Konsens der Vernunft oder Differenz der Ästhetik? Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag

Bei Habermas‘ Philosophie handelt es sich um eine solche, der ich zu großen Teilen widerspreche. Ich halte vom Prinzip der Kommunikation nicht viel, zumal, wenn sie unter entstellten Bedingungen stattfindet und auf Identität statt auf die Differenz hinausläuft – noch der zwanglose Zwang des besseren Arguments ist in seinen Tiefen ein Zwang und als quasi-moralisches Direktiv dem Prinzip der Herrschaft abgeborgt. Läßt sich das ganz Andere, das Fremde, das der Vernunft Entgegenstehende im Akt der Vernunft, im kommunikativen Moment auflösen oder gibt es andere Modi, es zu explizieren, wenn es sich denn überhaupt diskursiv explizieren läßt? Können wir die Ästhetik, das ästhetische Urteil, die Struktur des Kunstwerkes, seinen Wahrheitsanspruch im kommunikativen Konsens bzw. in der ästhetischen Debatte auflösen oder zur Bestimmung treiben? Genauso wenig lassen sich die Aporien und Widersprüche in einer Gesellschaft einfach in Kommunikation oder in vernünftige Argumentation überführen. Denn die gesellschaftlichen Antagonismen sind objektive und keine des bloßen Denkens, die sich dadurch aufheben lassen, indem die Denkbestimmungen in die Reflexion genommen werden, so daß am Ende der Widerspruch als ein bloßer Fehler im Denken sich erweist oder indem wir in lauter Harmonie und Gefühligkeit kuscheln. Vielfach gibt es insbesondere in den feministischen Varianten der Gesellschaftskritik Positionen, die der Habermasschen Konsensphilosophie recht nahe sind – nur daß die kommunikative Verflüssigung der Vernunft dort ins kommunikative Verkuschelte sich auflöst. Das Negative bleibt jedoch negative, bis es verging. Jeglicher Freiraum ist nur ein geborgter und tentativ situiert.

Ebenso wenig halte ich etwas von Begriffen wie Verfassungspatriotismus – allerdings in anderer Weise, als seine konservativen Kritiker insbesondere aus der Rechtsphilosophie und Rechtstheorie. Daran könnte man nun aus aktuellem Anlaß eine Theorie zu Nationalismus, Nationalstaat und Fußball aufziehen, aber dieses ganze Fußballthema: es wird alle vier Jahre aufgekocht, hochgehängt und ein Gewese um deutsche Flaggen gemacht, als gäbe es nichts anderes. Nein, ich mag die Schlandrufe ebenfalls nicht, sie nerven – selbst in ihrer Harmlosigkeit. Und wenn ein Staat nichts mehr anzubieten hat, kommt er mit dem tumben Nationalismus als Quelle und Nahrung: wohlfeile Sinnstiftung auf der Ebene des Symbolischen, Symbole kosten schließlich nichts, außer Blut und das Leben, wenn man am Ende Pech hat und wie Hans Castorp nach sieben Jahren „Zauberberg“, das schöne Lied vom Lindenbaum singend, irgendwo in den Schlachtfeldern Flanderns oder sonstwo im Westen sich hingibt und vermutlich hinsinkt. (Thomas Mann läßt das auf eine herrliche Weise offen, der Erzähler, der raunende Beschwörer des Imperfekts, ergeht sich in den Vermutungen. Diese Differenz zwischen einer zu Extrem verschärften Vernunft der Aufklärung und den Gärungen der Anders-Vernunft oder gar des untergründig Irrationalen, das sehr wohl seine Notwendigkeit und seine Berechtigung mit sich führt, trägt sich dann ebenfalls in den wunderbaren Gesprächen zwischen Settembrini und Naphta aus, die zum krönenden Abschluß in einem Duell mit Pistolen münden. Man könnte dazu auch sagen: typisch männliche Kommunikation.)

Andererseits existieren auf dieser Welt wichtigere Probleme und Nöte als die Fußball- und Deutschlandphobie, und es gibt politisch sicherlich Schrecklicheres als Menschen, die sich Fußball betrachten und mit idiotischen Deutschlandflaggen an ihren Autos durch die Gegend fahren. Über das Verhältnis Heimat, Deutschland, Verfassung und was man liebt oder nicht läßt sich sicherlich debattieren. Oder wie Gustav Heinemann es in einem Interview sagte: Ich liebe nicht mein Land, sondern meine Frau. Recht hat er. Womit wir wieder bei Habermas, beim Verfassungspatriotismus und auf Abwegen zudem beim Projekt Europa wären, für das Habermas zusammen mit Jacques Derrida 2003 vehement eintrat.

Die Frage, was einem Heimat bedeutet, ist damit aber lange nicht abgegrast: Wie kann sich ein Bewußtsein von Heimat von Regionalität entäußern, ohne provinzhaft oder volkstümlich zu werden? Eigentlich bleibt nur der Modus des Ästhetischen übrig, um dieses Denken in Sprache, in Bilder oder Töne zu bringen. Das Ästhetische fällt nun freilich innerhalb der Skala der Habermaschen Vernunft spärlich aus. Es bleibt eigentümlich blaß.

Dennoch: es lohnt sich – trotz alledem und trotz aller Kritik an der Philosophie von Habermas –, mit seinen Texten sich auseinanderzusetzen: Sei es jener eher mißlungene „Philosophische Diskurs der Moderne“, wo Habermas – freilich in Verkennung der Philosophie des sogenannten Poststrukturalismus – die Positionen Foucaults oder Derridas als Neokonservatismus brandmarkt, oder seine umfangreiche „Theorie des Kommunikativen Handelns“. Und „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ist noch heute ein lesenswertes und durchaus aktuelles Buch – insbesondere angesichts der Debatten um die neuen Medien und das Internet. Anschaulich kann man da lesen, wie heute zunächst neu und innovativ erscheinende Positionen der Berlin-Mitte- oder Kreuzberg-Hipster und der Medienbohème doch als mehr oder weniger alter Wein in neuen Schläuchen sich erweisen – aufgehübscht nur um eine kecke, verwegen Begrifflichkeit, die internet-technizistisch und hypermodern klingt, aber doch bloß wiederholt, was wir bereits wußten bzw. die am Ende Triviales bloß ins aufgehübschte Gewand verfrachtet.

Egal wie: Habermas bleibt kontrovers und eben das macht eine Philosophie zugleich anregend, weil man sich an ihr arbeiten kann. Ich schrieb seinerzeit im Jahre 2009 bereits zu Habermas‘ 80. Geburtstag einen Text. Zudem sistierte ich das Verhältnis von Kritischer Theorie und der Philosophie von Habermas in einem kleinen Text.

Damit diese Essays aus vergangenen Tagen im Textgestrüpp eines Blogs nicht untergehen und sich im Rhizom der Gedanken verlieren und verflechten, so daß nichts mehr bleibt, verweise ich auf diese älteren Texte, die ich heute vielleicht ein wenig anders schreiben würde. Dennoch: weshalb sich zum Geburtstagsgruß wiederholen oder lediglich ein wenig sich im Text abwandeln, wenn es auch so geht? Auf bereits Geschriebenes zu verweisen. Insofern empfehle ich diese beiden Texte den geneigten philosophisch inspirierten und interessierten Leserinnen und Lesern zur Lektüre.

Beim Suhrkamp Verlag ist zudem von Stefan Müller-Doohm eine umfangreiche, allerdings auch sehr affirmative Biographie über Jürgen Habermas erschienen. Müller-Doohms Biographie zu Adorno, die 2003 anläßlich Adornos 100. Geburtstag erschien, war zumindest in großen Teilen lesenswert und kann gut als Einführung in das Denken Adorno dienen. (Sofern man bei solchen Büchern dann nicht stehenbleibt, sondern sich an die Primärtexte macht.)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Konsens der Vernunft oder Differenz der Ästhetik? Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag

  1. El_Mocho schreibt:

    In der FAZ fand sich kürzlich ein ganz interessanter Artikel zu Habermas‘ geburtstag. Zitat daraus:

    „Andere seiner Generation waren entweder – wie Hans Blumenberg, Niklas Luhmann, Dieter Henrich – in erster Linie Gelehrte oder entfalteten – wie Hermann Lübbe, Wilhelm Hennis – in erster Linie zeitdiagnostische Urteilskraft. Jürgen Habermas hingegen steht für die Möglichkeit, beide Rollen in einer Biographie unterzubringen und in beiden eine Weltfigur zu werden. Wie war das möglich?

    Es war möglich, weil Habermas früh einen klaren Blick für die Lage der Philosophie im zwanzigsten Jahrhundert hatte. Sie geriet nämlich immer mehr in die Verlegenheit, dass die Einzelwissenschaften das Gebiet des Erforschbaren unter sich aufgeteilt haben und ihr enteilt sind. Kaum ein Philosoph ist noch imstande, die Texte derjenigen zu verarbeiten, die über die Gegenstände seines Nachdenkens tatsächlich forschen, sei es nun Natur, Geschichte, Politik, Sprache, Erkenntnis oder Gesellschaft. Das brachte und bringt Philosophen in die Gefahr, „weltanschaulich“ zu werden, sich also selbst auszudenken, wovon sie sprechen.“

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-85-geburtstag-wie-wird-man-juergen-habermas-12995946.html

    Damit ist wesentliches getroffen, denke ich. Habermas hat sich zumindest den Naturwissenschaften gestellt und versucht, sie in sein Denken zu integrieren. Wieweit das erfolgreich war, darüber kann man streiten, aber die meisten anderen Philosophen (zumindest im deutschen Sprachraum) blicken ja mit Verachtung auf die empirischen Wissenschaften und reden weiter über selbstausgedachte Dinge.

  2. Bersarin schreibt:

    Kein ernstzunehmender Philosoph käme auf die Idee, Naturwissenschaften auszuklammern oder sie abzuwerten, solange sie sich auf ihren Geltungsbereich beschränken und dort wirkt. Systemtheoretisch gesprochen gehört das Subsystem Naturwissenschaft, wie auch die Subsysteme Recht und Wirtschaft, zum System Gesellschaft. Wenn jedoch eine zweiwertige Logik auf Bereiche übergreift, die nicht die ihren sind, kann es in der Tat geschehen, daß Kritik einsetzt. Adornos Kritik am Positivismus galt nicht den Naturwissenschaften als solchen und vor allem nicht ihrer konkreten Arbeit, sondern sie richtete sich auf einen Anspruch, der von den Naturwissenschaften abgezweigt wurde, der alle Bereiche zu umgreifen sich anschickte und die Quantifizierung zum Maß aller Dinge nahm und damit das Denken insgesamt zu bestimmen drohte.

    Problematisch wird es genau dann, wenn aus dem pluralen (Methoden-)Feld der Naturwissenschaften lediglich eine einzige Methode extrahiert und (wider besseren Wissens) als einzige suponiert und allem als allseligmachende Wahrheit übergestülpt wird. Kluge Naturwissenschaftler wissen das und können die Ebenen trennen.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    „Problematisch wird es genau dann, wenn aus dem pluralen (Methoden-)Feld der Naturwissenschaften lediglich eine einzige Methode extrahiert und (wider besseren Wissens) als einzige suponiert und allem als allseligmachende Wahrheit übergestülpt wird. Kluge Naturwissenschaftler wissen das und können die Ebenen trennen.“

    Schon Diederich Heßling „..bereitete sich, vom Biertisch her, über die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward eins mit dem Weltgeist.“
    Es geht in der Tat um das bierselige, holistische Wissenschaftsdenken, das aus einem Punkt heraus die Welt erklären will, „eins werden will“ mit dem Weltgeist. Dabei werden die jeweiligen Fixpunkte, von denen aus man das Denken beginnt, willkürlich gewählt. Der Hirnforscher fängt eben bei den Neuronen an, wenn er Anatom ist, bei den Transmittern, wenn er aus der Biochemie kommt. Der Teilchenphysiker „erklärt“ die Welt und ihren Klebstoff eben aus den Teilchen seiner Dissertation. Verhaltensforscher sehen allüberall die evolutionär sich entwickelten Gebärden am Werk.
    Ich weiß, das ist ein wenig böse und verkürzt, ein wenig polemisch, aber intelligente Naturwissenschaftler – und die gibt es – würden mir Recht geben. Nie kämen sie auf die Idee, die Messsung eines Hormonspiegels während des Aktes „erkläre“ den Akt.
    Und noch etwas: Die exakte Messung von heute ist das assoziative Konfabulieren von morgen. Will sagen: Eine endgültige Erkenntnis kann es naturwissenschaftlich gar nicht geben. Was wir heute als endgültig ansehen, ist morgen das ptolomäische Weltbild von gestern. Alles andere ist protoreligiöse Sehnsucht nach Ewigkeit.

    Das philosophische Denken ist möglichweise das Denken, was übrig bleibt, wenn die Meßergebnisse ausbleiben. Aber auch hier gibt es keine Ewigkeit…

  4. Bersarin schreibt:

    So ist es. Man unterschätzt den intelligenten Naturwissenschaftler. Philosophie ist der Bereich, der die Unschärfen zunächst einmal überhaupt wahrnimmt, Philosophie beschäftigt sich mit den Bedingungen der Möglichkeit von bestimmten Systemen und Diskursen. Das eben kann weder die Physik noch die Medizin aus sich heraus. Und wenn sie dieser Tätigkeit nachgehen, sind es eben nicht mehr Physik und Medizin.

  5. Pingback: Vernunft und Dialog: Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag

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