Bis zum Pamukkale-Brunnen kamen wir nicht. Gentrifiziert endlich Kreuzberg! Restlos. Und Neukölln!

OK, der Titel des Beitrags ist drastisch. Aber das zieht immerhin Leserschaft. Vielleicht noch was mit Suff rein: ich war eine Woche lang saufen, vielleicht ein paar Penis-Vagina-Schamanen, die durchs geschriebene Bild streifen, vielleicht ein paar Fotografien, die mit Filterkleistertand zugesoßt sind, vielleicht sollte ich über den Blogtitel einfach abstimmen lassen, so wie eine Bloggerin über den Titel ihres zukünftigen Romans (es gibt nichts, das nicht zu blöd ist, und der Blödeste macht es dann irgendwann tatsächlich; wer den Titel seines Romans aus der Hand gibt, sollte gleichzeitig auch sein Schreibwerkzeug unter die Leute verteilen, damit kein weiteres Unheil entsteht), vielleicht schreibe ich ein Rilke-Gedicht, das geht auch:

Herr, es ist an der Zeit.
Die Koffer zu packen, denn die Sonne steht hoch
Und der Mietenspiegel steigt. Ungemindert.
Denn dornig dünken die Wege.
Modrig zieht ein Duft über Stege.
Stege und Stiegen – in den Armen wir wiegen,
Als wir auf der Schönhauser um die Ecken uns biegen.

Doch es steigt ein Baum, oh reine Übersteigung!
Und neigt der Tag auch, reine Überneigung!
Ein Engel verspricht
Auf der Straße erbricht
Ein Hund seine Überzeugung

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
Damals mit BHW war‘s freilich nicht schwer.
Wer jetzt an der Leine liegt, wird es wohl bleiben
Und in Kreuzberg des nachts schwanzlang im Kit Kat sich reiben
und morgens in der Köpenicker hin und her
Trunken schlendern, wenn die Schwalben es treiben

Soviel Rilkesound für Aus- und Eingelassene.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch stehe dem Phänomen, das mit dem Begriff „Gentrifizierung“ überschrieben wird, gespalten gegenüber: Es gibt Veränderungen, die ich nicht für völlig falsch halte. Stadtviertel schöner, angenehmer, lebenswerter zu gestalten, ist die eine Seite; die andere ist es, drastisch die Mieten zu verteuern und Menschen aus ihren Vierteln zu vertreiben. Bekanntlich jedoch ist, ganz poetisch von Rilke gestimmt, wie ich es noch bin, das Schöne der Anfang des Schrecklichen. Aber auch die, die heute gegen die Gentrifizierung klagen, sind deren Profiteure. Denn wer hat wohl damals in den 80ern in den schönen Kreuzberger oder Friedrichshainer Altbauten gewohnt? Die, die heute darin ihr Leben führen, sicherlich nicht. Stadtviertel unterliegen Wandlungen. Das ist nicht immer gut. Hätte man bereits nach der Wende dagegen etwas getan, wohnten ab den späten 90ern die, die heute in ihren Wohnungen leben, nicht dort, sondern die Bewohner der Viertel. Türken, Kurden, Arbeiter, Alte und Arme. Das war mal so, in Berlin, Ecke Boxhagener oder in der Wrangelstraße. Ich weiß mir da keinen großen Rat. Kann nur kunstgewerblich mit Rilke rufen: Armut ist ein großer Glanz aus Innen. Auch wenn eine/r in Marzahn oder Lankwitz lebt, es glänzt der Mensch.

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Wir haben es an einem Sonntag getan: Nach einem Spaziergang durchs herrlichste Berlin-Mitte, meinen Lieblingsorten dort: dem feinen Zionskirchplatz mit der schönen Kirche, die dem Platz ihren Namen gab, dem Arkonaplatz mit seinem kleinen beschaulichen Flohmarkt, ging es in den Prenzlauer Berg, und dann mit dem Auto weiter: nach Kreuzberg. Zunächst aber zog es uns in die Stille des herrlichen Zionskirchplatzes, hinein in die Kirche. Wir waren fast allein dort. Die Mauern verfallen, von den Säulen und Wänden bröckelt der Putz. (Das rilket schon wieder so mächtig im Gebälk.) Alles ist in einer ansprechenden Weise schlicht gehalten. Man könnte meinen, daß solche Kirchen zum Gottesdienst leer sind, aber gegen zehn Uhr am Sonntag ist die Kirche rappelvoll. Es strömen die Menschen wie zu Fausts Osterspaziergang. Wir kamen später, wir schlendern durch die Swinemünder Straße direkt auf den Arkonaplatz zu, besuchen den kleinen Flohmarkt, entdecken, schauen. Dann weiter Schwedter Straße, vorbei an dem eigenartigen Gebäudekomplex Marthashof, der wie ein abzirkelter Bereich zwischen den übrigen Häusern sich zwängt. Manche sagen Gated Community dazu. Wir streifen den Mauerpark, auf zwölf Uhr vor uns. Kurz durch die Oderberger Straße, hinein in ein oder zwei Modegeschäfte, in die Auslagen schauen und dann die Kastanienallee entlang. Touristenströme mag mancher denken. Mag sein. Trotzdem ist der Prenzlauer Berg ein angenehmes Viertel. Anders als Kreuzberg strukturiert. Kreuzberg ist gut zum Ausgehen, zum Flanieren, Photographieren; interessante Clubs und Kneipen dort, zum Wohnen jedoch ist es für jeden Menschen mit Sinn für die ruhigen Dinge schwierig auszuhalten. Nebenstraßen ohne Bäume ziehen sich durchs Viertel. Kennzeichen der armen Gebiete. Was brauchen die auch Bäume?
 
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Wer in angenehmer Atmosphäre in Kreuzberg etwas zu sich nehmen will, der begebe sich ins „3 Schwestern“ am Mariannenplatz. So taten wir es. Im lauschigen Garten läßt es sich gut speisen, wenn die Augustwespen nicht wären. Ich muß allerdings gestehen, daß ich die hausgemachten Kuchen langweilig finde. Sie schmecken nicht schlecht, wirken aber auch nicht wirklich pfiffig zubereitet. Anders als die Speisen der Abendkarte. Wer also abends kommt, ist besser bedient. Wer gerne die Österreichische Küche mag und das zu ausgesprochen günstigen Preisen, der gehe ins „No Kangaroo“, Muskauer Straße, und wer Cocktails trinken will, der treidle nach kurzem Vorglühen zu Hause oder anderswo in die „Schwarze Traube“ in der Wrangelstraße. Es ist dies eine Bar der besonderen Art, wo die Cocktails nicht von der Stange und à la carte bestellt werden, sondern der Barkeeper fragt, wonach einem gelüstet und in welche Trinkrichtung es gehen soll. Eher Gin? Lieber Whisky? Oder Rum? Aroma eher Lakritze oder Thymian? Dann schlägt die Servicekraft eine Mischung vor, die nach einiger Zeit prompt und von freundlichem Personal serviert wird. (Ja, ich mag es, wenn Barkeeper und Personal freundlich, aber bestimmt sind und ich verabscheue von Kellnern rotznäsiges Cooltun.) In der „Schwarzen Traube“ werden Getränke gereicht, wie sie Freude bereiten. Es zeigt also die Aufwertung eines Viertels gastronomisch angenehme Wirkung, ohne daß sich sogleich von einer Yuppisierung sprechen läßt.

Nachdem wir im „3 Schwestern“ unseren Kaffee getrunken und bezahlt hatten, beschlossen wir, durchs Viertel zu spazieren. Gewandelt hatte sich zum Glück viel, wenngleich das Kottbusser Tor immer noch so grauenvoll ausschaut wie vor zehn Jahren. Insofern wäre der Name Kotbusser Tor passend. Don Alphonsos Polemiken gegen Berlin sind nicht von der Hand zu weisen, andererseits gehört das alles mit dazu, und als Bewohner eines anderen Kiezes oder als Tourist ist ein Besuch spaßig und hat Vergnügungsfaktor, wenn ich nur weiß: ich gelange nach ein oder zwei Stunden wieder in mein beschauliches, ruhiges, manche sagen auch langweiliges Viertel zurück. Punkrock ist vorbei, when the music is over, Endspiel, letztes Lied, dann gibt die Jukebox Ruhe. „Versuch über die Jukebox“: Original Wurlitzer, Retro-Sound im Vierteltakt. „Aber hier leben? Nein danke!“ Sicherlich ist das heutige Kreuzberg nicht mehr das von früher, und vom Satz aus „Ideals“ Berlinhymne blieb nicht mehr viel übrig: „Oranienstraße, hier lebt der Koran, da hinten fängt die Mauer an, Mariannenplatz rot verschrien …“.

Nach einem Zug durch die Straßen gingen wir in den Görlitzer Park: grün dachte wir. Ich mag das ja im Grunde, wenn sich etwas anstaut. Ich sehe die Einsatzwagen, sehe die Bullen in Zivil. Einige kenne ich. Ich bin ein Teil des Teils vom Teil. Wenn auf einer Demo eine Situation eskaliert, wenn es kurz davor steht: daß es kracht, platzt, ausbricht, dann steigt mein Adrenalin. „Helm auf, Helm auf!“ gehen die Rufe, „Der ganze Zug nach vorne und die Straße dicht machen!“ Funkgeräte knistern, Blaulicht, Martinshorn: „Ganz Berlin haßt die Polizei!“ Knallen von Feuerwerk. Arschloch. Auch ich jetzt. Helm auf. Kreuzbergsound? Nein. Das ist überall. Adrenalin. Erinnerungsfetzen von früher her geweht. Wir passieren den Eingang zum Görlitzer Park von der Skalitzer Straße her. Brachland, das den Namen Park kaum verdient. (Ich kommentierte das hier und weiter oben.) In der Nähe dieser kargen Flächen befindet sich die Muskauer Straße. Der Dandy und Parkgestalter Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau fiele entsetzt vom herrscherlichen Fürstenstuhl oder stürbe vor Scham noch einmal den Tod des Ästhetikers, wenn er erführe, daß in der Nähe dieses Geländes eine Straße nach ihm benannt wurde. Wer je im Park Babelsberg sich aufhielt, kann eine Idee davon bekommen, wie Natur und Kunst in einer Parklandschaft verschmelzen können, wie Blickachsen gesetzt werden, wie Wege verschlängelt durch einen Raum aus gestalteter Natur sich ziehen, wie Gebäude und Natur einander im Wechselspiel der Blicke begegnen. (Jetzt rilkets wieder, klingts im Ohr, ein hohler Ton: Mach den Ofen heiß! Aber recht hab ich doch!)

Das Miteinander von Menschen im öffentlichen Raum gestaltet sich nicht immer einfach und mitunter schwierig. Die einen wollen grillen, die anderen chillen und dritte wieder in einer angenehmen Atmosphäre verweilen. Dieses Beieinander der Verschiedenen hat zugleich etwas mit Rücksicht zu tun. Diese vermisse ich in diesem Park, ansonsten kann ich mir den hingeworfenen Müll und die verhackstückten Wiesen mit ihren Grasgrabnarben nicht erklären. Dafür mag es gute Gründe geben, Verwahrlosung mag in bestimmten gesellschaftlichen Aspekten seine Ursache haben. Wie ein geselliges und doch von bestimmten Konventionen getragenes Miteinander des Verschiedenen sich gestalten kann, dafür findet sich in Goethes Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ ein interessantes Beispiel. Daß solche Formen gelingender Kommunikation und dessen, was bei Adorno Takt heißt, heute nicht mehr in dieser Weise möglich sind, liegt auf der Hand. Daß in solchen Gefilden ein Charakter sich naturgemäß nicht entfalten kann, ebenfalls.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Bis zum Pamukkale-Brunnen kamen wir nicht. Gentrifiziert endlich Kreuzberg! Restlos. Und Neukölln!

  1. zeilentiger schreibt:

    Wortmacht, Haltung, schmerzhafte Fotos. Und dazu auch noch informativ. Das nenne ich einen Wurf: Was für ein gewalttätig-eleganter Spaziergang!

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank fürs Lob. Hätte ich noch etwas mehr Zeit mir genommen, brächte ich ins Gedicht ein wenig mehr Schliff. Am Text gäbe es nur wenig zu glätten oder zu verändern. Ein paar Details schriebe ich anders.

    Vor allem kommt es mir auf die Eleganz an.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Auch von mir Lob – für Form und Inhalt. Schieres Versandeln eines Parks als Ausdruck fortschrittlicher, politischer Gestaltung zu verstehen ist mir nie eingängig gewesen. Schrecklich die Reaktionsreflexe: Wen das stört, ist halt ein Ordnungsfaschist.

  4. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank fürs Lob. Ja: schlimmer als dieser Park sind die Reaktionen darauf, wenn einer möchte, daß Orte, an denen Menschen leben müssen und in der sich eine Vielzahl Menschen, die das Bedürfnis nach Erholung, Grün, was auch immer haben, nicht aussehen wie das Schlachtfeld von Verdun. Es herrscht in bestimmten Kreisen der Linken (nicht überall zum Glück) eine ungeheure Geringschätzung für ästhetisch ansprechende Dinge. Das trennt mich – unter anderem – vom Linkssein. Schließlich gibt es nicht nur den Tauschwert, sondern auch einen Gebrauchswertes. An der Gentrifizierung sind nicht die Bewohner der Viertel, die Schönheit von Häusern und Parks schuld, sondern gesellschaftliche Umstände und Gesetze erzeugen jene.

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