„Die Deutschen und ‚ihre‘ Juden“: Betroffenheitskult und der darin schlummernde Antisemitismus

Leider erst heute stieß ich auf einen  ganz hervorragenden Text zum Thema der Deutschen und „ihrer“ Juden. Er findet sich in dem Blog von summacumlaude, den ich sowieso ans Herz lege, und ich möchte nicht versäumen, diesen Beitrag hier zu verlinken und zum Lesen zu empfehlen. Insbesondere das dümmliche Abwatschen von Philipp Jenninger 1988 samt Rücktritt, als er im Bundestag vom Faszinosum des Nationalsozialismus sprach, offenbarte das reflexhaft Zuschnappende, das ohne jede Reflexion bleibt, weil es die Inhalte von Sätzen nicht zu (er)fassen vermag. Denn es ging ja nicht darum, das Handeln der Täter und der Mitläufer zu entschuldigen, sondern vielmehr das zu zeigen, was war. Ungeschminkt. Der Nationalsozialismus mit all seinen Konsequenzen war für viele ein Faszinosum (Stichwort Heidegger, Benn, Riefenstahl undsoweiter undsofort)

Der Protest gegen diese Rede zeigte den Entlastungswunsch durch übereifrige Kritik und durch ein gehöriges Maß an Selbstverleugnung. Hier steht er: der bessere Deutsche. In den Seminaren der späten 80er erlebte ich diese Haltung, sich selber fast zur Jüdin zu machen und betroffen Partei zu nehmen, insbesondere von übereifrigen jungen Germanistik- und Philosophiestudentinnen, die sich ansonsten aber einem Holocaustopfer oder den Tätern nicht auf einen Kilometer genähert hatten, und diese Haltung der Entlastungsaffirmation ohne jegliches Handeln mündete in eine vollständig unkritische Israelbejahung, wie es dann am Ende dieses Ganges aus Angst vorm Erstarken Deutschlands nach der Einheit die Antideutschen fabrizierten. Es gibt jedoch Dinge, die lassen sich nicht entschulden. Daß das Verhältnis der Deutschen zu Israel ein besonderes ist, steht wohl außer Frage.

Aber das kann nicht bedeuten, unkritisch Partei zu nehmen – zumal Judentum und die Politik Israels zwei doch sehr verschiedene Paar Schuhe sind. Ebensowenig liefert die Kritik an der Politik Israels aber den Freifahrtschein für das große PLO-Tuchtragen und Palästinenser-Hurra oder Al-Fatah-Kindergarten-Gespiele, wie ein anderer Teil der Linken unkritisch und eindimensional den Kampf der Palästinenser feiert. Ein weites Feld.

Wer sich mit Israel, dem Judentum und der Shoah angemessen auseinandersetzen möchte, der sollte sich vielleicht mit den wirklich letzten Überlebenden des Holocaust treffen oder irgend etwas für sie tun, indem dieser Schrecken nicht der Vergessenheit anheimfällt. Klezmer-Hören oder Judentum simulieren sind da nicht ausreichend, und das wird von den meisten Israelis eher belächelt oder mit einem gewissen Kopfschütteln bzw. mit Unwillen aufgenommen. Durch sinnentleerte Rituale und Kranzgedenkabwurfstellen sowie die hochoffiziell langweiligen offiziellen Gedenkreden gelingt diese kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und dem industriemäßig durchgeführten Massenmord nicht. Tod als Verwaltungsakt und doch auf einer furchtbaren Ideologie beruhend.

Um es klarzustellen. Ich selber bin wohl relativ unverdächtig gegen Israel und Judentum Partei zu nehmen. Vor rund einer Woche telefonierte ich mit der Bloggerin tikerscherk, die mich dankenswerter Weise auf den ansonsten interessanten Blog von „sunflower“ aufmerksam machte, wo ein Text erschien, der mir nicht sehr behagte. Dort kommentierte ich dann entsprechend. Wer meine Position dazu lesen möchte, kann  im entsprechenden Blogartikel nachschauen.

Summacumlaude zeigt Aspekte dieses völlig unangemessenen Philosemitismus, des sich gerne reinwaschenden Deutschen. Der erste deutsche Antideutsche dürfte wohl Axel Cäsar Springer mit seiner Pro Israel-Haltung gewesen sein. Er sah Mosche Dajan wahrscheinlich eher als zweiten General Rommel. Diese Haltung unkritischer Israelbejahung reicht bis in linke Kreise, die das Judentum als persönliche Entlastung nehmen, ohne sich tiefer mit der Materie zu befassen. Auschwitz als Metapher oder Begriff für jenen Zivilisationsbruch und das blanke Entsetzen ist nichts, womit Gesinnungskitsch der Betroffenheit getrieben werden sollte. Dafür ist die Angelegenheit schlicht zu ernst und dafür ist der Antisemitismus in Europa immer noch eine viel zu große Gefahr. Stichwort Frankreich. Aber wer ihn suchen will, findet ihn auch in der BRD. Oder in Ungarn. Mit Kranzabwurf und Klezmerton ist nicht viel getan.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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25 Antworten zu „Die Deutschen und ‚ihre‘ Juden“: Betroffenheitskult und der darin schlummernde Antisemitismus

  1. Verfasser schreibt:

    “Deutschland legt nur noch Kränze nieder. […] Wenn man keinen Kranz niederlegen kann, dann sind wir nicht mehr Deutschland.“
    Schlingensief, hatte recht.

  2. Bersarin schreibt:

    Danke für das Schlingensief-Zitat, das ich noch gar nicht kannte. Er hat recht. Gedächtnis und Erinnern samt Eingedenken sind zwar wichtig. Aber es kommt sehr darauf an, wie das betrieben wird und ob es zum bloßen Ritual ausartet, während wir ansonsten die Flüchtlinge im Mittelmeer oder sonstwo absaufen und verrecken lassen.

  3. Verfasser schreibt:

    Genau so ist es, und Schlingensief hat das mit den Kränzen gut getroffen, wie du ja auch festgestellt hast: Es ist nur noch Ritual zum Selbstzweck, erinnern und Gedenken gehen anders. Wer spricht denn schon über Kränze, z.B. über den von Brandt zurechtgerückten (das absurde Ritual im Ritual), bevor er auf die Knie fiel?
    Die beste – aber auch die gefährlichste, sagt der Historiker – Erinnerung ist die persönliche, da stimme ich dir zu. Von Überlebenden (egal welchen Massakers) zu hören, wie neben ihnen Verwandte und Freunde gemetzelt wurden, hat eine andere Qualität als Klezmer zu hören, wahre Worte! (Wobei Unverständnis und Kopfschütteln darüber noch die harmlosen Reaktionen sind, ehrlich gesagt.) Und um beim Thema zu bleiben: Solche Schilderungen lassen dann vielleicht auch verstehen, warum jüdischen Israelis ihre Stärke so wichtig ist, neben den realen Bedrohungen, neben dem Gefühl des Belagert- bzw. Umzingeltseins. „Nie wieder wollen wir Opfer sein, wie geduldige Lämmer“ – das höre und hörte ich immer wieder.
    Das Zitat ist aus Frieder Schlaichs Interviewfilm von 2004, zum ersten Todestag gab es auf 3sat oder so einen Tag lang nur Schlingensief, war eine wahre Fundgrube, inklusive aller Kurzfilme etc.

  4. Bersarin schreibt:

    Brands Geste in Warschau lese ich doch ein wenig anders (man mag die damalige SPD nun mögen oder nicht): Es handelte sich um einen wichtigen symbolischen Akt gegenüber Polen. Der erste Kanzler, der zur Schuld stand und zu dem Leid und Elend, das Deutschland Polen zufügte. Das war damals Anfang der 70er Jahre nicht selbstverständlich. Im Gegenteil.

    Geschichte ist vielfältig: es gibt jene oral history, vor allem aber eine Geschichte, die aus der Perspektive derer erzählt, die regelmäßig ausgegrenzt sind – eine Geschichte, die nicht die der Sieger ist. Dann gibt es eine strukturale Geschichtsanalyse, die nicht nur die subjektiven Motive in den Blick nimmt.

    Was den Satz der jüdischen Israelis angeht, so ist der mehr als verständlich. Die utopische und schöne Perspektive wäre es, wenn verschiedene Menschen in Israel leben könnten als das, was sie sind und wie sie sind. Ein Leben in der Differenz und in der Pluralität. Das aber, fürchte ich, wird lange dauern.

    Von den Schlingensief-Filmen hatte ich mir seinerzeit einige aufgezeichnet.

  5. Verfasser schreibt:

    Das mit Brandt sehe ich genauso anders wie du: Ich meinte nur, dass er eben bevor er auf die Knie fiel einen Kranz ablegte bzw. zurecht rückte. Und jetzt wird er von Springer geehrt. Aber das ist eine andere Geschichte.

  6. summacumlaudeblog schreibt:

    @Verfasser „Und jetzt wird er von Springer geehrt. Aber das ist eine andere Geschichte.“ ja und Kurras ist auch in der Bild-Zeitung ein pig. Man glaubts ja kaum, zumindest, wen man alt genug ist, um es genau anders herum erlebt zu haben.

    Wichtig ist mir noch folgendes: Mein Essay geht ausdrüchlich NICHT über Juden, deutsch-jüdisches Verhältnis oder gar über Israel, sondern ausschließlich über die schrägen deutschen Verarbeitungsmechanismen in der Zeit nach dem Ausleben des Wahns also after the fall. Und wie diese Verarbeitungsmechanismen mit dem Wahn selbst zusammenhängen. Dazu passen die von Verfasser genannten Schlingensiefschen Kränze allerdings hervorragend. Genau darum ging es mir…

  7. Bersarin schreibt:

    Die Brandt-Ehrung durch Springer ist schon ziemlich perfide, aber so geht leider die Geschichte. Zumal: heute verkauft sich Brandt gut.

    Richtig ist, daß Dein Essay keiner über das deutsch-jüdische Verhältnis ist, wie es so schön heißt. Allerdings: Am Ende oder am Anfang dieses Prozesses bleibt dieses Verhältnis das bestimmende. Wenngleich diese „Aufarbeitung“ (verheerendes Wort im Grunde) der letzten 30 Jahre auf alle Fälle auch von ihren Mechanismen zu betrachten ist. Nämlich mit einer bestimmten Form von Wahn. Dazu gehört aber am Ende dann doch wieder das Verhältnis zum Judentum und zu Israel. Siehe die Antideutschen als Kulminationspunkt.

  8. summacumlaudeblog schreibt:

    „Am Ende oder am Anfang dieses Prozesses bleibt dieses Verhältnis das bestimmende.“ Ja und die Art, wie über dieses Verhältnis gesprochen wird, ist auch wieder ein Symptom, ein sehr entscheidendes.

    Diese verrückten Antideutschen sind in der Tat eine der kuriosesten Ausdrücke des deutschen Philosemitismus. In „Der Russe ist jemand, der Birken liebt“ (Gorki-Theater) kommt genau so einer vor; zu jeder Pro-Israel-Demo tapernd und glaubend, nur so kann die deutsche Vergangenheit bewältigt werden.

    Der Axel Springer Blick auf Moshe Dajan ist von Dir völlig richtig beschrieben: Dajan als Wüstenfuchs. Die Bild titulierte übrigens den 6-Tage-Krieg als „Blitz-Sieg“ (sic!).

  9. Bersarin schreibt:

    Zu Dajan: Genau der Hintergrund, den ich meine. Alle diese Vokabeln als Denkhorizont des Durchschnittsdeutschen.

  10. Bersarin schreibt:

    Danke für den Link. Ich werde beizeiten in Ruhe lesen.

  11. svor schreibt:

    Israel ist als Schutzraum zu begreifen, nicht als Staat mit all jenen Mängeln, die zweifelsfrei jeder Staatlichkeit anhaften. Würde man Israel auf Staatlichkeit reduzieren, und dieses und jenes seiner Politik bemängeln, ohne irgendwo seine ganze Verhaltensweisen auf seine Funktion, die des Schutzraum zurückzuführen, würde man dem nicht gerecht, was Adorno sinngemäß als „singuläres Verbrechen an der Menschheit, dass Hitler der Welt aufgezwungen hat“ bezeichnet hat. Darin erübrigt sich dann auch sowohl die eine Seite, die zweifellos zynische Frage danach, warum andere Minderheiten denn nicht berechtigt seien einen eigenen Staat zu unterhalten, als auch die andere Seite, die in jedem Palästinenser im Voraus den Teufel in Menschengestalt sehen will, der scheinbar nichts anderes im Sinn hat als den nächsten Holocaust eigenverantwortlich zu starten.

  12. Bersarin schreibt:

    Daß Israel einerseits als notwendiger Schutzraum dient, ist (teils) richtig. Zugleich aber kann keine Region der Welt zunächst einmal ihre Staatlichkeit (d.h. ihre Verfaßtheit als Staat) abstreifen. Und aus dieser Doppelung ergibt sich ein Teil der bestehenden Aporien, die ich für schwierig auflösbar halte.

    Was diese Region (wie alle dieser Welt) prägt, ist das kapitalistische Konkurrenzdenken: vom Kampf um kostbare Ressourcen wie Wasser angefangen, bis hin zum Kauf und Verkauf der Waren samt den notwendigen Absatzmärkten.

  13. georgi schreibt:

    Dieser Gedenkkult ist kolossale kollektive Projektion. Er hilft, deutschen Patriotismus und Nationalismus moralisch rein zu halten, der durch die Nazi-Diktatur, den ersten Weltkrieg und den Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 unansehnlich wurde. Zugleich begründet dieser Gedenkkult einen neuen aggressiven Militarismus, denn es gilt ja jetzt, den Nazismus, den Holocaust, Auschwitz da draußen in der Welt zu bekämpfen, somit Krieg zur moralischen Pflicht jeden anständigen Bürgers zu machen, wie in alten Tagen, während man hierzulande die Rand- und Nebenkontexte der Vokabel „Autobahn“ auslotet, um sich selbst beständig von Schuld freizuhalten. Das ist auch Kern antideutscher Ideologie, die aber das jüdische Opfer besonders herausstellt, um sicherzustellen, daß der von dieser Ideologie geforderte Militarismus stets der zionistischen Sache dienen möge.

    Dieser summacumlaude ist wahrscheinlich Medizinmann. Da mußt Du aufpassen: Der macht aus jedem Problem ein medizinisches. Im konkreten Fall stellt er den Deutschen die Diagnose „narzisstische Kränkung“. Das ist verkehrt.

    Kommunisten und Pazifisten schämen sich nicht für die Untaten der Nazis. Sie haben keine Veranlassung dazu. Sie haben sich nie mit dem Naziregime identifiziert. Sie müssen sich demzufolge auch nicht davon ideologisch losreißen. Das Benennung der Naziuntaten bereitet denen keine Mühe. Schon das beweist, daß es sich bei der Sache nicht um ein medizinisches sondern um ein Weltanschungsproblem handelt.

  14. Bersarin schreibt:

    Georgi schafft es einmal wieder mit Bravour, jede Differenzierung zu unterlaufen. Ein Studium der Politik- und Geschichtswissenschaften könnte helfen, die Begriffe klarer zu halten. Mit der Shoah ist kaum deutscher Patriotismus zu betreiben, denn es waren primär die Deutschen, die systematisch die Juden, die Schwulen, die Sinti und Roma, die Zeugen Jehovas, die Sozialdemokraten und Kommunisten umbrachten. Die Juden noch einmal auf eine andere Weise: industriell, systematisch: Auschwitz war eine Angelegenheit für eben diese Juden und teils für Sinti und Roma, die ebenfalls unter die rassistische Matrix fielen. Dieses Kranzgedankabwurfstelle-Gedenken der wohlfeilen Reinwaschung kritisiert summacumlaude ja nun gerade.

    Welchen Patriotismus meinst Du? Den der CDU und der Adenauerjahre, die Willy Brandt als Herbert Frahm und als vaterlandslosen Gesellen beständig diffamierte? Den von Helmut Kohl, der über den Gräbern von Bitburg, wo SS-Schergen liegen, eine Feierstunde abhielt?

    Nein, die stalinistisch geprägten Kommunisten der 30er und 40er Jahre brauchen sich der Untaten der Nazis nicht zu schämen. Sie wußten den Antisemiten Stalin auf ihrer Seite, der sein übriges tat. Zu wünschen wäre allerdings, wenn auch die osteuropäischen Länder und ebenso Frankreich und England ihren glühenden Antisemitismus ein wenig mehr in den Blick bekämen.

    Wie sich ein Antisemitismus als gesellschaftliche Tendenz zum eliminatorischen Antisemitismus hin steigern konnte, darüber geben sowohl psychologische, als auch sozialpsychologische und soziologische Analysen Auskunft. Insofern ist auch der psychoanalytische Ansatz von Bedeutung. Adorno und Horkheimer haben in ihrem Antisemitismuskapitel der „Dialektik der Aufklärung“ hilfreiche Erläuterungen geliefert, die sich eben nicht nur auf das Psychologische und den Antisemitismus als solchen beschränkten, sondern die den Haß auf alles, was anders ist, in die Analyse einbezogen.

    Es gibt übrigens ebenso antisemitische Pazifisten. Vor Rassismus ist niemand gefeit. Man sollte deshalb allerdings ebensowenig das große Rassismusschnüffeln in Gang setzen. Dieses Entweder-Oder, dieses Denken, das jegliches als Objekt behandelt, ist bereits das Verhängnis. Auch das hat – zumindest zum Teil – mit psychologischen Mechanismen zu schaffen.

    Der Begriff der Weltanschauung ist übrigens einer der dämlichsten Begriffe, weil er dem Standpunktdenken verhaftet ist. Als ob es ausreiche, diese oder eben beliebig auch jene Perspektive einzunehmen. Zumal Perspektiven vom psychischen Standpunkt determiniert sind. Der Nationalsozialismus bezeichnete sich ebenfalls als eine Weltanschauung. Unter diesen Bedingungen jedoch möchte ich lieber nicht schauen, sondern besser ist es, zu denken.

  15. Bersarin schreibt:

    Immerhin hat es die DDR geschafft, das Geschichtsbild und die Weltanschauung eines aufrechten Antifaschismus hochzuhalten. Unter dem Faschismus wurden nur Opfer umgebracht. Kommunisten versteht sich. Keine Juden.

    Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Wenigstens gab es in der DDR keinen offenen Antisemitismus. Aber dazu hätte man auch mindestens ein oder zwei Juden benötigt. Die gab es jedoch nicht mehr. Zumindest nicht sichtbar.

  16. summacumlaudeblog schreibt:

    @georgi „Dieser summacumlaude“ stellt fest, dass ab 1933 leider kein medizinisches, und damit möglicherweise therapierbares Problem vorgelegen hat, sondern das Problem ganz normaler steuerzahlender Bürger. Die wären in jeder anderen Zeit völlig unauffällig geblieben, hätten gelebt, gearbeitet, gesoffen, sich vermehrt und zuletzt die Bestattungsversicherung eingelöst, respektive einlösen lassen. Die Zeitzumstände demaskierten aber den Terror, der in deren Lebenskonzept irgendwo verkrochen wohnen muß. Heraus kamen Ungeheuerlichkeiten, ohne dass irgendwelche klinisch-pathologische Erklärungsmodelle diese Taten einordnen könnten. Es waren eben keine Psychopathen, das ist ein ziemlich beunruhigender Gedanke. Dieser Gedanke impliziert weiterhin, dass bei entsprechender Änderung der Zeitumstände das Tier wieder geweckt werden kann.

    Vorderhand glaubt „dieser summacumlaude“, dass die oben beschriebenen Bürger soziologisch die direkten Vorfahren derjenigen sind, die sich bei Demonstrationen Judensterne anpappen und einen mir unerträglichen Gedenkkult zelebrieren.

  17. neumondschein schreibt:

    summacumlaude behandelt Holocaust und anschließenden Judengedenkdienst als persönliches Problem „der Deutschen“, d.h. der Bürger Deutschlands, und nicht als staatlich verordnete Gesinnung. Dieser schlimme Judengedenkkult ist staatstragend, zentraler Gegenstand bei Radioprogrammen der Deutschen Welle. Martin Walser und Günther Grass sind lebende Schriftsteller, dessen Werke in der (zum Glück nicht in meiner – weil Ossi!) Schule behandelt werden, und im Feulliton der FAZ und der SZ ausführlich behandelt werden, obwohl diese Bücher von fast (?) niemanden freiwillig gelesen werden. Ignatz Bubis betätigt sich an vorderster Front im Zentralrat der Juden. Das ist an sich nur ein Verein, dessen Funktionäre aber sehr häufig und wahrscheinlich eher unfreiwillig auf der öffentlichen Bühne bei diesem Gedenkdienst mitwirken. Mich hingegen geht dieser Gedenkdienst nichts an. Ich lese weder Walsers noch Grass‘ Bücher, noch den „Turm“, noch das Feuilleton großer deutscher Tageszeitungen. Der Judengedenkdienst findet im Prinzip ohne mich statt, etwa so wie die offiziellen Veranstaltungen der FDJ früher in der DDR, wo die Bürger auch nur eher passiv und uninteressiert zusahen, was auf der öffentlichen Bühne geboten wurde. So ähnlich war es wohl auch in der Hitlerzeit. Irgendein Terror hat sich bestimmt nicht unter deutsche Bürger verkrochen, der heute noch unter ihnen unerkannt hausen würde.

    Ich schaue nur erstaunt, gebannt, erschüttert auf die Ukraine, und versuche zu verstehen, woher diese vielen Arschlöcher plötzlich kommen… An den Bürgern liegt es wohl nicht.

  18. Bersarin schreibt:

    In einem Punkt zumindest unterscheidest Du Dich von der NPD und den Nationalen Autonomen. Diesen ist der Holocaust nicht gleichgültig, denn immerhin leugnen sie ihn, was bedeutet, sich auf ihn in irgendeiner Weise beziehen zu müssen.

    Primär sollte die Shoah allerdings ein Problem der Deutschen sein. Die Brasilianer können zwar besser Fußball spielen als die Deutschen, reichen aber an die deutsche Gründlichkeit lange nicht heran, und haben auch ansonsten eher wenig mit der Shoah zu tun. Die Bevölkerung der Ukraine bzw. Rußlands schon ein wenig mehr, wenn ich (als Vorspiel auf Kommendes) an die Progrome denke, z.B. das von Odessa 1905.

    Wenn Du sicher sein kannst, daß Deine Großeltern keine Täter waren, dann gratuliere ich Dir. Da bist Du einer der wenigen Deutschen. Das entbindet aber auch Dich nicht, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, da ich davon ausgehe, daß Du nicht mit Deinen Großeltern numerisch-identisch bist.

    Wer, georgi, hätte denn Deiner Ansicht nach für eine Form des Gedenkens sorgen sollen statt des Zentralrates der Juden?: Herr Filbinger, Herr Globke oder Herr Carstens oder Herr Kiesinger? (Und meines Wissens gab es auch in der DDR noch genug Funktionäre, die ihren Datschengarten Sonntags in SA-Hosen umgegraben haben.)

    Rituell verordnetes Denken ist natürlich nicht nur Unsinn, sondern geht auch an der Sache vorbei. Daß die Shoah Thema in Schulen ist, sollte allerdings selbstverständlich sein. Die Frage ist nur, wie man es macht. Durch Verordnungen erreicht man gar nichts. Und um genau diesen Aspekt ging es summacumlaude. Um den auch von links verordneten Antifaschismus als Gesinnungskitsch, wie er unter anderem auch in der DDR praktiziert wurde. Nur eben ohne Juden.

  19. neumondschein schreibt:

    Natürlich sollten mitteleuropäische Bürger im Fach Geschichte nicht so vollkommen ahnungslos sein. Ich hebe nur hervor, daß der beanstandete Judengenkdienst ganz diplomatische Gründe hat, und eigentlich nur am Rande etwas mit deutschem Schuldbewußtsein zu tun hat. Die in Deutschland stattfindende Ukraine-Diskussion habe ich ins Spiel gebracht, weil diese Diskussion im Prinzip um dieselben Gegenstände geführt wird, jedoch demokratisch im internet, ganz ohne Adorno und sonstige Oberlehrer, dafür wild, an vielen Stellen fehlerhaft, und mit viel Geschrei. Fast alle politischen Kräfte dort beziehen sich nämlich positiv auf unheilvolle geschichtliche Geister, die einen auf irgendwelche Scheusale aus dem Zweiten Weltkrieg und die Waffen-SS, andere auf die antisemitischen Schwarzen Hundert u. dergl. Zudem ist Galizien ein bedeutender Schauplatz des Holocaust. Das Gedenken an den Holocaust drängt sich da jedem halbwegs geschichtsbewußten Bürger ganz von selbst auf. Selbst legasthenische Verschwörungstheoretiker müssen dazu nicht erst von Putin angestiftet werden. Die deutsche Ukraine-Diskussion sollte man unbedingt zu den Indizien hinzufügen, die summacumlaude in seinem Blogbeitrag aufgeführt hat.

  20. Bersarin schreibt:

    Aha, die Diskussion um die Ukraine wird also um die selben Gegenstände geführt. Ich habe bisher allerdings noch nichts von Vernichtungslagern und massenhafter Vergasung von Juden dort gehört. Solltest Du für einen dort stattfindenden Massenmord an Juden Quelle haben, freuten wir uns über deren Offenlegung.

  21. neumondschein schreibt:

    In Ungarn steht auch kein judenprogrom oder Holocaust ins Haus. Dennoch beziehen sich auch dort Jobbik, Ungarische Garde etc. auf unheilvolle geschichtliche Vorbilder. Die Bezeichnung „Rechtsradikalismus“ oder gar „Faschismus“ löst keinen Protest aus, außer höchstens bei Ultra-Ungarn. Da kommen Erinnerungen an Pfeilkreuzler, das Horthy-Regime, viele unschöne Dinge ans Tageslicht.

    Ein wenig geschichtsbewußt sollte jeder sein, auch jeder Brasilianer, jeder Ungar, Russe, Ukrainer, Georgier und natürlich auch Deutsche und selbstverständlich auch Österreicher. Herumstehende Konzentrationslager können bei der Vermittlung desselben helfen. Eine Judengedenkdienstverpflichtung nur für und vor allen Dingen für Deutsche unterstellt eine Essenz im Deutschen, deren Existenz unvermittelt unterstellt werden muß, was rationalem Denken aber abgeht. Das wäre auf dem Kopf stehendes völkisches Denken, das den Holocaust als das gemeinsame Schicksal der Deutschen auffaßt.

  22. Bersarin schreibt:

    Was Du zu Ungarn schreibst, ist völlig richtig. Es fehlt der Protest. Dieser ist nicht einmal symbolisch vorhanden.

    Die Shoah ist Schicksal der Deutschen, weil sie nun einmal von Deutschen systematisch betrieben wurde. Nur sollte Auschwitz eben nicht in eine negative Beruhigungstheologie abgleiten, die sich im Ritual ihres bequemen Antifaschismus vergewissert. Insofern ist trifft Walsers Rede in der Paulskirche einen wahren Kern: das ritualisierte Erinnern. Zudem ist zu unterscheiden zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wer zurückschaut und gedenkt und das auf angemessene Weise betreibt, der sollte seinen Blick ebenso auf die Gegenwart legen.

  23. summacumlaudeblog schreibt:

    @ „Insofern ist trifft Walsers Rede in der Paulskirche einen wahren Kern: das ritualisierte Erinnern.“ und hätte er es dabei belassen, auch meinen Beifall hätte er bekommen.
    Aber dann beklagt er sich, der narzisstisch Gekränkte: Über die Berichtertsattung über Neo-Nazis, über die angebliche Daupräsentation „unserer Schande“ im Fernsehen, v.a. über eine angebliche „Moralkeule“, die ihn immer wieder schlägt. Wer sie schwingt? Walser deutet nur an, assoziativ, spricht von Meinungspolizei, einmal auch von den „Intellektuellen“. Dieser Teil der Rede wollte den historischen Freispruch herbeiargumentieren, deswegen meine Ablehnung. Das wirst Du aber ähnlich sehen.

    @neumondschein Die korrupte Stimmung bei den öffiziösen/offiziellen Gedenkveranstaltungen habe ich doch sehr wohl thematisiert. Ich fürchte aber, dass diese Veranstaltungen nicht nur eine politische Manipulation zwecks Zustimmungserpressung zu politischen Entscheidungen darstellen (das wäre ja dann die „Moralkeule“), sondern sehr wohl einem persönlichen, protoreligiösen Entschuldungsbedürfnis Rechnung tragen. Dieses Entschuldungsbedürfnis hat auch Walser, daher die unterteufte Nähe der „Betroffenen“ der 80er Jahre zu den national-konservativen der 90er nach der Einheit. Es ist letzlich dieselbe narzisstische Kränkung, die die Genannten loswerden wollen. Lediglich die therapeutische Methode variiert.

  24. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Die Sätze zum Erinnern, das als Ritual erstarrt, waren die einzigen brauchbaren der Walserrede. Ansonsten betrieb er genau das Moralisieren, was er vorgeblich so vehement kritisierte: nämlich die Biedermoral der verfolgten deutschen Unschuld vom Lande. Entscheidend sowieso: vor allem Erinnern und allen symbolischen Akten hätte die konsequente Bestrafung und die Verurteilung von Tätern und Täterinnen erfolgen müssen. Die blieb aber aus oder setzte erst spät ein. Absurd auch die Situation, die einen Globke, einen Filbinger zuließ. Sie straft die Erbauungsreden Lügen.

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