Wiener Moderne um 1900 – Traumbilder und das Repertoire des Zeichensatzes

Man muß absolut modern sein („Il faut être absolument moderne“), lautete einst das Diktum, welches Arthur Rimbaud in seiner lyrischen Prosasammlung „Une Saison en Enfer“ schrieb (holpernd übersetzt als „Eine Zeit in der Hölle“). Neben der Moderne in Paris, Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Baudelaire und Flaubert in der Literatur und mit Eugène Delacroix sowie Gustave Courbet in der Malerei (Namen sind Zeichen für Texte), gab es jene Berliner Moderne zum Ende der 1880er Jahre, die ihren Grund im Naturalismus besaß, und es gab während der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert die aus Wien. Die Seelenstände der Psychoanalyse, das Ich als Knotenpunkt, samt verlorenem Faden der Ariadne, das Nervöse und Neurotische, das Hysterische, die Morphinisten, Epochenabglanz, die Sucht nach Ornament als Versprechen, bei gleichzeitiger Verfluchung desselben als Verbrechen durch Adolf Loos. Deutlich sticht das Loos-Haus am Michaelerplatz heraus: inmitten des Prunks, wo Gründerzeit-Häuser träumerisch verschnörkeln und im Glanz eines Abgelebten sich sonnen, bricht der klare Stil das Ensemble der Gebäude auf diesem Platz, sticht aus der Zuckerigkeit kraß hervor. Moderne – das ist bereits in Wien das Miteinander des Verschiedenen: Die Secession, der Werkbund, (von der Musik Mahlers und Schönbergs ganz zu schweigen), natürlich die Gemälde Klimts, die man meist nur als goldstaubüberzogene kennt – doch die sind eben nicht alles, es existieren ja auch die ohne Goldrand oder Goldbesatz sowie ausdrucksstarke Zeichnungen, die in ihrem Duktus und in ihrer klaren Linie ausgesprochen modern anmuten. Seelenstände des Portraits.

Dazu ein Jahrzehnt später Egon Schieles Drastik der Selbst-Inszenierung, der diese Seelenstände expressiv, aber doch voll von morphinem Feinsinn aufsteigerte – von seiner obsessiven eigenen Nacktheit bis zu den von innerem Nachmahr und Epochendruck getragen Selbstportraits, wie auch seine Bilder von Frauen – fast somnambul. Die weiblichen Rundungen und die übrigen Öffnungen geben sich ganz und gar delikat dem Blick hin, so wie das Innenleben von „Fräulein Else“ und „Leutnant Gustl“ die Abgründe und die Verwirrungen des Seeleninnenraums offenbaren. Traumbilder, wenn sie in die Sprache überführt werden, liefern in der Deutung einen Schlüssel an die Hand. Dieses Moment des Irrens und Strömens reicht noch bis in die Prosa Thomas Manns hinein, der durch seinen Aufenthalt in München und Italien sicherlich einiges vom Norddeutsch-Steifen abstreifte: Tonio Kröger und Hans Hansen als Bilder fürs Streben und die Differenz zwischen Künstler und Bürger, die am Ende aber so weit nicht voneinander entfernt liegen, wie die Figur des Kröger und all der anderen genialen Dilettanten in Thomas Manns Werk zeugen. (Diese Erzählung entstand ebenfalls um die Jahrhundertwende und erschien 1903, und wer ein Bild von Gruppendruck, Hierarche, Schauspielerei und Meisterwahn in der Dichterszene erhalten möchte, der lese „Beim Propheten“ – eine Erzählung, die wohl zu recht als eine Parodie auf den George-Kreis und die Bohème-Attitüde gedacht ist. Eine Fortsetzung wäre zu schreiben, hinein in unsere Tage. Über die berliner Tagediebe und die Kreativitätsapostel, die Künstler- und Dichterdarsteller, im kleine, im großen.)

Die Moderne in Wien vereinte, wie eigentlich jede Moderne, Disparates. Nicht zu vergessen auch der Antisemitismus des populären Bürgermeisters von Wien, Karl Lueger. Und das Kaffeehaus als ein Ort, in dem sich die Literaten (meist wohl Männer) zeigten, sich positionierten, Aphorismen, Ideen, Sarkasmen austauschend, einander bezichtigten und eifersüchtig über den Ruhm oder über den kommenden (oder auch bloß kommoden) Nachruhm wachten. Heute sind das Café Griensteidl und das Café Central Schatten ihrer selbst, teuer, lediglich Orte für den Sacher-Torte verspeisenden und einen kleinen Braunen schlürfenden Touristen oder den stillen Gast, der das Schreiben simuliert. Bei all diesen Akten und Aspekten der Moderne ist jedoch nicht zu vergessen, daß sich die Wiener Moderne vehement vom Naturalismus jener Moderne aus Berlin (um 1890 herum) absetzte.

„Was von Periode zu Periode in diesem geistigen Sinn ‚modern‘ ist, läßt sich leichter fühlen als definieren; erst aus der Perspektive des Nachlebenden ergibt sich das Grundmotiv der verworrenen Bestrebungen. So war es zu Anfang des Jahrhunderts ‚modern‘, in der Malerei einen falsch verstandenen Nazarenismus zu vergöttern, in der Poesie, Musik nachzuahmen, und im allgemeinen, sich nach dem ‚Naiven‘ zu sehnen: Brandes hat diesen Symptomen den Begriff der Romantik abdestilliert. Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am Wilhelm-Meisterlichen Lebenlernen und am Shakespearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt. Reflexion oder Phantasie, Spiegelbild oder Traumbild. Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten. Modern ist das psychologische Graswachsenhören und das Plätschern in der reinphantastischen Wunderwelt.“
(H. v. Hofmannsthal, Gabriele D‘Annunzio)

Nun ist freilich das Fühlen einer der schlechtesten Ratgeber, wenn es um den Blick auf die Epoche geht. Das Fühlen sollten wir dem Tastsinn und der Haut oder den Liebenden überlassen, dem spielenden Kind, das in dieser Zeit die Unendlichkeit spürt, oder den ihre Kinder oder ihre Hauskatzen liebenden Eltern. Das Fühlen sollte dort seinen Platz haben, wo es angebracht ist, schließlich wollen wir die rationale Analyse ja auch nicht mitten beim Liebesakt und bei all der wunderbaren Zärtlichkeit dabeihaben: „Du, Süßer, die Codierung von Intimität nach Luhmann fällt in einem funktional differenzierten System sehr viel diffiziler aus als in einem solchen, das sich stratifikatorisch organisiert! Wußtest du das?“, so sprach die Frau, während ihre Finger und hernach grifffest ihre feine Hand an der versteiften Auswölbung entlangglitten, sämige Schaumspritzer gebärend.

Allerdings erfordert der Blick auf die Epoche ein gewisses Gespür und einen Sinn fürs Phänomen, der sich nicht allein aus reflektorischer Tätigkeit oder aus reiner Rationalität gewinnen läßt. Doch wissen wir zugleich, daß die legendäre Eule der Minverva ihren Flug erst bei der einbrechenden Dämmerung und wenn eine Gestalt des Lebens alt und grau geworden ist, beginnt. Herauszustellen bleiben diese beiden Aspekte: Analyse des Lebens und die Flucht vor dem Leben: der Weltenraum der Außenwelt als gigantischer Weltinnenraum, in dem sich Symbolisches, Metaphern und vor allem Metonymien ablagern, zu Bildern und verrätselten Zeichensätzen oder gar zu den Symptomen formen. Das, was Adorno den „Rätselcharakter der Kunst“ nennt, findet in dieser Moderne seinen Ausgang, drängt ins Werk und prägt es fortan. Die luzide Sublimierung der Idee im Werk und der klassische Bildungsroman zumindest haben von nun an ausgedient, oder der Autor versieht ihn mit negativen Vorzeichen.

In einem zweiten Teil meiner Wien-Serie zeige ich einen kleinen Gang durch die Leopoldstadt im zweiten Bezirk, hinüber über den Donaukanal in die Innere Stadt (vulgo: erster Gemeindebezirk), ausgehend vom dritten Bezirk zum Praterstern, wo eine reizende Berlinerin, die, am Fahrkartenautomaten lagernd, sich gerade anschickte, zunächst ihre Wochenkarte loszuwerden, um dann mit dem Zug zurück nach Berlin zu reisen, mir eben jene Wochenkarte verkaufte. Der langsame (oder auch der behutsame) Weg sei das Ziel, man spüre die Zeit des Reisens anders, wenn die Reisende die Strecke mit der Bahn fahrend statt mit einem Flugzeug zurücklege, so sagte sie. [Ich vermute allerdings, sie hatte schlicht Flugangst.] Wir unterhielten uns kurz über die verschiedenen Arten des Reisens, über den Modus der Distanz und des Ankommens sowie über die damit verbundenen Verhaltens- und Denkweisen. Dann mußte sie weiter, mußte ich weiter. Ach, Fräulein, sein sie munter, es ist ein altes Stück, mit der Bahn fahrn se runter, mit der Bahn geht’s auch wieder zurück. Sofern man eine Fahrkarte besitzt.

Im Laufe des Rückfluges am Montag erinnerte ich mich ein Stück weit an die Frau, doch ihr Gesicht habe ich bereits wieder vergessen. All die Gesichter. Bei den Damenbeauty-Salons in Wien, auch das ist modern, weiß ich nie genau: Handelt es sich hier nun um die Innung der Friseure oder doch um ein Bordell?
 
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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