Kafkas untergründige Schreibströme. Der Gerichtshof zu Berlin – jener „andere Prozeß“

So nannte Elias Canetti sein Buch über den Briefwechsel zwischen Franz Kafka und Felice Bauer. War es eine vertane Zeit? Vermutlich. Für beide. Was Kafka an diese Frau und diese Frau an Kafka band, bleibt wohl für immer ein Rätsel – unterschiedlicher hätten Menschen kaum sein können. Felice Bauer: Lebenspraktisch, mitten in Beruf und Leben stehend, an Literatur und Kunst kaum interessiert. Kafka: ein Mensch, der in Zwänge gepfropft, nur für die Literatur lebte. Erst zehn Jahre später sollte er seinen einzigen und wunderbaren Lebensmenschen finden, nämlich Dora Diamant. Lange sollte das Glück freilich nicht währen, weil Kafka 1924 in der Nähe von Wien, in Klosterneuburg unter Qualen und sprachlos verstarb.

Vor 100 Jahren fand am 12. Juli im Hotel „Askanischer Hof“ nahe dem Anhalter Bahnhof in Berlin jenes für Kafka hochnotpeinliche Ereignis statt, das er als einen Gerichtshof über ihn bezeichnetet: die immer wieder von Kafka unter mehr oder weniger fadenscheinigen Gründen aufgeschobene Verlobung zwischen ihm und Bauer erfolgte am 1 Juni 1914. Nun wurde sie als Gerichtstag, der unvermittelt über Kafka hereinbrach, wieder aufgelöst. „Askanischer Hof“, 12. Juli, 11 Uhr vormittags. Kafka betritt einen Raum, in dem bereits drei Frauen sitzen: Felice Bauer, ihre Schwester Erna, sowie Bauers Freundin Grete Bloch, die in dieser Angelegenheit ein zwiespältige Rolle spielte. Aber auch die von Kafka dürfte nicht sonders rühmlich sein. Felice Bauer meldete Ansprüche an, die Kafka wohl niemals – zumindest nicht mit F.B. – würde erfüllen können und wollen. Es geht nicht gut aus. Felice Bauer läßt alle Zurückhaltung fallen und nennt vor den beiden Zeuginnen intimste Details aus ihrem Leben, liest Briefe vor. Am Ende dieses Prozesses stand die Auflösung der Verlobung. Kafka reiste, seltsam unbeteiligt, von Berlin weiter an die Ostsee.

„23. Juli. Der Gerichtshof im Hotel. Die Fahrt in der Droschke. Das Gesicht F.ʼs. Sie fährt mit den Händen in die Haare, wischt die Nase mit der Hand, gähnt. Rafft sich plötzlich auf und sagt gut Durchdachtes, lange Bewahrtes, Feindseliges. Der Rückweg mit Frl. Bl. Das Zimmer im Hotel, die von der gegenüberliegenden Mauer reflektierte Hitze. Auch von den sich wölbenden Seitenmauern, die das tiefliegende Zimmerfenster einschließen, kommt Hitze. Überdies Nachmittagssonne. Der bewegliche Diener, fast ostjüdisch. Lärm im Hof, wie in einer Maschinenfabrik. Schlechte Gerüche. Die Wanze. Schwerer Entschluß sie zu zerdrücken. Stubenmädchen staunt: es sind nirgends Wanzen, nur einmal hat ein Gast auf dem Korridor eine gefunden.

Bei den Eltern. Vereinzelte Tränen der Mutter. Ich sage die Lektion auf. Der Vater erfaßt es richtig von allen Seiten. Kam eigens meinetwegen von Malmö, Nachtreise, sitzt in Hemdärmeln. Sie geben mir recht, es läßt sich nichts oder nicht viel gegen mich sagen. Teuflisch in aller Unschuld. Scheinbare Schuld des Frl. Bloch.

Abend allein auf einem Sessel unter den Linden. Leibschmerzen. Trauriger Kontrolleur. Stellt sich vor die Leute, dreht die Zettel in der Hand und läßt sich nur durch Bezahlung fortschaffen. Verwaltet sein Amt trotz aller scheinbaren Schwerfälligkeit sehr richtig, man kann bei solcher Dauerarbeit nicht hin- und herfliegen, auch muß er sich die Leute zu merken versuchen. Beim Anblick solcher Leute immer diese Überlegungen: Wie kam er zu dem Amt, wie wird er gezahlt, wo wird er morgen sein, was erwartet ihn im Alter, wo wohnt er, in welchem Winkel streckt er vor dem Schlaf die Arme, könnte ich es auch leisten, wie wäre mir zumute. Alles unter Leibschmerzen. Schreckliche, schwer durchlittene Nacht. Und doch fast keine Erinnerung an sie.

Im Restaurant Belvedere, an der Stralauer Brücke mit Erna. Sie hofft noch auf einen guten Ausgang oder tut so. Wein getrunken. Tränen in ihren Augen. Schiffe gehn nach Grünau, nach Schwertau ab. Viele Menschen. Musik. Erna tröstet mich, ohne dass ich traurig bin, d. h. ich bin bloß über mich traurig und darin trostlos. Schenkt mir ‚Gotische Zimmer‘. Erzählt viel (ich weiß nichts). Besonders wie sie sich im Geschäft durchsetzt gegenüber einer alten giftigen weißhaarigen Kollegin. Sie wollte am liebsten von Berlin weg, selbst ein Unternehmen haben. Sie liebt die Ruhe. Als sie in Sebnitz war, hat sie öfters den Sonntag durchgeschlafen. Kann auch lustig sein. – Auf dem andern Ufer Marinehaus. Dort hatte schon der Bruder eine Wohnung gemietet.

Warum haben mir die Eltern und die Tante so nachgewinkt? Warum saß F. im Hotel und rührte sich nicht, trotzdem alles schon klar war? Warum telegraphierte sie mir: ‚Erwarte Dich, muß aber Dienstag geschäftlich verreisen.‘ Wurden von mir Leistungen erwartet? Nichts wäre natürlicher gewesen. Von nichts (unterbrochen von Dr. Weiß, der ans Fenster tritt) [bricht ab]“

Was für ein Strom an Beobachtungen von nebenbei, der sich um das eigentliche rankt bzw. es fast verdeckt. Leben, das im nachhinein (nicht im Akt des Vollzuges: das ist nicht zu verwechseln!) zu einem Stück Literatur gerinnt. So wie überhaupt die Briefe und das Tagebuch Kafkas immer wieder diese eigentümliche Ambivalenz aufweisen. Der Eintrag schließt mit Frageszenen, wie sie dann auch am Schluß seines Romans „Der Proceß“ vorkommen. Verhängnisvolles Final. Zwei Wochen nach diesem Verhängnis von Berlin machte Kafka sich an die Niederschrift dieses Romans. Erste Notizen dazu finden sich schon in seinem Tagebucheintrag vom 29. Juli: „Josef K., der Sohn eines reichen Kaufmanns, ging eines Abends nach einem großen Streit, den er mit seinem Vater gehabt hatte – …“ Auch tritt in dieser Skizze ein Türhüter auf: Schuld- und Strafphantasien knüpfen sich in diesen Schreibübungen lose zu einem Assoziationsteppich: Ein Angestellter, der von seinem Chef des Diebstahls in der Ladenkasse überführt wird. Schuld und Sühne, Urteil und Strafe nehmen als Motive Raum ein. Am Ende dieses Schreib-Prozesses wird einer der bemerkenswertesten Text Gestalt annehmen und doch Fragment bleiben: eine rätselhafte, zu einer Vielzahl an Deutungen animierende Prosa um eine Strafe ohne Verbrechen.

Wie im Falle des Gerichts am „Askanischen Hof“ Biographie und Literatur eins zu eins zusammenzuschließen, bleibt in der Regel banal. Allenfalls geben Ereignisse des Lebens den Anlaß für einen Text, können Anstoß sein. Goethes „Marienbader Elegien“ sind ein solcher Text: die Liebe eines Greises zu einer 19 Jährigen Frau. Banal und traurig, dennoch entstand ein Text von ungeheurer Art. Und nur von solchen Texten handelt Literatur samt der ästheischen Kritik. Insofern geht Canettis Text dann auch an zentralen Aspekten der Prosa Kafkas vorbei, unterläuft sie und verfehlt damit den Roman im ganzen. Wieweit Biographisches einen Text am Ende tatsächlich strukturiert, liegt meist im dunkeln, wenngleich sich im Sinne positivistischer Literarturtheorie in Kafkas „Proceß“ sicherlich Stellen finden lassen, die mit Realem korrespondieren oder doch zumindest als Erlebniswelt Kafkas durchsichtig sind. Hartmut Binder unternahm immer wieder diese Versuche. Doch für die Struktur eines Textes sind solche Details am Ende des Lektüreprozesses marginal, denn sie liefern keinerlei Grund für die literarische Form und weshalb ein Text, so und nicht anders konstruiert wurde. Bekanntlich ist nach Abschluß der Produktion jeder Text mehr als sein Schöpfer, wächst über ihn hinaus, gelangt zu einem Sein ganz eigener Art.

Mit dem „Proceß“ ist Kafka wohl eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts gelungen: in der Sprache selber nicht mehr expressionistisch übersteigert und im Ton des „Oh Mensch …“ gehalten, sondern vielmehr kühl, spannt das Buch Fragmente an Szenen aus, mit einem Bild Kleists gesprochen, könnte man an jenen freistehenden Torbogen denken, in dem die einzelnen Teile einander tragen: Von den Advokaten- und Gerichtsszenen, der Angestelltenexistenz, dem Prügler, der in einer Hinterkammer der Büros – wie in einer wilden Traumsequenz der BDSM-Szene – seine Tätigkeit ausübt, über jene Leni mit den Schwimmhäuten zwischen den Fingern, Gerichte, die auf Dachböden tagen und spielende Kinder: das Domkapitel dann mit jenem Pfaffen auf der Kanzel sowie dem Gespräch über die Dimensionen der Wahrheit bildet einen weitern der Höhepunkte dieses Romans.  „Warum,“ so schreibt Kleist 1800 an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, „dachte ich, stürzt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.“ Dieses Bild mag auch für Kafkas „Proceß“ taugen. Wie wir wissen, lieferte Kafka die Prosa Kleists einige Anregungen und gab ihm zu denken. Aber diese Teile und Szenen des Buches entstanden bei Kafka in loser Folge – lediglich der Anfang also die Verhaftungsszene morgens im Bett – und das Ende – jene Hinrichtung durch Männer, die wie Tenöre aussahen – standen von Anbeginn an fest.

Insbesondere gilt es, in Kafkas Prosa den Blick auf das Gestische zu lenken. Die Handbewegungen der Menschen, wie sie ihre Gliedmaßen strecken, wie sie sich bewegen oder wie sich ihre Körper im Raum anordnen und auf welche Weise Kafka Szenen zu beschreiben vermag: So die vor dem Gericht oder wenn K. mit seinem Onkel und dem Advokaten Huld spricht, der ihm helfen soll, den Prozeß zu „gewinnen“, das Urteil abzuwenden. Eine Filmszene, vom Spiel des Lichts getragen, das den Spannungsbogen aufbaut (zum Filmischen bei Kafka, lese man Peter-André Alt, Kafka und der Film. Über kinemathographisches Erzählen):

„Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt hochhielt, sah man dort, bei einem kleinen Tischchen, einen älteren Herrn sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er so lange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die anderen durch seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehen.“

 Mehr zum „Proceß“ folgt. Im Laufe dieses Jahres. Verstreut, eingeschoben, assoziativ. In loser Folge. Selten nur ist es Menschen vergönnt, solche Texte  zu schreiben, wie Kafka es tat. Viel an Literatur gibt es, doch wenig nur, was auf diese Weise einschlägt und bis ins Detail hinein gelungen ist.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu Kafkas untergründige Schreibströme. Der Gerichtshof zu Berlin – jener „andere Prozeß“

  1. Ambiguitas schreibt:

    Vertane Zeit? Na aber hallo? Wenn sich ein Pärchen teils täglich dreimal seine Lebensempfindungen in verschriftlichter Form erzählt, was soll daran vertan sein? Das sie auf Dauer nicht zueinander finden konnten, entwertet dies nicht. Im Gegenteil, diese Episode blieb für Franz und Felice bis zu ihrem Ende ein tief empfundener Bereich ihres Lebens gerade in dieser Melange aus Annäherung und Abstoßung und fand mannigfaltigen Widerhall in seinem künstlerischen Schaffen. Diese Beziehung hielt über fünf Jahre lang, und bedenkt man zudem die geschichtlichen Umstände, muss es bei beiden diese schwer erklärbare innere Bindung gegeben haben. So wie es Kafka selbst im Tagebuch im Mai 1915 vermerkt, als er im Schein einer Strindberg-Lektüre sein inneres Verhältnis zu den nächsten Mitmenschen erforscht.
    Apropos Strindberg. Die Aussage, dass Felice an Kunst und Literatur kaum interessiert sei, sorry, ist einfach falsch. Sie las sogar sehr viel und besuchte regelmäßig Theateraufführungen. Teils kannte sie sich besser bei den zeitgenössigen Autoren als Franz aus, was ihn später zu einigen eifersüchtigen Bemerkungen verführte. Schon bei ihrer ersten Begegnung spielt Literatur eine zentrale Rolle, nicht nur weil Kafka just an diesem Abend die Endfassung seines ersten Buches vorbereitete. Sie lese bis vier Uhr in der Nacht, erinnert er sich und erwähnt amüsiert, sie sei bei der Lektüre des bekanntesten Romans ihres Gastgebers Max Brod dann doch ermüdet. Diese freimütige Bemerkung verursachte eine peinliche Stille in der Runde, doch eine elegante Kurve da heraus steigert die Bewunderung von Franz für das Berliner Geschäftsfräulein erheblich. Er beschreibt dies im Tagebuch mit köstlicher Ironie und diesem feinen Gespür für die besondere Situation. Leider wird häufig immer nur der erste Eintrag mit der – zugegeben regelrecht abstoßend -. wirkenden Beschreibung von Felicens Gesichtsmerkmalen zitiert und der führt, allein gelassen, halt auf falsche Wege der Erkenntnis.

    Gerade seine Zuneigung zu Strindbergschen Texten (den er vor jetzt genau 100 Jahren so richtig für sich entdeckt – und damit nach dem „Prozeß“) verdankt Kafka in besonderem Maße seinen Berliner Gerichtshofdamen. Dabei spielen natürlich Analogien zu den gerade selbst erlebten Beziehungsproblemen eine große Rolle, was bezeugt, dass sich alle Beteiligten aktiv mit der künstlerischen Aufbereitung eigener und fremder Befindlichkeiten auseinander zu setzen versuchen, die gerade im Umfeld dieses „anderen Prozesses“ kumulierten.

    Richtig ist natürlich, dass Kafkas Roman nicht die biografischen Ereignisse nacherzählt (eben anders als bei Strindberg), ein Einfluss aber doch besteht und man unterschiedlicher Meinung nur sein kann, inwieweit dieser nun reicht. Das führt je nach Kenntnis- und Gefühlslage zu recht unterschiedlichen Interpretationen, damit zu anhaltendem Interesse und Auseinandersetzungen unter Experten. Kafka benutzt ja oft Sujets in seinen Texten, die sich differenzieren lassen, also vom Persönlichen, Intimen ins Übergeordnete, Allgemeingültige, Metaphysische reichen. Verschlüsselt man die persönlichen Daten dann noch so wie er, führt das gerade beim „Prozeß“ zu einem seltsamen Gefühl der anonymen Bedrohung, das trotzdem sehr konkret bleibt. Was dann mit den folgenden gesellschaftlichen Entwicklungen korreliert und den Anschein erweckt, er hätte dies besonders mit diesem Text schon vorhergesehen.

    Dagegen spricht: dass er das Romanfragment mit Ausnahme der Türhüterlegende nicht veröffentlichte. Es Anfang 1918, als er Brod einige Manuskripte sandte, gerade dies erhoffte aber nicht beilegte, ja sogar es als eine alte Geschichte bezeichnete, die ihm nicht helfen sondern eher schaden würde. Er würde sie bei nächster Gelegenheit, wenn er in Prag sei, endlich verbrennen. Interessanterweise bemerkt Kafka noch, dass sie „sogar“ künstlerisch misslungen sei. Also thematisch erst recht?

    Seltsam, genau dieser Text gehört nun zu den literarischen Highlights des ganzen Jahrhunderts. Soll sich der Verfasser so geirrt haben? Ohne biografische Ansätze lässt sich wohl keine plausible Erklärung finden und selbst mit Detailkenntnissen über seinen Gemüts- und Lebenswandel bleiben bis heute noch einige Fragen offen. Allerdings gibt es auch über diesen seltsamen anderen Prozess bisher keine mir plausibel erscheinende Erklärung, warum das nun so ablaufen musste. Selbst Verfasser mehrhundert- oder -tausendseitiger Biografien schleichen sich mehr oder weniger galant um dieses ungelöste Problem herum.

    Bitte noch eine Bemerkung zu „dem einzigen und wunderbaren Lebensmenschen“ in Person von Dora. Bei aller Wertschätzung für die menschliche Wärmequelle, die sie dem schwerkranken Autor mit ihrem unbefangenen, praktisch orientierten Lebenssinn in diesem schrecklichen Berliner Inflationswinter bietet, diese Solostellung von ihr teile ich nicht. Ein Vergleich zwischen Dora und seinen früheren Beziehungen, man denke nur an Felice und Milena, fällt generell sehr schwer, zu unterschiedlich sind nicht nur die Temperamente sondern auch Kultur- und Bildungsstand und zudem die jeweilige Lebenssituation. Und auch in den literarischen Arbeiten des letzten Jahres finde ich nur mit großer Mühe eine Assoziation auf das durchaus taffe Mädchen aus dem Osten.

    Hoffe, die Verwunderung über diesen späten Kommentar löst sich in Entzücken;-) Aber eigentlich sollte doch noch mehr „Prozeßliches“ erscheinen – so übers Jahr hin…?

  2. Bersarin schreibt:

    Danke für Deine Ergänzungen und die Kritik. Es ist nie zu spät. Schön, wenn in Blogs Beiträge auch später noch entdeckt und gelesen werden.

    Vertan war die Zeit insofern, als die Absichten, die beide hegten, unterschiedlicher nicht sein konnten und diese doch differierenden Ziele nicht erreicht wurden. Die eine wollte eine Ehe, der andere eine Existenz als Schriftsteller. Aber darüber im Modus der Tatsachen zu urteilen, wird am Ende nur jenen beiden zustehen. Vielleicht genossen beide diese Phasen. Vielleicht nicht. Nein, Du hast schon recht. Vertan war die Zeit vermutlich nicht. Und selbst die vertane Zeit ist ja am Ende keine vertane, sondern gehört zum Lebensstrom dazu. Nur manchmal, in diesen zweifelnden oder verzweifelten Rückblicken mag es vertan erscheinen. Weil etwas, ein großer Wunsch, eine Form von Glück nicht aufging. Mich hätte in diesem Kontext mehr noch die Perspektive von Felice Bauer interessiert.

    Leider sind wenige Äußerungen von Felice Bauer überliefert. Sie hielt zudem bestimmte Briefe zurück. (Was ihr gutes Recht war.) Aber all dieses Geschehen ist für einen literarischen Text am Ende eher marginal, denn viele dieser Dinge werden sich nicht mehr verifizieren lassen und beruhen auf Mutmaßungen. Insofern bleibt dieses Verhältnis zwischen Kafka und Bauer ein ästhetisches, von der Kunst inspiriertes Spiel. Zumindest in unserer rückblickenden Reflexion. Daß das eine oder andere in die Prosa Kafkas einfloß: Ohne Zweifel. Wie sollte das auch anders sein? Aber ist das für einen Text wie den „Prozeß“ wirklich relevant?

    [Der „Prozeß“ bleibt ein Text, der von seinem Gemachtsein von der Konstruktion und von der Anordnung her wirkt. Bis heute. Latente und manifeste Bedrohungsszenarien. Als literarische Fragmente. Das funktioniert gerade deshalb, weil Kafka keine engagierte Literatur schrieb, indem er dies oder das ganz konkret anprangerte oder indem er seine eigene Situation in Literatur brachte. Der Text bleibt: Offen für manches.]

    Die Umstände über Felice Bauers Leseverhalten meine ich der Biographie von Stach entnommen zu haben. Es ging allerdings weniger darum, daß sie wenig las und nicht ins Theater ging, sondern es bleib ihr Interesse eher vage, nicht in dieser Lebensemphase für Literatur als Existenzform wie Kafka sie hegte. Literatur und Theater waren für Bauer Dinge, die dazugehörten. Mehr aber auch nicht. Ich müßte das allerdings noch einmal prüfen. Vielleicht könntest Du aber schreiben, woher Du Deine Angaben beziehst. Ich lasse mich da gerne korrigieren, und es wäre noch viel spannender, wenn beide den Faible für Literatur lebten. Wobei man bei Kafka sagen muß, daß er kein Leser im Sinne des Kunstkritikers war, sondern nach Präferenz las. Kafka konnte sich von vielem faszinieren lassen. Wesentlich aber war im das Schreiben: als Existenzform.

    Die Temperamente und Denkweisen dieser drei Frauen sind in der Tat sehr unterschiedlich. Milena ist noch einmal eine Sache für sich. Es ging mir in diesen Sätzen lediglich darum, dieses letzte Glück Kafkas festzuhalten und wie er sich mit einem Male, im Banne der Krankheit und damit auch des Todes von jenem Mütterchen Prag mit ihren Klauen und Zähnen zu lösen versuchte, um einen ganz eigenen Weg zu gehen. Den des Schriftstellers, den eines Liebenden. (Wobei Kafka seine Felice sicherlich nicht minder liebte, wenn wir den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen trauen.) Dieser Ausbruch war zudem für Kafka auch eine Loslösung von allen anderen Zwängen.

    Es sollte in der Tat mehr zu jenen „Prozessen“ erscheinen. Aber Wunsch und Wirklichkeit und Zeit klaffen leider oft auseinander. Ich mache solche Texte gerne an Jahrestagen fest. Und dann kommt anderes in die Quere.

  3. Ambiguitas schreibt:

    Ja, diesen Millenium-Gedanken spürte ich schon. Deshalb habe ich auch auf diesen Eintrag geantwortet und da ich mich gerade im letzten Jahr mit dem Prager Ausnahmetalent beschäftigte, freute ich mich darüber. Fand aber erst jetzt Mut oder Zeit oder dank fortschreitendem Erkenntnisgewinn die richtigen Worte, um meine Sichtweise einzubringen.

    Jedenfalls beruhen meine Informationen vor allem auf den Aufzeichnungen von Franz Kafka selbst. Seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen sind ja dank Internet in einer chronologischen, wenn auch nicht ganz fehlerfreien, Version abrufbar – und das kommt meiner Annäherung an einen Autor wie ihn und seinem Werk sehr entgegen.
    Ein wunderbares Vergnügen, nicht nur die einzigartige Lebens- und Schaffensweise eines wahren Meisters der deutschen Sprache kennen zu lernen sondern auch den komplexen Bilderbogen einer sich damals in den Grundfesten verändernden Werteordnung aus einem ganz besonderen Blickwinkel zu betrachten. Neben den vielen Verzweigungen und teils beachtlichen Tiefen des Kafkaschen Baus genieße ich auch die Betrachtung des inzwischen riesenhaften Überbaus seiner unzähligen Deuter, Interpretatoren, Biografen, Doktoranden und sonstigen – wie schreibt er selbst so hübsch im Prozeß – Eckensteher und Lufteinatmer. Erfährt man doch so eine ganze Menge über die Literaturrezeptionsgeschichte des letzten Jahrhunderts und parallel so einiges über die Bewältigung vor allem deutscher Grundkonflikte dazu.

    Aber zurück zum Konkreten, zu Felice und ihrem Leseverhalten. Das Deine Informationen ausgerechnet von Stach stammen, wundert mich etwas. Auch wenn ich seine informativen Wälzer nicht detailliert im Kopf habe, meine ich zu erinnern, dass er eher ihre Belesenheit hervorhob. Was vor Jahren wohl sichtbaren Ausdruck in einer Ausstellung fand, als er einige ihrer Utensilien, darunter den nicht kleinen Bücherschrank, über den Großen Teich schippern ließ.
    Aber natürlich unterschieden sich Autoren und Thematik einer Berliner Angestellten von der Lektüre des Prager Schriftstellers und Juristen. Trotzdem beeinflussen sie sich über die Jahre gegenseitig, was sich besonders am oben erwähnten Strindberg (aber nicht nur den) nachweisen lässt. Bedenkt man den beachtlichen Bildungs- und Erfahrungsunterschied ist das gar nicht so wenig, zudem sie auch fünf Jahre jünger ist als er. Jedenfalls war diese Tatsache bestimmt kein ursächlicher Grund für das Scheitern des Verhältnisses, die Unterschiede hier zu Julie Wohryzek oder auch Dora sind viel größer.

    Dass Felicens Briefe fehlen, ist natürlich ein Manko. Die hätte ich auch gern gelesen. Aber das gilt für die schriftlichen Zeugnisse der anderen Frauen und Mädchen ja auch. Da war jemand sehr gründlich mit dem Aufräumen. Andererseits kann man sich trotzdem ein recht dichtes Bild ihrer Existenz bilden, neben den emsigen Biografisten lässt sie Kafka mit den häufig eingestreuten Zitaten in den eigenen Briefen (auch an Grete Bloch) zumindest in seiner Sicht lebendig werden.

    Betreffs des Aussortierens von Briefen und Karten mag ich Frau Marasse so einfach nicht frei sprechen, selbst wenn sie das Recht auf ihrer Seite hat. Denn die fehlenden Korrespondenzen ergeben schlussendlich ein verzerrtes Bild der Realität, zumal unklar bleibt, wo und wie viele fehlen. Generell sind die Berliner Damen von 1914 an einigen Stellen auffallend verschwiegen, so existiert ja nicht eine einzige Bemerkung zu dem Geschehen rund um die Entlobungsgeschichte außerhalb des Kafkaschen Tagebuchs.

    Zum Prozess-Roman schreibst Du: >>Der “Prozeß” bleibt ein Text, der von seinem Gemachtsein, von der Konstruktion und von der Anordnung her wirkt.<>14 Tage, gute Arbeit zum Teil, vollständiges Begreifen meiner Lage.<>Selbstmord, Brief an Max mit vielen Aufträgen.<< Der am gleichen Tag eintreffende Brief von Grete Bloch bringt ihn auf andere Gedanken und beendet die Funkstille auch mit Felice.

    Ich denke, meine Antwort auf Deine oben gestellte Frage, wie relevant diese eigenen Erfahrungen, Empfindungen, Gefühle für diesen wunderbaren Roman sind, wird damit klar. Mir ist aber durchaus bewusst, dass dieser geniale Text auch aus ganz anderem Blickwinkel interpretiert werden kann, denn dazu ist das Thema allgemein gültig genug erzählt, in beeindruckender Intensität geschildert und durch seine Mischung aus konkreter Szenerie und geschickter Verschlüsselung weitläufig ausdeutbar.

    Schönen Abend

  4. Bersarin schreibt:

    Zu Felice Bauers Leseverhalten: es kann sein, daß ich mich irre. Ich müßte das recherchieren, wozu mir die Zeit leider fehlt. Vielleicht war stand dies aber auch bei Canetti in „Der andere Prozeß“. Wenn Du es aber so schreibst, will ich es Dir gerne glauben. (Wundere mich nur über mich selber, daß ich mich derart entweder verlesen habe oder einer Fehlmeldung aufsaß.)

    Ansonsten: Danke für diese anregenden Kafka-Kenntnisse. Was die Briefe betrifft, ist es immer ungerecht, wenn selektiv herausgegeben wird. Entweder alles oder nichts. Andererseits ist es hier gut, wenn wir überhaupt Teile der Briefe vorliegen haben, weil das einen Einblick liefert, der bedeutsam für die Literatur und die Verquickung von Schreiben und Existenz ist: wie sich eine Liebe gleichsam textualisiert und zu einer Art von Literatur wandelt. (Zumindest für uns Leser:innen) Und womöglich gibt es eben auch gute Gründe von Felice Bauer bzw. Marasse etwas zurückzuhalten. Schwierig zu beurteilen. Nachlässe sind nun einmal eine heikle Sache, wie man nun gerade wieder bei Martin Heidegger sieht. (Skandalös allerdings, wenn es keine textkritische Ausgabe gibt, die Wandel und Streichungen und Umschriften offenlegt.) Kafkas Tagebücher gibt es zudem in der kritischen Ausgabe beim Fischer Verlag. Leider etwas preisintensiv, wenn eine/r sich die anschaffen will.

    Der „Process“ ist vielseitig lesbar. „‚Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.‘“ Wie es im „Process“ heißt, von den Erklärern ausgesprochen, vom Geistlichen in seiner Rede wiedergegeben. Also auch hier eine Struktur der Verdoppelungen und der Spiegelungen: einer Rede in der Rede. Dieses Verschachtelte schätze ich ungemein.

    Gleiches gilt für „Der Verschollene“ und für „Das Schloss“.

    Dir ebenfalls einen schönen Abend.

  5. Ambiguitas schreibt:

    Uups. Da hat >jemand< einige Sätze in meinem letzten Eintrag gelöscht. So entlarvend sind die doch längst noch nicht, Herr Kafka. (Blinzel, blinzel nach ganz da oben;-);-)) Keine Ahnung, wieso dies passiert ist, zumal meine Kopie okay ist. Aber der vorletzte Absatz über den Roman ergibt ja sonst keinen Sinn. Hier der richtige Wortlaut nach <<des Kafkaschen Tagebuchs…<>Der “Prozeß” bleibt ein Text, der von seinem Gemachtsein, von der Konstruktion und von der Anordnung her wirkt.<>14 Tage, gute Arbeit zum Teil, vollständiges Begreifen meiner Lage.<>Selbstmord, Brief an Max mit vielen Aufträgen.<<
    Der am gleichen Tag eintreffende Brief von Grete Bloch bringt ihn auf andere Gedanken und beendet die Funkstille auch mit Felice.

    Soweit der richtige Wortlaut. Und ja, auch für die oben genannte Vermutung habe ich stichfeste Hinweise beim Prager selbst gefunden, oft erst viel später geäußert, und mit einzelnen, teils völlig anders terminierten, Tagebuch- oder Briefstellen untermauert. Auch geben die letzten Texte, die bei Dora in Berlin entstanden, wertvolle Einsichten in diese dann schon "alten" Zeiten, obwohl er bei sich bleibt, und zumeist die Tierwelt als sprechende Symbolik herhalten muss, also wieder eine allerdings doch anders geartete – Verschlüsselung enthält. Wichtig für mich ist aber, dass damit Kafkas Verhalten (und damit zunächst unverständliche Äußerungen in Briefen und Tagebucheinträgen) plausibel werden. Dass auch Felice und Grete, sie selbst betreffende, Wahrheiten zurückhalten, führt dann zu den Missverständnissen, die keineswegs mit dem Gerichtshof und dem Erstellen des Prozeß-Romans ausgeräumt sind.

    Du schreibst ja, dass Dich diese Verschachtelungen, Mehrdeutigkeiten, Spiegelungen so an seinen Texten reizen. Das geht mir ebenso. Köstlich, wie perfekt er schon einzelne Wörter in ihrer Doppel- oder Mehrfachbedeutungen einsetzen kann, man denke nur an die Romantitel "Der Prozeß" und "Das Schloß" oder "Der Bau". Egal, welche Bedeutung man den Substantiven zuordnet, es passt immer zur Thematik des Inhalts. Und oft wächst gar das sinnliche Vergnügen bei nochmaliger Lektüre, weil wieder eine andere Be- oder Andeutung sich auftut. Auf die Spitze treibt es Kafka meiner Meinung nach im Schloß-Roman, denn dort schwirren die symbolhaften Mehrdeutigkeiten nur so um einen herum. Die Entdeckungsreisen in diesen Privatkosmos sind unvergleichlich. Ich gebe aber zu, dass dazu ein sehr fundiertes Wissen um seine Biografie und, ganz wichtig, die Biografie und Werke von ihm nahen Schriftstellern von großem Nutzen ist. An letzterem mangelt es auch bei mir und so gibt es noch etliche Lücken im logischen Verstehen des Meisterwerkes. Anders als bei den anderen Romanen verstehe ich bis heute auch nicht richtig, warum er diesen Text nach rund einem dreiviertel Jahr Arbeit daran abbrach.

    Du siehst, ich könnte ewig über dieses jüdisch-böhmische Wunderkind samt seiner Umwelt fabulieren. Aber ich will etwas zu Deiner Verwunderung über die angebliche Fehlinformation ergänzen. Ich glaube, dass hast Du schon bei Stach in der Art so gelesen. Der scheinbare Widerspruch lässt sich vielleicht so erklären: Der Großbiograf befasst sich ja seit mehreren Jahrzehnten mit Franz Kafka. Dabei entsteht eine ziemlich enge, innere Bindung wie zu einem Kind, von dem man alles Böse abhalten will. Störende Personen, dazu zählt Felice (erst recht Grete Bloch z.B.) schlussendlich doch, bekommen rasch Maluspunkte, während der Protagonist geschont wird. Stach ist nicht nur traurig, ja sogar ungehalten, als das Auf- und Ab der Beziehung zu Felice dann im Herbst 1917 seinem Ende zusteuert. Was hätte doch alles aus diesem unfassbaren Schreibtalent werden können, wenn die spröde, unverständige Berlinerin…

    Das erinnert mich an die Ausgangsthese der vertanen Zeit von oben, ja in diesem Sinn ist das gemeint, und da passt es besser, wenn man die Schuld des Scheiterns dem Genie ein wenig abnimmt. Nichts gegen Stach, er trägt mit seinem monumentalen Zusammenfassung zu einer korrekten Einordnung des Werkes in die damaligen Verhältnisse wirkungsvoll bei. Aber bis auf den Grund hat er seine Betrachteten nicht verstanden (nicht verstehen können) und so bleiben die Dissonanzen gerade rund die zentrale Beziehung zwischen Franz und Felice (und Grete) ungeklärt. Auch die wenigen Sätze zum Prozeß-Roman sind seltsam nichtssagend, ließen mich gelinde gesagt verwundert zurück.

    Oh, Abend schon wieder. Schöne Grüße

  6. Ambiguitas schreibt:

    Doppel-Uups: Der betreffende Absatz wird erneut nur verkürzt angezeigt. Aktuell habe ich einzig die Vermutung, dass die verwendeten Spitzklammern daran schuld sein könnten. Darum lösche ich die mal alle und füge nun den kompletten Eintrag nochmal an:

    Uups. Da hat „jemand“ einige Sätze in meinem letzten Eintrag gelöscht. So entlarvend sind die doch längst noch nicht, Herr Kafka. (Blinzel, blinzel nach ganz da oben;-);-)) Keine Ahnung, wieso dies passiert ist, zumal meine Kopie okay ist. Aber der vorletzte Absatz über den Roman ergibt ja sonst keinen Sinn. Hier der richtige Wortlaut nach „des Kafkaschen Tagebuchs…“

    …Zum Prozess-Roman schreibst Du: „Der Prozeß bleibt ein Text, der von seinem Gemachtsein, von der Konstruktion und von der Anordnung her wirkt.“ Da sehe ich die Verfinsterung von Kafkas Miene direkt vor mir;-) Denn genau diese Konstruktionen, dieses Gemachtsein versuchte er unter allen Umständen zu vermeiden. Sie entlockte ihm scharfe Kritik selbst bei befreundeten Autoren wie Ernst Weiß. Deshalb gibt es auch nie eine konkrete Vorabplanung, was bei längeren Texten einen entscheidenden Nachteil bedeutet. Die von ihm so geliebte Intuition der Szenerie, die zweifellos einzigartige Ergebnisse aus der Zwischenwelt zwischen Realität und Traum zeitigen kann, verträgt jedoch auch beim Schreibtalent Kafka keine Unterbrechungen, wenn man ein gleichbleibendes Sujet verfolgen will.

    Und genau das bezweckt er mit diesem Roman: Er wolle wieder einen inneren Monolog führen können, schreibt der Autor zu Beginn im Tagebuch. Offenbar ist es sein Ziel, sich über die Ursachen, die Auswirkungen und die Folgen bestimmter eigener, im moralischen Sinne zumindest fraglicher, Verhaltensmuster im Klaren zu werden. Das ist vom „Urteil“ und von der „Verwandlung“ gar nicht so weit entfernt. Nur geht es jetzt nicht mehr um die Familie. Bei einer Offenlegung, z.B. über eine anonyme Verleumdung, würde dies eine ernste Bedrohung der eigenen Reputation bedeuten, die auf die gesamte Umgebung negativ abfärben könnte. Ich glaube, dass sich Franz damals wirklich in einer derartigen Klemme befand, die ihm erhebliche innere Konflikte bescherte und die maßgeblich zum eigenartigen, auch für die direkt Beteiligten zumeist unbegreiflichen, Verhalten in der Verlobungssache beitrug.

    „14 Tage, gute Arbeit zum Teil, vollständiges Begreifen meiner Lage.“ lautet die Tagebuchnotiz vom 15. Oktober, nach zwei Monaten Schreiben am Prozeß und seinen Nebenprodukten wie der „Strafkolonie“. Die Schlussfolgerung nennt er kurz darauf, die ihm durch den Kopf gehen, als er sich um 3 nachts ins Bett legt. „Selbstmord, Brief an Max mit vielen Aufträgen.“
    Der am gleichen Tag eintreffende Brief von Grete Bloch bringt ihn auf andere Gedanken und beendet die Funkstille auch mit Felice.

    Soweit der richtige Wortlaut. Und ja, auch für die oben genannte Vermutung habe ich stichfeste Hinweise beim Prager selbst gefunden, oft erst viel später geäußert, und mit einzelnen, teils völlig anders terminierten, Tagebuch- oder Briefstellen untermauert. Auch geben die letzten Texte, die bei Dora in Berlin entstanden, wertvolle Einsichten in diese dann schon „alten“ Zeiten, obwohl er bei sich bleibt, und zumeist die Tierwelt als sprechende Symbolik herhalten muss, also wieder eine allerdings doch anders geartete – Verschlüsselung enthält. Wichtig für mich ist aber, dass damit Kafkas Verhalten (und damit zunächst unverständliche Äußerungen in Briefen und Tagebucheinträgen) plausibel werden. Dass auch Felice und Grete, sie selbst betreffende, Wahrheiten zurückhalten, führt dann zu den Missverständnissen, die keineswegs mit dem Gerichtshof und dem Erstellen des Prozeß-Romans ausgeräumt sind.

    Du schreibst ja, dass Dich diese Verschachtelungen, Mehrdeutigkeiten, Spiegelungen so an seinen Texten reizen. Das geht mir ebenso. Köstlich, wie perfekt er schon einzelne Wörter in ihrer Doppel- oder Mehrfachbedeutungen einsetzen kann, man denke nur an die Romantitel „Der Prozeß“ und „Das Schloß“ oder „Der Bau“. Egal, welche Bedeutung man den Substantiven zuordnet, es passt immer zur Thematik des Inhalts. Und oft wächst gar das sinnliche Vergnügen bei nochmaliger Lektüre, weil wieder eine andere Be- oder Andeutung sich auftut. Auf die Spitze treibt es Kafka meiner Meinung nach im Schloß-Roman, denn dort schwirren die symbolhaften Mehrdeutigkeiten nur so um einen herum. Die Entdeckungsreisen in diesen Privatkosmos sind unvergleichlich. Ich gebe aber zu, dass dazu ein sehr fundiertes Wissen um seine Biografie und, ganz wichtig, die Biografie und Werke von ihm nahen Schriftstellern von großem Nutzen ist. An letzterem mangelt es auch bei mir und so gibt es noch etliche Lücken im logischen Verstehen des Meisterwerkes. Anders als bei den anderen Romanen verstehe ich bis heute auch nicht richtig, warum er diesen Text nach rund einem dreiviertel Jahr Arbeit daran abbrach.

    Du siehst, ich könnte ewig über dieses jüdisch-böhmische Wunderkind samt seiner Umwelt fabulieren. Aber ich will etwas zu Deiner Verwunderung über die angebliche Fehlinformation ergänzen. Ich glaube, dass hast Du schon bei Stach in der Art so gelesen. Der scheinbare Widerspruch lässt sich vielleicht so erklären: Der Großbiograf befasst sich ja seit mehreren Jahrzehnten mit Franz Kafka. Dabei entsteht eine ziemlich enge, innere Bindung wie zu einem Kind, von dem man alles Böse abhalten will. Störende Personen, dazu zählt Felice (erst recht Grete Bloch z.B.) schlussendlich doch, bekommen rasch Maluspunkte, während der Protagonist geschont wird. Stach ist nicht nur traurig, ja sogar ungehalten, als das Auf- und Ab der Beziehung zu Felice dann im Herbst 1917 seinem Ende zusteuert. Was hätte doch alles aus diesem unfassbaren Schreibtalent werden können, wenn die spröde, unverständige Berlinerin…

    Das erinnert mich an die Ausgangsthese der vertanen Zeit von oben, ja in diesem Sinn ist das gemeint, und da passt es besser, wenn man die Schuld des Scheiterns dem Genie ein wenig abnimmt. Nichts gegen Stach, er trägt mit seinem monumentalen Zusammenfassung zu einer korrekten Einordnung des Werkes in die damaligen Verhältnisse wirkungsvoll bei. Aber bis auf den Grund hat er seine Betrachteten nicht verstanden (nicht verstehen können) und so bleiben die Dissonanzen gerade rund die zentrale Beziehung zwischen Franz und Felice (und Grete) ungeklärt. Auch die wenigen Sätze zum Prozeß-Roman sind seltsam nichtssagend, ließen mich gelinde gesagt verwundert zurück.

    Oh, Abend schon wieder. Schöne Grüße

  7. Bersarin schreibt:

    Ich werde Dir morgen antworten. Heute abend werden die feinen Drogen konsumiert, die uns die Natur gegeben hat. Und es werden Photographien bereitet. Ja, es ist Abend. Schon wieder.

  8. Bersarin schreibt:

    Bei Stach scheint es diese Passage nicht zu geben, die Felice Bauer eher schlicht nennt und wenig belesen. Im Gegenteil attestiert er ihr eine literarische Grundbildung. Stach weist aber darauf hin, daß es Interpretationen gäbe, die Bauer eher als schlicht und ihm intellektuell nicht gewachsen sehen. Stach selbst betrachtet dies anders. Zwar weist auch er auf die verschiedenen Welten und die verschiedenen Arten der Intellektualität hin, doch schlägt dies nicht zu Felices Nachteil aus. Was ich zudem in Erinnerung hatte und was sich beim kursorischen Lesen bei Stach bewahrheitete: Felice Bauer war für ihre Zeit eine ungemein emanzipierte Frau, die wußte, was sie wollte, die selbstbewußt ihrem Beruf nachging. So schildert es Stach. Bauer kommt bei ihm nicht schlecht weg, und sie wird auch nicht als der störende Teil dieses, wie es in der Forschung heißt, so ungleichen Paares gesehen. (Zumindest auf den Seiten, die ich bisher las.) Die vermeintliche intellektuelle Unterlegenheit mochte ich vielleicht auch aus dem Ausdruck vom knochigen leeren Gesicht, „das seine Leere offen trug.“ gefolgert haben. Aber diese Leere, so ergänzt Stach, war durchaus gegenseitig. Denn auch Felice Bauer konnte nichts von Kafka wissen, insofern war für sie auch sein Gesicht leer und unbeschrieben.

    Daß Stach seinem Gegenstand (also dem Leben Kafkas) zu nahe ist und ihn im Detail betrachtet, halte ich für nicht angemessen. Allerdings hat man manchmal den Eindruck, daß die Menschen, die um Kafka sich versammeln und in sein Leben treten, eher als Objekte behandelt werden. Daß sie schlecht wegkommen, kann man nicht sagen. Gut allerdings auch nicht immer. Insbesondere Max Brod. Aber auch Kafkas Eigentümlichkeiten verschweigt und beschönigt Stach nicht.

    Tja, Biographie und Werk. Beides ist sicherlich interessant. Aber auch Biographien sind am Ende Texte. Wenn sie gut sind, lesen sie sich wie ein Stück Literatur. Ob es aber wirklich so war, kann vielfach nur gemutmaßt werden. Das Werk auf die Biographie zurückzuführen und einzelne Szenen an Ereignissen des Lebens festzumachen oder Details einer literarischen Beschreibung dann im Leben selbst nachzuweisen, wie dies Binder in seinen Kafka-Kommentaren macht, ist interpretatorisch und in der Lektüre nicht zielführend. Literatur ist ja keine positivistische Verdoppelung der Welt. Das Biographische halte ich in bezug auf „Das Urteil“ und „Der Process“ eher für beispielend. Allenfalls kann man es derart nehmen, daß Schreiben, der Akt des Schreibens für Kafka auch und insbesondere im Tagebuch, eine Weise der Existenz war: seine Lebensform eben: Leben als Literatur. Aber wie jede Lebensform bedarf es hierzu in einer kapitalistisch durchorganisierten Gesellschaft der ökonomischen Absicherung. Ist diese nicht gegeben, führt es notwendigerweise zu jenem „unglücklichen Bewußtsein“, das wir in all unseren Arbeiterunfallversicherungen erfahren, die Zeit des Schreibens und Dichtens stören und das Kontinuum zerhacken. Dies war auch bei Kafka der Fall, und es erwies sich für ihn absurderweise diese Krankheit als eine – wenngleich tödliche – Rettung.

    Daß Stach zum zu Kafkas Roman „Der Process“ (und zu anderen Werken) nicht viel Interpretierendes schreibt, würde ich ihm nicht negativ auslegen wollen. Die umfassende Werkinterpretation in einer Biographie, die nun einmal primär das Leben des Autors behandelt, kann darin oft störend oder leicht aufgesetzt wirken. Zumal sie nie gründlich erfolgen kann, weil sie in der Biographie bloß ein Nebengleis darstellt. Stach löst dieses Problem adäquat. Er hätte für dieses ungeheure Projekt und für diese Arbeit dieses Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse unbedingt verdient.

  9. Ambiguitas schreibt:

    Verdient gehabt… Denn diese Entscheidung ist ja nun vorbei. Ich hätte es ihm auch gegönnt, ganz sicher.

    Meine etwas skeptische Haltung zu Herrn Stach liegt wohl darin begründet, dass mir einige selbstherrliche Äußerungen in Bezug auf andere Biografen und Interpretatoren, ja sogar von Philologenkollegen mächtig stören. Das habe ich live erlebt, taucht aber auch in Interviews und in den Büchern auf. Du erwähnst ja Max Brod. Das Herumhacken auf ihn finde ich unerträglich, selbst wenn er aus der Sicht -heutiger!- ich bin immer geneigt zu sagen: deutscher Biografenexperten nicht immer alles richtig gemacht haben mag. Selbst wenn ich die aktive Verteidigung der jeweiligen Deutungs- und Erkenntnisebene in dieses Metier mit einrechnen muss, – nein, ich will hier kein Bashing betreiben, vielleicht bin ich da auch zu sensibel.

    Fakt aber bleibt, die Ungereimtheiten in den Abläufen, in den Verhaltensweisen der Beteiligten vor und nach den Verlobungen kann Stach bis heute nicht erklären. Gibt er auf Nachfrage selber zu. „Diese Verhältnisse eben in der Familie Bauer…“ erklärt er dann blumig unbestimmt. Etwas Neues, außer dem vor ihm schon Bekannten wird aber nicht offeriert. Das hat mich schon enttäuscht, bedenkt man die vielen Jahre, die er sich mit dieser Materie beschäftigt und die Kontakte, die er besaß. Aber vielleicht ist man gerade nach so einer langen Zeit wirklich nicht mehr willens und damit fähig, sich nochmal mit einer anderen Sichtweise auseinanderzusetzen.

    Wäre verschmerzbar, wenn es um kleine Details ginge. Aber das Verhältnis von Franz zu Felice, in zeitlicher Begleitung zu Grete und der Schwester Erna, ja generell zu der Familie und damit auch zur Metropole Berlin ist von absolut zentraler Bedeutung in seinem Leben und wirkt im Grunde bis an sein Lebensende nach, außerhalb und innerhalb seiner Werke. Daher beharre ich hier so auf Plausibilität und damit die Bitte, auch Stach nicht als der Weisheit letzten Schluss zu begreifen.

    Binder ist wohl wirklich ein unglaublicher Sammler, ich kenne seine Veröffentlichungen nur ausschnittsweise, finde nach meinen Erfahrungen ganz gut, dass er immer mal die Deutungshoheit anderer Biografen anstachelt. Es gibt außerhalb des deutschen Sprachraums weitere Forscher, die durchaus interessante Details zu Tage fördern und den einen oder anderen Fehler ausfindig machen. Allerdings ist der generelle Umfang der Sekundärmeinungen schon sehr riesig und bildet einen für die meisten Interessenten undurchdringlichen Überbau über Kafkas Bau.

    Ich suche immer noch nach authentischen weiblichen Meinungen zu Kafkas Leben und Werk. Die mir bekannten sind meist irgendwelche wissenschaftliche Arbeiten, in deren Prüfergremium dann wieder allbekannte Männernamen auftauchen und man logischerweise zumeist Nachbetungen der Ansichten eben dieser Experten findet. Zudem sprengt die Fußnotenorgie inzwischen sämtliche Kreativität und Lesbarkeit. Fuck Gutenberg.

    Vielleicht hast Du in dieser Hinsicht einen Tip, gern auch in englischer Sprache? Wie gesagt Damen über Kafka – egal welchem Themengebiet sie sich dann annahmen.

  10. Bersarin schreibt:

    Etwas Neues an Erkenntnis hat Stach im Hinblick auf Bauer und Kafka vermutlich nur bedingt geliefert. Ich müßte es jedoch noch einmal bei Stach nachlesen und verifizieren. Allerdings breitet Stach das Verhältnis der Frauen Greta Bloch, Felice Bauer, Erna Bauer durchaus auf und geht ins Detail. Wenn dabei nicht mehr herauskommt, kann dies natürlich ebenso daran liegen, daß eben nicht mehr dagewesen ist.

    Daß es „authentische weibliche Meinungen“ zu Kafka gibt, wage ich zu bezweifeln. Was bereits darin gegründet liegt, daß ich dem Begriff des „Authentischen“ zutiefst mißtraue. Kürzlich erschienen (2013) ist eine Biographie von Kathi Diamant: „Dora Diamant. Kafkas letzte Liebe“. Aber es besteht auch bei diesem Buch die Gefahr, daß es pro domo geschrieben wurde. Zumindest aber befinden sich darin, laut Cover, Auszüge aus Dora Diamants Aufzeichnungen.

    Für die Forschung dürfte es vermutlich egal sein, ob Stach ein Mann oder eine Frau ist. Was wäre, wenn Stach nun transgender ist und sein Geschlecht nicht biologisch eingeordnet wissen möchte? Macht das dann seinen Text anders? Und wenn Stachs Text von einer Frau geschrieben worden wäre? Änderte dies ein Jota am Text? Eher nicht.

    Was die Frage der Frau betrifft, so sei wiederum auf Stach verwiesen, und zwar sei sein Buch „Kafkas erotischer Mythos. Eine ästhetische Konstruktion des Weiblichen“ genannt. Das Buch ist allerdings vergriffen.

    Für die Texte Kafkas immer noch maßgeblich: Adornos Kafka-Lektüre und die Benjamins.

  11. Bersarin schreibt:

    Nachtrag: Das Prinzip des Weiblichen ist in Kafkas Text selber, also immanent in den Strukturen und Verknüpfungen zu sichten. Von den Frauen im „Process“ bis hin zu denen im „Schloss“ oder zu „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“.

  12. Ambiguitas schreibt:

    Ja, ich glaube, ich habe mich hier nicht verständlich genug ausgedrückt. Es ging mir nicht um die psychische Klassifizierung von Kafka selbst und deren Widerspiegelung in seinem ganzen Ouvre, die gen- und umweltbedingt ohne Zweifel eine Besondere ist. Kurz gesagt verspreche ich mir von einer weiblicher Biografin einfach andere Sichtweisen. Gerade, weil es bei Kafka und eben auch den anderen Beteiligten – insbesondere in dem hier betrachteten Aspekt – vorrangig um Beziehungsprobleme geht und die Schar zumeist älterer Interpreten hat da einfach bestimmte Horizonte.

    Kein Zweifel, Adorno und Benjamin haben wichtige und interessante Blickwinkel vor allem auf Kafkas Werke in religiöser und philosophischer Wirkungsmächtigkeit geleistet. Wunderbare Grundlagen für entsprechende weitläufige Diskussionsansätze. Mit Blick auf den von Dir laut Titel hier angeschnittenen Themenkreis um den „anderen Prozess“, also dem wirklich abgelaufenen „Gerichtshof“, helfen sie aber wirklich kaum weiter. Das erwartete ich aber auch von diesen Fachmännern nicht, zumal sie über bestimmte Informationen auch noch gar nicht verfügten.

    Gut, ich denke, die Ursprungsthesen sind ja ausgetauscht, meine Entgegnungen wärmstens angekommen. Danke schön dafür.

    Ach ja, ich glaube, beim Durchklicken Deiner Beiträge zu Kafka war mir mal eine Verwechslung aufgefallen, ich schau gleich nochmal durch, vielleicht dann also nochmal an anderer Stelle…

  13. Bersarin schreibt:

    Natürlich haben Benjamin und Adornos Deutungen (zumindest wenn ich es erst einmal ganz unmittelbar nehme) nichts mit jenem anderen Prozeß zu schaffen.

    Mich interessieren im HInblick auf jenen anderen Prozeß die verschiedenen Formen des Textes: das Schreiben Kafkas, das sich mit dem Leben koppelt. Ein Leben Kafkas, das in einen Kokon des Schreibens eingewoben wird.

    Sicherlich wird da eine Frau manches anders schreiben. Andererseits wird auch mancher Mann es anders gewichten Kafkas Zögern und Zaudern schlicht idiotisch nennen.

    Ich habe nichts dagegen, daß eine Frau eine Biographie über Kafka schreibt – ganz im Gegenteil. Was jedoch die andere Sicht betrifft: die ist nichts bloß ans Geschlecht gekoppelt. Eine weiße heterosexuelle Frau aus Europa hat in ihrer Sicht mit einem weißen heterosexuellen Mann aus Europa, die zudem beide dem wissenschaftlichen Milieu entstammen, mehr gemeinsam als mit einer Frau, die aus Kambodscha stammt und Kafka liest und darüber schreibt oder mit einer forschenden Palästinenserin in den von Israel besetzten Autonomie-Gebieten im Westjordanland. Zumindest was die Bewertung und Deutung von Fakten angeht.

    Andererseits gibt es Aspekte, die lassen sich nicht in der Perspektive auflösen. Beispiele und Perspektiven spielen am Ende eben nur bei und mit der Aussage: Tausend Augenpaare, tausend verschiedene Berichte, ist nicht viel getan. Erst in der Sichtung der Sichten öffnen sich Fenster.

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