Und hinter tausend Stäben: Bloß diese eine Welt …

Um einmal wieder das Naturschöne wahrzunehmen und mich daran in dubiosem Sinne zu ergötzen, beschloß ich in den Berliner Zoo zu gehen, um dort dem Treiben der Tiere zuzusehen. Unbeteiligt beobachtend. Und dieses ebenso im photographischen Bild festzuhalten. Adorno, der hier in diesem Blog öfter schon als Referenzrahmen wirkte, war einer der ersten, der für die moderne Ästhetik des 20. Jahrhunderts das Naturschöne als Begriff der Kunst wieder in Anschlag brachte.

„Seit Schelling, dessen Ästhetik Philosophie der Kunst heißt, hat das ästhetische Interesse sich auf die Kunstwerke zentriert. Der Theorie ist das Naturschöne, an das noch die durchdringendsten Bestimmungen der Kritik der Urteilskraft sich hefteten, kaum mehr thematisch. Schwerlich jedoch deshalb, weil es, nach Hegels Lehre, tatsächlich in einem Höheren aufgehoben wäre: es wurde verdrängt. Der Begriff des Naturschönen rührt an eine Wunde, und wenig fehlt, daß man sie mit der Gewalt zusammendenkt, die das Kunstwerk, reines Artefakt, dem Naturwüchsigen schlägt. Ganz und gar von Menschen gemacht, steht es seinem Anschein nach nicht Gemachtem, der Natur, gegenüber. Als pure Antithesen aber sind beide aufeinander verwiesen; Natur auf die Erfahrung einer vermittelten, vergegenständlichten Welt, das Kunstwerk auf Natur, den vermittelten Statthalter von Unmittelbarkeit.“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

In Hegels „Vorlesungen über Ästhetik“ kommt das Naturschöne als bloß geistlose, leblose Materie vor: und damit nur bedingt zur Kunst gehörend, eben kein Gegenstand, der im Sinne von Poiesis oder überhaupt der wirkenden Tat von Menschen hervorgebracht wurde. Diese Vorstellung von Natur als Gegenpol der Kunst bzw. dieser – antithetisch gesetzt – nicht zugehörig, blieb lange Zeit die herrschende Vorstellung. Baudelaire etwa galten die künstlichen Paradise viel, die Natur war ihm Moder und Aas, er nahm sie als Grausamkeit, als Vergehen von Zeit und als einziger Fraß des Körpers wahr. Dieses Verhältnis von Natur, Wahrnehmung derselben und der Poetisierung eines Spazierganges als Text (im Text) zeigt sich in Baudelaires Gedicht „Ein Aas“ Der Dichter allein, aber nicht einmal dieser, denn der ist ja ebenso vergänglich, sondern der Text selbst vermag es einzig, die „die Form, den göttlichen Gehalt“ zu erhalten und überhaupt erst zu schaffen. Aufb(ew)ahrungsorte. Texte. Nature morte.

Die Natur als Unheimliches. Erst in der Bearbeitung, im Künstlichen, im Raum der Stadt, der Großstadt des 19. Jahrhunderts sollte sie zu sich selber und damit hinein in ihr ganz anderes gelangen. Lob des Schmucks, „Lob der Schminke“ wie ein Text Baudelaires heißt, Lob des Zierats, des Künstlichen. Die Welt der Großstadt ist eine durch und durch artifizielle, eine Warenwelt. Zu dieser Welt des 19. Jahrhundert gehören ebenso die zoologischen Gärten, die in dieser Zeit ihre Verbreitung auch für eine größere Öffentlichkeit fanden und die dazu dienten, Tiere und auch Menschen aus anderen Erdteilen dem Publikum zur Schau zu stellen. Und zwar nicht mehr bloß zu wissenschaftlichen Zwecken, sondern als warenförmig ausgestellte Exoten.

Weiterhin galt die Natur lange Zeit als kontemplativer Raum des Rückzugs, eher Gegenbild zur Kunst, zur Künstlichkeit, zum Artifiziellen. Erst in den 60er Jahren mit dem Aufkommen der Land Art und als Vorläufer vielleicht in jener Kunst, die sich zunehmend mit den Material selber auseinandersetzt: also mit der Farbe als Farbe, dem Stein als Stein, mithin den fürs Bild verwendeten Stoffen, kam ein erster Begriff davon auf. In den späten 80ern und in den 90ern widerfuhr dann dem Naturschönen eine Art Renaissance – sicherlich wesentlich über den Begriff des Erhabenen, den Lyotard von Kants Naturbetrachtungen her auf die Kunst selber (so z.B. auf die Bilder C.D. Friedrichs und Barnetts Newmans) übertrug.

Nun ist aber der Zoo das direkte Gegenbild zum Naturschönen. Trotzdem geht von den Tieren in der Gefangenschaft ein eigentümlicher Reiz aus, der den Betrachter teils angewidert, teils fasziniert zurückläßt. Die Photographien dieses Rundganges gibt es bei „Proteus Image“ zu sehen.
 
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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25 Antworten zu Und hinter tausend Stäben: Bloß diese eine Welt …

  1. Iris schreibt:

    Dieser Artikel erinnert mich spontan an den großartigen Band „ARCHITEKTIER“ von Ingo Arndt. So kunstvolle Bauten, wie Tiere sie für sich selbst errichten, hat noch kein Zooarchitekt zustande gebracht. Wage ich zu behaupten. Die Schönheit dieser Behausungen liegt für mich in der perfekten Einheit von Zweckmäßigkeit und Ästhetik. Ist das nun auch Kunst, weil eben auch gemacht, nur nicht vom Menschen?

  2. Bersarin schreibt:

    Die Zooarchitektur ist und bleibt eine solche, die Tiere festhält, mithin: gefangenhält und die allenfalls einen Lebensraum für die Tiere simuliert. Diesen Aspekt, den meine Photographien teils zum Thema machen, halte auch ich für wichtig. Und insofern ist Uwes Kommentar bei „Proteus Image“ im Hinblick auf den Begriff „artgerecht“ ganz und gar richtig. Vielen Dank insofern auch für den Link und Deine Ergänzungen!

    Was die Verbindung von Zweckmäßigkeit und Ästhetik betrifft, kann ich nur kurz auf Kants dritte Kritik, nämlich die der Urteilskraft, verweisen. Darin zeigen sich Aspekte und Bestimmungen, die ich immer noch und immer wieder für ungemein anregend und für bedenkenswert halte: die Schönheit der Natur, die Zweckmäßigkeit und die Erhabenheit der Natur: was bedeutet Schönheit, insbesondere im Hinblick auf den Begriff des Geschmacks?

    Deine Frage, ob es sich bei diesen Tierbauten um Kunst handelt, würde ich zunächst verneinen. Als Kunst in einem engen Sinne dieses Begriffes würde ich diese Bauten von Tieren, die Vorkommnisse in der Natur, den Erfahrungsraum Natur überhaupt nicht bezeichnen wollen. Allenfalls können wir sagen, diese Bauten sind kunstvoll. Aber sie sind eben auch in sich zweckmäßig und notwendig nutzbar. Kunst können sie allenfalls für uns und im Raum unserer ästhetischen Erfahrung von Natur sein, wenn wir von bestimmten Aspekten der Natur absehen und diese Natur als eine reine Angelegenheit für uns machen. Am Ende aber besteht ihr Primat in ihrer Nutzbarkeit – zumindest für die Tiere. (Nicht anders als Wohnungen für Menschen, die ins Feld der Architektur, aber nicht in das der Kunst fallen.) Insofern würde ich diese Gebilde als Formen des Naturschönen bezeichnen. Ihnen eignet nicht nur das Moment des Nutzens (für die Tiere eben), sondern in unserer Betrachtung ebenso ein Moment des Schönen oder zumindest Ansprechenden, das sich in seinem Erfahrungshorizont und in seinem ontologischen Status jedoch vom Kunstwerk unterscheidet. Insbesondere was den Begriff der Form als auch das Selbstreferentielle der Kunst betrifft, wo sich ein Werk immer auch auf andere Kunstwerke bezieht bzw. (explizit oder implizit) auf solche verweist. Die Begriffe poiesis und techné gehören hier ebenfalls mit hinzu.

    An die Frage des Status von Produkten der Natur schließt sich die Frage an, ob Kunst den Eingriff eines Subjekts voraussetzt. In einem erweiterten Kunstbegriff der Spät- oder Postmoderne sicherlich nicht unbedingt. Es ließen sich Kunstwerke denken, die bewußt dem Verfall in der Natur ausgesetzt sind, und es gibt hier sicherlich Künstlerinnen und Künstler, die mit solchen Formen des Zufalls und des Vergehens in der Zeit und in der Natur arbeiten. Aber auch das setzt in bestimmtem Sinne ein tätiges Subjekt voraus, der das Werk überhaupt erst einrichtet. Stichwort hierzu sei die Land Art. Da jedes Kunstwerk (nicht erst seit der sogenannten Postmoderne, sondern von jeher) sowohl von seinem Status her (also produktionsästhetisch) als auch in der Rezeption seine Autorin, seinen Autor durchstreicht, bleibt der Schöpfer als Instanz zugleich akzidentiell. Er ist zwar in bestimmtem Sinne notwendig, um ein Kunstwerk hervorzubringen, aber zugleich eine zu kritisierende Instanz, die im selbstreferentiellen Prozeß der Kunst der Spätmoderne immer mehr zur Disposition steht. (Und nebenbei: im Mittelalter war es teils unerheblich, wer den Altar schnitzte, die Statue aus dem Stein schlug oder das Altarbild malte: es waren Werkschulen oder Anonyme wie der Naumburger Meister.) Insofern ist die Frage nach dem Urheber und nach dem Gemachtsein des Werkes eine Frage, die nicht ganz einfach zu beantworten ist.

    Als Gegenstand der Wahrnehmung würde ich die Naturgebilde zunächst einmal aber nicht der Kunst zuschlagen, da sie in einem Funktionszusammenhang stehen, der über das bloß Kontemplative oder das intellektuelle Betrachten, an das sich Kunsttheorie, Philosophie anknüpfen, hinausragt. Aufgrund der Zweckmäßigkeit würde ich insofern von kunstvollen Gebilden sprechen.

    Weiterhin schließt sich daran die Frage nach den Formen des kontemplativen Betrachtens von Natur und überhaupt die Frage nach ästhetischen und aisthetischen Erfahrungsräumen an. Wie wollen wir Natur wahrnehmen?

    Die Komplexe dieser Diskussion entfaltet auf eine instruktive Weise Martin Seel in seinem Buch „Eine Ästhetik der Natur“. Wobei ich an diesem Buch zugleich vieles kritisieren würde, weil es den Erfahrungsbegriff und ebenso den Begriff des gelingenden Lebens teils sehr affirmativ besetzt. Seel geht, um kurz den Klappentext wiederzugeben, der Frage nach, was der Grund des modernen Gefallens an Natur ist und worin ihre Anziehungskraft besteht. Naturschönes und die Lebensmöglichkeiten der Menschen stehen in einem spezifischen Zusammenhang. In diesem Sinne koppelt Seel Ästhetik, Naturbetrachtung und Ethik.

  3. Clarknova schreibt:

    Ich empfehele dir dazu Sabine Scho – „Tiere in Architektur“. (http://www.kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445588)

  4. ziggev schreibt:

    die Frage, inwiefern sich das Moment des Schönen jener Tierbauten sich im ontologischen Status und ihrem Erfahrungshorizont (für uns) von Kunst unterscheidet, stellt sich imho noch einmal in besonderer Weise, wenn wir bedenken, dass diese Tierbauten in ihrer Augenfälligkeit eben gerade wegen ihrer Funktionalität i.S. eines reduktionistischen Funktionalismus uns ins Auge stechen. Diese auffällige, kausale Funktionalität leuchtet sofort ein, und deswegen sind sie bei Kindern so beliebt und werden gerne ausgestellt. Beispiele wären etwa auch Phänomene wie Mimikri, Tarnung, „oder wenn ein anderes Wesen als ein Plakat seiner Geschlechtsfunktion sich präsentiert“ (Portmann).

    Gerade dort, wo wir uns auf eine Fährte verlockt fühlen, diese Bauten für uns als schön i.S. von Kunst zu halten, handelt es sich bloß um die allerauffälligsten Beispiele ihrer Funktionalitä! – Die wir eben gerade ins Reich des Nutzens verbannt hatten; und womöglich nur einen entsprechenden ontologischen Status verpasst.

    Für uns stellt sich die Frage nach Form und Funktion also auch im Tierreich. (Nicht nur im Wohnungsbau.)

  5. Bersarin schreibt:

    Ja, in diesem Sinne denke ich, sprechen wir besser von kunstvoll, wenn wir das Schöne oder Anmutige, das Berührende, das Wohlgefallen an diesen Tierbauten in den Blick nehmen wollen. Auch eine Blume oder andere Gegenstände können wir jenseits der Funktion zweckfrei betrachten: im Sinne ihrer Schönheit. Genau diesen Blick behandelt Kant ja – als Rezeptionsästhetik – in seiner Analytik des Schönen in der „Kritik der Urteilskraft“. Dieser erste Teil heißt „Kritik der ästhetischen Urteilskraft“, er handelt vom Schönen und dem Geschmacksurteil sowie vom Erhabenen. Erst im zweiten Teil geht es dann um die „Kritik der teleologischen Urteilskraft“, also um die Zweckmäßigkeit der Natur und ihrer Betrachtung. In der Wahrnehmung des Schönen entfallen diese Zwecke. (Darauf baut dann ja auch Seel sein Buch zum Naturschönen auf.)

    Kants „Kritik der Urteilskraft“ bleibt ein ungemein instruktives, anregendes Buch, das unserer Naturbetrachtung und dem Sinn für das Schöne ganz und gar neue Dimensionen eröffnet. Bis heute. Einfallstor für die Romantik und deren Philosophie.

    Als Nachtrag noch. Gestern gab es in der „Berliner Zeitung“ eine sehr gute Kolumne von Dirk Pilz zum Zoo- bzw. Tierparkbesuch: Hier nämlich. Bitte lesen!

  6. ziggev schreibt:

    wobei beim Begriff der Kunstfertigkeit m.E. festzuhalten gilt, dass gerade sie uns so ins Auge springt, weil wir dem berteffenden Tiere keine „Werkfertigkeit“ (um mal wortschöpferisch tätig zu werden) zusprechen würden. Die Kunstfertigkeit springt so ins Auge, weil jeder „Hand-„(oder Krallen-, Fuß-, usw.)griff perfekt mit dem vermeintlich angestrebten Werk harmoniert, das aber so und als solches nur in unserer Vorstellung existiert.

    Wir staunen also über das Nichtvorhandensein eines Begriffs bei Tieren, von dem wir aber bei reiflicher Überlegung nichts anderes angenommen hätten, als dass er ohnehin unserem eigenen Ideenkosmos entspringt und entspringen muss.

    D.h., dass es eben gerade die Zweckhaftigkeit des Kunstvollen bei Tieren ist, was uns fasziniert, nicht die Zweckfreiheit. Da wir Zweckhaftigkeit aber nur aus unserem Begriffsschema heraus erkennen können, wird der Genuss an einer Betrachtungsweise im Modus des Betrachets von etwas Schönem, also zweckfreien, sich notwendig ebenfalls von etwas speisen, das eine Zutat unsererseits sein wird, nenne es meinetwegen „Geschmack“.

    Sich über sich selbst wundern kennen wir aber zur genüge. Wenden uns also unseren künstlerisch tätigen Tieren zu. Wir müssen erkennen, dass wir jenseits unserer Geschmacksurteile (bei Tieren) nichts (als schön) erkennen, was nicht unserer Zweckerkenntnis entspricht. Genaugenommen können wir über das Verhältnis von Form und Funktion in diesen Bauten, über Momente des Zweckfreien, die bei deren Entstehung möglicherweise eine Rolle gespielt haben, einfach gar nichts sagen.

    Es sind natürlich keine Subjekte, die tätig sind, es sind natürlich keine Werke, die Subjekte voraussetzen würden (bzw. umgekehrt), wir müssen aber eingestehen, dass auch der Begriff der Zweckhaftigkeit eine Zutat unsererseits ist, wir also uns vorsorglich in Schweigen hüllen sollten, was einen möglich denkbaren ästhetischen Genuss von Tieren an den Hervorbringungen z.B. ihrer Artgenossen betrifft.

    In dem Moment, wo in der (menschlichen) Architektur angestrebt wurde, den Funktionsbegriff zu erweitern ins Soziale („Form follows Funktion“ nicht mehr zu eng gefasst), tat man in der Verhaltensbiologie dasselbe; auch sollten wir bedenken, dass unsere Hypothesen, die wir gern heranziehen, um das Verhalten der Tiere als rein funktionalistisch zu erklären, von jemandem stammen, der sich inspiriert und motiviert dadurch sah, dass er eine Ähnlichkeit in den psychologischen Ausdrucksformen von Mensch und Tier glaubte entdeckt zu haben, Darwin, und der nicht andern konnte, als anzunehmen, dass Pferde Genuss am Ausblick auf eine herrliche englische Wiesenlandschaft empfinden würden. (Notizheft M.)

    Es ist übrigends bekannt, dass mindestens ein Paar jener besonders kunstfertigen nestbauenden Vögel es in Gefangenschaft fertigbrachten, ein ebensolches Nest anzufertigen und sich fortzupflanzen. Jubel im Zoo – eine besondere Verdienstmedaillie meinerseits!

    Der Paradiesvogel arbeitet also nach dem Konzept der Überredung, wenn er so und so tanzt, sein Gefieder zeigt, das Nest mit blauen Fäden schmückt, denn er hat keinen Werkbegriff, er „überwältigt“ (bei Erfolg) in seiner Brautwerbung gewissermaßen das Weibchen, ganz so wie das „Erhabene“ überwältigt. Kein Werk, eine Addition von Reizen. Wann damit genug ist, entscheidet eine höhere Instanz (das ästhetische Gefühl der Braut seiner Art).

    Wir können das Konzept des Erhabenen zw. uns und den Tieren interkorrelieren, unser Wissen übers Schöne sagt uns aber immer nur etwas über uns selbst. Nichts über Tiere.

  7. Bersarin schreibt:

    Eine Philosophie der Tiere ist sicherlich insofern interessant, weil sie das Begriffslose verkörpern. Zugleich schlägt sich in ihnen der Naturzusammenhang des Mythos wieder: das ewig wiederkehrende Schema: der Gesang der Vögel ist beides: ihm wohnt die Schönheit inne und gleichzeitig das Grauen der Vorwelt, wie es Adorno an einer Stelle seiner ÄT schreibt. Ich bin heute allerdings zu bequem, um das herauszusuchen.

  8. ziggev schreibt:

    an der Bequemlichkeit des hiesigen Blogbetreibers ist mir gelegen wie sonst an nur wenigen Dingen. (habe mir schon den See herausgesucht, wo ich die KdU lesen werde.)

    ich möchte auf Adolf Portmann verweisen, der – in gut phänomenologischer Manier – höchst vorsichtig vorgeht, um den Organismus „im Zwielicht von funktionaler und ästhetischer Wirkung“ zu untersuchen. Hier („Neue Wege der Biologie“) könnten wir versuchen, Wege zu finden, den ästhetischen Wert von tierischen Hervorbringungen angemessen und ohne solche als Ergebnis eines blinden, bloß technisch-mechanistisch aufgefassten Naturvorgangs zu betrachten, in den Blick zu bekommen.

  9. Bersarin schreibt:

    Portmann ist mir ein Begriff, aber ich habe ihn bisher nicht gelesen. Eine Philosophie der Tiere ist auch nicht so sehr mein Gebiet, in dem ich gut zu Hause wäre. Danke aber für den Hinweis.

  10. ziggev schreibt:

    ich bin kein Veganer und sicher nicht ein ideologischer Vertreter eines Vegetarismus, es ist mir aber nicht entgangen, dass es in der modernen Philosophie eine lebhafte Diskussion über eine Philosophie des Tieres gibt. Ich esse zwar Fleisch, ich halte es aber nicht für ein nichttriviales Problem, wenn wir fragen, ob wir das dürfen. Da wir in der Philosophie alles fragen dürfen, dürfen, nein, müssen wir uns fragen, ob wir mit Gründen den Kannibalismus ablehnen dürfen.

    Nach erster Recherche scheinen Adornos Bemerkungen immer noch Relevanz zu besitzen, werden jedenfalls immer noch gerne angeführt. (Ganz abgesehen davon, dass Adorno – wie nicht anders zu erwarten – mal wieder stilistisch glänzt.)

  11. Bersarin schreibt:

    Na ja, „Fleisch ist mein Gemüse“. Doch Scherz beiseite: Ich bin ebenfalls kein Vegetarier und es gibt für mich gute Gründe Fleisch zu essen. Nämlich die des Geschmacks. Tiere sind keine Menschen, Menschen keine Tiere. Beide sind aber Lebewesen, die Schmerz empfinden. Bevor wir grundsätzlich über vegane oder vegetarische Ernährung debattieren, sollten wir allerdings über die Haltung von Tieren sprechen; ebenso darüber, auf welche Weise unser Fleisch produziert wird. Fleisch ist als Nahrung etwas Besonderes, es ist ein Genußmittel, wenn man so will. Solche Dinge sollten selten verspeist werden. Um systemimmanent innerhalb des Systems Wirtschaft zu denken: Fleisch gibt es viel zu billig. Eine artgerechte Tierhaltung, in der ein Tier halbwegs in seinem Lebensraum und in seinem Rahmen lebt, hat seinen Preis. Die billige Salamie ist ekelerregend. Nicht nur aufgrund ethischer Kriterien, sondern auch aus Gründen des Geschmacks.

  12. ziggev schreibt:

    in meiner kleinen Welt ist Portmann – nicht Adorno! – der Grundtext. Ich fühle mich zwar Adorno unendlich verbunden, denn während einer übersetzungsartigen Tätigkeit ist ein Grundtext vonnöten, – und das hat mir Adorno geboten: neben Proust, (der mir ja leider immer nur in Übersetzungen vorliegt) gab er mir die Gelegenheit, mich immer weiter in einen Text zu versenken, zu vertiefen

    Übersetzen: das heisst jeden Tag 14 Stunden das eigene Ungenügen in sprachklichen Dingen zu erfahren, zum Ausatmen bleiben nur Proust, und als Meister in der deutschen Sprache viel weniger Th. Mann denn als der Gute Th. W. Adorno. Zum Feierabend. Zum schlichten Überleben. Um zu überleben: Dazu waren Proust u. Adorno eine Zeit lang einfach notwendig, oder, sage, unabwendlich.

    Ich bin aber trotz allem gegen eine jede top-down-Philosophie. Ich hasse es einfach, wenn ein Problem wie das der „Innerlichkeit“ von unserem menschlichen Empfinden heraus gedacht wird. Oxymoronhaftiges Sprechen Adornos von „Innerlichkjeit ohne Objekt“ verdeckt imho wie Portmann hier analysierte: Wir wissen wenig vom Tier, die Verhaltensforschung aber hat uns gezeigt, dass das Tier offenbar über ein Eigen- und Innenleben verfügt, nicht groß anders als wir menschliche Tiere.

    Portmann, beispilesweise, stellt gar nicht die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von innerem Erleben überhaupt, nein, er geht gleich in medias res und analysiert die sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten von z.B. Einzellern.

    So genial von Uekülls Unterscheidung zw, der „Umwelt“ des Tieres und der Fähigkeit zur „welthaftigen“ Wahrnehmung des Menschen ja ist, – die Portmann als wichtig hervorhebt, weil hier infolge die Verhaltensforshung auch auf menschliches Gebiet ausgeweitet wurde, andererseits „offenes“ (=weltoffenes) Verhalten von Tieren – , „Innerlichkeit“ wird nie anders als ohne Objekt gedacht.

    Es hätte also eines Adornos gar nicht bedurft, um uns über eine „Innerlichkeit ohne Objekt“ zu belustigen. Ohne Objekt ist nämlich dieselbe gar nicht denkbar.

  13. Bersarin schreibt:

    „Objektlose Innerlichkeit“ bedeutet nicht, daß es keine Objekte gibt, sondern diese werden ausgeblendet. Umso mehr jedoch fällt diese Objektivität ins Subjekt ein und verdinglicht es, ohne daß dieses es jedoch bemerkt. Insofern ist Adornos Begriff kein Oxymoron, sondern ein kritischer.

    Was in Tieren vorgeht, dürfte schwierig sich aussagen lassen. Wer behauptet, Tiere haben eine Seele, benutzt auf anthropomorphistische Weise Metaphern und überträgt Menschliches aufs Tier. Diese (falsche) Übertragung bedeutet nicht, den Tieren bestimmte Rechte abzusprechen. Was das Tier als Anderes ist und wie wir mit diesem Anderen umgehen wollen, bleibt in der Tat eine zentrale Frage der Philosophie. Ob wir es essen wollen, ob wir es als Nutztier halten und wenn ja, auf welche Weise. Derrida hat sich (in seiner Weise) mit dem Status der Tiere beschäftigt.

  14. ziggev schreibt:

    Umso mehr jedoch fällt diese Objektivität ins Subjekt ein und verdinglicht es, ohne daß dieses es jedoch bemerkt. Insofern ist Adornos Begriff kein Oxymoron, sondern ein kritischer.

    das hätte ich, wenn´s denn möglich ist, ganz gerne ausmulipliziert, ich sitze auf meiner Terasse, die Vögel zwitschern, überhaupt, der Wind rauscht in den Bäumen usw.

    Wenn´s gar nicht mehr anders geht, dann meditiere ich. Nur dann. Aber „innerliches Erleben“ oder dergestaltgleichen halte ich weiterhin für eine steile These von Verhaltensbiologen.

  15. El_Mocho schreibt:

    „Tiere sind keine Menschen, Menschen keine Tiere.“

    Wo siehst du denn den Unterschied? Sicher in der Sprache? Die ist aber auch nur auf eine Mutation im Rachenraum unserer Vorfahren zurück zu führen. Schimpansen sind bekanntlich in der Lage, die Gebärdensprache der Taubstummen zu erlernen, es fehlt ihnen also nicht an Intelligenz, sondern nur am differenzierten Sprachapparat des Menschen.

  16. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Das läßt sich nicht in ein oder zwei Sätzen ausmultiplizieren. Ich müßte dazu Adornos Text zu „Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen“ hervorzaubern und wiedergeben.

  17. Bersarin schreibt:

    @ El Mocho
    Ja, deshalb haben die Schimpansen im Berliner Zoo ein komplettes Programm zur Neurophilosophie entworfen. Allerdings mit Stäbchen und Stöckchen in den Sand gekratzt. In der Sprache der Taubstummen entworfen. Hinterher gehen sie mit einem Berliner Medienbohème-Künstler sowie einem Neurophysiologen noch in eine angesagte Bar und machen wild einen los. Der Unterschied zwischen den Schimpansen und den Auslassungen des Berliner Medienbohèmeiologen sowie des Neurophysiologen ist in der Tat nicht sehr groß. Sie verständigen sich bestens.

  18. ziggev schreibt:

    deswegen sitze ich ja auf der Terrasse am Stadtrand einer nördlichen Stadt in Deutschland, dort, wo die Wälder losgehen. allerhöchstens rede ich mit den Rabenvögeln, die hier immer so ab 5:30 h ihr Geschnatter preisgeben.

    es ist aber nicht so, dass ich nicht „www.google.de““objektlose Innerlichkeit“““ eingegeben hätte, bevor ich nachfragte.

    ich finde bloß, dass wir uns einen überhaupt denkbaren Begriff von Innerlichkeit zurechtlegen sollten, bevor wir uns mit oder ohne Adorno über solche Selbstmissverständnisse lustigmachen.

    Adorno scheint sich mit „objektlose Innerlichkeit“ ja eher über eine fehlerhafte Begriffsbildung lustig zu machen, die möglicherweise zu einer Art Mode führte, wie wir es ja zur Genüge kennen, Stichwort Existenzialismus. Und nicht zuletzt der „Jargon der Eigentlichkeit“ (ausnahmsweise mal neben der minima moralia gelesen),

    oder zählt sein Spott nicht eher zum Spott allgemein aufs Hippietum, seit Goethes Anfängen? dabei sind es ja gerade jene Hippie-Schüler gewesen, die entdeckten, dass die so gesuchte „Innerlichkeit“ sich in Nichts auflöst, wenn einmal die Position „des Beobachters“ eingenommen worden ist. Um so lachhafter wäre „objektlose Innerlichkeit“.

  19. Bersarin schreibt:

    Objektlose Innerlichkeit hat etwas mit dem Verhältnis von Subjekt und Objekt zu tun. Ebenso der objektlosen Innerlichkeit verfällt – wenn man es zuspitze – Heideggers Begriff vom Dasein. Insgesamt wird dabei in den Begriffen nicht mehr der geschichtliche Gehalt (der auch denen von Subjekt und Objekt innewohnt) gedacht.

    Natürlich kann es auf der Metaebene der Beobachtung zweiter Ordnung oder aber auf der der Kritik objektiv keine objektlose Innerlichkeit geben – genau das kritisiert Adorno ja und insofern zeigt er den ideologischen Gehalt dieses Denkens, das das Objekt als Sekundäres setzt. Sie existiert nur an sich. wenn die Fichtesche Einsicht (also der subjektive Idealismus), daß das Ich sich setzt, radikal genommen wird, und das Ich in die Beschauung des Ich versinkt, da, wo die Reflexion sich als Reflexion bloß noch auf sich selber richtet.

  20. ziggev schreibt:

    dear bersarin, hier gäbe es die Möglichkeit für ein Solo. es ist Dein blog, es stände Dir also nichts im Wege, Dein Instrument auszupacken und mal draufloszutröten. Denn einerseits habe ich Dich nicht ganz verstanden, andererseits scheinst Du nicht begriffen zu haben, was ich mit dem „reinen Beobachter“ gemeint habe. es ergibt sich einfach aus der meditativen Praxis, dass sich, so denn einmal diese Position eingenommen, die „Gegenstände“ jedweder „Innerlichkeit“ in Nichts auflösen. einfach ein Ergebnis experimentell durchgeführter Bewusstseinsdurchforschung, „Theorie“ im Sinne des Betrachtens, wenn Du so willst die höchste Form von Theorie.

    wenn Dir also danach ist, dann spiele! Solo! Jetzt!

  21. Bersarin schreibt:

    Subjekt und Objekt, Gegenstand, Welt, Ich, Geschichte und Struktur lösen sich ins Nichts auf, wenn ich mir eine Kugel in den Kopf jage oder mich auf eine andere Weise aus dem Leben katapultiere.

    Über das Verhältnis von Subjekt und Objekt von Kant bis zu den Spielarten des Deutschen Idealismus und dann noch Schopenhauer läßt sich guter Dinge nicht in wenigen Zeilen in einem Kommentar schreiben.

    Sicherlich ist jemand, der meditiert, in einem anderen Zustand als einer, der in der Welt sich aufhält und mit den Dingen umgeht, seiner Alltagspraxis nachgeht oder sich mit anderem beschäftigt. Um den meditativen Zustand geht es Adorno jedoch nicht, sondern sein Text handelt von den Reflexionsfiguren und den Schleichwegen Kierkegaards, die Hegelsche Dialektík auszuhebeln. Und da der Text Kierkegaards philosophische Positionen vertritt, gehe ich davon aus, daß er sich insofern nicht in einem Zustand der Meditation oder der Ichversenkung befindet. Ansonsten wäre wohl das Schreiben von Texten nicht möglich. Die objektlose Innerlichkeit, die Adorno konstatiert, bezieht sich auf die Reflexionsfiguren des Kierkegaardschen Textes. Ich selber übertrug das auf die Ich-Sucht und das beständige Ich-Sagen bei manchen, wo ich jedoch am Ende recht wenig Substanz dahinter vermute.

  22. El_Mocho schreibt:

    Warum sollten Medienbohème-Künstler und Neurophysiologen keine Tiere sein?

  23. Bersarin schreibt:

    Das ist richtig, insbesondere wenn ich mir den geistigen Gehalt mancher Äußerungen anschaue, befällt auch mich der Verdacht.

  24. ziggev schreibt:

    ja, ich glaube (ungefähr) zu verstehen, dass der Rückzug (wie ich zuerst las) in die vermeintliche objektive Innerlichkeit im Gleichschritt mit Ich-Sucht zu denken ist. Was aber, wie ich jetzt denke, mir Schwierigkeiten bereitete, z.B. Uwes klugen und – soweit ich blicken konnte – begrifflich sauber gearbeiteten KOmmentar auf Proteus Image gleich richtig aufzufassen, scheint mir zu sein, dass hier, so auch bei Adorno, notorisch etwa auch der Begriff der Innerlichkeit gesellschaftskritisch aufgefasst wird. Das gesellschaftliche Moment erlaubt es uns, an dieser Stelle begriffsdestruktiv vorzugehen.

    Wenn ich aber Portmann anführe, dann geht es mir nicht um eine selbstquälerische Selbstvernichtungslust, vielleicht nicht unähnlich katholischer Unterwerfungslust, oder naturalistischem Reduktionismus, der nicht nur das eigene Subjekt zerstören will, sondern auch alle anderen gleich mit.

    Aber ist denn Gesellschaftskritik wirklich die einzige Option, um die gröbsten Selbstmissverständnisse der genannten Ich-Sucht, wenn möglich, wie ich Adorno immernoch lese, sogar der Lächerlichkeit preiszugeben ?, denn ich halte Adorno bis heute für einen Kultur- und Zeitdiagnostiker vor dem Herrn, und weniger für jemandem, der in der Tradition der, meinetwegen, abendländischen ‚Subjektphilosophie‘ steht, allen seinen kritischen Impulsen zum Trotz.

    Das reicht mir aber nicht, dass Adorno diese Rückzugsgebaren so treffend kritisiert, wenn hier nur die Flucht vor der ‚conditio humana‘ – denn die Anthropologie würde ich eher der Biologie zuordnen -, vor unserem Menschsein als zoon politikon (…) gemeint wäre und damit der Spott nicht berechtigt.

    Denn wir müssen uns auch vor den Tieren verantworten. Hier hat Adorno m.E. die schönsten Sätze geschrieben.

    „Um den meditativen Zustand geht es Adorno jedoch nicht, sondern sein Text handelt von den Reflexionsfiguren und den Schleichwegen Kierkegaards, die Hegelsche Dialektík auszuhebeln.“ – Darum geht es mir auch nicht und kann es auch in keiner Weise gehen (zu unwissend).

    Interessant aber finde ich, dass die gesellschaftskriische und philosophietraditionsgesättigte Kritik eines vermeintlichen oder angeblichen Gegenstandes wie Innerlichkeit (ohne Objekt), die auf die Anschuldigung „Ich-Sucht“ hinausläuft, das selbe Ergebnis hervorbringt, wie eine natürliche – d.h. empirisch vorgehende – Vorgehensweise: je größer das Ego, desto deutlicher seine Grenzen. Es existiert nicht ohne seine „Gegenstände“.

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