Stadtraum und Eigensinn: Die Bebauung des Tempelhofer Feldes

Eine der häßlichsten Brachflächen Europas, die aussieht, wie eine Mischung aus sibirischer Tundra und Samischer Kargvegetation, nämlich das Tempelhofer Feld, wo ehemals der Flughafen stand, soll an wenigen Stellen mit Wohnungen bebaut werden. Nur Berliner können wohl fähig sein, eine derart unwirtliche, bar jeglicher Ästhetik gestaltete und grauenerregend aussehende Fläche ungenutzt so zu belassen, wie sie ist. Vielleicht ist es die Nähe zu Sibirien, der schlechte Kleidungsstil der Berliner, welche bekanntlich früher in Jogginghosen auf die Straße gingen, die die Berline derart phantasielos denken läßt. In München, Paris oder Hamburg käme kein einziger Mensch auf die Idee, dort keine Bäume zu pflanzen, keinen Seen anzulegen und am Rande des Feldes keine Wohnhäuser zu bauen, die in Berlin nun aber dringend benötigt werden. Die Initiative, die ein freies Tempelhofer Feld fordert, spiegelt das momentan desaströse Bewußtsein der Berliner für den öffentlichen Raum wider.

Am Sontag nun gibt es in Berlin, parallel zur Europawahl, einen Volksentscheid, was mit diesem Feld geschehen soll. Moderate Bebauung oder soll alles so bleiben wie es ist?

Der Blogger Genova hat einen lesenswerten Artikel zum Tempelhofer Feld geschrieben. Das meine ich diesmal ganz unironisch. Man muß schließlich irgendwann mal Haltung zeigen und darf sich nicht, wie ich es meist betreibe, hinter dem uneigentlichen Sprechen verschanzen Jargon der Uneigentlichkeit wäre das Buch, das dereinst über mich geschrieben sein wird. Was nützt die Liebe zu Adorno in Gedanken, wenn Brachflächen brachliegen. Andererseits: ich liebe die urbanen Wüsten.

Leider gibt es bei der Abstimmung nicht die Option „Flughafen wieder aufbauen“. Was aber wiederum bedeuten würde, daß dieses Feld die nächsten 20 Jahre unberührt bleibt (Stichwort Flughafen BER). Insofern ist es dann doch wieder gut, daß über dieses Feld, das einst dem Preußischen Militär als Exerzierplatz diente, auf diese Weise abgestimmt werden soll. Definitiv werde ich für die Bebauung stimmen. Eines gewissen Witzes entbehrt es nicht, daß eine der Initiatorinnen gegen die Bebauung des Feldes selber Besitzerin einer Eigentumswohnung sein soll, die sie zudem als Ferienwohnung vermietet.

Die Widersprüche des Kapitalismus sind unaufhebbar. Weshalb dann nicht wenigstens in schöner Umgebung leben und wohnen?

Allein deshalb bin ich für die Bebauung und Andersnutzung des Feldes, damit diese grauenvollen, unansehnlichen Gartengerippe sowie die Ramschkästen dort, in denen gegärtnert wird und undefinierbares Grünzeug wuchert, endlich verschwinden. Urban Gardening ist neben dem Umstricken von Bäumen, Stahlträgern, Betonpollern mit Wollgarn in bunten und unansehnlichen Mustern eine der idiotischsten Veranstaltungen. Ein Trend, der hoffentlich schnell wieder verschwindet. So wie alle Trends.

Das Tempelhofer Feld zumindest ist im gegenwärtigen Zustand eine einzigartige Phantasielosigkeit. Aber ich kann mir denken, wie die Abstimmung ausgehen wird. Ebensowenig aber glaube ich an den bezahlbaren Wohnraum, der angeblich gebaut wird. Obwohl: doch! Die Frage ist ja nur: Bezahlbar für wen?
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Stadtraum und Eigensinn: Die Bebauung des Tempelhofer Feldes

  1. Partyschreck schreibt:

    Schade, dass der Berg nicht mehr zur Debatte steht! Wäre ich Berlinerin, hätte ich dafür gestimmt:)
    http://deutschunterrichteoilasrozas.wordpress.com/2010/12/12/ein-berg-fur-berlin/

  2. Modest schreibt:

    Eigensinn macht Spaß, und ein zweckoffener Raum ist nicht nur ein Makel in der Stadtästhetik sondern auch einer in der Verwertungslogik; die Phantasilosigkeit immerhin noch Ausdruck von Hilflosikgeit, bevor diese zugebaut wird.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Partyschreck
    Der Berg hätte etwas. Ja. Allerdings würde dies die weite der Sicht und das Panorama beeinträchtigen. Insofern plädiere ich für die moderate Benauung, Bepflanzung und Bewässerung nach garten- bzw. parkgestalterischen Gesichtspunkten. Parkarchitektur ist eine hohe Kunst. Da ich kein Architekt bin, kann ich dazu leider keine guten Vorschläge machen.

    @Modest
    Es gibt in einer kapitalistisch organisieren Gesellschaft nichts, was sich der Verwertungslogik entzieht. Bei der großen Fläche des Feldes besteht lediglich noch keine Einigkeit, was die da machen wollen. Natürlich bin ich für eine moderate Bebauung. Und zwar mit Wohnungen. Der Gesetzgeber hat es durchaus in der Hand, bei bei den dortigen anfallenden Mieten in die eine oder die andere Richtung zu gehen. Er wird es allerdings nicht tun.

    Ich bin kein Freund des Verranzten. Wenn ich die Wahl zwischen dem Tempelhofer Feld und dem Park beim Schloß Charlottenburg habe, gehe ich naturgemäß lieber in letzteren spazieren. Links zu sein, bedeutet nicht, die schönen Dinge anzulehnen, sondern vielmehr, dem Gebrauchswert neue Dimensionen hinzuzufügen. Parks, die für alle zugänglich sind, die nichts kosten, die ansprechend gestaltet sind. So wie Sanssoucie zum Beispiel. Wenigstens dazu war Friedrich II. gut. Wenngleich diese Bauten auf dem Rücken und mit dem abgezwackten Geld von denen errichtet wurde, die nur ihr Haut zum Arbeitsmarkte tragen konnten.

    Die entscheidende Frage bleibt: Wie möchten wir unseren Stadtraum gestaltet haben?

  4. Modest schreibt:

    Die Frage bleibt (un)entschieden: Wer ist das „wir“? Dass „das“ Feld den „bösen Gutmenschen“ überlassen wird, ist nicht deren Schuld. „Ohne Sorge“ bleibt der Wahlspruch der ewig uneigentlichen, denn sie räsonnieren so viel sie wollen, aber sie gehorchen. Das Enziehen kann als Spiel in der Zeit gedacht werden, und gespielt werden kann am besten auf viel zu weiten Feldern; vor denen haben die Großbüger nicht erst seit Herr von Briest Angst. Verzeihen Sie den Ton, wenn er (nicht) trifft.

  5. Bersarin schreibt:

    Das „Wir“, das in gewissem Sinne wohl eine kontrafaktische Annahme darstellt, sind die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt. Sie bleiben, trotz aller Gegensätze und der gesellschaftlichen Widersprüche, die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt. (Wenngleich sicherlich nicht als großes Singular, sondern im Sinne der Differenz.) Das Tempelhofer Feld ist nicht nur für hippe junge Menschen, die gerne Kite-Surfen machen, Longboard oder Rollerblades fahren und Urban Gardening betreiben, sondern ebenso für alte Menschen. Die sieht man aber dort kaum, ebensowenig wie Mütter mit Kinderwagen, wie ich einem Forschungsprojekt von Wolfgang Kaschuba entnehme, das in der „Berliner Zeitung“ vorgestellt wurde.

    Man könnte die Auseinandersetzung um dieses Feld auch als einen Kampf um den Raum lesen. Nicht anders als im Politischen, wie es sich zwischen Nationalstaaten abspielt. Wichtiger wäre es jedoch, Ideen zu entwickeln, wie mit einem solch genialen Platz umgegangen wird. Wenn man einmal von all den Widersprüchen absieht.

  6. Modest schreibt:

    Der soziale Raum ist nicht immer schon da, sondern eine ständige autopoietische Leistung, der ihn Begehenden Menschen. Mit Kaschuba stimme ich darin über ein, dass genau auf dem Tempelhofer Feld die Zukunft von Berlin noch verhandelbar ist – jedoch nur mit Einschränkungen: Das gentrifizierte Feld ist grundsätzlich nicht anders als der Rest der apathischen Wüste; aber es ist noch Da. Deshalb ist es sinnvoll gegen die Teilprivatisierung zu stimmen, auch wenn das nicht der Endpunkt der Überlegung sein darf, wie das Volksbegehren es will.

    Vielmehr wäre es Vorbedingung des Anfangens: das offene hässliche Feld gibt gegenüber den hübschen Wohnungen immerhin die Möglichkeit einer Gestaltung eines sozialen Raums. Dessen Gestaltung würde dann auch der Verantwortung derjenigen unterliegen, die etwas verstehen; dafür müssten diese aber verstehen, dass das politische Feld immer hässlicher ist als die vom Kapitalismus bereitgestellten Privat-Räume.

  7. Bersarin schreibt:

    Natürlich ist der soziale Raum nicht immer schon da, sondern er ist in sein So-oder-anders-Sein gesellschaftlich gemacht und gedacht. Selbst dort, wo noch kein sozialer Raum, sondern eine Brache ist. Aber selbst die ist ein sozialer Raum, sobald sie von Menschen betreten wird.

    In einer Gesellschaft,die voll von Widersprüchen und die restlos durchkapitalisiert ist, gibt es eben keine Refugien und keine widerspruchsfreien Ort. Es gibt andererseits kein Jenseits zum Kapitalismus. Mit dieser Erkenntnis muß man freilich klarkommen und im Denken und Handeln angemessen umgehen.

  8. summacumlaudeblog schreibt:

    „In einer Gesellschaft,die voll von Widersprüchen und die restlos durchkapitalisiert ist, gibt es eben keine Refugien und keine widerspruchsfreien Ort.“ so ist es. Die behaupteten, weltfernen Rückzugsorte, wie etwa die Klosterzellen als Aufladesteckdose für runtergeranzte Manager-Akkus, sind in der Tat die größten Widersprüche. Ich empfinde einen krafttankenden Manager in der klösterlichen Abgeschiedenheit übrigens dem behaupteten Anspruch gegenüber als inkonsistenter, als einen wichsenden Mönch. Der Mönch wichst (also erlöst sich) im Angesicht des Erlösers, aber der Manager sucht in der Ruhe noch die Rendite.

  9. Bersarin schreibt:

    That’s it und auf den Punkt. Zu diese Alltag der schönen neuen Arbeitswelt, in der es keine Ausbeutung und keinen Widerspruch mehr zwischen Arbeit und Kapital gibt, sondern Arbeit eine Art von Fortsetzung der Freizeit ist und all diese Verzückungen und Überhöhungen mit Zen und Kloster und allem was an Subjektoptimierung und Gerede vom Sich-selber-Erfinden und immer wieder neu erfinden dazugehört, schreibe ich demnächst einen oder einige Artikel.

    Konstruktion von Wirklichkeit mittels Sprache: nicht mehr Entlassungen heißt es heute, sondern Effizenzsteigerung des Unternehmens, das dann intern mit Change Management durchgepaukt wird, damit die Angestellten ihre eigene Verarsche betreiben und den Dreck glauben, den man über sie kübelt. Wenn er nur in guten Worten daherkommt. Die protestantische Lust an der Arbeit feiert fröhlich Urständ.

  10. JimKnopf13 schreibt:

    Als Nichtberliner kann ich zu dem Streit wenig sagen, aber mir erschien die Lesart sinnvoll, dass eben das Nein zur Bebauung ein Protest gegen die Stadtplanungspolitik ist. Die Bebauung zu verzögern, könnte sinnvoll sein, wenn man die Hoffnung hat, dass vielleicht in ein paar Jahren ästhetisch und sozial denkende Menschen über die Pläne neu diskutieren. – Ansonsten: Natürlich, immer lieber Sanssouci als Tempelhofer Feld!

    Oder doch nicht? Die Fotos oben sind jedenfalls wirklich schön! Die ersten beiden erinnern an die Küste, da könnten hinter dem Hügel die dänischen Dünen beginnen. Das dritte besticht ja vor allem durch Bildausschnitt und Komposition! Also doch wunderschön dort?

  11. Bersarin schreibt:

    Das sieht schöner aus als es ist. Ich schaffe es, sogar noch dem Schrecken Schönheit zu entlocken. Vielmehr handelt es sich jedoch um ein ödes, langweiliges Feld. Richtig ist, dort keine Luxusbauten zu errichten. Insofern mag ein Baustop gut sein, so daß Überlegungen gesammelt und zusammengetragen werden könnten, wie wir mit dem öffentlichen Raum umgehen wollen. So wie es jetzt aussieht: das ist der typische Berliner Mief und die Berliner Kleingeistigkeit, die Don Alphonso nicht müde wird anzuprangern.

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