Heiner Müllers „Zement“. Vom Mythos der Revolution zur Revolution des Mythos?

„Und Morgen wird gemacht aus Jetzt und Hier
Nämlich der Kommunismus ist kein Traum
Genossin, sondern eine Arbeit, unsere.“
(H. Müller, Zement)

Wie den Ausbruch aus der Geschichte gestalten, die eine von Klassenkämpfen ist? Immerwährend, nicht stillgestellt, die „Totschlägerreihe“ (F. Kafka) nicht unterbrechend. Perennierend. Die Revolution frißt bekanntlich ihre Kinder, sie revolutioniert sich selbst: in Bürokratismus, in Terror, im Gang des Immergleichen, im Gulag, im Lager, im Nacken der Lauf und die Kugel, in der Diktatur der Arbeit, der immergleichen Scheiße, die sich durchhält. Zug um Zug.

Zement_03 Foto SmailovicDas diesjährige Berliner Theatertreffen wurde mit Heiner Müllers Stück „Zement“ aus dem Jahre 1972 eröffnet, inszeniert von dem bulgarischen Regisseur Dimiter Gotscheff. Das Stück feierte im Mai 2013 am Residenztheater München Premiere. Gotscheff verstarb im Oktober 2013. Nicht ganz fern liegt die Frage, ob es sich bei dieser Einladung um eine Geste der Höflichkeit handelte: dem Toten zu Ehren? Was motiviert, im Jahre 2014 eine solche klassisch-pathetische (aber, das sei vorweg geschrieben: geniale) Inszenierung über die Revolution in Rußland, über die Situation 1921 in der Sowjetrußland zu zeigen? Bleibt solcher Blick nicht vielmehr historisch und besitzt insofern eher einen lehrhaften Charakter? Geschichte, die längst vergangen ist, eine Situation, die uns heute so unendlich fremd erscheint. Die Kämpfe der Arbeiter gegen ihre Ausbeuter, die Organisation einer anderen Gesellschaft. Aber das sind scheinhafte Fragen. Angesichts kommender Aufstände und Irrungen. Gotscheff setzte, um die Gegenwart ins Boot zu nehmen, vor die Inszenierung einige Passagen aus Heiner Müllers Langgedicht „Mommsens Block“, das er Ende 1992 schrieb. Geschichte wiederholt sich nicht – auch nicht als Farce und Komödie. Aber es bleiben die Fragen und Widersprüche.

Zement_09 Foto Smailovic„Zement“ ist ein Stück über die Anfänge der Revolution in Rußland sowie über die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten dieser Zeit in den Sowjetrepubliken: der Bürgerkrieg, der Terror der Weißen, der Kosaken, die Gegenwehr der Herrschenden, die Konterrevolution, die Hungersnöte, die karge Zeit um die Jahre 1920, 1921, die katastrophale wirtschaftliche und soziale Lage. Arbeiter und Bauern, die nach der Macht griffen und den Begriff von Arbeit und von Kapital neu justierten, sowie – nach dem Ende des Krieges – der Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik. Keine Macht denen, die nichts erwirtschaften durch ihrer Hände Arbeit. Was heute als Vergessen und Vergangen gesetzt sein mag, hielt einst die Welt in Atem. Mann der Arbeit, aufgewacht. Alle Räder stehen still und so weiter und so fort. Was tun? Es nahmen sich die, denen man das mindeste vorenthielt, das, was ihnen zustand. Nicht nur die Früchte ihrer Arbeit, sondern auch die Produktionsmittel mußten in die Hand der Arbeiter und Bauern. Der Ton der Revolution. Und es ist und bleib die Avantgarde die Partei? Disziplin bis zum letzten Zug. Ein Gespenst ging um in Europa. Weiß und bleich, wie jene Arbeiter im Zementwerk in der Inszenierung von Gotscheff.

Zu den Gespenstern jedoch gehören auch die Toten. „Wir Kommunisten/Müssen auch unsere Toten noch befrein.“

Mit der archaischen Gewalt der Musik als reine Vokalisation der menschlichen Stimme, als Klangraum und hingedehnter Ton beginnt das Stück, der langgezogene Klageton einer antiken Welt, über der die Mittagssonne des Mittelmeers brennt, der Schrecken des Pan, eine Welt, in der die Töne verströmen, von einer Frau des Chores dargeboten. Eine Welt der unendlichen Wiederholung. Es ist der Klang des Mythos, den Müllers Text bereits anzeigt, indem antike Stoffe wie die Befreiung des Prometheus, der Medea-Mythos sowie Herakles und die Hydra mit den Stoffen der Moderne konfrontiert werden: dem neuen Leben in einer neuen aufzubauenden Sozialistischen Gesellschaft nach den Kämpfen und dem Sieg, und ganz wesentlich bei Müller als auch bei Gotscheff: die Rolle der Frau in der Sozialistischen Gesellschaft, der Wert der Arbeit sowie der sich steigernde Bürokratismus eines Parteiapparates samt dem ausgeübten Terror der Revolution. Und auch sprachlich schreibt Müller in der Diktion von Mythos und Geschichte. Gotscheff montiert diese Texte neu zusammen und schafft daraus eine Inszenierung ganz eigener Art: Bildgewaltig und kraftvoll, archaisch und doch die Moderne mit der Antike verbindend.

Zement_05 Foto SmailovicDer Arbeiter Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg, ein Berg von Kraft und sprachlicher Artikulation) kehrt nach dem Krieg gegen die Bourgeoisie als Held in seine Stadt zurück. Sein Zementwerk, in dem er als Schlosser arbeitete, ist mittlerweile zum Ziegenstall umfunktioniert, seine Frau Dascha (ausdrucksstark und wunderbar hart und zart in einem Zug, gespielt von Bibiana Beglau) hat sich dem Revolutionären Weiberrat angeschlossen bzw. der Parteiarbeit verschrieben. Daschas und Glebs gemeinsames Kind ist im Kinderheim, wie Tschumalow bei seiner Rückkehr erfahren muß und wenig später dann aufgrund der Lebensmittelknappheit durch die Blockade verhungert. Dascha hatte ein Verhältnis mit dem Parteibürokraten und Funktionär Badjin, schlief mit diversen Genossen, widmete sich mit ganzer Seele und ihrem Körper der Revolution.

Zement_02 Foto SmailovicEingezwängt zwischen Privatem und der Arbeit für den Kommunismus steht Gleb Tschumalow nun da. Vor seiner Frau, die anderes im Sinn hat, als die patriarchalen Familienstrukturen weiterzupflegen. Auch der weibliche Körper ist kein Besitz des Mannes mehr. „Und mit Badjin hab ich auch geschlafen. Ich hab es gewollt. (…) Was ist das für eine Liebe, die am Besitz klebt.“ So spricht Dascha und meint es auch so. Dennoch: sie liebt Gleb immer noch. Die neue Zeit, das neue Denken, doch in die Körper sind immer noch die Strukturen der Macht eingeschrieben. (Das wissen wir spätestens seit Foucault.) Der Mythos von Weiblichkeit – im Medea-Kommentar in den Text der Revolution eingeflochten – wird neu geschrieben. Auch der vom Eigentum. Und doch bleibt in dem Stück alles in der Schwebe.

Die Dialoge zwischen Dascha und Tschumalow gehören zum besten dieser Inszenierung. Zwei, die sich nach drei Jahren Trennung wiedersehen, nach den Kämpfen der Zeit, nachdem die Ausbeutergesellschaft des zaristischen Rußlands zusammenbrach und das Land im Krieg zerging. Einander fremd durch den Wandel der Zeit sowie der Ordnung und doch in der Liebe gehalten. Oder gefangen? Doch Gotscheff psychologisiert diese Szene nicht, wo sich beide begegnen, miteinander sprechen, ihre Erfahrungen und das Grauend er Zeit austauschen, gefangen zwischen tiefer Liebe und Besitzdenken: kann einer dem anderen „gehören“? Zentral ist die revolutionäre Situation, in die jedoch immer wieder das Private und damit eben auch: die alten Rollen- und Besitzmodelle einbrechen. Solcher Widerspruch ist schwer auszuhalten. Gotscheff bringt ihn ins Bild, aber ohne das daran im Grunde anknüpfende bürgerliche Drama und die Psychologisierungstendenzen des Gegenwartstheaters. Seltsam fern und dadurch doch sehr nahe mutet diese Inszenierung der Geschlechter an.

Zement_11 Foto SmailovicSowieso sitzt jedes Bild und jeder Dialog dieser Aufführung genau und ist exakt einkomponiert. Ausdrucksstark, gewaltig und gewalttätig inszeniert Gotscheff diese Geschichte aus der Revolution, aus der Produktion: ein Lehrstück über die verändernde Kraft der Revolution, die mehr ist als eine Revolte, und ihr Scheitern an den Machtansprüchen der neuen Emporkömmlinge. Dagegen vermag auch die Ehrlichkeit und die Skepsis Tschumalows gegen die Bürokratisierung der Revolution nichts auszurichten. Ihm bleibt nur die Kraft der Arbeit; dies ist sein eigentliches Element. Doch die Revolution frißt ihre eigene Substanz. Und wenn der Krieg gegen den Feind, gegen die anderen vorbei ist, setzt der Terror gegen die eigenen ein, damit die Macht auch nach innen ihr Gesicht zeigen und vor allem wirken kann. Souverän ist bekanntlich, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. („GENOSSE DAS IST KEINE DISKUSSION/DIE FRAGEN STELLEN WIR UND SIE ANTWORTEN“) Untergründig kommuniziert Müllers Stück „Zement“ mit „Dantons Tod“ von Büchner – auch dort erstarrt die Revolution in den Terror und die ungebändigte Gewalt, die sich selber an der Macht erhalten muß. Wiederkehr des Immergleichen. Ebenso aber mit Brechts „Die Maßnahme“.

Die Arbeiter in der Inszenierung von Gotscheff bilden eine anonyme, gesichtslose Masse, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes; ihre Gesichter sind von Lumpen und Stoffetzen verhüllt. Zombies fast, Tote, die müde wandeln, Armut und gezeichnete Wesen. Man befiehlt ihnen, die Internationale zu singen, doch sie fallen immer wieder in die russischen Volkslieder zurück, die sie erst leise intonieren, dann lauter werdend, mit glücklichem Gesichtsausdruck nun. Schärfung des Klassenbewußtseins – wie soll das gehen, wenn die Köpfe seit Jahrhunderten in Besitz genommen wurden vom Aberglauben der Popen und von den Reden der Gutsherren? Doch das Zementwerk muß laufen, das hat für Tschumalow Priorität, dafür nimmt er auch den Ingenieur Kleist, der die gegnerische Klasse verkörpert, in Beschlag: denn ohne sein Fachwissen kann das Werk nicht funktionieren, und so gehört der Kopf von Kleist nun der Sowjetmacht.

Müller arbeitet am Material der Geschichte, er verdichtet und setzt die Teile zugleich neu zusammen. Gotscheff greift das in seiner Inszenierung kongenial auf.

Archaisch und reduziert sind die Bilder, die Gotscheff schafft. Die Bühne ist eine zementgraue, staubige Schräge, die sich hebt und senkt. Staubig auch die Figuren: Staub der Arbeit, Staub der Geschichte, Staub der Kämpfe klebt an den Körpern. Überhaupt der Körper: er spielt in der Inszenierung von Gotscheff eine herausragende Rolle, Gleb Tschumalows Kraft, ein Zementwerk wieder zum Laufen zu bringen. Schön auch die Dialektik jenes Satzes: „Unter der Menschheit machen wir es nicht/Aber was hier gebraucht wird ist Zement.“ Und so schleppt Tschumalow im Schlußbild des Stückes zum Klang einer harten Musik den Gesteinsbrocken die Theaterschräge empor und empor und empor. Hebt ihn auf, stemmt den Stein über seinen Kopf, verharrt mit dem Stein in den Händen. Abbruch der Szene, das Licht erlischt und das Schwarz des Theaters bleibt. Müssen wir uns die Revolutionäre und die Arbeiter als glückliche Menschen vorstellen?

In gewissem Sinne kann man die Inszenierung Gotscheffs als Rückkehr der klassischen Katharsis ins (post-)moderne Theater bezeichnen. Aber nicht als Psychologisierung von Individuen, wie es uns das bürgerliche Theater gerne vorführt, sondern im Pathos und in der Kraft der Antike. Heiner Müller hat für diese antike Form 1972 den Blankvers als Mittel des Ausdrucks gefunden, der ganz bewußt anzeigt, daß es sich nicht um ein Stück der Gegenwart handelt, sondern es sedimentiert sich in diesem Stück der Staub der Geschichte. Geschichtsphilosophie als dialektisches Bild, das zu sprechen beginnt. Dafür stehen in Gotscheffs Inszenerung die gewaltigen und zugleich gewalttätigen Bilder. „Mach, daß das Zementwerk lebt“ Und die Arbeiterfiguren hämmern und schlagen die Steine auf den Boden, streben der Schräge empor. Kraft, Gewalt, Arbeit. Stein, Staub und Geschichte bestimmten diese antiken Bilderwelten der Revolution in Sowjetrußland. Aktuell noch immer. Gotscheff hat dafür ein Bild gefunden, das im Kopf haften bleibt.Begeisternd, sinnlich, klug.

27022978,26666233,dmFlashTeaserRes,tt14_p_zement_c_armin_smailovic_17[Angetan als Schauspielerin hat es mir allerdings Genija Rykova als Polja Mechowa.]

(Bilderquellen: Die ersten fünf Fotografien: Residenztheater München; letztes Foto: Berliner Zeitung)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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