Verschiebungstechniken – signifikantiv. Wiener Melange

Rotlichtbezirk. In der schwarzen Hütte. Da wo die Zeit umswitcht und die Bewegungen eines Körpers sowie die Sprache sich anders ordnen. Eine Sprache, um diesen Körper ins Wort zu bringen. Es bleibt ein schwarzer Spalt, ein winziger Riß im Kontinuum. Es wird im Raum der Geschichten genau dann interessant, wenn sich Welt und Zwischenwelt und Gegenwelt mischen, weil es diesen Zwischenraum eines Übergangs gibt. Schnelllebig gespiegelt, gespielt in Sucht. Schreiborte hin und her. Die Hölle des Zeitvertreibs. Die Langeweile ist der größte der Dämonen, das wußte Baudelaire. Er liebte sie, um den Ennui des Dandys zu steigern. Transmissionsriemen. Maschine Mensch. Reagiert in der gedeuteten Welt vorhersehbar. Die Ritzung in jene andere Welt. Traumszenen in der Berggasse. „Die hysterische Frage: ‚Was ist eine Frau?‘“ (J. Lacan) Der arme Flat Eric – er ist recht possierlich anzuschauen, und es stellt sich sogleich das Mitleid mit dem hängenden Wesen und dem Geschöpfsein als solchem ein. Ecce homo. Der Schein des Scheins. Mitleid ist leicht und auch billig zu haben, weil es nicht viel kostet, außer ein wenig Empfindung und Empathie. Anders als die Konstriktion und die Reflexion, die die Phantasie und die Anstrengung des Denkens erfordern. Am Ende kann ein Mensch ebenso mit dem bloßen Stofftier Mitleid empfinden. Obskures Objekt der Begierde und Fetisch. Im Würgegriff der Spiegel oder am Saugnapf des Gummis posieren die Dinge.
 
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Eine Frau, die in ihrer Unbeweglichkeit da sitzt, am Tisch ihrer Küche, hinter sich das Gemälde einer Frau, die mit Fäustlingen ausgestattet ist, obwohl es nicht Winter ist. Tizans Venus im Pelz kommt mir in den Sinn. Womöglich verschieben sich die Bilder, und vielleicht stellt das Bild auch bloß eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob. Sie schreibt die Nachrichten an die Welt in ihre Tastatur. Sie kann nicht anders. Bewegungslos. Sie schreibt und schreibt, sie mischt die Monate, die Zeiten, die Minuten zu einer immerwährenden Geschichte. Frau Ahavzi. Hinter dem Vorhang ihres Fensters, dem verhängten Fenster, schreibt sie „Leben“. Ein Fenster, das von außen im Vorbeigehen abweisend und wie eine Verhüllung wirkt.

Gegenstände pressen an der mattgeätzten Scheibe, so daß kein Einblick möglich ist. Eine verlottert wirkende Szenerie, die im Vorbeigehen zu einer Photographie reizt. Eine Photographie rahmt das Objekt als das Subjektive, das sich ins Reale entlädt. Denn das Subjektive tritt im Realen in Erscheinung, sofern es unterstellt, daß wir uns gegenüber ein Subjekt haben. Der Blick durchs Glas bleibt gebrochen, das betrachtete Subjekt bleibt Leerstelle, soviel wie das betrachtende. Mein Fetisch ist das Fenster. Ihr Fetisch ist der Tod, das böse Tier, die Transgression ins Leere. Sie lebt ins Nichts, sie verkauft ihre Comics in einer Straße, deren Name an ein Tier erinnert. Oder an die Leblosigkeit einer Landschaft in einem Park. Das ist im Dritten Bezirk, das ist nahe am Ungargassenland, keine zehn Minuten zu Fuß. Abgelebtes. Wie so häufig in Wien und anderswo. Ein Comicladen in einer Seitenstraße zu Anfang des 21. Jahrhunderts. Mit Bessy-Heften in der Auslage und Comics, auf deren Covern Frauen mit sehr großen, prallen Brüsten prangen, deren Oberweite von Leder gehalten wird. Geschichtsphilosophische Thesen oder es verschwindet ganz einfach die Frau in der Wand, in der Tapetentür, wo auch immer. In der Belanglosigkeit, in der Langeweile ihrer gebundenen Existenz, das Gehen fällt ihr schwer, die Frau ist nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Wien ist lange nicht so mysteriös wie Prag, wo in den unterirdischen Gängen etwas ganz anderes lauert. Wien ist auf eine sanfte Weise nur melancholisch. Böse hingegen sind die Wiener, und die Frau lauert auf ihre Kunden.

Der Signifikant als solcher bedeutet nichts. Aber je weniger er bedeutet, desto unzerstörbarer scheint er. Getippte Buchstaben und Zahlen in ein Telefon, eine Tastatur, eine Schreibmaschine oder händisch verfaßt. Zeichenlose Orte, ortungslose Orte, in einer sprachlosen Kommunikation. Leere, Nichtigkeiten, Nichtsgeräusche. Die Schwarze Hütte. Ihr Name ist Tod.

Unruhe in einer Seitenstraße zum Kanal hin. Vor einer Apotheke warten um 8 Uhr morgens junge Männer. Einige haben Hunde an ihrer Seite. Ihre Gesichter sind schmal, ihre Glieder sind schlank, sie blicken verhangen, warten, daß diese Tür sich gleich öffnet. Methadon ist kostbar und gibt es erst ab acht. Ein hochaufgeschossener Mann mit weißem Kittel öffnet die Ladentür, er trägt unter dem langen weißen, weiten Kittel, der elegant fällt, einen Anzug mit einer Krawatte, die sich über den Kittel wölbt, als möchte sie alles sprengen.

„Wenn es das, was man die Stärkung des Ichs nennt, gibt, so kann das nur die Akzentuierung der phantasmatischen Beziehung sein, die immer dem Ich korrelativ ist, und insbesondere beim Neurotiker mit typischer Struktur.“ (Jacques Lacan)

[Dieser Text enthält sowohl gekennzeichnete, als auch nicht gekennzeichnete Zitate des Psychoanalytikers Jacques Lacan sowie ein ungekennzeichnetes Zitat von Franz Kafka. Ich gebe diese Bezüge an, damit später niemand der Hegemannerei mich bezichtigte.]

Zum Abschluß dieser Wiener Melange möchte ich meine Leserinnen und Leser auf die vierte Etappe meiner Bilderserie auf „Proteus Image“ hinweisen.
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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