Scheinloser Schein der Dingwelt?: „Get Lucky!“ f/stop Leipzig – 6. Festival für Fotografie (1)

Im Medium der Photographie wandeln sich die Dinge. Auch Waren sind solche Dinge, selbst der Begriff des Glücks läßt sich verdinglichen, was die standardisierte Glücksproduktionsmaschinerie und jene Gesellschaft des Spektakels, uns dauerhaft berieselnd, vorführt.

Was das „Wesen der Fotografie“ sei, kann kaum in einer irgendwie regelgeleiteten Weise der Ästhetik oder in kompakten Begriffen bündig ausgesagt werden, sondern es vergegenständlicht sich nur situativ in den Umkreisungen, in den Annäherungen und Verschränkungen von verschiedenen Ebenen. Loop und Fragment sind die Weisen der Präsentation. Das Wesen manifestiert sich bekanntlich in den spezifischen Erscheinungen (wir sind da ganz Hegelianer und bleiben das auch), und zwar, was die Photographie anbelangt, in seinen mannigfaltigen Bild-Präsentationen. Festivals und Ausstellungen, die eben das Medium Photographie selber zum Thema machen, können über jene Weisen, wie Photographie arbeitet, Auskunft geben. Vom 7. bis zum 15.6. zeigt die Photographie-Ausstellung f/stop Leipzig auf dem Gelände der Baumwollspinnerei Positionen der (teils jungen) Gegenwartsphotographie. Thematische Klammer für ganz unterschiedliche Herangehensweisen ist der Titel der Ausstellung: „Get lucky!“ Von den Objekten und Bildern verschiedener Hochschulabsolventen, bis hin zu noch jungen oder auch langjährigen Photographieprofis, die für einschlägige Magazine arbeiten, ist auf diesem Festival manches an Bildern vertreten. Nicht immer perfekt. Aber gerade dieses Suchende und Annähernde, das nicht immer gleich Glattgebügelte macht den Charme und den großen Reiz dieses von Christin Krause und Thilo Scheffler kuratierten Fotografie-Festivals aus. Schön wäre es, wenn sich diese Tradition einer Photographie-Biennale weiter fortsetzt.

Plakatwand
Dabei ist der Titel „Get lucky!“ durchaus doppeldeutig zu nehmen und ein im Grunde absurder Satz: ein Widerspruch in sich selber, wie auch der Ausdruck „Sei spontan“. Wer zum Glück erst aufgefordert werden muß, wird kaum glücklich zu nennen sein, wenn dazu Techniken der Inszenierung und Imperative notwendig sind. Glück entzieht sich jeglicher Intention und Zweckgerichtetheit. Es läßt sich durch keine Technik und Handhabbarkeit herbeiführen – nicht durch Zen und Zinnober oder durch Slogans und Gebrauchsanweisungen. Glück ist vielschichtig und flüchtig. Selbst die Aussage „Ich bin glücklich“ ist im Grunde nicht möglich oder doch ein Widerspruch in sich, denn wer das sagt, ist bereits in einem anderen Zustand – ausgenommen er findet sein Glück in der Formulierung von solchen Sätzen.

In einer Leistungs-, Optimierungs- und Verwertungsgesellschaft, die alles meßbar machen möchte, ist Glück vielfach an die Warenwelt gekoppelt – selbst da noch, wo deren Glücksakteure von Kreativität, der Verwirklichung und Erfindung des eigenen Selbst sprechen. Dieser Widerspruch ist nicht aufzulösen. Wo beständig dazu aufgefordert wird, glücklich zu sein, zufrieden zu sein oder zumindest so zu wirken, zu lächeln und zu lachen, sich mit dem schönen Schein zu begnügen, da entsteht schnell das, was Byung-Chul Han als die „Tyrannei des Glücks“ bezeichnet. Wobei diese Sätze von Han allerdings alter Wein in neuen Schläuchen sind, denn solche Erkenntnisse formulierte bereits Adorno vor Jahrzehnten, wenn er die „verwaltete Welt“ samt ihrem Objektbezug sowie die eher schal zu nennenden Glücksversprechen der kulturindustriellen Produkte in den Blick nahm. Kritische Theorie ist aktuell: nach wie vor, insbesondere, wenn es darum geht, die sich selber optimierende Leistungsgesellschaft aufzuspießen, die immer mehr die Ideologie fördert, daß die Arbeit im Grunde Freizeit sei und solche „Vermittlungsleistung“ dann als Formen des gelingenden Lebens abfeiert.

Der Imperativ „Sei glücklich“ ist einerseits der pure Zynismus: Kein Ort nirgends, so könnte man ihm inmitten einer beschädigten Welt der Gewaltverhältnisse entgegenhalten. Solange es noch Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos, so schrieb Walter Benjamin. Andererseits erweist sich der Wunsch nach Glück (im stillen Winkel) inmitten einer entfesselten Welt als durchaus verständlich. Ohne das Refugium bleibt kein Raum mehr. Aber das bedeutet eben nicht, im Glücks- und Optimierungswahn jener „objektlosen Innerlichkeit“ (Adorno) zu versinken.

f/stop umkreist das Thema Glück mit ganz unterschiedlichen fotografischen Arbeiten sowie Perspektiven und fächert das Thema entsprechend auf. Es gibt fünf Werks-Gruppen: Im dritten Stock der Halle 14 (f/stop Plattform) stellen Studierende der Kunsthochschulen Köln, Düsseldorf und der HGB Leipzig ihre Arbeiten aus. Im zweiten Stock der Halle (f/stop print) gibt es eine vom Gestalter Mario Lombardo kuratierte Bilderwelt aus dem Kontext der Life-Style- und Modemagazine. Lombardo wählte dazu vier internationale Fotografinnen und Fotografen aus, die für das Zeit-Magazin, für das der Süddeutschen und für Internationale Modezeitschriften arbeiteten. Hierbei prallen Magazin-Photographie und Kunstphotographie aufeinander: Als Photographien, die aus dem journalistischen Kontext genommen wurden und nun ohne den Textteil für sich stehen, stellt sich bei den Bildern ein ganz und gar anderer Bezug ein, der zugleich die Frage nach der Autonomie der Photographie als Kunst oder aber die nach ihrer Funktion als (teils entstellende) Dokumentation aufwirft. Im Bereich f/stop solo wird die Serie „My Feet“ des Photosammlers Erik Kessels gezeigt – eine Referenz und zugleich ein Blick auf das Inflationäre der sogenannten Selfies.

Zentraler Ort ist die Halle 12 mit Arbeiten verschiedener Künstlerinnen und Künstler, die das Thema „Get Lucky“ auf eine spezifische und heterogene Weise umkreisen. Die Arbeit von Beni Bischof, welche den schönen Titel „Meta Fashion Mags“ trägt, zeigt uns eine Welt der Bilder, wie wir sie in ihrem unendlichen Fluß aus den Illustrierten und Magazinen kennen: Betrachterin und Betrachter stehen vor einer Foto-Wand aus verfremdeten, fotomontierten und neu zusammengesetzten Photographien – ein direkter Kontrast zu den von Mario Lombardo ausgewählten Photographien. So ergießt sich über den Betrachter eine Flut von Bildern und Eindrücken, wie wir es von der durchmedialisierten Welt gewohnt sind. Bilder kommen, Bilder gehen, doch sie bleiben nicht im Gedächtnis hängen. Allenfalls als eine Art kollektives Unbewußtes, das untergründig am Ende dennoch unsere Wahrnehmungen strukturiert.

Durch die Allgegenwart der immergleichen und nach gängigem Schönheitsideal ausgewählten sowie gestylten Gesichter sind wir im Grunde aisthetisch erblindet bzw. wahrnehmungsmäßig anästhesiert. Aber diese Allgegenwart der Bilder wird in dieser Flut gebrochen. Es handelt sich in dieser Präsentation zudem um Bilder im Bild. Bischof nimmt die aus den Magazinen und Life-Style-Zeitschriften stammenden Fotografien der Modelle, belegt sie mit Wurstscheiben, durchbohrt die Augen und die Nasen, steckt dort Würste oder Finger hinein und photographiert diese Bilder dann wiederum ab. Was als Schein der Warenwelt uns aus den Hochglanzmagazinen anspringt, bekommt einen neuen Aspekt, wirkt einerseits deplaciert, andererseits klamaukhaft absurd. Dieses Dekontextualisieren macht Bischof nicht nur mit den Model-Gesichtern, sondern ebenso mit anderen fetischhaft besetzten Objekten: US-amerikanische Straßenkreuzer, denen die Türen und die Reifen wegretouchiert wurden, so daß nur noch die reine windschnittig-schöne Form übrigbleibt, Katzen, denen Bischof mehrere Augen einmontierte oder denen er eine Hitlertolle samt Hitlerbart einmalte.

14_06_07_D_600_8653 Diese Dekontextualisierung von Gesichtern bzw. die Verfremdung und Montage kann man zwar einerseits als simple Spielerei lesen, die in gewissem Sinne dem Geist des Dada oder der politischen Malerei der 60er Jahre entlehnt ist, wie es Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Arnulf Rainer betrieben, indem sie Photographien übermalten oder als Bildvorlage benutzen. Aber zugleich geschieht über das Medium der Photographie mehr: Von der phallischen Wurst als Nase, in Korrespondenz auch zum Finger, der mehrfach in der Bilderwand auftaucht, – man denke nur an jene Finger von Michelangelo – lassen sich die Linien zum Fetisch und zum erotisierten Objekt ziehen. Eine Erotik freilich, die sich als brüchige zeigt, zumal die fetischisierten Objekte sich als ganz und gar unbrauchbar erweisen: Autos ohne Räder und Türen sind nur noch schön, aber nicht mehr benutzbar. Gesichter, die mit Wurst bedeckt und belegt sind, verschwinden als schöne Model-Gesichter. Sie bleiben anonym, im Grunde ein Stück Fleisch. Erst diese Wurstscheiben weisen darauf, daß es sich um an sich bereit ausgeleerte, gehöhlte Gesichter des immergleichen Standards der Model-Branche handelt.

An diese Verheißungen und Glücksversprechen, die uns die Bilderwelten der Magazine liefern, um sie zugleich geschickt den Betrachterinnen und Betrachtern vorzuenthalten, knüpft die Arbeit von Julian Röder an, indem er den Umgang mit der Welt der Waren auf eine dokumentarische Weise zum Thema macht: Röder photographierte in seiner Serie „Available for Sale“ 2007 die Eröffnung eines neuen Media Marktes um Punkt null Uhr im Berliner Shopping-Center „Alexa“. Dabei lockte der Markt mit Preisnachlässen von 20 %. Es entstanden tumultartige Szenen, die das Personal vollkommen überforderten, es kam zu Polizeieinsätzen. Die Menschen, die bereits Waren ergattert hatten, verhöhnten die noch Wartenden und wahrscheinlich am Ende leer Ausgehenden, die aufgrund des Gedränges nicht mehr eingelassen wurden und die rumorend vor den Türen harrten.

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Werbung verspricht uns Produkte, die wir affektiv besetzen oder wie einen Fetisch behandeln (Stichwort Apple), und sie weist – mehr oder weniger – subtil darauf hin, wie wesentlich es ist, solche Dinge zu besitzen, sie entfacht den Konsum. Ziel ist die beständige Produktion von Waren. Das ist ein zentraler Aspekt kapitalistischen Wirtschaftens. Am wirkungsmächtigsten kamen dieser Aufforderung zum Konsum jene Menschen nach, die 2011 bei den Unruhen in London die für sie am geeignetsten erscheinenden Gerätschaften so preisgünstig wie nur irgend möglich erstanden. Bekanntlich ist Geiz geil. Jene jungen und alten Menschen in London taten lediglich das, was die Werbung ihnen tagtäglich einbläute. Die Wirkung und die Steigerung unseres Lebensgefühls, die uns die Waren versprechen – von der Werbung angepriesen – erweisen sich jedoch als hohl. Die Gesichter jener Menschen auf den Photographien von Röder sprechen Bände: sie halten die ersehnten Produkte, die sie benötigen oder auch nicht benötigen, zum reduzierten Preis in den Händen, und doch sind diese Gesichter leer und erschöpft, wenn das Begehren gestillt und die Jagd worüber ist. In Plakat-Größe aufgezogen, wie Aufsteller plaziert oder in einen Leuchtkasten gebracht stehen diese Photographien für sich und der Betrachter weiß nicht, ob er sarkastisch lachen oder sich abwenden soll. Zumal es wohl kaum einen gibt, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben einen Media-Markt betrat, um eines dieser dort feilgebotenen Produkte zu erstehen. Zu einem meist sehr viel teureren Preis, als man ihn beim inhabergeführten Einzelhandel zahlt.

In ganz anderer Weise zeigt uns Florian von Roekel die Welt von Arbeit und Produktion. Er lichtete in seiner Serie „How Terry likes his coffee“ 15 Monate lang den Büroalltag niederländischer Angestellter in fünf verschiedenen Unternehmen ab. Ethnologie des Alltags kann man dieses photographische Verfahren nennen. Ungeheure Bilder, die den Schrecken dieser Arbeitsexistenz, die Anspannung, den Leistungsdruck ganz offen zur Schau stellen. Das betreibt Roekel bis in die Details hinein, indem er die Objekte eines Arbeitsplatzes zeigt, wie Obstmesser, Obststück samt Tastatur oder die Bein- und Fußhaltung bei einer Büro-Besprechung – neumodisch sagen diese Menschen: „Meeting“ und „Office“; das klingt frisch und soll dem Schrecken einen feinen, modernen Anstrich verpassen.

Zu dieser Existenz in Arbeit sei dann unbedingt auch auf Siegfried Kracauers Text „Die Angestellten“ verwiesen. Nicht mehr die Arbeiter heben die Welt aus den Angeln, wie einstmals geplant, sondern der Angestellte verschläft selbst noch die Monotonie seiner eigenen Lebenswelt und bemerkt sie kaum noch. Zur Übertünchung dienen die schönen Waren und die Fetsich-Produkte (Es gibt auch Fetische im schlechten Sinne, wenngleich ich ansonsten ein großer Anhänger des Fetischismus bin). Passend zu diesen Szenen wird auf dem f/stop-Festival am 14.6. Carmen Losmanns kühler Dokumentarfilm „Work Hard Play Hard“ zur schönen neuen Arbeitswelt gezeigt: Nicht mehr Entlassung darf es mehr heißen, sondern dieser Prozeß wird nun als Change Management deklariert: Konstruktion von Wirklichkeit mittels Sprache. Ein Film, der ein grelles Licht auf die Absurdität dieser Arbeitswelt wirft, ohne dabei aber irgendwie zu bewerten. Die kühlen Bilder und die teils wahnwitzigen Szenen sprechen für sich. (Den Film besprach ich an dieser Stelle.)

Bei van Roekels Arbeit hätte man sich allerdings in diesem Rahmen doch mehr Photographien gewünscht, die diese Szenen des absurden Alltags vertiefend begleiten. Durch das Tableauartige der Photographien verdichtet sich zwar einerseits der Eindruck einer ungeheuren Monotonie der Existenz und der durch Arbeit völlig sinnlos verschwendeten Zeit auf eine ästhetische und damit eher der Kunst gemäßen Weise; das Dokumentarische bleibt dabei jedoch teils auf der Strecke. Im Sinne einer Ethnologie des Alltags wäre hier ein begleitendes Photobuch oder eine Reihung der Bilder sicherlich ebenso reizvoll. Andererseits spitzt sich durch die ästhetische Präsentation als Tableau die Szenerie der Arbeitswelt ästhetisch zu, und insofern bringt es diese Anordnung der Bilder am Ende doch auf den Punkt. Konzeptuell haben sicherlich beide Präsentationsweisen dieser Photographien etwas für sich. Das läßt sich in der Darstellung hin und her wenden, und sicherlich werden darüber auch die Kuratoren und der Photograph kontrovers diskutiert haben.

In einem zweiten Teil bespreche ich die übrigen Arbeiten in der Halle 12. Ich will schon einmal darauf hinweisen, daß ich dort außerordentlich angetan von der Arbeit war, die Jana Schulz zeigte. Sie trägt den schönen Titel „Blaue Perle“ Davon mehr in einer Einzelbesprechung, damit die Quintessenz dieses Festivaltitels sich auch am Detail entfalten kann.

Wer also nach Leipzig fährt, der kann diese Ausstellung noch bis zum Wochenende sich betrachten. Lohnend ist es durchaus, sich kritisch mit dem Präsentierten auseinanderzusetzen. Ein junges, ein frisches, ein anregendes Festival ist es auf alle Fälle.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Scheinloser Schein der Dingwelt?: „Get Lucky!“ f/stop Leipzig – 6. Festival für Fotografie (1)

  1. Uwe schreibt:

    Die Ankündigung der „Blauen Perle“ macht mich neugierig, nicht nur des Titels wegen, sondern auch wegen der zu erwartenden Einzelwerkbesprechung, denn eines hat mir bei Deinen wie immer lesenswerten und informativen Auslassungen nicht gerade gefehlt, aber doch keine Ruhe gelassen, nämlich: Wie ist es denn um das Glück der Betrachtung bestellt bzw. um die geglückte Betrachtung? Gab es Gelegenheiten zur ästhetischen Kontemplation, bei denen der Betrachter sich in seinen Gegenstand versenken konnte? Das Glück des Verweilens – oder passt diese Rezeptionshaltung nicht ins (medien- und bildkritische) Konzept der Ausstellung? Aber vielleicht enthält der zweite Teil Deiner Besprechung die Antwort.

    (Zwei Anmerkungen noch, oder Hinweise:
    Zur Angestellten-Thematik würden auch sehr gut die Abschaffel-Romane von Wilhelm Genazino aus den 80er Jahren passen, in denen der Held sich private Räume der Sinnstiftung innerhalb einer durchökonomisierten Arbeitswelt zu schaffen versucht und dabei immer mehr neurotische Macken ausbildet.
    Zur Kritik der Bilderflut und ihrer die „Wirklichkeit“ prägenden Imagines würde es sich sicher lohnen, wieder einmal die kritischen Foto-Essays von Susan Sontag zu lesen, denn sie geht mit der Fotografie als redproduzierendem und damit die Sinne letztlich abstumpfendem Medium schwer ins Gericht, wie ich mich zu erinnern meine.)

    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Die Flut der Bilder gehört zur Überästhetisierung von Lebenswelt; mit den Tönen und Geräuschen erleben wir dies ebenfalls. Noch vor hundert Jahren war die Situation eine andere: die Medien standen am Anfang. Radio gab es noch nicht, Ton- und Bildträgermaterialien waren spärlich. Sontag übte harsche Kritik an der Allgegenwart der Photographie. Insofern müßte ihr Buch eher „Gegen Fotografie“ statt „Über Fotografie“ heißen, wie es W.J.T. Mitchell schreibt. Auch ihr geht es darum, daß wir angesichts des inflationären Gebrauchs von Bildern abstumpfen, insbesondere dort, wo Bilder als Dokumente Leid, Elend und Gewalt zeigen.

    Das ist einerseits richtig beobachtet: es existiert diese Flut. Zugleich eröffnet sie aber neue Umgangsformen mit der Photographie. Insofern würde ich die allzu pessimistischen Thesen Sontags nicht strikt teilen. Und was die Kriegsphotographie betrifft, bekommen wir dort meist die geschönten Bilder geliefert. Manchmal sogar ästhetisch anmutend. Anja Niedringhaus‘ Photos sind nicht nur Bilder aus dem Krieg, sondern vielfach bestechend schön. Das macht die Angelegenheit problematisch und schließt eine (manchmal fragwürdige) Ästhetisierung des Grauens mit ein. Nichts Hartes, nur Ausschnitte von der Realität. Einen Blick in diese Härte, die das, was geschah, dokumentiert, liefert im Ansatz zumindest Christoph Bangerts Buch „War Porn“, das vor wenigen Tagen erschien. Harte Photographien vom Krieg: die Gesichter von Toten und Schwerstverletzten.

    Die Rezeptionsweise von Bildern, die eigene Kontemplation, die Situation der Wahrnehmung halte ich, wenn es um die Bilder selber geht für zweitrangig, wenngleich es in zahlreichen Momenten in Leipzig dieses Glück des Verweilens und die Intensität des Betrachtens gab. Lediglich in einem Text, der sozusagen auch das Subjekt einbringt, indem auf etwas Spezifisches gedeutet oder die Szenerie literarisiert oder in einen Essay geformt wird, kann diese Sicht sich konkretisieren. Wenn es ums Objekt, um den Stand des Materials und der im Kunstwerk sedimentierten Struktur geht, sind meine Befindlichkeiten eher Nebensache. Transformationsprozesse der Subjektivität würde ich diese Situation zwischen Subjekt und ästhetischem Objekt bzw. dem Kunstwerk aufs Stichwort verkürzt nennen wollen. Auf alle Fälle aber war es ein anregendes, interessantes Festival.

  3. Uwe schreibt:

    Mir ging es bei meinem Hinweis nicht um die Gegenüberstellung von subjektiver Anverwandlung und objektiver Durchdringung, von persönlichen Befindlichkeiten und kritischer Analyse, obgleich ich mir – wie Du ja auch – Textformen denken könnte, die diese vermeintlich gegensätzlichen Weisen, sich den Bildern zu stellen, auf originelle und fruchtbare Art vereinen.
    Meine Anmerkung galt eher dem „Glück“ einer Betrachtererfahrung, das durch das jeweilige Werk, seine Thematik und seine rhetorischen Strategien, ermöglicht wird. Nach dieser anderen Form von „Glück“ wollte ich fragen und ob das Motto der Ausstellung „Get Lucky!“ sich auch in dieser Weise in einigen der gezeigten Werke konkretisierte. Insofern bin ich auf den zweiten Teil Deiner Besprechung gespannt.
    Gruß, Uwe

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