Photographie aus dem Stand der Dinge gelesen: Anna Witts „Sixty Minutes Smiling“. f/stop Leipzig (2)

Die Photographie ist uns als statisches Medium bekannt – in den Bildern bewegen sich die abgebildete Dinge nicht, Augen aus Portraits blinzeln nur selten dem Betrachter freundlich entgegen, die Personen in einem Gruppenbild verändern sich nicht in Gestalt und Aussehen – ausgenommen es handelte sich um das Bildnis des Dorian Gray. (Nein, das ist keine ausgefallene Teesorte für die Mütter vom Kollwitzplatz, sondern ein Buch.) Das Fotografie-Festival f/stop Leipzig verschiebt diesen Akzent vom rein statischen Medium Photographie hin zu den bewegten Bildern, ohne daß sich dabei freilich das Medium selber durchstreicht. Es bleibt, wie ich an zwei Beispielen dieser Ausstellung zeigen möchte, der photographische Charakter der erzeugten Bilder gewahrt; dennoch ändert sich dadurch die Dimension des Bildes. Das Photographische gleitet in die Zeit der stetigen Bewegung als Intervall. Solche Photographie erweist sich im multimedialen Crossover – ebenso wie andere Kunstgattungen, die sich durchdringen – als Interferenzphänomen.

Diese „Verfransung der Künste“ (Adorno) deutet auf eine interessante Entwicklung innerhalb der Photographie (und überhaupt innerhalb der Kunst der Nachmoderne): daß nämlich nicht mehr starr in den Gattungen verharrt wird, selbst bei dem puristischsten Medium nicht: der Photographie, die bisher (zumindest bis in die 90er Jahre) weitgehend von den Überschneidungen der Künste verschont blieb. Und es sind solche Interferenzen ein durchaus gangbarer Weg, das „Wesen der Photographie“ anders zu justieren. Das Bild als Bild im Bild, unbewegt und statisch, transformiert sich, und insofern zeigt sich in diesem Wandel die Berechtigung, jene ansonsten unsinnig erscheinende Videofunktion der Hochpreissegmentspiegelreflexkameras als auch die der Billigteile doch einmal in gezielter Weise und wohldosiert (oder auch wilddosiert) zu benutzen.
 

Wie innerhalb des Bildes die Grenze zwischen Statik und Bewegung sich auflöst, zeigt Anna Witt in ihrer Arbeit Sixty Minutes Smiling (2014): Dort sehen wir eine Gruppe von Menschen, die ausschaut wie die Belegschaft eines mittelständischen Unternehmens, gekleidet in Büroanzüge, für die der schöne Begriff Business-Look steht. Vom Führungspersonal, über den Abteilungsleiter, die Angestellten bis zur Sekretärin, adrett angezogen, vor einem neutralen Hintergrund repräsentativ posierend wie fürs Bewerbungsfoto. Dabei werden diese Männer und Frauen 60 Minuten lang gefilmt und müssen in dieser Zeit beständig lächeln bzw. lachen und insofern Freude, Glück, was auch immer: auf alle Fälle aber ein Mindestmaß an Fröhlichkeit liefern: denn es ist schließlich die Persönlichkeit, die ins Unternehmen als Arbeitskraft und zur Erzeugung von Mehrwert und Profit mit eingebracht werden soll. Diese will von Betrachterin und Betrachter bewertet werden und nichts formt und deutet mehr auf eine Persönlichkeit als ein authentisches Lächeln, ein freundliches Lachen.

Schon in der DDR wußte die Band Oktoberklub in dem Song „Sag mir, wo du stehst“, wie die absurde Durchleuchtung samt der Inszenierung von Personality geht: „Wir haben ein Recht darauf dich zu erkennen,//auch nickende Masken nützen uns nichts.//Ich will beim richtigen Namen dich nennen,//und darum zeig mir dein wahres Gesicht.“ Die Dialektik von Wahrheit und Wissen transformiert sich zum Röntgenblick: „Überwachen und Strafen“. Die Ideologien sind prinzipiell austauschbar, wenn es auf die Funktionsträger samt deren Funktionalität ankommt. Insbesondere das Subjekt in seinen privatesten oder auch in seinen öffentlichen Regungen in der schönen neuen Welt der Arbeit hat unbedingt und mit Haut und Haar authentisch zu sein. Auch hier wieder: der scheinlose Schein des Scheins. Authentizität ist ein Produkt der Kulturindustrie, in der „verwalteten Welt“ (Adorno) dient sie als Spielmarke. Da, wo in den pervertierten Kreativitätsbranchen, den Software-Firmen und selbst noch im herkömmlichen Unternehmen die Arbeit als kreativer Prozeß gesetzt wird und samt dem individuell einzubringenden „Selbst“ zum Maß aller Dinge geworden ist, bleibt allenfalls noch der Gang zur Toilette der einzige Ort, wo der Angestellte oder die Sekretärin hemmungslos in Verzweiflung oder in der Abgeschiedenheit von Zwecken sein und verweilen können – sofern ihnen denn überhaupt noch etwas an den Dingen aufgeht und entgegenschlägt. Die Verdauungsfunktion gleichsam als Funktionslosigkeit und kontemplatives Refugium. Wir scheißen auf den Profit kann man an diesem Nicht-Ort mit dem Namen Lokus ganz wörtlich nehmen.

Von der Höhe und Breite der Projektionsfläche her ist das Bild aufgezogen wie eine Großformatphotographie. 60 Minuten können wir diesem Gruppenbild mit Damen und Herren zusehen und schauen, wie mühsam und arg es ist, über diesen Zeitraum hin zu lächeln. Fröhlichkeit kennt bekanntlich keine Grenzen. Witts Arbeit erweitert auf eine kluge Weise das Medium der Portrait- und Gruppenphotographie. Es bewegt sich diese Arbeit zwischen Video und Photographie, Stand- und Bewegungsbild. Einerseits bleiben die Positionen der Abgebildeten weitgehend unbeweglich und starr, und doch sieht man die Regungen der Beteiligten, betrachtet die zunehmende Anstrengung, das Lächeln über eine Stunde lang zu halten. Die Veränderungen in der Zeit, die ein Film festhalten kann, und die Situation, der Augenblick, den die Photographie bannt, verbinden sich zu einem bewegten Portrait. Auf einer zweiten Projektionsfläche lassen sich die Details der Gesichter betrachten, wir sehen die Anstrengung und auf welche Weise in der Mimik dieses Lächeln der einzelnen Beteiligten sich durchhält. Präsentation und Repräsentation spielen und simulieren in einer eigentümlichen Schleife ein Subjekt, das aus Funktionen besteht: Leistungsträger sind sie alle. Anna Witt erzeugt ein absurdes und trauriges Bild, das in der Tradition des Tableau vivant steht und es ins Groteske treibt.

„Get lucky!“ gerät in diesem Photographie-Video zu einem Imperativ, der genau in jene Tyrannei des Immergleichen sowie ins Zwanghafte mündet, das die Individuen gefangenhält. Mit Glück hat dieser Dauerfrohsinn samt der täglichen Nötigung rein gar nichts zu schaffen. Und er entlarvt noch die hohlen Phrasen des positiven Denkens gleich mit dazu. Die anfängliche Komik oder das Schmunzeln über diese absurde Lächel-Szenerie, das den Betrachter zunächst befallen mag, weicht schnell dem blanken Entsetzen an der Vorstellung, eine Stunde, die wie auf Dauer gestellt wirken mag, in dieser Weise posieren zu müssen. Der Arbeitstag der meisten Menschen freilich ist genau auf diese Funktionalität hin ausgerichtet. Da nützen alle schönen Phrasen, die (vermeintlich) flachen Hierarchien in den Unternehmen, die Meetingpoints, die Kicker, die Orangensaftmaschinen und die Kreativitätstäfelchen, die in den offenen Büros angebracht sind, nichts. Kapital bleibt Kapital, und Arbeit bleibt Arbeit.

Anna Witt spielt in ihrem Video sowohl mit dem Ausdruck eines Gesichts, als auch mit dem Ausdruck von Konventionen. Die Bewegung der Mimik vergegenständlicht sich absurderweise in die absolute Starre des Ausdrucks, in die Regungslosigkeit. Mythos ist bekanntlich die Wiederholung des Immergleichen. Wieder und wieder passieren menschliche Wesen die Sphinx und müssen ihre Fragen beantworten, ohne eine Antwort zu finden, immer wieder gleiten Schiffe an den Sirenen vorbei und zerschellen an den Verheißungen dieses Gesangs. Endlosschleife der immergleichen Scheiße. Der Begriff von Freiheit ist mittlerweile derart verstellt, daß er sich eigentlich nur noch ex negative denken, nicht aber mehr sinnvoll sich explizieren läßt. Selbst die Kunst kann nur hilflos deuten, oder sie verliert sich in affirmativer Ideologie, die das Bestehende kaschiert.

Die Ideologie des Lächelns als Ausdruck des Authentischen ist ubiquitär. Hören Sie zum Abschluß der Installation von Anna Witt als besinnlich-authentischen Ausklang Jürgen Markus mit „Ein Lächeln“.

Man kann den von Jürgen Markus angestimmten, ausdrucksvoll-bewegenden Gesang des Nichtssagenden, der noch dem popmusikalisch ausgefeilten Singer-Songwriter-Lied innewohnt, im Sinne von Susan Sontags Camp natürlich umdeuten. Wie jegliches von der subkulturellen Fabrikation zunächst als Distinktionsmerkmal belegt wird und dann im Schlager-Move und bei Gildo Horn landet. Kein Ort. Nirgends. Land des Lächelns als Farce. Asiatischer Arbeitsethos.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Photographie aus dem Stand der Dinge gelesen: Anna Witts „Sixty Minutes Smiling“. f/stop Leipzig (2)

  1. juttareichelt schreibt:

    Toller Beitrag, der Themen/Personen/Kunstformen beschreibt, die relativ weit entfernt sind von den Bereichen, in denen ich mich normalerweise bewege. Großartig, wenn das dann „funktioniert“, wenn es verständlich wird/bleibt, wenn hier und da ähnliche Fragestellungen durchschimmern. Vielen Dank, ich fühle mich sehr bereichert!

  2. Bersarin schreibt:

    Gerne geschehen, das freut mich. Insbesondere, daß dieser Text nicht nur für Fachfrauen und Fachmänner zu entziffern ist. Aber diese Offenheit eines Textes sollte auch das Wesen einer guten Besprechung sein: sie macht Lust auf mehr.

  3. Uwe schreibt:

    Interessant an Deiner Besprechung finde ich den Hinweis auf den Lokus als Refugium, das Klo gewissermaßen als weltabgeschiedener Ort, wo der Funktionsträger wieder Subjekt sein kann, ein Ort also, den man im Sinne von Roland Barthes als eine Sphäre von Raum und Zeit interpretieren könnte, wo ich kein Bild und kein Objekt bin, zumindest dann, wenn ich allein in meiner Kabine über der Schüssel sitze und einfach nur loslassen kann. Handke hat darüber, glaube ich, seinen jüngsten „Versuch“ geschrieben.

    Ansonsten finde ich Deine Analyse schlüssig und die Arbeit gerade in ihrer Verschränkung von Stand- und Bewegungsbild überzeugend. Denn nur so gelingt es, die Werbezwecken und letztlich ökonomischen Interessen dienstbar gemachte Porträt- und Gruppenfotografie als Täuschungsmanöver und Maskenspiel zu entlarven, das die Abgelichteten letztlich einer dauerhaften Selbstentfremdung aussetzt: Hinter dem Posing lauert das Leben, hinter dem Stillstand die Bewegung. Aus der Engführung dieser beiden Momente entsteht das kritische Potential dieser Arbeit, das Du – ganz im Sinne eines aufklärerischen Service-Blogs – in Deinem Text auf den Begriff gebracht hast.

    Gruß, Uwe

  4. Bersarin schreibt:

    Richtig Handke hat einen vierten Versuch geschrieben: den über den stillen Ort.

    Anna Witts Arbeit ist eindringlich, sie erzeugt mit einer Idee und deren Umsetzung ein großes Feld an Bezügen und Bedeutungen. Kunstkritik ist im besten Falle dazu da, mit den Mitteln der Sprache das Werk zu erweitern, es weiterzuschreiben, es auf den Punkt zu bringen, das Moment diskursiv zu machen, was sich der Sprache entzieht, so wie umgekehrt das Kunstwerk jene Momente anschaulich macht, die nicht auf den Begriff zu bringen sind. Insofern ergänzen sich Kunst und Kunstkritik – ohne daß sich diese über jene stülpt. Denn die Eigengesetzlichkeit, die Selbständigkeit des Werkes hat Priorität.

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