnehmung sich zergliedert, vom Bewußtsein (oder vom Unterbewußtsein) in Stück geschnitten, unvollständig wird oder wenn diese Erinnerung nur das behält, was behalten werden will. Doch allein die unbeschädigten Photographien taugen dazu, in der Wohnung aufgestellt zu werden, wo sie dann in ihrer mehr oder weniger intensiven Betrachtung zu einer Geschichte werden. Mittels der Photographien ereignet sich die Poetisierung.

Was ist der Sinn dieses flanierend-photographierenden Gehens durch eine Landschaft und worauf weisen diese intensiven aisthetischen Momente in diesem Roman? Fragen, die mich insbesondere als Photograph und als dialektischer Phänomenologe reizen. Was geschieht in diesen Photographier-Szenen, die das Ich des Romans beschreibt? Dazu mehr im zweiten Teil der Lektüre. [Man sollte einen Roman nicht aus seinem Lesefluß heraus besprechen – wie passend für ein Buch mit dem Titel „Am Fluß“ –, weil man dabei womöglich nur Stückwerk zu greifen bekommt und sich in seinem unmittelbaren Blick auf die einzelne Textstelle verheddert. Doch in diesem Falle denke ich, daß ein (vermeintlicher) Nebenaspekt wie der der Photographie sehr wohl als poetologisches Konzept sich erweisen könnte. Insbesondere in einem Roman, der Wahrnehmungsweise und Intensitäten beschreibt und in einer autopoietischen Weise zum Thema macht. Autopoiesis der Prosa.]

005347.bigEsther Kinsky, Am Fluß, Ende August im großartigen Verlag Matthes & Seitz erschienen, 22,90 EUR

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Photographie und Literatur (1) – am Beispiel von Esther Kinsky

  1. holio schreibt:

    Nicht zu vergessen die Fotos, die Menschen zeigen, über die sich auf Facebook Eliona Surroi und Senthil Rajasingham in Senthuran Varatharajahs Bachmannpreistext unterhalten.

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für diesen Hinweis, der mich daran erinnert, Senthuran Varatharajahs Text zu lesen. Er liegt bereits in exponierten Ort auf dem Rechner, damit ich es nicht vergesse. Doch ich übersehe es dann vor lauter eigenen Texten trotzdem. Aber gerade das, was in der Literatur neu kommt und vielversprechend scheint, muß gelesen, muß besprochen, muß als Autorin oder Autor in die Welt gebracht werden. Da es in diesem Text um Photographien geht, lese ich ihn also demnächst.

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