Eine Reise über die Autobahn in 33 Tagen. „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ von Julio Cortázar und Carol Dunlop

22481Eine wunderbare Zeit ist vorbei, eine wunderbare Reise geht zu Ende. Wie es im Leben zuweilen geschieht. Wir Melancholiker sind für diese Situationen empfänglich, wenn etwas unwiederbringlich vergangen ist. Der Melancholiker spürt jenen Fluß der Zeit, und wenn er reflektiert genug ist, vermag er es ebenso, dieses Vergehen, das Verschwinden und das „Es war einstmals“ auf den Begriff zu bringen: in die Anordnung des Textes nämlich, in der alles aufgehoben, aufbewahrt, aufgebahrt bleibt. All das, was nie mehr geschieht. Es geht die Lektüre eines wundervollen Buches zu Ende, das von einer Reise handelt, die nach einem Monat abschließt, weil deren Protagonisten an ihrem gesetzten Ziel angekommen sind; samt zweier Leben, die kurz danach ihrem Ende sich neigen. Ich spreche von Cortázars und Dunlops Buch Die Autonauten auf der Kosmobahn, die sich darin Bärchen und Wolf als Kosenamen gegeben haben. Eine gar wundervolle Lektüre, ein Buch, von dem ich mir wünschte, daß es nie aufhörte, wie ein Wochenende im Dezember in Leipzig, drei Tage in Berlin im Juni, eine Dampferfahrt auf der Spree oder ein intensiver Monat im Zeichen des März. Doch die Dinge, die Menschen, die Tage, die Monate und Wochen: sie enden nun einmal. Und unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin.

Selten geschieht es, daß wir ein Buch aus der Hand legen müssen, weil die letzte Seite erreicht wurde, und es doch immer weiterlesen wollen, in genau der Monotonie und gleichzeitig in dieser Vielschichtigkeit, die eine Fahrt auf der Autobahn bietet. Dabei ist dieses Buch nicht einmal große Literatur im Sinne der Fiktionalisierung oder der Maskierung des Geschehens im literarischen Text, sondern im Grunde rein dokumentarisch, wenngleich mit surreal-schelmischem Einschlag geschrieben, und dennoch geschieht darin, trotz seines dokumentarischen Charakters, die Poetisierung von Welt und Leben, von Zweisamkeit in der unendlichen Liebe des gemeinsamen Lebens. Auch dieser Umstand der doppelten Perspektivierung macht den ungeheuren Reiz dieses Buches aus.

Gemeinhin stellt der Campingurlaub zweier Menschen, zumal wenn er auf den Rastplätzen einer Autobahn stattfindet, nicht das Sujet dar, das wir uns in der Literatur innig wünschen würden. Aber es wird sich im Laufe dieser Lektüre zeigen, daß auch das kleine, das kleinste, das unscheinbarste Detail und die Nebensache sich als bedeutsam erweisen können. (Entfernt erinnert mich diese Modalität des Reisens in Reflexion an Wim Wenders Film „Im Lauf der Zeit“. Eine Fahrt, die mählich dahingeht, treidelnd, treibend, die Langsamkeit entdeckend, gleichsam als ein „Versuch über den geglückten Tag“. Allerdings wird Wenders Roadmovie wesentlich von Zweifeln getragen, die bei Dunlop und Cortázar eher spielerisch inszeniert werden.)

Die Schriftsteller Julio Cortázar und Carol Dunlop unternahmen vom 23. Mai bis zum 23. Juni 1982 eine Reise über die Autobahn von Paris nach Marseille. Dabei gab es ein strenges Reglement, denn beide traten keine gewöhnliche Reise an, sondern sie bewegten sich im Sinne einer Expedition, einer Forschungsreise: Ethnologie des Alltags, mit genauem Forschungsauftrag. Ich berichtete bereits an dieser Stelle vorab darüber. Zwei Rastplätze pro Tag müssen angesteuert und dann entsprechend erkundet werden. Auf dem zweiten Rastplatz muß übernachtet werden. Jedesmal sollen wissenschaftliche Untersuchungen angestellt werden Eine Reise in die Ödnis zwar, doch setze diese Fahrt, die die Zeit dehnt und ihr einen neuen, nicht dagewesenen Rhythmus gibt, dann einen ganz anderen Fokus, der sich von dem Blick und der Fortbewegung, wie es die herkömmlichen Reisenden betreiben, sattsam unterscheidet. Denn ihnen dient die Autobahn lediglich dazu, schnellstmöglich von A nach B zu gelangen. „diese Entfaltung in Glück und Liebe, aus der wir so erfüllt hervorgingen, daß danach nichts mehr, nicht einmal wunderbare Reisen und Stunden vollkommener Harmonie, diesen Monat außerhalb der Zeit übertreffen konnte, diesen inneren Monat, in dem wir zum ersten und letzten Mal erfuhren, was uneingeschränktes Glück ist.“

Nach der Lektüre dieses Buches wird mancher Autonaut diese Schnellstraße, diese Trassen durch die Landschaft als einen Kosmos ganz eigener Art wahrnehmen. In gewissem Sinne sind die Autobahnen für uns Land- und Stadtbewohner, für uns gewöhnlich Reisende eine Art Terra Incognita. Nicht, weil diese Region unzugänglich ist – im Gegenteil –, sondern weil wir in der Regel unseren Blick von diesen abseitigen Orten nicht nur abwenden, sondern sie gar nicht erst wahrnehmen und unseren Blick verschließen. Nicht anders als Bahnhöfe oder Flughafenhallen, die dazu dienen uns woanders hinzubringen, wo alles anders, besser, schön ist.

„Uns wird immer deutlicher bewußt, daß wir ein Territorium erobern, das wir Parkingland oder Freiheit oder Zweitwohnsitz nennen könnten, denn es steht fest, daß wir hier alle Vorteile eines solchen genießen, auch wenn das Grundstück mobil ist und die Nachbarn nicht existieren oder ständig wechseln. Es ist ein Land von großer Stille, das Land einer Zeit, die sich hinzieht und dennoch fortschreitet, ohne daß wir es merken.“

Dieser andere Blick benötigt die entsprechende Zeit, die Muße, die Verspieltheit zweier Menschen, die sich an einen ausgewählt öden Ort begeben und dort dennoch all die wechselnden, teils monotonen, dann wieder von umwerfender Schönheit sich gebenden Plätze in einer einzigartigen Weise wahrnehmen. Phantasiebesetzt heißt der rote VW-Bullie Fafnir und dieser Bus ist eben ein Drache. Die häßlichen Campingstühle heißen „Die geblümten Greul“. Schönheit entsteht im gemeinsamen Sehen, im gemeinsamen Blick auf die teils profanen Dinge, die mit einem Male surreal verzaubert und von ihren Sinndimensionen entgrenzt werden. So etwa, wenn beide in einem der Rastplätze, auf denen diese orange-weißen Plastikhütchen stehen, die Unfallstellen oder Unebenheiten abgrenzen, plötzlich als Hüte von Hexen gedeutet werden, die auf dem Rastplatz inquisitorisch behandelt und in den Boden eingerammt wurden, und genauso schnell werden die auf selbigen Rastplatz stehenden Gerätschaften eines Kinderspielplatzes dekontextualisiert. Sehen nicht manche dieser Spielgeräte tatsächlich wie Folterwerkzeuge aus oder besitzen die Anmutung eines Galgens?

Eine Reise, die ganz im Zeichen einer tiefen, gemeinsamen Liebe gehalten ist: eine zunächst profane und öde Welt in Intensität wahrzunehmen, und zwar gemeinsam. Cortázar und Dunlop schrieben diese Reise auf. Führten Tagebuch, protokollieren, fügten Photographien und Zeichnungen als Dokumente der Beglaubigung hinzu, schrieben auf, wann sie welchen Rastplatz erreichten, was sie dort aßen. Reiseprotokolle, die zunächst banal wirken mögen, die jedoch im Kontext dieser Reise einen Reiz ganz eigener Art ausmachen. Notizen, die zur Literatur geraten. Transformation und Transgression des Alltags. Vor alle aber ist es – am Ende dieses Reiseprozesses – eine Schreib-Erfahrung, die an die Grenze gehen soll. Um das Unbewußte freizulegen und vom überkommenen Blick fortzugelangen. So heißt es an jenes obige Zitat anknüpfend weiter:

„Und wenn es stimmt, daß das Schreiben diese erotische Erfahrung ist, als die wir es beide immer empfunden haben, dann müßten wir uns allmählich auch diesem Buch mehr öffnen. Dieses Vorantasten aufgeben, sich entscheiden. Beim Schreiben geht man immer das Risiko ein, alles zu sagen, vor allem auch das Unbewußte. So wie man, wenn man sich einmal auf ein Liebesabenteuer eingelassen hat und der andere die Decke beiseite schiebt, als entdeckte er einen großen warmen Strand, nicht einfach sagen kann: ‚aber die Unterhose behalte ich an‘, so muß auch, wenn wir dieses Buch wirklich schreiben wollen, alles gesagt werden (nicht im Sinne von ‚nichts verschweigen‘, sondern indem man beim Schreiben allem seinen freien Lauf läßt.)“

Gewissermaßen eine Écriture automatique. Aber zugleich bleibt jede inszenierte Unmittelbarkeit eine Inszenierung und liegt damit quer zum gemeinten Begriff. Diesen Bruch reflektiert die Prosa von Cortázar und Dunlop im Grunde. (Freilich unbewußt.) Autopoiesis und Reflexion auf die eigenen Schreibbedingungen stellen sich in diesem Buch immer wieder ein, und diese Reflexion auf den Text hat zugleich mit der auf das eigene Leben, auf den Horizont von Erfahrung zu tun, denen gegenüber ein Subjekt oder eben zwei Menschen sich öffnen. Die überkommene Sicht, all die Vorurteile zu entfernen.

Was diese Reise zugleich ausmacht, ist der Rhythmus einer ganz anderen Zeit. Ein Reisen, wie mit der Postkutsche, langsames Vorankommen, denn zuweilen liegen die Rastplätze gerade einmal eine halbe Stunde voneinander entfernt und insofern brauchen diese beiden Reisenden für eine Strecke von rund 800 Kilometern, die für gewöhnlich in 6 Stunden zu bewältigen ist, einen ganzen Monat.

Aber diese Reise wird nicht nur von einer großen Liebe, vom Angenehmen und schönen begleitet, sondern immer wieder deuten Dunlop und Cortázar jene Dämonen an, die sie begleiten. Eine Krankheit, an der am Ende das Bärchen, wie Dunlop von Cortazár genannt wird, stirbt, und wenig später dann wird jener Wolf ebenfalls tot sein. Auch vor diesem Hintergrund ist dieses Literaturdokument als eine Weise zu lesen, wie Leben zu leben sei und dieses eine Leben, welches wir haben, als real zu nehmen. Cortázars Spiele mit der Wirklichkeit und dem Wirklichkeitssinn als Fiktion und Verschiebung, für die bei den südamerikanischen Autoren gerne der Begriff des magischen Realismus gebraucht wird, gleiten eigentümlich ins Reale hinein.

Dem Buch haben Dunlop und Cortázar zwei Sätze des Polarforschers Jean Charcot aus seinem Werk „Autour du pôle Sud“ vorangestellt, gleichsam am Beginn ihres Reisetagebuches als guten Ratschlag für den Prozeß von Schreiben, Denken, Wahrnehmen: „‚Pierre, unser Bergführer, der von seinem schmerzlichen Schwindelgefühl genesen ist und sich wieder an die Abfassung seiner Memoiren gemacht hat, kommt zu mir und bittet mich, ihm ‚den der die Wörter entfernt‘ zu leihen. Ich brauche einige Zeit, bis ich begreife, daß es sich um einen Radiergummi handelt.‘“

Tabula Rasa: „Während des Restes unserer Reise betrachteten wir die Autobahn endlich mit offenen Augen. Sie war nicht nur dieses für die Geschwindigkeit gemachte und nach Kriterien der Nützlichkeit und Hygiene mit Haltestellen unterpunktierte Asphaltband. Nein, jetzt wußten wir, daß sich hinter ihr noch etwas anderes verbarg, und wir waren entschlossen, es zu entdecken.“ Die Autonauten auf der Kosmobahn erzählt von dieser Entdeckung, von dieser Reise in einer verspielten, heiteren, tiefgründigen Weise, und dieser gleichsam ethnologische Blick der beiden Reisenden auf das uns doch so Vertraute als Fremdes tut Dinge auf, die meist abseits des Weges liegen. Ein Buch, das selber zu einer Art von Reise wird. Es sei jeder Leserin und jedem Leser ans Herz gelegt. (Vielleicht komme ich in einem zweiten Textteil noch auch weitere Bezüge in diesem Buch zu sprechen.) Es ist ein Buch über eine besondere Weise des Reisens, eine Fahrt ins Glück derer, die aus der Zeit fallen dürfen und die damit den Charakter dieser Zeit als auch einen Blick in die andere Welt wahrnehmen:

„Wie könnte ich Bärchens Satz vergessen: ‚Oh, Julio, wie kurz war doch die Reise …‘ Wie könnte ich vergessen, daß uns in dem Augenblick, als wir das Schild lasen, auf dem das Ende der Autobahn angekündigt wurde, eine Beklommenheit erfüllte, deren wir nur durch beharrliches Schweigen Herr werden konnten, bis wir in den Lärm von Marseille eintauchten.“

Ob die Sinnlichkeit eines Textes, der letzte Satz eines Buches, der Zauber der Erfahrung angesichts des Todes möglich ist und ob das überhaupt funktioniert, das muß wohl jeder Leser für sich selber abmachen:

„… daß ich dieses Buch allein zu Ende bringe. Ich weiß wohl Bärchen, daß du dasselbe getan hättest, wenn ich vor Dir hätte gehen müssen, und daß deine Hand zusammen mit meiner diese letzten Worte schreibt, in denen der Schmerz nicht stärker ist, noch jemals sein wird als das Leben, das du mich gelehrt hast, wie wir es vielleicht bei diesem Abenteuer zeigen konnten, das hier sein Ende findet, aber dennoch weitergeht, in unserem Drachen weitergeht, für immer auf unserer Autobahn weitergeht.“

Julio Cortázar, Carol Dunlop: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris – Marseille, Suhrkamp Verlag, 22,95 EUR

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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19 Antworten zu Eine Reise über die Autobahn in 33 Tagen. „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ von Julio Cortázar und Carol Dunlop

  1. Uwe schreibt:

    Danke, danke, danke – für diesen schönen Text, dem man die Begeisterung über das Buch anmerkt und der vor allem Lust aufs Lesen macht, uneingeschränkt und unbedingt. Was kann man mehr von einer Besprechung erhoffen?
    Ich hatte mir gleich nach Deiner ersten Empfehlung ein Exemplar besorgt und habe es nun gelesen, nein: verschlungen. Was für ein grandioses Unternehmen. Was für eine eindringliche Forschungsreise ins Fremde des vermeintlich Vertrauten. Was für eine mitreißend-poetische Liebesgeschichte. Was für ein wunderbarer Mix der Textgenres, der Schreibformen. Was für eine Vielfalt des Humors, der Ironie, der Paradoxien und des Märchenhaften. Was für ein souveräner Einsatz der selbstreflexiven literarischen Mittel. Was für eine Komik (zwischendurch). Was für eine Tragik (am Ende).
    Ich habe auf jeder Seite einen Grund mehr gefunden, dieses Buch zu lieben. (Verzeih‘ den hohen Ton, aber das Ende der Lektüre liegt gerademal ein paar Stunden zurück).
    Allein die Fotos hast Du vergessen zu erwähnen und zu würdigen. Nur sie allein und die schelmisch-hintergründigen Legenden, die sie als Titel begleiten, lohnten schon den Kauf des Buches. Sie scheinen dokumentarisch, werden aber durch den begleitenden Text zu Inbildern eines verwandelnden Sehens und Erkennens.
    Nochmals Danke für den Tipp. Der Autor war mir durch einige Kurzromane und Erzählungen bekannt. Aber dieses Juwel verdient es, gepriesen zu werden. Ein Buch wie eine Anleitung zum Leben. Und nie war der alte Spontispruch so angebracht wie hier:
    Die Phantasie an die Macht!

    Grüße von einem, dem es schwer fällt, runter zu kommen.
    Ich werde es einfach wieder lesen, und wieder, und wieder … denn es ermüdet nicht, sondern weckt die Geister.
    Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Wer dieses Buch gelesen hat, wird den Ton Deines Kommentares verstehen. Besonders aber zeichnet dieses Buch aus, daß es vermittels einer einfachen Geschichte eine komplexe Verdichtung liefert: Eine so simple Angelegenheit, wie eine solche Expedition. Aber auf diese Idee muß man erst einmal kommen und sie dann eben auch durchzuführen bereit sein.

    Die Photographien erwähnt ich kurz, aber sie wären im Zusammenhang mit dem Text sicherlich eine ganz eigene Betrachtung wert: wie nämlich dieses Text/Bild-Zusammenspiel funktioniert. Ein anderer Monteur von Text und Bild war R.D. Brinkmann, und auch bei Kluge/Negt finden wir diese interessante Kombination. (Aber da ließen sich jetzt viele Beispiele aufführen.)

    Dieses Buch ist in der Tat ein besonderes Stück Literatur. Es sei jeder und jedem ans Herz gelegt. Und es ist sehr gut, daß einige Monate vor Cortázars 100. Geburtstag dieses Buch vom Suhrkamp Verlag wieder aufgelegt wird.

  3. ziggev schreibt:

    das hypothetische Moment eines gemeinsamen Kairos ist nur als denkbar aufrechtzuerhalten, wenn wir uns die Zeit als vorbeirauschende denken. kein Beweis, nichts dergleichen. es aber dennoch zu versuchen, ist unendliche Konsequenz. um es ganz deutlich zu sagen: der ganze Roman ist eine Lüge, nichts stimmt. es geht um den Anfang, nicht um das Ende.

  4. august schreibt:

    @ Ziggev

    Ich habe weder den Roman gelesen, noch verstehe ich genau, was Du sagen willst. Aber in Deinem Beitrag sind interessante Fragen enthalten, scheint mir.
    Kann man einen Kairos herbeizuführen versuchen? Was meinst Du mit „unendliche Konsequenz“? Kann ein Roman lügen? Welche Wahrheit, die dann ja durch ihn behauptet werden müsste, widerspräche ihm? Kann eine zeitlose Reise einen Anfang haben? Zusammengefasst: Kannst Du Deine Ansicht ein bisschen ausführen? Danke.

  5. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Jegliches geschieht in der Zeit: das Leben sowie das Sterben. Wir lernen Menschen kennen, und diese Menschen verschwinden auch wieder aus unserem Leben. Wir denken eine Zeit an sie, dann sind diese Menschen vergessen. Opfer der Zeit, Opfer der linearen Zeit. Die Zeit liegt uns meist in dem Sinne vor, der im Salbadern von Heidegger als vulgärer Zeitbegriff markiert wird. Nur in den Verzückungsspitzen des Daseins, in der Meditation, im Rausch bei der Einnahme bestimmter Drogen treten oder fallen wir aus dem Gefüge der linearen Zeit heraus.

    Es mag in bestimmten Gesellschaften zyklische Zeitmodelle geben. Am Ende aber sind wir alle auf den Zeitstrahl, der von A über B nach C (Tod) geht, verwiesen. Lediglich in den Poetisierungen und der Textualisierung von Leben und Welt ändert sich der Fluß der Zeit. DIe Madeleine, welche sich in den Tee aus Lindenblüten taucht. Der Anfang ist ohne sein Ende nicht denkbar. Denn alles was ensteht ist wert, daß es zugrunde geht. DIe Betonung liegt hier auf dem Grund. Das kann man in Hegelscher Dialekitk deuten, wie es in der Wesenslogik entfaltet wird. Zu Grunde gehen, ist ein dialektischer Begriff. Mit Nietzsche könnte man auch sagen: Was fällt, das soll man stoßen. (Daß darin leider auch die Logik des SA-Mannes, eben des Faschisten steckt, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Aber dennoch: Nietzsche ist an solchen Stellen sehr viel mehr Dialektiker als er es selber in seinem Text wahrhaben wollte. Zum anderen Zeitmodell bei Nietzsche läßt sich sowieso gut der „Zarathustra“ lesen, insbesondere die drei Verwandlungen des Geistes.)

    Aber auch so geht es gut und das ist mein Text:

    Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entsteht//Ist wert, daß es zugrunde geht//Drum besser wärs wenn nichts entstünde.//So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt,//Mein eigentliches Element.

    So, nun habe ich am frühen morgen nach einer durchzechten Nacht wieder mehr Geist und Denkanlässe produziert, als es mache Blogger:innen nicht in einem Jahr schaffen.

  6. Bersarin schreibt:

    Ja, es gibt dieses unaufhebbare Vorbei. Lediglich bei jener Frau aus Leipzig bereue ich zutiefst, daß die Zeit in ihrem Fluß sich nicht aufhalten läßt. Ich hätte diese 1 1/2 Jahr am liebsten zur Unendlichkeit gedehnt.

    Dagegen gibt es die kalkulierte Zeit als ästhetische Inszenierung von Subjektivität: Ich hatte im März mit einer Bloggerin ein Zeitexperiment durchgeführt, das die Zeit einerseits für einen Monat dehnt, aber zugleich beschränkte sich jegliche Text/Sprech-Aktion auf genau diesen einen Monat – in einer Zeitkammer eingefroren. Es war eines der interessantesten (gemeinsam durchgeführten) Experimente: Jeden Tag schreiben, miteinander telefonieren, mehrmals SMSe pro Tag. Aber alles in der auferlegten Begrenzung. Hier entstand ein ganz eigentümliches, sehr spezielles Zeitbewußtsein. Eine inszenierte Intensität, die ihr eigenes Vergehen, den Verlust, gleichsam mit einschloß. Auch hier siegt am Ende die lineare Zeit. Sofern ich oder sie das Geschehen nicht poetisieren und in gewissem Sinne dann auch wieder ausschlachten. Für einen Text. Aber im Sinne der Textualisierung halte ich es für erlaubt. Leben aber läßt sich nicht zurückholen.

    Im Grunde korrespondiert dieses Zeitbewußtsein mit dem Gedanken Adornos als Utopie: den Tod abzuschaffen. Wie es jene Frau aus Leipzig im Sinne von Tocotronic so sexy zu intonieren wußte: Abschaffen, abschaffen, abschaffen. Meist befällt die Menschen ein eigentümlicher Zorn, so beobachtet Adorno, wenn man ihnen von der Abschaffung des Todes als Möglichkeit erzählt. Das zeigt einiges über das Leben, in dem die Menschen drinnenstecken. (Diese Dialektik und Entdialektisierung des Todes findet sich bei Adorno insbesondere am Schluß seines Beckett-Aufsatzes. Ebenso aber in den „Meditationen zur Metaphysik“. Becketts Titel „Endspiel“ zeigt ja bereits an, daß es sich hier ebenso um ein Phänomen der Zeit und des Denkens auf die Zeit handelt. Der innere Sinn als eine der Anschauungsformen – im kantischer Weise gedacht. Beckett selber schrieb bereits in den 30er Jahren eine ungemein lesenswerten Aufsatz über Proust, wo es genau um“die innere Chronologie der Proustschen Darstellung (…) jene[s] doppelköpfige Ungeheuer der Verdammung und Erlösung zu untersuchen – die Zeit.“

  7. august schreibt:

    @ Bersarin

    Schöne Denkanstöße. Da lassen sich Fragen anschließen.

    Ist lineare Zeit als Frage von objektivierter Zeit nicht eher ein Ausnahmefall, eben gesellschaftlich bedingt und damit abhängig von der Subjektivitätskonzeption. Spricht Proust überhaupt von der Zeit, in der „jegliches geschieht“? Spricht er nicht eher vom Gedächtnis, von der Eigenzeit des Menschen, welche die objektive Zeit selbst degradiert zu einer ontischen Notwendigkeit ohne Sinn, dem Raum als pure Größe vergleichbar? Und ist die Rede vom vulgären Zeitverständnis dann vielleicht doch nicht so salbadernd, sondern weist auf das „ek-statische“ Moment der Sinnzeit hin, die sich in Leipzig, im März und im Rausch erfahren lässt?
    Ohne ein „Subjekt mit Eigenzeitanspruch“ (Nassehi), ohne jemanden also, der die Zeit als Sinnträger in Anspruch nimmt, ist die Zeit nicht notwendig linear. Möglicherweise ist sie dann statisch, da sie immer nur verändert, nur einen Takt gibt, sich selbst aber ausnimmt, mithin steht. In Mephistos Versen lässt sich doch auch eine Variation von Anaximanders Spruch sehen, hier in der Übersetzung Nietzsches:

    Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit.

    Nehmen wir die Weisheit des Silen dazu, die Nietzsche in der Geburt der Tragödie zum Signum des frühgriechischen Menschen erhebt, dann sehen wir die Problematik von „Lebenszeit und Weltzeit“. Anders gesprochen: Reden wir hier eigentlich über die Zeit, wenn wir über die Zeit reden oder reden wir von der „Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins“? Nicht als kantische – dann auch paradoxe, da apriorisch Zeit voraussetzende und gleichzeitig schaffende – Anschauungsform, sondern als „faktisches Leben“, als Erlebnis- und also Sinnzusammenhang. Dein Experiment mit der Bloggerin zum Beispiel: War das eines zur Zeit oder eines des inneren Erlebnisses? Wurde der Monat März anders oder änderte sich das Erleben, eher zufällig im März.
    Ich denke, das könnte vielleicht der Sinn des Untertitels „zeitlose Reise“ sagen wollen. Was Zeit beansprucht, bezieht seine Welt in aber nicht aus der Zeit.

  8. Bersarin schreibt:

    Das Leiden am Vergehen der Zeit, so lassen sich diese Überlegungen zusammenfassen. Diese Zeitfrage ist eine der Perspektivierung, das ist richtig, und Zeitbewußtsein ist gesellschaftlich gemacht. Da stimme ich Dir zu. Ein Ethnologe wird ganz anderer Möglichkeiten und Wahrnehmungsweisen von Zeit uns zeigen können, die bei bestimmten Gruppen, Stämmen, Völkern existieren. Ich gehe hier zunächst von der abendländischen Zeitvorstellung aus, die eine naturwissenschaftlich gesetzte Zeit ist. Man könnte, zunächst im dualen Modus, hinzufügen, daß dann noch die Zeit des Textes, die der Dichter, die der Künstlerin erzeugt, existiert. Und sowieso wäre an die geschichtliche Zeit zu erinnern, wie Benjamin es in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen, in seinem Passagenwerk und in seinen Studien zu Baudelaire unternimmt. Dahinein fällt dann auch das dialektische Bild, das in diesem Sinne ebenfalls mit dem Zeitbegriff zu tun hat, sowie das Katastrophische. Jener Engel der Geschichte blickt ebenfalls verschiedenen Zeitordnungen ins Gesicht.

    Proust spricht in der Tat vom Gedächtnis. Er evoziert zudem eine andere Zeitordnung. Die wiedergefundene Zeit ist nicht unbedingt die lineare, in der alles geschieht und auf die ich mich kaprizierte. Den Proustbezug müßte ich noch einmal nachlesen, um diese Aspekte genauer auszuformulieren: Was ist das „Wesen“ dieser Zeit? Es ist in diesem Sinne sicherlich eine exzentrische, eine ekstatische Zeit. Peter Handke etwa arbeitet in „Versuch über den geglückten Tag“ gegen diesen Zeitbezug Prousts an, der in der Vergangenheit sich sistiert. Handke geht es im Grunde um eine Präsenz- und Präsens-Metaphysik als Notwendiges, um die Dinge als Dinge zu belassen und sie an ihrem Ort zugleich wahrnehmen zu können. Mit Adorno gesprochen wäre dies eine Variante der „Freiheit zum Objekt“. Das große Projekt immer noch: mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes solidarisch zu sein und sie zu bewahren. Nicht zu destruieren. Ihren Grund haben die Dinge in der Zeit. Weil wir die Zeit haben, weil wir ein Zeitbewußtsein mitbringen. Tiere haben keine Zeit. Sie sind einfach da. Die meisten Tiere haben keinen Zeitsinn, ebensowenig wie Gegenstände; im Unterschied zu diesen jedoch besitzen Tiere durchaus Empfindungen. Sie spüren ihre eigene Existenz. Aber nicht als Wesen der Zeit, die über diese Zeit zu reflektieren vermögen, was dann wieder dem Leiden an der Zeit das Einfallstor bietet.

    Die „Weisheit des Silen“ ist die Grausamkeit und die Wahrheit des Ab-Grundes, die Gnade Sterben zu können und zu dürfen. Dieses so grausame Wissen, das die Griechen mit einem Spiel des Scheins, mit dem „Schein des Scheins“ so Nietzsche, als Spiel und Grausamkeit in einem kaschierten und zur Vollendung brachten. Der Zeitsinn ist hier der vom Tod. Wie geschrieben: eine der interessantesten und weiterzudenkenden Passagen steht am Ende von Adornos Essay über Becketts Endspiel. Faszinierend, der Versuch, den Tod auszusetzen.

    Wenn ich von dieser linearen Zeit spreche, in der alles geschieht – selbst der Kairos, um ein wenig zuzuspitzen –, dann verfalle ich in einem bestimmten Sinne dem positivistischen Denken, mache mich hier zum Anwalt dessen, was ist, was der Fall ist. Aber am Ende des Ganges durchaus in kritischer Absicht.

    Eine interessante Differenzierung von Zeit liefert übrigens Paul Ricœur in seinem dreibändigen Werk „Zeit und Erzählung“: Ja, es ist in den Betrachtungen genau diese Frage, auf welche Zeit wir uns beziehen. Die der Geschichte, die der Biographie, gar des Bios? Die Zeit, die uns bleibt und die Zeit die vergeht?

    Die Zeiterlebnisse sind, darin teile ich Nietzsches Philosophie des Perspektivismus, solche des Blickes, der Wahrnehmung und der Interpretation samt Lektüre. Ich kann das Geschehen von Leipzig und vom März im Text verdichten, ich kann es zurücksehnen, ich kann es erinnernd betrachten, ich kann es verfluchen oder begehren. Auf alle Fälle sedimentieren sich in diesen Betrachtungen zahlreiche Schichten.

    Eine „zeitlose Reise“ weist zumindest auf einen anderen Begriff von Zeit, der aufscheint. Aber eben nur auf der Autobahn. Zwischen Paris und Marseille. Zeitlos ist diese Reise auch deshalb, weil sie im Text aufgehoben wurde. Für ewig vielleicht nicht, aber doch solange wie Speichermedien und Menschen existieren.

  9. Uwe schreibt:

    Die Reise hatte einen Anfang und ein Ende. Aber dazwischen haben sich die beiden Protagonisten gemeinsam und jeder für sich bei ihrem Buchtenschippern von Rastplatz zu Rastplatz in einer immer radikaleren Enschleunigung einem sowohl zeitlichen als auch räumlichen „no man’s land“ angenähert, im wörtlichen Sinn eingeschrieben, dessen Ergebnis wir, die Leser, in den Händen halten, und das uns Möglichkeiten des Anschlusses liefert, indem wir während der Lektüre in Tuchfühlung mit einer anders gearteten und anders erlebten „Wirklichkeit“ geraten, die, obzwar in jedem Detail literarisch konstruiert, eine Eindringlichkeit und Präsenz, je eine zauberische Wirkung entfaltet, der man sich schwer entziehen kann. Bei diesem Prozess fühlen sich nicht nur die Schreibenden „außerhalb der Zeit“, sondern auch die Lesenden, weil sich in der Textgestalt eine besondere Transformation des Gewöhnlichen und Alltäglichen verwirklicht. Die Protagonisten dieses Sprachspiels nennen es denn auch einen „Akt des Zen“, eine „Entfaltung in Glück und Liebe“, eine „innere Suche“. Insofern würde ich die Reise und ihren literarischen Ausdruck, das vorliegende Buch, als den Versuch begreifen wollen, der vergehenden Zeit einen radikal subjektiven und persönlichen Sinn zu verleihen. Und das alles ohne jede Feierlichkeit, sondern mit viel Humor, Witz und selbstironischem Spiel der verwendeten literaischen Mittel, die selbstredend das unwiderrufliche Fortschreiten der linearen Zeit aufheben können.

    Gruß, Uwe

  10. Bersarin schreibt:

    Ja, das ist es, was ich an diesem Buch für überaus gelungen halte: daß dieses Bewußtsein von Zeit und sogar von Tod und Ende auf eine spielerische, heitere Weise erfolgt, allenfalls an einigen Stellen mit einem Einschlag von Melancholie versehen.

    Solches Reisen über die Autobahn, wie es Dunlop und Cortázar taten, dehnt die Zeit und läßt sie zugleich zu einem Punkt zusammenschrumpfen: Insofern ist es in der Tat ein anderes Zeitbewußtsein, das sich dann qua literarischer Struktur auch als Text zu erzeugen vermag, sich im Sinne einer ästhetischen Erfahrung auch auf den Leser überträgt. Und insofern läßt sich bei diesem Buch auch von einem „offenen Kunstwerk“, einem entgrenzten Kunstwerk sprechen, weil wir diese Reise im Grunde alle unternehmen können: in Gedanken als armchair travelling oder aber höchst real, indem wir ebenfalls uns in einer solchen oder einer anderen Zone in der entsprechenden forschenden, experimentellen, gelassenen Langsamkeit bewegen: offen für die Erfahrungen, die wir dabei machen können, sofern wir denn zu solchen noch fähig sind.

  11. ziggev schreibt:

    @ august – ich versehe nicht ganz, wie zwei Deiner Ausführungen zusammenpassen, dass einerseits Proust „… von der Eigenzeit des Menschen, welche die objektive Zeit selbst degradiert zu einer ontischen Notwendigkeit ohne Sinn, dem Raum als pure Größe vergleichbar“ spreche, andererseits aber „… ohne jemanden also, der die Zeit als Sinnträger in Anspruch nimmt, [ist] die Zeit nicht notwendig linear“ sei.

  12. ziggev schreibt:

    @ all

    dass ich oben etwas kryptisch klinge, liegt vielleicht daran, dass ich einer Intuition nachjagte, deren Gehalt, as a matter of facts, mir nicht mehr vorlag. Sollte man ja eigentlich philosophisch unter allen Umständen vermeiden, sowas. Fragezeichen hinmalen: nun erklärt mich mir mal bitteschön! ich bin euch allen also unter diesen Umständen zu jedem Dank verpflichtet für die lehrreiche Diskussion hier!

    den Kairos begrifflich zu fassen, scheint mir doch beinahe unmöglich. Aber sei´s drum, was mir rätselhaft scheint, muss ja nicht notw. ach so rätselhaft sein. Poetisierung ist hier wohl das (für mich) entscheidende Stichwort. Als Poetisierung (nicht Lüge) ist die Zeitkonzeption des Romans, die mir – nach lesen der beiden Texte des Blogbetreibers – paradox erschien, gewissermaßen gerechtfertigt. Das Unmögliche versuchen, den Kairos festzuhalten, schien mir „konsequent“.

    das Erlebnis eines gemeinsamen Kairos (ich klebe vorerst an diesem Begriff) zu beschreiben, während er sich während einer Reise, einer Bewegung, gar einer Fortbewegung ereignet, mutete mir paradoxal an. In der Tat treibt mich schon seit langem heideggerisches „Salbadere“ um den „Augen-blick“ um, allerdings in der Art, wie wir es bei Max Müller (Heidegger-Schüler) finden. Heideggers „Begegnung“ bezeichnet eben eine Unmöglichkeit, etwas nicht Denkbares. So ist eigentlich nur der Verlust einer „erfüllten Dauer“ denkbar. Sie selbst jedoch nicht. Dies verleitete Heidegger zu seinem eher „poetischen“ Sprechen, statt es mal mit philosophischem zu versuchen. Heidegger (und Müller) generieren hier einen vermeintlich philosophischen Mehrwert, dem jedoch etwas Beliebiges, Willkürliches anhaftet. Hier glaube ich etwas analoges zu jener Rede vom Mythos zu entdecken, die einmal jemand als „Mythisierung des ‚Mythos'“ kritisierte. Das dem Logos nicht zugängliche nocheinmal mytisieren. Dunlop und Cortázar machen aus ihrer Poetisierung des Lebens Literatur, das wäre wohl noch einmal etwas anderes.

    Um in Annäherung ein solches „Festhalten“ zu denken, scheint mir eher die Denkungsweise der Zeit als einen vorüberfließenden Strom im Gegensatz zu der eines Zeitschiffchens, das sich entlang einem (sodann als feststehend aufzufassenden) Zeitstrom bewegt, geeignet zu sein. (Wie ich es erinnere, werden beide Bilder in „Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins“ gleichberechtigt nebeneinandergestellt.) Jedoch den „glücklichen Augenblick“ als Neuanfang zu deuten (am Besten noch christlich-bußfertig aufgeladen), scheint mir ebenso paradox nicht nur wie die Vorstellung des Festhaltens, sondern insbesondere wie die Idee, in einen solchen „erfüllten Augenblick“, den Heidegger unablässig mit irgendetwas „auffüllt“, überzutreten (oder einen solchen gar anzustreben). Das würde mit dem (linearen) konventionellen objektiven Zeitbegriff kollidieren, der es mit einem Kontinuum zu tun hat. Wann genau, bitteschon, beginnt (oder endet) dieser oder jener Augenblick? Denkversuche, ein „Jetzt“, das „Nun“ als qualitative Zeit aufzufassen (wie ich gerade nachlese, bei Platon Link) verdanken sich der subjektiven Zeitwahrnehmung; ich denke aber, wir dürfen uns schon fragen, inwiefern ein solcher Zeitsinn nicht ohnehin illusorisch ist. – Kommt deshalb hier der Tod, das Zugrundegehen alles Zeitlichen ins Spiel? Es ergibt sich beinahe logisch daraus, dass der Augenblick als (unendlich kleiner) Zeitpunkt aufzufassen ist, dass dann, wenn wir von „Dauer“, gar „erfüllter Dauer“ sprechen, eine andere Unendlichkeit, das Finite des Nicht-mehr dem entgegengesetzt wird, um diesem schwer begreiflichen, fast Nicht-Denkbaren Herr zu werden.. Ganz wunderbar dagegen empfinde ich so eine Poetisierung des Lebens, von der der Roman berichtet. Hier gerade die Reise, die Fortbewegung zu wählen, schien mir nach meinen (zugegebenermaßen dilettantischen) Vorüberlegungen ein paradoxes Unterfangen.

    Dazu das Unterfangen, wissenschaftliche Untersuchungen an jedem Rastplatz durchzuführen und zu dokumentieren (in des Blogbetreibers erstem Text mit Zitat angeführt), kann ich mir nur schwer anders denn als einen mit ironischem Lächeln angegangenen Vorsatz denken. Gerade dem sonst durchaus unpoetisch aufgefassten, dem also, was sich wissenschaftlich dokumentieren lässt, wohnt etwas Poetisches inne. Den umgekehrten Weg beschreitet gewissermaßen Jürgen Feder, der derzeit als „Extrembotaniker“ Furore macht. Er kartiert Pflanzen, die sich entlang deutscher Autobahnen (und sonst nirgends) ausbreiten. Diese Doppeldeutigkeit seines Tuns, einerseits die wissenschaftliche Tätigkeit, andererseits das Poetische, das darin liegt, Verstreutes aufzufinden, Funde, die uns Nichtbotaniker als Triva erscheinen müssen, dazu noch an etwas, das uns der Gipfel der Trivialität (und lange Weile) erscheinen muss, nämlich einer Autobahn, macht, glaube ich, seinen Erfolg aus – und ist, wie ich vermute, da ihm nicht ganz bewusst, ursächlich für sein etwas „durchgedrehtes“ Auftreten. Ich hatte schon immer etwas übrig für die Begeisterung von Feldforschern für ihre Gegenstände.

    Vielleicht darf ich hier das mystizierende, jetzt aber wirklich salbadernde, Gerede vom Jetzt („im ‚Jetzt‘ leben“) erwähnen. Immer auf der Hut bloß nicht irgendeinen Augenblick zu verpassen, würde zu einem unendlichen Regress führen und liefe auf hektisches Nachjagen nach Augenblicken hinaus. Die Leute, die dann ein Jetzt im Sinne eines Jetztbewusstseins aufzufinden trachten, tun mir jetzt schon leid. Dann lieber das Buch von Dunlop und Cortázar! Das Jetzt lässt sich am ehesten als jener Punkt „denken“, an dem alles vorbeifließt. Kein Beweis, nichts dergleichen, es handelt sich um eine Intuition meinerseits, durch die jener Rede vielleicht doch etwas abzugewinnen wäre. Vorteil: wir brauchen den wissenschaftlichen (aristotelischen) Zeitbegriff nicht aufzugeben.

  13. Bersarin schreibt:

    Kairos läßt sich sicherlich nicht leicht fassen oder gar dingfest machen, aber zumindest kann man ihn in die Reflexion oder ins Denken bringen: sei es über eine Philosophie der Zeit, sei es in Prosa und Lyrik. Also als Stoff, als in der ästhetischen Form gestalteter Kairos.

    Heidegger ist ein Thema für sich. Es existieren in seinen Texten teils interessante Intuitionen. Zugleich ist er einer der überschätzten Philosophen. Lehrreich ist er in seiner Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie und in seiner Interpretation von Texten. Das Poetische seines Sprechens fällt allerdings weit hinter den Standard der Moderne zurück und erschöpft sich in den „Beiträgen zur Philosophie“ teils in Phrasen oder strapazierten Sprachbildern. Das spricht freilich nicht gegen die Intuitionen, die in diesem Werk, das Heidegger selber als Weg bezeichnet, stecken. Wie mehrfach geschrieben: Wer in den 50er, 60er Jahren eine kontinentale Philosophie auf der Höhe seiner Zeit möchte, der lese halt Adorno und dann ab den 60ern Foucault und Derrida. Insbesondere bei Derrida kommt Heidegger zu sich selber und wird auf eine anregende und doch kritische Weise fruchtbar gemacht.

    Das Begriff des Kairos und das, was drunter gedacht oder poetisiert ist, scheint auch mir reizvoll.

    Cortázar/Dunlop machen beides: Sie nehmen die Untersuchungen auf den Rastplätzen durchaus ernst – wie überhaupt dieses ganze Projekt. Und sie machen es zugleich mit einem Augenzwinkern, ohne aber das Untersuchen dadurch zu diskreditieren oder es als bloßen Klamauk dem Buch beizugeben. Im Gegenteil. Und gerade daraus bezieht dieses ganz und gar große Buch seinen Reiz. Auch aus dem Unperfekten und dem Nicht-Planvollen, das ja gerade den positivistischen Geist der Wissenschaften ad absurdum führt. Dennoch springen aus dieser Reise ungeahnte Erkenntnisse heraus. So die über die Zeit. Kairos entfaltet sich hier als eine Reise, als geglückter Augenblick, der aber nicht fixiert und verdinglicht wird, sondern der sich im Fluß einer herrlichen Geschichte transformiert.

    Dem „Jetzt“ hinterherzujagen ist ebenso absurd wie die Kontemplation absichtsvoll zu inszenieren oder als bloße Selbstpraktik zu betreiben, um hinterher nur um so funktions- und leistungsfähiger in der schönen neuen Arbeitswelt zu sein. Das Jetzt als emphatisches lebt im Entzug.

  14. Uwe schreibt:

    Ein Zitat als Nachtrag:

    Von klein auf damit geschlagen, sich nicht mit dem Sosein der Dinge abzufinden, mit allem, was sich als Routine einstellt, entwickelte Cortázar sich zu einem Verächter zeitlicher und psychologischer Kausalitäten. Er suchte geschlossene und zugleich bewegte Räume, „Passagen“, die ihm das Erlebnis einer Aufhebung der Zeit ermöglichten und damit die Wahrnehmung einer verrückten Wirklichkeit. In dieser erst vervielfältigen sich die Möglichkeiten der Existenz auf phantastische und oft bedrohliche Weise. Nicht willkürlichen Erfindungen des Autors, sondern solch winzigen Verschiebungen im Raum-Zeit-Gefüge verdanken die phantastischen Erzählungen Cortázars ihre existentiell beunruhigende Wirkung.

    Das Unternehmen Autobahn steht in dieser Tradition. Da Cortázar in Carol die kongeniale Partnerin gefunden hat, erweist sich die zeitliche Entrückung nicht als bedrohlich, sondern als beglückend. Die Freunde des Paares hatten sogleich den Verdacht, daß es mit dieser Fahrt etwas Besonderes auf sich hatte. Sie vermuteten ein metaphysisches Anliegen, eine neuzeitliche Gralssuche gar, sehr zum Erstaunen der Reisenden, die bei ihrer Planung keinerlei „tiefschürfende Absichten“ gehegt hatten. Mit den Spielregeln, die sie sich setzten, schufen sie eine willkürliche und freiwillige Ordnung, in der sie sich fern jeder Alltagsroutine nah sein konnten. Und so geben die beiden Schriftsteller im nachhinein den Freunden recht.

    (Dagmar Ploetz in der FAZ vom 2.5.1996)

    Gruß, Uwe

  15. Bersarin schreibt:

    Sehr gute Rezension, die dieses Projekt noch einmal im Werk von Cortázar selbst verortet. Was ich für wichtig halten. Insbesondere weil diese Realitätsverschiebungen hier eine ausgesprochen heitere Seite haben, ohne in den dummen Klamauk zu gleiten, der die Gesellschaft des Spektakels beständig begleitet. Ebenso halte ich den Hinweis für wichtig, daß es kein tiefsinniges OM-Om, Sein-Sein, Zeit-Zeit-Raunen ist, sondern mit durchaus rationalen Mitteln erweitert sich das Gebiet der Rationalität, was man wohl mit Adorno gesprochen als einen Begriff von Erfahrung bezeichnen kann, in der der Erliegende sich wiederfindet. Und dennoch sind alle diese Zen, Sein und Zeitaspekte in diesem Buch vorhanden. Aber als ein Spiel des Lebens, das in den Tod ragt. Emphatisch verstandene Erfahrung, die während einer so besonderen Reise gemacht werden können.

  16. Uwe schreibt:

    Noch ein Nachtrag, der zeigt, dass wir nicht allein sind mit unserer Begeisterung für dieses Buch:

    http://culturmag.de/rubriken/buecher/julio-cortzarcarol-dunlop-die-autonauten-auf-der-kosmobahn/81568

    Gruß, Uwe

  17. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für den Link. Ich werde den Text heute abend lesen, wenn etwas mehr Ruhe und Zeit bei mir eingekehrt ist.

  18. ziggev schreibt:

    danke auch meinerseits, ich werde mir das infragestehende Werk auch mit verbundenen Gedanken an meine südamerikanischen Freunde ganz sicher besorgen ! … (die heute am Telephon nichts anderes interessiere, als das Abschneiden der deutschen Mannschaft!)

  19. Bersarin schreibt:

    Ich denke, bei diesem Buch wirst Du auf Deine Kosten kommen, sofern sich eine solche Rede für Literatur den geziemt.

    Ich bin heute noch ganz und gar begeistert von der Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen: Ute und Werner Mahler. Solltest Du die Möglichkeit haben, dorthinein zu gehen, so kann ich Dir nur zuraten. Es ist mit das beste, was Photographie in der BRD momentan zu bieten hat. Dagegen können sich die Düsseldorfer einsargen und einsacken. Morgenbzw. Montag erfolgt eine hochemphatische Besprechung.

    Nachdem ich diese Bilder betrachtet habe, mag ich eigentlich selber kaum noch photographieren.

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