Der gewendete Blick: vom Dokument zur Kunst, vom Bild weg zum Bildnis einer Nacht – Jana Schulzʼ „Blaue Perle“

Den Zeichen-Trick zu gestalten, Verschiebungen in die Bilder einzubauen, die Fixierungen in den Fluß zu bringen, ohne dabei aber das Medium Photographie radikal über Bord zu werfen oder zu dekonstruieren. Innerhalb dieses Grenzgängerischen zwischen Bild und Bewegung siedelt sich auf der f/stop Leipzig – ebenso gelungen wie bei Anna Witt und doch anders strukturiert – die Arbeit von Jana Schulz an, die den Titel „Blaue Perle“ trägt. Es handelt sich um ein etwa elfminütiges Video. Das adjektivisch bestimmte Substantiv „Blaue Perle“ setzt zunächst einmal angenehme Assoziationen frei, wenn ich den Werktitel ohne Bestimmungen und ohne Kenntnisse höre, es erinnert an feine Perlen, ans Schimmern und Glitzern, Schaum und Gischt und die Geburt der Venus oder assoziiert Novalis’ blaue Blume herbei, und in diesem Sinne ist die „Blaue Perle“ durchaus ein Ort des Anderen, des Zweckfreien oder sogar: des Kontemplativen.

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Es handelt sich nämlich um eine jener simplen, ganz und gar unszenigen Gaststätten bzw. Eckkneipen mit Spielautomaten, die kaum einer jener hippen Menschen betritt, außer er oder sie wollen sich am Arbeitsvolk oder an denen, die mittlerweile keine Arbeit mehr haben, delektieren. Es war zu Beginn meiner Studienzeit Ende der 80er in gewisser Weise schick, solche Orte aufzusuchen, um sich den Anschein des Underdoghaften zu geben. Es sind diese Kneipen Orte, in denen die Zeit träge dahin fließt oder aber totgeschlagen und vermeintlich überwunden wird, Räume der Gemeinschaftlichkeit, des Rausches, des Rückzugs; da, wo Kumpanei entsteht oder Schläge verteilt werden, Ort des Beisammenseins und des Vergessens als Ausgleich von den Zumutungen einer durchökonomisierten Welt – sieht man einmal davon ab, daß auch dort Bier und Bockwurst bezahlt werden müssen, sofern man nicht anschreiben lassen darf. Aber selbst dann will der Wirt irgendwann das Geld sehen. Egal wie: es sind Orte der Zuflucht, des vermeintlich anderen Zustandes.

Voraussetzung für eine solche Arbeit, wie Schulz sie machte, und überhaupt für Dokumentationen an Orten, wo sich Gruppen von Menschen aufhalten – seien das nun Jugendliche, Migranten, eine Büroszenerie oder eben besagte Eckkneipe – ist es, einen bestimmten Grad an Vertrauen zu den Menschen aufzubauen und an diesem Platz lange genug zu verweilen, um überhaupt etwas von der Struktur und der Beschaffenheit dieses Ortes mitzubekommen. Das Verfahren der teilnehmenden Beobachtung als Methode der Soziologie läßt sich ebensogut auf die Kunst übertragen, und für die Dokumentation oder die Reportage ist sie sowieso unerläßlich. Doch wie auch der Forscher entfernen sich der Künstler/ die Künstlerin oder die Dokumentarfilmerin am Ende wieder von ihrem Gegenstand, verlassen ihn, sind bloße Zaungäste.

14_06_08_D_600_8887Das Video zeigt uns Menschen in dieser Kneipe namens „Blaue Perle“, hauptsächlich sehen wir ihre Gesichter, bis hin zu den Oberkörpern, selten den ganzen Körper, es sind Ausschnitte, Fragmente, in schummrigem Licht, rot-, grün- oder blaustichige Nachtansichten oder auch solche vom Tag, das ist nicht auszumachen, denn in einer dunklen Kneipe ist bei Schnaps und Bier immer Nacht, unbarmherzige, doch manchmal auch gütige Herrscherin über die Menschen. Die Menschen bewegen sich, manche tanzen, die Kamera fährt auf die Gesichter im Close-up. Lächeln, Müdigkeit, verhaltene Fröhlichkeit, Traurigkeit, der Ausdruck purer Freude sind zu sehen: Regungen eines Abends im Rausch der Nacht, diese eine unendliche Nacht. So zumindest manifestiert es sich in jenem glückseligen Lächeln dieses Mannes. Die Menschen sind von ihrer Kleidung her eher als einfache Menschen markiert, die nicht dem studentischen, dem künstlerischen oder dem akademischen Milieu entstammen.

Als begleitender Sound zu den Bildern laufen verfremdete Töne von Spielautomaten, klingernd und klimpernd tönt‘s, Musikanmutungen, Klangfetzen, mal melodisch, dann wieder gebrochen; es ist eine ungemein intensive und für diesen Ort passende Abfolge von Tönen. Insofern dürfte für diese Collage aus Geräusch gut der Begriff des Sounds treffen. Der Sound einer Nacht in einer Eckkneipe in Leipzig, irgendwann in der Zeit und aus der Zeit gefallen: Die Stadt, die Nacht, die Lichter. Und kurz dachte ich beim Betrachten des Videos: wie Clemens-Meyer-Figuren, genau so könnte diese Menschen, die Meyer in seinen Erzählungen oder in seinem ersten Roman schildert, ein Film ins Bild bringen. Insofern bin ich zwar einerseits auf die Verfilmung von „Als wir träumten“ gespannt, befürchte aber zugleich Schlimmes: Das hier eines der besten Literaturdebütromane zerfilmt und in stylische Bilder von Underdogs zerfasert wird. Verlierer als Pose. Jana Schulz zumindest entgeht in ihrer Arbeit dieser Gefahr, und sie führt die Menschen weder vor, noch macht sie sich über deren Wünsche, Träume, Gesten und Verhaltensweisen lustig und ironisiert diese. Vielmehr handelt es sich um Bilder des Ausdrucks: verdichtet auf den Moment, auf den Blick, mal trunken, fröhlich, sehnsuchtsvoll oder aber versonnen.

14_06_08_D_600_8890„Blaue Perle“ vergegenständlicht aber im Strom dieser Bilder zugleich anderes als diese eine Kneipe, an einer Straßenecke im Stadtteil Lindenau gelegen. Es ist mehr als nur der Raum Leipzig, mehr als Verlierer oder Glückssucher in den Tiefen der Nacht – obwohl das diese Menschen sicherlich auch sind. Diese Arbeit von Jana Schulz referenziert das Medium Bild in dieser Abfolge aus Bildern und Tönen neu, gleitet zwischen Film und Portrait, dem Dokument, dem Kunstwerk und wenn man so will auch zwischen dem Pop-Video. (Das allgegenwärtige Problem der Pop-Musik: daß sie sich genau das greift, was ökonomisch auf allen Kanälen auf lange Sicht gut verwertbar ist. Symbolisches Kapital der Kunst transformiert sich in reales. Daß Pop-Videos wie Dokumentationen wirken und sich als solche ausgeben, wird sicherlich irgendwann zum nächsten Trend werden, sofern es das nicht bereits schon ist oder war) Die bewegten Bilder gehen teils ins Portrait über, bannen den Blick in die 1/250 Sekunde Gesichtsausdruck, frieren die Mimik ein: Standbild.

Es bleibt in diesem Video die Geschichte einer Nacht als Intensität des Bildes, und aus diesem Grunde ist es von der Photographin gut gewählt, nichts weiter hinsichtlich der Situation zu spezifizieren, in der dieses Video gefertigt wurde: Keine genauen Umstände, wann und zu welcher Zeit sie die Bilder aufnahm, wie sie montiert wurden, ob diese Aufnahmen aus einer einzigen Nacht stammten oder diese wunderbaren Szenerien sich aus vielen Nächten zusammensetzten. Beim ersten Betrachten des Videos in der dunklen Kabine in der Halle 12 der Baumwollspinnerei geriet ich in den Sog dieser Bilder, doch zugleich ist der Ästhetiker der Nacht, der Erotiker des bewegten und unbewegten Bildes reflektiert genug, um sich nicht hinreißen zu lassen. Das Spiel von Nähe und Ferne, von Berührung und Zurückweichen, von Intensität und Distanz ist für das Bild von Glück nun einmal konstitutiv – auch in der ästhetisch-kontemplativen bürgerlichen Kunst-Betrachtung. Glück: das ist immer in effigie. Sozusagen.

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Nachdem ich, als diese elf Minuten vorüber waren, den Darkroom der Kunst verließ und mich besann auf das, was ich gesehen hatte, wollte ich diese Hintergrundinformationen zur Produktion, zur Aufnahmesituation haben, wünschte zu wissen, wie und mit welchen Mitteln diese Szenenfolge gemacht und komponiert worden war. Wer waren die Menschen? Dieser eine elegante, von der Hautfarbe schwarze Mann, der dort tanzt: wie kam dieser Mann an genau diesen Ort? Ein stilistischer Bruch: geriet der Schwarze durch Zufall an diesen Ort oder gehörte er zur Stammbelegschaft der „Blauen Perle“? Was waren das für Geschichten, die der Bilderstrom andeutete? In welchem Verhältnis befanden sich jene Frau und jener Mann? Aber das alles bleibt im Dunkeln und da ist es auch gut aufgehoben, denn dieser Reigen an Bildern, den Schulz uns auf wunderbare Weise liefert, ist nicht, wie eine literarische Erzählung, mit dem Konzept des Narrativen konnotiert, wo uns die Umstände einer Person X nahegebracht werden, so wie das Meyer oder Amerikaner wie Georg Saunders oder Denis Johnson machen: es wird uns keine Geschichte von einzelnen Menschen erzählt. Sondern das Medium Bild bringt sich selber dar und weist zugleich vermittels Form und Ausdruck auf die Situation einer Nacht, gestaltet einen sinnlichen Moment und verdichtet ihn im Bilderreigen.

Jana Schulz gelingt in diesem Video eine eindringliche Beobachtung von Menschen, sie setzt eine Szenerie ins Bild, nicht aufdringlich und doch hoch-intensiv und bewegend, und was das beste ist: sie denunziert das Glück dieser Menschen nicht, die ihre Ruhe im stillen Winkel leben möchten; Menschen, die tanzen, lachen, grübeln, miteinander sprechen, ausgelassen oder sorgenvoll sind, sondern vielmehr verdichtet Schulz den Augenblick einer Nacht zu einer großartigen Imago. Den Rausch einer Nacht, ins Bild gebracht. Ich verwende das Wort „poetisch“ als Beschreibungsbegriff nicht gerne, weil er hundertmal vernutzt und abgeranzt im Ton der hochtrabend-banalen Ergriffenheit geäußert wurde. (Und insbesondere die Blogwelt ist voll von Ergriffenheitsbekundungen, die so überflüssig wie ein Konzert der Rolling Stones oder eine Show von Mario Barth sind.) In diesem Falle aber trifft und bezeichnet dieser Begriff eine Szenerie, die nicht nur poetisch (im Sinne des Wortes) angeordnet, sondern tatsächlich auch im Sinne einer Gestimmtheit Wirkung zeitigt. Ich weiß nicht, was ich an Jana Schulz’ Werk „Blaue Perle“ mehr schätze: Die künstlerische Bearbeitung oder diesen ungemein genauen dokumentarischen Blick.

In Jana Schulz’ Video durchdringen sich Dokumentation und Kunst, und es ist nicht leicht, diese Arbeit der einen oder der anderen Seite zuzuschlagen. Das macht die Stärke dieses Bilderbogens aus, der ins Portrait geht und der zugleich mittels Musik und Bewegung die Szenerie belebt und ins Video gleitet. Jana Schulz erweitert sowohl Photographie als auch Videokunst, und zwar im Sinne jener anderen Leipziger Schule, im Sinne von Ute und Werner Mahler, von Arno Fischer, Roger Melis, Harald Hauschild, Sven Marquard und Sibylle Bergemann sowie anderen Meistern der DDR-Dokumentar- und Kunstphotographie, die es verstanden eine Szene ohne großes Gewese und ohne Hype sowie Affentanz ins Bild zu setzen und die in schwarz-weiß auf den Punkt und auf die Situation genau die Kamera auslösten. Aber diese Namen sollen keineswegs darauf deuten, daß hier eine Art zu photographieren nachgemacht würde, sondern vielmehr knüpft Schulz an eine der vielversprechendsten Traditionen der Photographie an und erweitert das Medium Bild um das Moment der Bewegung. Noch bis heute ist diese Arbeit von Jana Schulz auf dem Festival f/stop Leipzig zu sehen.

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In anderem Zusammenhang weise ich noch auf die Bilderserie „Völkerschlacht“ auf meinem Photoblog „Proteus Image“ hin. Viel Spaß beim Schauen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Der gewendete Blick: vom Dokument zur Kunst, vom Bild weg zum Bildnis einer Nacht – Jana Schulzʼ „Blaue Perle“

  1. holio schreibt:

    Kenne den Roman nicht, aber Andreas Dresen als Verfilmer hört sich ganz vielversprechend an. Sommer vorm Balkon hab ich gern gesehen.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich halte Clemens Meyers „Als wir träumten“ für einen vielversprechenden Debüt-Roman, zumal er eine Wendewelt diesseits von Techno und Berlin-Schick oder Judith-Herrmann-Problemen und wie all die – natürlich in Berlin lebenden – Autorinnen und Autoren alle heißen, schildert.

    Auf den Film bin ich dennoch gespannt.

  3. Uwe schreibt:

    Ich kenne nicht das ganze Video, sondern nur ein zweiminütiges Exzerpt, aber das hat mir sehr gut gefallen, vor allem die Kunstgriffe, mit denen das dokumentarische Material bearbeitet wurde.Da ist zunächst das perfekte Zusammenspiel von Musik und bewegtem Bild, wobei der abstrakte Maschinen-Soundtrack jede Sentimentalisierung des Gezeigten verhindert, vielmehr den Fluss der Bilder rhythmisch unterlegt. Auch die Distanzierungsform der Slow-Mo ist ein probates Stilmittel, um die Bilder in ihrer zeitlichen Struktur zu dehnen und zugleich – als Verfremdungseffekt – auf ihr Gemachtsein, ihre künstlerische Gestalt hinzuweisen. Und im Standbild kulminiert die Stimmung, die Atmosphäre des Ortes in einem Gesicht und seinem je eigenen Ausdruck.
    Du hast recht, hierbei wird nicht die Geschichte einzelner Menschen gezeigt, wie sie zusammenfinden oder eben nicht, und insofern fehlt dem Video eine in diesem Sinne narrative Struktur. Doch in jedem einzelnen Standbild vedichtet sich eine – pathetisch gesprochen – Sehnsucht, die mit diesem Ort verbunden ist, das Geschehen wird gewissermaßen individualisiert: Verschiedene Menschen mit je verschiedenen Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen treffen sich, um einer spezifisch sinnlichen Erfahrung teilhaftig zu werden.
    Während bei Anna Witt die Bewegung die inszenatorische Täuschung des Posings, des fixierten Bildes, offenbart, gewährt bei Jana Schulz der Filmstill innerhalb des langsam vorüberziehenden Bilderstroms dem Betrachter die Möglichkeit, für einen Moment innenzuhalten und in dem gezeigten Gesicht wie in einem Porträt den Ausdruck von etwas zu entdecken, das ihm nicht fremd sein dürfte, ob nun Freude, Trauer, Versonnenheit, Glück oder rauschhafte Verzückung. Dieses kurzfristige „Wiedererkennen“ mittels der extremen Verlangsamung und Konzentration auf ein Gesicht hat mich ungemein fasziniert, selbst in dem kleinen Ausschnitt, den ich im Netz sehen konnte.
    Danke also für den Hinweis und die vorzügliche Besprechung dieser überzeugenden Arbeit von Jana Schulz.
    Gruß, Uwe

  4. Bersarin schreibt:

    Danke für Deine Ergänzungen, Uwe, insbesondere die Slow Motion pointiert diesen Übergang vom Bewegungsbild zum Portrait und friert diese Momente des Glücks ein. Beide Arbeiten sind unbedingt empfehlenswert und ich werde schauen, was beide Künstlerinnen noch vor haben.

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