Die Logiken der Sammlung – All das köstliche Krebsfleisch!

Ich betrete das Museum für Völkerkunde in Dahlem, schlendere zunächst wie ein Spaziergänger zwischen den Objekten, um mich auf die Kontemplation einzustimmen. Museum ist Zen-Buddhismus für den Bewohner des Okzidents. Der Okzidentale wandelt sich im guten alten Museum zum beruhigten Bewohner der Innenwelt. Ich setze mich, bringe die Sinne zusammen. Vergeblich. Kinder turnen herum, sie machen Lärm, halten den Ort für einen besonderen Spielplatz. Solche Kinder-Besuche mögen museumspädagogisch wertvoll sein, dennoch bin ich der Meinung, daß quakende, quengelnde, unerzogene Kinder nicht ins Museum gehören. „Was wollen die hier?“, frage ich mich, aus der Ruhe gebracht und mit Zorn im Blick: auf die Kinder, die ja eigentlich nichts dafür können, und mehr noch auf die unerzogenen Eltern, und wenn ich mir das halbgebildete Gequatsche der Eltern anhöre, bestärkt es mich in der Ansicht Rousseaus, daß den meisten Eltern grundsätzlich die Kinder weggenommen gehören, weil: So kann man an den Kindern noch etwas Gutes tun. Aber ich habe keine Kinder, insofern ist es mir egal. Andererseits kenne ich Mütter, die wissen, wie man mit Kindern in einem Museum sich bewegt. (Nein, ich delegierte die Erziehung nicht an Frauen, jedoch kenne ich nun einmal mehr Frauen als Männer.) Aber der Halbbildungsbürger aus dem fernen Pankow (zugereiste Pankower, naturgemäß, keine einheimischen) schleppt seine Kinder ins Museum im fernen Dahlem. „Sophie-Charlotte, magst Du nicht ein wenig leiser sein? Ich meine natürlich, nur wenn du Lust hast.“ Natürlich mag Sophie-Charlotte keineswegs leiser sein. Und Philip-Anton ebensowenig. Nun hat sich Philip-Anton den Kopf an einer Vitrine gestoßen und schreit wie am Spieß. Hämisches Lachen klingt im Gang. Aber darüber wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, doch wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich’s ja erzählen.

Im Blick auf das ethnologische Museum in Dahlem ergibt sich die Frage nach dem Ordnungsprinzip einer solchen Sammlung. Wie werden die Exponate zusammengestellt, was erfahren wir über den Hintergrund der ausgestellten Dinge, auf welche Weise kamen sie ins Museum? Weshalb betrachten wir eine afrikanische Fetischfigur als Kunstwerk, während die, welche diese Figur in einem Ritual oder in einem andern Zusammenhang verwendeten, nie auf die Idee kämen, in diesem Objekt einen kontemplativen oder aber einen für die ästhetische Erfahrung geöffneten Gegenstand zu sehen? Es übt zwar einen großen Reiz aus, durch die Gänge dieses Museums zu schlendern, die zusammengetragenen Objekte zu betrachten. Aber das Wissen um die Hintergründe oder zumindest die Ahnung davon, verleiht der Betrachtung ein beklemmendes Gefühl. Die Objekte sind nach der Logik der Taxinomie geordnet (wenngleich dies eher ein Begriff der Naturwissenschaften und speziell der Biologie ist, um im Tierreich zu klassifizieren.) Michel Foucault zitiert in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften“ einen Text von Jorge Luis Borges, um das Fremde eines Ordnungsschemas aufzuzeigen, wenn wir es einmal von außen betrachten. Dieser Text von Borges zitiert eine „eine gewisse chinesische Enzyklopädie“:

„Die Tiere lassen sich wie folgt gruppieren:

a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppe gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, i) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“ (J.L. Borges, Die analytische Sprache des John Wilkins, in: Gesammelte Werke, Essays 1952-1979)

 Genauso absurd wie diese Einteilung der Tiere mutet die Staffierung der ethnologischen Sammlungen an. Es läuft auf „unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen“ hinaus, solche aus der Ferne betrachtete Taxinomie, wie sie Borges vorführt, ruft bei uns ein gewisses Erstaunen oder ein Schmunzeln hervor. Aber Fremde von einem anderen Kontinent würden die Ordnung der ethnologischen Sammlungen in Europa womöglich mit ebensolcher Verwunderung, und vielleicht auch mit ein wenig Ärger wahrnehmen, wenn sie an die Herkunft der Gegenstände und die Art ihrer „Besorgung“ denken.

Doch es gibt ebenfalls andere Arten zu sammeln, die in gewissem Sinne mit einer privaten Marotte zu tun haben. Es ist die Vielfältigkeit des Sammelns: Sammelleidenschaften, sich nach einem Schock sammeln (das gehört in einer bestimmten Weise ebenfalls zur Logik der Sammlung, einer introspektiven Sammlung allerdings), Dinge sammeln, in Alben, Kästen oder Vitrinen stellen, sie dort versiegeln. Der Sammler ist, je ausgefallener seine obskuren Objekte der Begierde sich darbieten, nach Walter Benjamin eine eigentümlich verschrobene, aus der Zeit geschleuderte Figur. Schrullig, wie es heute mache der Theaterfiguren von Marthaler in ihrer Versponnenheit und in ihrer verzögerten Wahrnehmung sind. Aber es zeigt sich in seiner Tätigkeit ein Moment von geschichtlicher Wahrheit. Denn der Sammler unterhält ein rätselhaftes Verhältnis zum Besitz, so Benjamin in seinem Text „Ich packe meine Bibliothek aus. Eine Rede über das Sammeln“. Er bemißt die Dinge nicht nach ihrem Funktionswert oder ihrem Nutzen, sondern er inszeniert sie in einer eigenen Weise als Schauplatz und Theater des subjektiven Blicks wie auch als Schicksal der Dinge.

„Es ist die tiefste Bezauberung eines Sammlers, das Einzelne in einen Bannkreis einzuschließen, in dem es, während der letzte Schauer – der Schauer des Erworbenwerdens – darüber hinausläuft, erstarrt. Alles Erinnerte, Gedachte, Bewußte wird Sockel, Rahmen, Postament, Verschluß seines Besitztums. Zeitalter, Landschaft, Handwerk, Besitzer, von denen es stammt – sie alle rücken für den wahren Sammler in jedem einzelnen seiner Besitztümer zu einer magischen Enzyklopädie zusammen, deren Inbegriff das Schicksal seines Gegenstandes ist. Hier also, auf diesem engen Felde läßt sich mutmaßen, wie die großen Physiognomiker – und Sammler sind Physiognomiker der Dingwelt – zu Schicksalsdeutern werden. [Hinweis Bersarin: Wogegen allerdings der Naturwissenschaftler und Aphoristiker G.Ch. Lichtenberg in bezug auf den Physiognomiker Lavater und seine Schrift „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ in seiner Satire „Fragment von Schwänzen“ sich belustigte.] Man hat nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenstände seiner Vitrine handhabt. Kaum hält er sie in Händen, so scheint er inspiriert durch sie hindurch, in ihre Ferne zu schauen.“ (Walter Benjamin)

Daß diese Ferne das Auratische bezeichnet – die „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag“ – wissen wir seit Benjamins Kunstwerkaufsatz. Mit dieser Ferne können, im Sinne Benjamins, sowohl Objekte der Kunst als auch Phänomene der Natur gemeint sein. Hier, inmitten der Sammlung, liegt das Auratische in einer Art Reise in die Ferne, nämlich dahin, wo einstmals diese Dinge ihren Ort hatten. Die gesammelten Objekte unterliegen insofern einer mehrfachen Betrachtung. Sie sind bevorzugte Gegenstände der Imagination (insbesondere beim Briefmarkensammeln gut zu beobachten), sie sind in der Welt diesseits der Sammlung Gebrauchsgegenstände gewesen, sie fungieren nun – gemäß einer Logik des Ausstellungswertes – einerseits als funktionslose Objekte, aber auch als Fetische, mit einem Blick belegt, der diese Objekte aus ihrem Zusammenhang entrückt. Die Gegenstände zeugen von etwas, von dem der Betrachter ohne Kontextwissen oft nichts ahnt. Das unterscheidet solche gesammelten und dann aus dem Kontext gerissenen Gegenstände nicht von den Objekten der ethnologischen Sammlung – wenngleich hinter letzterer ein bestimmtes Dispositiv der Macht und ein gesellschaftliches Schema der Ordnung steht.

Daß solchen Objekten ein gewisser Kultwert anklebt, zeigen diverse Sammlungen. Bibliotheken, wie Benjamin sie beschreibt, Münz- oder Käfersammlungen oder zusammengetragene Fan-Objekte einer Pop-Band, wie in Berlin im Ramones-Museum gezeigt; oder überhaupt Schallplattensammlungen, wenn unter Freunden die Trophäen präsentiert werden: hier eine Erstpressung in gelbem Vinyl, da eine Ausgabe, die nur in Japan auf den Markt kam usw.

Der Blick in die Ferne scheint mir am schönsten in den Regionen des Meeres möglich: Als Kinder sammelten wir am Meer Muscheln, meine Schwester fing Taschenkrebse, mit denen sie zur Freude der übrigen Kinder ein Wettrennen auf der Strandpromenade veranstalte, sie ließ von den übrigen Kindern auf die Krebse wetten und sammelte dafür allerlei Kindertand oder kleine Münzen ein. Ich hielt mich von der Vielzahl der Kinder und Menschen fern, sammelte Seesterne, Muscheln, Steine und Geäst im Wasser. Ich trocknete diese Seesterne am Strand oder in den Dünen, wo es hitzig und windstill war, in der Sonne. Doch diese getrockneten Seesterne stanken nach einiger Zeit in der „Pension Jansen“ erbärmlich und erweckten nicht nur den Argwohn der Pensionswirtin, sondern auch den der Eltern. Nicht die Verheißung des Meeres blieb in getrockneter Gestalt, als Form bewahrt, zurück, sondern ein widerlicher Geruch, so daß die Eltern umstandslos das getrocknete Zeug in einer Mülltonne entsorgten. Es überstand nicht einmal die Fahrt mit der Fähre zurück nach Hause. Anders die Muscheln und die mitgebrachten kleinen Steine. Die im Eimer in die Pension mitgeschleppten Krebse kippte der Vater auf den roten Backsteingehsteig. Er zertrat sie mit seinem seinen Sandalen und einem klaren Lachen; dann blickte er uns an und sagte: „Das ist euch eine Lektion, damit ihr nie wieder Lebendes aus seinem Element hervorholt!“ Als Biologielehrer wußte der Vater wahrscheinlich, wovon er sprach. Die Schwester weinte noch ein wenig. Aber bald schon hatte sie in der Leichtigkeit ihres kindlichen Daseins die im Eimer gesammelten und nun zertretenen Krebse wieder vergessen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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16 Antworten zu Die Logiken der Sammlung – All das köstliche Krebsfleisch!

  1. holio schreibt:

    Philip-Anton ist gut, das ist Anton Reiser von Karl Philipp Moritz. Sophie-Charlotte ein paar Stufen höher mögen Sophie von la Roche und Charlotte von Stein sein. Auch von Lavaters Antlitz wandte sich Goethe schon ab. Ihre Meereserinnerung sehr schön. Hat was von Jüngers Subtilen Jagden oder Siebzig verweht.

  2. Bersarin schreibt:

    Danke, Deine Hinweise bzw. Assoziationen haben mich gefreut. Insbesondere der Verweis auf Jünger, den ich allerdings bisher wenig rezipiert habe. Ich vermute, daß mir diese Art des Schreibens zusagt.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Ja, die Kindernamen weisen auf ein ambitioniertes Dasein hin; Bildungsbürgertum mit Ansprüchen an Karriere und kultureller Garnierung derselben. Die Kinder werden mit staatskonformer Bildung und Erschauern vor den Wundern der Natur geformt. Fehlt noch die Geige! Synapsenbuilding in Reinkultur.
    Die Folgen dieser Elternambitionen sind dann aber immer die gleichen: Stinkende Sammlungen, Verwesungsgeruch der ausgetrockneten Muscheln, Unmengen von Steinen im Auto usw.. So muß der Vater die Sandalen sprechen lassen: In den Staub mit allen Feinden des Bürgertums! Synapsen hin Ansprüche her! Behaglich will es der Bürger haben. Kein Krebs darf da stören. Mit einem „klaren Lachen“ wird die Behaglichkeit wieder hergestellt. Immerhin besser als die Kinder als Ursache der Störung zu begreifen und die Sandalen in diese Richtung zu wenden….

  4. Bersarin schreibt:

    Synapsenbuilding ist ein schöner Begriff, und es fehlt noch Mozart im Mutterleib. Es sind solche Geschichten symptomatisch. Aber so grauenhaft wie das biedere Bürgertum in Pankow oder Prenzlauer Berg sind die Kreuzberger Medienbohème und noch schlimmer die, die bei jeder Verbesserung und Verschönerung in einem Viertel laut „Gentrifizierung“ schreien.

    Ich war am Sonntag zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Frau, die nicht aus Berlin kommt, im Görlitzer Park. Und ich muß sagen: mir ist übel geworden und es war mir unsäglich peinlich, einen Menschen, der zu Besuch ist, in dieses Elend hineinzuführen! (Ich werde zu diesem Park-Besuch noch etwas schreiben.) Ich habe noch nie ein so ekelerregendes Feld gesehen, einen kargen Boden, eine Brache, die den Namen „Park“ kaum verdient. Ich habe im schäbigen Teil Kreuzbergs nicht den Park Babelsberg vermutet, aber solch einen phantasielosen, heruntergerockten, schlimmen Ort habe ich dort nicht erwartet. Und verbessert man dort etwas, käme vermutlich großes Geschrei. Weshalb große Teile der Linken ein derart gestörtes Verhältnis zu anmutigen Orten haben, bleibt mir schleierhaft. Ich kann Don Alphonso nun umso besser verstehen, wenn er gegen Berlin wettert.

  5. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    es ist frech, geradezu beschämend, den Beitrag zu ignorieren, sich stattdessen auf eine Fußnote zu stürzen und diese dann auch noch zu kritisieren, statt den Beitrag zu loben. Aber in dem Beitrag ist ja auch alles richtig, nur in der Fußnote ist es falsch. (kennst du zufällig das Buch von Anthony Grafton, Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote? http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-unterm-strich-11313311.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 )

    Der Görlitzer Park ist ja auch gar kein Park er ist ein Bahnhof. Ähnlich wie der Hamburger Bahnhof, der auch kein Bahnhof ist. Oder der Anhalter Bahnhof. Aus dem einen Hamburger Bahnhof ist ein Museum geworden, aus dem Anhalter Bahnhof ist gar nichts und aus dem Görlitzer Bahnhof ist ein Park geworden. Nicht so einer für feine Leute, denn die wohnen ja anderswo, sondern einer für die, die dort leben. Und die setzen sich am liebsten auf die Erde, weil sie ja ansonsten auch nicht gerade auf Rosen gebettet sind.

    Da war mal ein Bahnhof und Bahnhof steht, wie sonst höchstens noch die Autobahn, für Verkehr. Sieh einer an. Du warst mit einer Frau dort und denkst dabei an den Verkehr. Und schämst dich. Sehr gut. Ich bin eine unbedingte Anhängerin der Scham. Scham ist nicht nur das Zeichen einer verklemmten Gesellschaft, sondern hat eine kulturelle Funktion. Uns wird die Scham möglicherweise gar nicht mehr anhand dessen bewusst, was sie auslöst, sondern anhand andere Dinge, des Ortes womöglich, der die eigentlich schamhaften Dinge lediglich überdeckt. Eine Art, Zitat Freud, „Deckerinnerung“. Also Freud. Es geht um Sexualität: „ … zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Frau, …“. Und was passiert? Richtig: „ … mir ist übel geworden …“ … „es war mir unsäglich peinlich …“ … „ekelerregendes Feld, einen kargen Boden, eine Brache, die den Namen “Park” kaum verdient“ Es ist nicht „Babelsberg“. Hör ich richtig, Bersarin: Babel? Oder war der Venusberg? Der Garten Eden vielleicht? Na, egal, in der Mythologie solcher Träume geht ja manches durcheinander.

    Scham entsteht bei Nacktheit, wenn ich mich nackt fühle, wenn der andere mich ansieht und ich befürchte, dass er nicht das sieht, was er sehen soll, dass er etwas anderes sieht, als ich selbst sehe. Scham ist eigentlich vor der Handlung, also bevor eine Schuld aus der Handlung heraus entstehen kann. In der Scham wird man sich der eigenen Grenzen bewusst. Könnte man eine Nähe zum Gewissen konstruieren? „Die Institution des Gewissens war im Grunde die Verkörperung zunächst der elterlichen Kritik, in weiterer Folge der Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei der Entstehung einer Verdrängungsneigung aus einem zuerst äußerlichen Verbot oder Hindernis wiederholt.“ (Sigmund Freud, Zur Einführung in den Narzissmus). Also sind wir auch ganz schnell bei dem Begriff der Zensur.

    Es ist jedenfalls nicht der Görlitzer Park, der Dir nicht gefällt. Es sind die Umstände innerhalb derer Dir etwas bewusst und etwas anderes nicht bewusst wird.

    Aléa Torik

  6. Bersarin schreibt:

    Liebe Aléa,

    hier muß ich doch widersprechen. Der Sexus mag manchen Nexus erzeugen, aber er trägt in der Weite nur bedingt. Schriftsteller/innen mögen poetisieren und die Welt als eine Fabel sehen, jeder Anlaß mag eine Geschichte bieten. Aber: Von der Psychologisierung sämtlicher Wahrnehmung und Äußerungen halte ich nicht viel. Alles ist im Grunde auf Sexualität zurückzuführen, wenn man es will. Und wo alles damit zusammenhängt, hat in einem Vorgang der Entleerung dann auch wiederum nichts mit jener Sexualität zu tun. Denn wenn etwas überall ist, ist es am Ende zugleich nirgendwo und fällt der Beliebigkeit anheim. Die höflichste Art der Abschaffung Gottes sei der Pantheismus, wußte bereits Schopenhauer.

    Auch das übermäßige Sexualisieren der Wahrnehmung deutet auf etwas. Allerdings greift es zu kurz, Freuds komplexe Theorie auf die Sexualität zu reduzieren: Wunsch, Begehren, Trieb, Lustprinzip (und zwar nicht nur in der sexualisierten Weise, sondern auch als bloße Selbstaffektion) sind ebenfalls zentrale Begriffe, ebenso der des Gesetzes, der Übertretung und der kulturellen Ordnung; in dieser wirkt nicht nur Eros, sondern ebenso Thanatos.

    Ich schäme mich nicht für diesen Ort, weil ich ihn nicht geschaffen habe. Im Grunde ist er mir egal, weil ich in dieser Gegend zum Glück nicht wohne. Mir gefällt das Gewese nicht, das um eine Brachfläche gemacht wird, das Görli-Görli-Gerufe, mir gefällt diese karge Ausstattung des Ortes nicht. Dazu muß man nicht wissen, ob da ehemals ein Bahnhof oder eine Fabrikhalle war – das ändert an der ausgesprochenen Häßlichkeit nichts. Mir gefällt diese Armut des Ortes nicht, mir gefällt der Anblick dieses Areals nicht. Und vor allem mißfällt es mir, daß, sobald irgendwer nur einen Handschlag verbessern will, sofort ein großes Trara gemacht wird. (Stichwort Tempelhofer Feld) Und wird dann ein Brunnen dort gebaut, ist dieser nach einem Jahr baulich ein Defekt. Ja, die Leute wollen einen Park. Aber weshalb wollen sie keinen schönen Park? Ich erwarte dort weder den Park Babelsberg, den von Sanssouci noch den Clara-Zetkin-Park. Betrachte ich mir die Görlitzer Brache, so werde ich immer mehr zum Anhänger der Broken-Windows-Theorie. Andererseits bin ich froh, daß die Menschen im Görli auch im Görli bleiben. Das ist das gute am Berliner: er ist zu faul, sich aus seinem Kiez zu entfernen. An meinen geliebten Stellen im äußersten Südwesten Berlins möchte ich all diese Menschen nicht treffen. Es reicht, wenn sie es bis zum Schlachtensee schaffen.

    Solche Wahrnehmung eines Ortes als einem ramponierten hat kaum etwas mit jener Frau zu tun, wenngleich mich Orte durchaus auch an bestimmte Menschen erinnern. (Mit jener Frau freilich verbinde ich nur die schönsten Orte, selbst das Häßliche eines Ortes belebt sich unter ihrem Blick.) Babelsberg könnte übrigens ebensogut auf jenen Turmbau und auf die Sprachverwirrung verweisen: wie ein Bau nicht zum Ende gebracht werden kann, weil keiner es mehr vermag, den anderen zu vernehmen. Das läßt sich gut auf den Park und den darin einst rottenden, nun abgerissenen Pamukkale-Brunnen übertragen.

    Eigentlich wollte ich jener Frau, die nicht aus Berlin kommt, etwas Schönes, etwas Interessantes, etwas Ausgefallenes bieten (na ja, ausgefallen ist die Görlitzer Brache durchaus), damit sie sich wohlfühlt und eigentlich wußte ich, was uns dort erwartet. Ich habe nur nicht gedacht, daß der Anblick dieses Ortes (Park ist ein Euphemismus) so schlimm wird. Denn ich war noch niemals dort. Womöglich jedoch beschränkt sich die zerrupfte Fläche nur auf den Eingang, und es sieht weiter hinten ganz anders aus: Dort schwingen sanfte Hügel und zarte Blumenrabatte säumen die Wege, saftige Grasflächen und Wiesen laden zum Verweilen ein, in der schwarzen Erde blühen die Büsche und ein feiner Teich mit Seerosen säumt linkerhand den Weg, zur rechten ein kleiner Pavillon im japanischen Stil gehalten, vor dem Menschen auf der Wiese liegen und picknicken, dahinter ein sprudelnder Brunnen und in weißem Marmor thronen trotzig die Statuen griechischer Helden. Denn wir sind nur bis 50 Meter hinter dem Eingang Skalitzer Straße gekommen und haben dann auf meine Intervention hin sofort umgedreht. Die Besucherin störte dieser Anblick weniger als mich, sie reagierte versöhnlich. Aber sie muß in dieser Stadt auch nicht leben.

    Sicherlich mögen solche Brachen ihren ästhetischen Reiz besitzen. Ich mag das auch, um die ausgewählt öden Orte zu zeigen und den Menschen Stücke des Elends vorzuführen. Die Welt als entstellte und beschädigte zu zeigen. Dazu eignet sich dieser Ort vorzüglich. Aber das als Park zu bezeichnen, weigere ich mich. Gleiches gilt für den Ort, den die Eingeborenen dieser Stadt, die Touristen und die Zugezogenen den Mauerpark nennen. Mauerbrache oder Mauerplatz ja. Mauerpark: Nein. Das ist kein Park! Ein Park hat etwas mit Gartenkunst zu tun. Daß sich in der Nähe der Görlitzer Brache nun ausgerechnet die Muskauer Straße befindet, mag da erst recht wie ein Hohn und ein brutaler Schlag ins Gesicht sämtlicher Parks dieser Stadt und insbesondere in das des Dandys Pückler-Muskau anmuten.

  7. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    ich mag diese hässlichen kleinen gelben Visagen nicht, die sogenannten Emoticons, aber manchmal ist es hilfreich, neben den Worten auch den Gesichtsausdruck des Absenders, den man im Netz nicht sieht, mitzuteilen. Ich sage das Folgende ebenso lächelnd wie ich beim vorhergehenden Kommentar auch schon lächelte.

    Die Abweisung der Deutung also, natürlich. Interessante Auffassung, dass das psychoanalytische Verständnis von Sprache in bestimmten Situation gelten soll – sagen wir auf der Coach, beim freien Assoziieren, mit dem Analytiker im Hintergrund -; oder dann, wenn die anderen sprechen und man selbst deutend zuhören kann. Oder wenn es einem genehm ist, an Werktagen und nicht nach sechs.
    Es ist schon richtig, dass zwei Dinge Psychoanalyse heißen, die sehr unterschiedlich sind, nämlich die Praxis und die Theorie. Und dass es also etwas anderes ist, wenn ein Analysand in einer Situation ist, die durch die sogenannte Übertragung unbewusste Anteile seines „Seelenlebens“ plötzlich zur Sprache kommen lässt und er ganz persönlich, wie man so schön sagt, in seinem Innersten betroffen ist oder ob jemand diese Theorie wie jede andere Theorie aus dem Lehrbuch hat und im ersten Semester die Relativitätstheorie macht und im zehnten Semester „Das Unbehagen in der Kultur“. Aber wenn die Psychoanalyse eine Sprachtheorie ist – „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“ – dann gilt sie immer: immer dann, wenn das Unbewusste dabei ist und wenn gesprochen oder gedacht wird. Das gilt für Theorie und Praxis. So wie der Analysand sich keine Auszeit nehmen kann, indem er etwa die Hand hebt und das Gesagte dann analytisch nicht ausdeutbar ist; so wie derjenige keine Pause in der Deutung und der Deutbarkeit beantragen kann, so kann auch Bersarin nicht mit einer Frau im Park spazieren gehen, in aller Unschuld, vor der Sprache sozusagen, während sein Unbewusstes die verdiente sonntägliche Pause macht und zu Hause auf der Coach Fernsehen schaut oder, vollkommen desinteressiert selbstverständlich, im Pornoheft oder im Gartenmagazin blättert. Entweder wir sprechen so, dass psychoanalytische Sprachtheorien das beschreiben und dann also auch unsere individuelle Sprache in individuellen Situationen beschreiben und deuten können. Oder diese Theorien greifen das Sprechen nicht, also nie. Und ich meine, dass in den gebrachten Zitaten durchaus etwas anderes zur Sprache kommt, als das absichtlich Gesagte. Das ist, du weist ja in deiner Antwort auch darauf hin, ein poetisches Prinzip. Kein Desavouierendes. Wobei auch hier wieder der Unterschied zwischen Theorie und Praxis vorhanden ist: du bist kein Analysand und ich kein Analytiker.

    Aléa Torik

  8. holio schreibt:

    Aléa, Aléa ;-) Auf der Couch! Sie denken zuviel an Fußball.

  9. Aléa Torik schreibt:

    In den Sessel, nicht auf die Coach. Da schlafe ich sofort ein. Ich bin analyseresistent.

  10. holio schreibt:

    Coach könnte man unterbewusst (oder unbewusst, frau versuchte mir das mal zu erklären, ohne dass ich es verstanden hätte) analysieren als … lebensberatungsuchend?

  11. Aléa Torik schreibt:

    Lebensberatung mit einem Schuss Unterhaltung, garniert mit einem Hauch Philosophie: das ist die Leistung, die ich anbiete. Wenn auch nur indirekt, in Buchform.

  12. Bersarin schreibt:

    Liebe Aléa

    die Psychoanalyse ist einerseits eine Angelegenheit, die eine mehrjährige Ausbildung umfaßt, um überhaupt als Psychoanalytiker arbeiten zu dürfen. Dann gibt es eine Psychoanalyse, die als Textwissenschaft fungiert. Die von Freud steckt noch in den Kinderschuhen, die von Lacan ist schon interessanter, weil der Text selbst als eine Art Subjekt gesehen wird, dem ein Unbewußtes zugrunde liegt. Überhaupt: es liegt jeder Äußerung etwas zugrunde, das sich der Intention des Sprechers entzieht. Ob das freilich immer die Sexualität ist, wage ich zu bezweifeln. Insbesondere Traumatisierungen sind nicht grundsätzlich sexueller Natur.

    Es ist richtig daß man in der psychoanalytischen Kur nicht mal eben aussteigen und sagen kann: „Nein, jetzt mag ich gerade nicht!“ Denn selbst dieser Satz gehört mit zum System Psychoanalyse und wird vom Psychoanalytiker aufgenommen.

    Was nun das Verhältnis oder die Bezüge zu jener Frau betrifft, so muß ich aus Gründen der Diskretion natürlich schweigen. Sie ist eine sehr besondere Frau. Nur soviel sei gesagt.

    Die Fragen des Sexus sind nie einfach zu beantworten. Auch Dein Blick auf Metaphern des Sexuellen sagt etwas über Dein eigenes Sprechen und Deinen Blick aufs Sexuelle. Natürlich kann man diese gräßliche Brache mit der Sexualität zusammenschließen. Vielleicht ist Berlin deshalb so oversexed, weil es derart viele häßliche Flächen besitzt. Und viele Straßen, Busse Bahnhöfe. Andererseits ist auch das Fehlen von Brachen Ausweis der Sexualität. Mich erinnern Brachen immer an Intimhaar-Rasuren. Sie sind da, aber sie müssen nicht sein. Es bleiben, was die Ausprägungen des Sexuellen betrifft, Mutmaßungen. Es kann so sein, es muß aber nicht so sein. Insofern spreche ich bei diesen Zusammenhängen und Metonymie, wenn von Verkehr und Brache und der Peinlichkeit, Besuchern diese Brache gezeigt zu haben, von einem assoziativen Verfahren, das heuristischen Wert besitzen kann. Auch in der Untersuchung von Literatur. Einer der letzten Sätze in Kafkas „Urteil“ lautete – sinngemäß wiedergegeben: Über die Brücke, von der sich zuvor Georg Bendemann gestürzt hatte, ging ein unendlicher Verkehr. Dieser Satz gab in der Kafka-Deutung zu mancher Spekulation Anlaß

    Aber wie geschrieben: Der Park Babelsberg mit seinen Hügeln deutet ebenso auf die Babylonische Sprachverwirrung. Das Karge und Brachenhafte könnte genausogut an Eliots „The Waste Land“ anknüpfen. Sicherlich kommt in jeder Sprache auch etwas anderes zum Tragen, was ungesagt bleibt oder was einen Text strukturiert. Jeder Text besitzt den blinden Fleck. Aber dieser ist häufig komplex strukturiert. Wie in der Analyse muß der oder die Hermeneutikerin des Sinns (ich bin eher das Gegenteil davon) sehr viele dieser Texte lesen, um überhaupt seine Arbeit betreiben zu können. Das Gleiten der Signifikanten ist – allein durchs substantivierte Verb „gleiten“ – ebenso sexuell strukturiert. Aber das ist bloß eine Stufe des Sinns. Dennoch: der Schrecken im Görlitzer Park: er war unermeßlich und tief. Die erste Begegnung mit dem anderen oder dem eigenen Geschlecht mag ebenfalls mit einem Schrecken besetzt sein. Aber es gibt einen Schrecken, der weist in seinen Verdichtungen und Verschiebungen auf eine viel tiefer gelagerte Schicht als das Sexuelle. Es ist dies die Weisheit des Silen und hängt mit der thanatologischen Qualität des Menschseins zusammen.

    Manchmal, an den heißen Tagen, wenn zu MIttag die Sonne griechisch-hoch steht und und von irgendwo her die Flöte des Pan tönt, befallen einen diese Assoziationen.

  13. Fabs schreibt:

    Das Leugnen der eigenen Kreatürlichkeit ist die zarte Brücke welche über die Gletscherspalte zwischen Natur und Kultur führt. Das Zerbrechen dieser Brücke, würde nicht nur uns, sonder auch alles Schöne in den Schlund des thanatologischen Wahnsinns stürzen. Auf dessen Grund liegt die Liebe und lockt.

  14. Bersarin schreibt:

    Julia Seeliger raunzt manchmal Kommentatorinnen und Kommentatoren an: Kannst Du bitte in richtiger Rechtschreibung und Orthographie Deinen Kommentar schreiben! In diesem Punkt stimme ich Julia ausnahmsweise einmal zu.

  15. Fabs schreibt:

    Nur zu gerne würde ich frei von Rechtschreib-fehlern sein. Ich müsste mir nicht die quälende Frage stellen, ob meine Rechtschreib-schwäche aus einer Abwehr gegen das Gewordene oder aus einem Mangel an Leidenschaft resultiert. Und auch der tägliche Blick in den Spiegel wäre ein wenig unbeschwerter. Ich mag Deine Texte trotzdem. Weshalb ich mich auch mit weiteren Kommentaren zurückhalten werde. So ein Kommentarleisten-hin-und-her war nicht meine Intention und passt auch nicht zum Blog finde ich. Wobei: „Was nicht passt, wird passend gemacht!“

    Next time…

  16. Bersarin schreibt:

    Die Stoßrichtung meines Satzes ging dahin, daß Deinen Kommentar mit einem leicht erratischen Anstrich versehen war. Wenn Kommentare mit Rätseln angereichert sind, dann sollte zumindest die äußere Form stimmen, damit nicht der Eindruck der Beliebigkeit hängen bleibt.

    Ich habe übrigens nichts gegen Blogkommentare, wenn sie denn irgendwie auf die Sache zielen. Ich habe auch nichts gegen Rätsel oder ästhetitizistische Versponnenheit. Wenn ich bemerke, daß ein Text purer Nonsense im unguten Sinne ist, werde ich mich sicherlich zu Wort melden. Wie manche/r weiß, gehöre ich nicht zu denen, die auf den Mund gefallen sind.

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