Daily Diary (104) – Transiträume und Transmission: Vorblick auf Heiner Müllers „Zement“

Sofaplaneten: Alter Schrott muß raus, neuer Schrott kommt rein. So geht das in Berlin.

[Das ist von der Länge des Textes her kürzer als ein Haiku und damit sicherlich ganz im Geschmack von Hannes Wurst. Weshalb viele Worte verlieren, wenn’s auch in der Verdichtung geht?]


 

„Der Feind ist eine objektive Macht, […]
und der echte Feind lässt sich nicht betrügen.“
(Carl Schmitt)

Als Vorblick auf das Heiner-Müller-Stück „Zement“, welches von den Anfängen der Russischen Revolution, ihren Schwierigkeiten, dem ihr bereits am Anfang innewohnenden Terror sowie dem Mythos der Arbeit und der Maschinen handelt: die Dialektik muß sich gegen sich selber wenden! In der Revolution, im bewaffneten Kampf sind die Kugeln knapp bemessen, und sie wollen gezielt gesetzt sein. „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Wehe dem, der keinen Feind hat, denn sein Feind wird über ihn zu Gericht sitzen. Wehe dem, der keinen Feind hat, denn ich werde sein Feind sein am jüngsten Tag.“ (Carl Schmitt, Ex Captivitate Salus)

Hermeneutik der Macht.

Wie weit geht die Revolution: der Krieg ohne Schlacht, das Schlachten?: Und so fragt der Tschekist Tschibis in „Zement“, bevor er einen Genossen erschießen muß, der sich des Fehlverhaltens schuldig machte, im Grunde eine Nachlässigkeit, die verzeihlich wäre, doch im Krieg der Klassen gibt es nichts anscheinend Verzeihliches: „Haben Sie gesehen, was mit den Augen eines Menschen passiert, der erschossen wird?“ In Kafkas „Strafkolonie“ heißt es über jene Verurteilten, denen der Apparat zwölf Stunden lang mit der Egge das übertretene Gebot in den Leib graviert:

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung. Dann aber spießt ihn die Egge vollständig auf und wirft ihn in die Grube, wo er auf das Blutwasser und die Watte niederklatscht. Dann ist das Gericht zu Ende, und wir, ich und der Soldat, scharren ihn ein.“

Das Elende des Opfers, Erkenntnisgewinn im letzten, im erlöschenden Blick, Opfer um Opfer, Krieg um Krieg, Schlacht um Schlacht, Heiner Müller schreibt den Mythos der Griechen in die Gegenwart ein. Medea-Material, die Hydra des Herakles, die Befreiung des Prometheus, an den Felsen des Kaukasus geschlagen:

„Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß. Der Adler, der ihn für eine teilweise eßbare, zu kleineren Bewegungen und, besonders wenn man von ihr aß, mißtönendem Gesang befähigte Gesteinspartie hielt, entleerte sich auch über ihn. Der Kot war seine Nahrung.“

(Heiner Müller, Befreiung des Prometheus, in „Zement“ als Prosa eingebettet. Mythos und Revolution verschlingen sich: Wiederkehr des Immergleichen. Die Haut des Marsyas. Es ist dies wohl einer der grausamsten Geschichten im Wettstreit der Kunst. Heiner Müller thematisiert diesen Aspekt nicht.)

Beides in einem: Revolutionär und Nutznießer beim Mahl der Götter. Poetisiert Heiner Müller die Revolution oder revoltiert er mit den Mitteln des Theaters gegen das starre Korsett der DDR-Nomenklatura? Die Klasse der Privilegierten, zu denen auch Heiner Müller gehörte? Mit dem Whisky-Glas in der Hand, im Transitbereich des Flughafens

MANCHMAL WENN ICH MEINE PRIVILEGIEN GENIESSE

Zum Beispiel im Flugzeug Whisky von Frankfurt nach (West)Berlin
Überfällt mich was die Idioten vom SPIEGEL meine
Wütende Liebe zu meinem Land nennen
Wild wie die Umarmung einer totgeglaubten
Herzkönigin am Jüngsten Tag

Und dazu diese rauschhaften, düsteren, ausmalenden Texte, ein paar wenige Substantive, die das Bild eröffnen, eine Szenerie wie eine Bildbeschreibung: starr und beweglich wie eine Photographie, Text, in den Moment gebannt. Sind Gedichte Dialog?:

GLÜCKLOSER ENGEL 2

Zwischen Stadt und Stadt
Nach der Mauer der Abgrund
Wind an den Schultern die fremde
Hand am einsamen Fleisch
Der Engel ich höre ihn noch
Aber er hat kein Gesicht mehr als
Deines das ich nicht kenne

Im Transitbereich der Flughäfen dieser Welt gedeiht das Gedicht und blüht die Phantasie. All die Nicht-Orte, in denen die Gedanken sprießen. Ich liebe diese Transiträume. Die Arbeit des Begriffes, die Arbeiten des Herakles: der Schuldzusammenhang, der sich unendlich fortschreibt. Benjamins Engel der Geschichte wirkt im Text von Heiner Müller fort. Mehrmals zitiert er ihn. Blick in den Osten. Die Nagelspuren der Geschichte. „Zement“ schriebt die Revolution als Notwendigkeit, als Farce und Arbeitslager: Das letzte Wort im Stück hat Tschibis: „Im Namen der Werktätigen fordern wir euch auf, eure Kräfte der Sowjetrepublik zur Verfügung zu stellen.“

Heute ist der 8. Mai – Tag der Befreiung vom Faschismus.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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8 Antworten zu Daily Diary (104) – Transiträume und Transmission: Vorblick auf Heiner Müllers „Zement“

  1. hANNES wURST schreibt:

    Es ist länger als ein klassisches Haiku, und tatsächlich bin ich dem Haiku sehr zugetan. Einfach aus Faulheit.

  2. Bersarin schreibt:

    Beim Maß 5/7/5 (also nicht Oberweite/Taille/Hüfte in irgendeinem uns unbekannten Meßsystem, sondern Haiku-Maß) da haben Sie recht. Ich hätte „So geht das in Berlin“ fortlassen sollen.

    Ich bin übrigens ebenfalls faul. Deshalb schreibe ich so lange Texte. Ansonsten müßte ich nämlich etwas anderes tun. Insofern glauben Sie bitte nicht, daß der Umfang des Textes der Sache geschuldet sei.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Es gab einmal eine Übersetzung des Goethe-gedichtes „Ein Gleiches“ („Über allen Gipfeln..“.usw.) ins Japanische. Das wurde dann wieder rückübersetzt und als japanisch veröffentlicht, zwar etwas länger als ein Haiku aber durchaus auf nämlichen kulturellem Bedürfnis nach Fernost anspielend.
    Ich hoffe, ich finde noch irgendwo den Text herrlich!

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    Hoppla, vielleicht doch nur eine urban legend? Seis drum, die Geschichte ist gut und dann muß sie nicht stimmen. Die angebliche Rückübersetzung geht so:

    Stille ist im Pavillon aus Jade
    Krähen fliegen stumm
    Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
    Ich sitze
    Und weine.

    Ich sitze und lache…

  5. wolkenbeobachterin schreibt:

    Wow. Das ist schön geworden. Das ist ein schönes, anderes Gedicht geworden. :-)

    Original ging so:
    http://www.handmann.phantasus.de/g_eingleiches.html

  6. Bersarin schreibt:

    Das Problem der Übersetzungen. Von dieser Goethe-Translation ins Japanische wußte ich bisher nichts. Ein mir fremder Kulturkreis. Eigentümliche Übertragung und dann wieder: Rückübertragung. Den Ton und das lyrische Bild dieses Goethe-Textes wird man schwierig übersetzen können, weil man die Konnotation der Begriffe eben nicht in die andere Sprache bringen kann. (Und insofern geschieht dann genau was, was in der Rückübersetzugn passierte.) Aber bekanntlich kann und sollte man die Lyrik immer im Original lesen oder aber es muß eine sehr begnadete Übersetzerin, ein Übersetzer her. Den wer spricht und versteht schon alle Sprachen dieser Welt?

  7. wolkenbeobachterin schreibt:

    Es sollte jemand machen, der sich mit Lyrik auskennt. So wie z.B. Paul Celan diverse fremdsprachige Gedichte übersetzte. Es gehört ja mehr als die Sprache dazu, wenn Texte übertragen bzw. übersetzt werden sollen, finde ich. Eine gewisse „Lücke“ bleibt aber möglicherweise. Muss aber nicht dramatisch sein. In obigem Falle ist etwas komplett anderes, aber dennoch Schönes entstanden. Es hat nur nichts mehr mit dem Original zu tun. Thema verfehlt sozusagen. Dennoch ist das Neue ein Schönes.

  8. Bersarin schreibt:

    Ja Celan, hat in der Tat viel übersetzt. Allerdings versagt da meine Beurteilung, weil ich zwar Französisch kann, aber nicht so gut, daß ich mir anmaßte, die Übersetzung zu kritisieren.

    Lücken sind – würde ich sagen – konstitutiv für die Übersetzung.

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