Gallery Weekend 2014 – Die Listen der Kunst

Im Grunde bin ich nach all dem Umherschweifen durch die Galerien und Räume ein wenig ratlos: eine solche Gewalttour ist angesichts von über 50 Galerien lediglich für Sammler und Museumsdirektoren etwas, die ihrem Kunstraum etwas Neues hinzufügen möchten. Denn angesichts der Überfülle an Material – eben an Kunst – scheint mir ein angemessener Umgang mit diesem kaum möglich. Gehetzt eilt der Blick von Bild zu Bild, tragen einen die Schritte von Galerie zu Galerie. Und so bleibt am Ende nichts hängen. Die Betrachtung von Kunst ist eine kontemplative Angelegenheit, wie auch das Lesen von Literatur oder das Hören bestimmter Musik erfordert es eine Form von Konzentration und Eingehen auf die Sache selbst. Eine Vielzahl an Menschen sowie ein Überfluß an Werken mögen allenfalls die assoziativen Komponenten im Kopfe anreizen und zur Geltung bringen. Aber das hat mit den Werken selber wenig zu tun. Zumal es sich bei solchen Veranstaltungen ebenfalls um die Origen des Konsums handelt: Geldwert und genießerisch in einem. Kapital und Geschmack (in einem nicht nur produktiven Sinne) stellen sich zur Schau. Exzesse der Bildhaftigkeit: Teilnehmer und Werke gleichermaßen inszenieren und kapitalisieren ihren Ausstellungswert. Tauschwerttransformationsprozesse im Champagnergewitter.
 
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Am Ende geht es bei solchen Veranstaltungen vielmehr um Sicht und Sichtung: wie verhält sich der Kunstmarkt im eher bescheiden-kleinen Berlin? Denn anders als Düsseldorf oder Köln war Berlin bis nach der Wende keine Galeriestadt. Die reichen Kunstkäufer saßen am Rhein. (Von den Kunstmärkten Londons, Basels oder New Yorks ganz zu schweigen.) Wer sich in Berlin für Kunst interessiert, wird sicherlich nicht das Gallery Weekend benutzen, um sich umzutun. Bei vielem, was ich sah – insbesondere im Bereich der Gemälde – verstärkte sich bei mir der Eindruck, dies bereits 100-fach gesehen zu haben. Die Bildende Kunst der Moderne ist an ihr Ende gekommen. Das avancierte Material ist verbraucht, vom Superlativ des Adjektivs ganz zu schweigen, die Fortschrittsspirale in der Beherrschung der Form stillgestellt. Es gab all dies bereits, und wer gewinnbringend seine Bilder ausstellen darf, die oder der hat in gewissem Sinne Glück gehabt. Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die keinen Fuß aufs Parkett (sprich in die Kunstzeitschriften und die renommierten Ausstellungen) bekommen, die freilich in ihren Werken genauso gut in Museen ausgestellt oder in Galerien zum Verkauf angeboten werden könnten wie andere.

Nun gut: jeder möchte von seiner Kunst leben, nicht alle können es. Das ist im Litertaturbetrieb so, der bestimmten Marktgesetzen folgt, das verhält sich ebenfalls in anderen Künsten auf diese Weise. Ich mag nicht lamentieren. Es ist vieles dem Zufall geschuldet. Es könnten meine Photographien ebenso gut in einer Galerie hängen, statt hier im Blog ihr Schattendasein zu fristen. Leider neige ich aber zu Faulheit (Acedia – gleichsam als schwere Sünde – und dazu gehörend die vagatio mentis circa illicita, nämlich das Schweifen des Denkens hin zum Verbotenen, Unerlaubten, hin zu dem, was nicht gedacht werden darf). Und bin zurückgezogen. Andere Menschen anzusprechen und mit meinem Photographien oder Texten hausieren zu gehen, verursacht mir Übelkeit.

Man wird sich also sinnvollerweise bei einer solchen Leistungsschau der Galerie, wo die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in einer Tour de Force präsentiert wird, auf das kaprizieren, was dem ästhetischen Sinn ins Auge springt. Das ist nicht anders als in den größeren Kunstschau-Formaten wie der documenta in Kassel oder der Venedig-Biennale. (Und Ende Mai eröffnet zudem die Berlin Biennale.) Die Betrachter verschaffen sich den Blick über die Szenerie. Andererseits besteht in der Rezeption von Gegenwartskunst doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Moment des „Gefällt-mir-subjektiv-gut“ – genau das, was dem ästhetischen Sinn als interessant oder im interesselosen Wohlgefallen ins Auge sticht – und dem Aspekt des ästhetisch Gelungenen, das im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Status der Bildenden Kunst im 21. Jahrhundert steht, so wie es die ästhetische Kritik sichtet, die sich dem Kunstwerk annähert, indem sie selber sich in ihrer begleitenden Lektüre zum Kunstwerk transformiert. Was heißt es mit der Zeit zu sein: kontemporär eben? Die Gegenwart der Kunst zu sichten, ihre Ausprägungen in einen Zusammenhang zu bringen? Und wie vermögen die Kunstbetrachterin und der Kunstbetrachter angesichts einer wuchernden Pluralität der Kunst, die alle Stile zu kombinieren vermag und deren Produkte zwischen dem Dokumentarischen und der spielerischen Inszenierung, der Freiheit der Form und dem Spiel mit dem Zonen wechselt, einen geeigneten Blick auszubilden?

Reduzierte man den herrschenden Kunstbetriebs auf den Kommerz samt Konsum und Geldwert sowie darauf, soziologisch gesehen, Stadtteile standortgemäß aufzuwerten, greift das ebenso zu kurz, als verfiele man der Hybris, daß Kunst so etwas wie einen besseren Blick oder ein geschärftes Bewußtsein hervorbrächte. Das gentrifizierungsmäßige Antikunstsalbadern der Anästhetiker ist genauso inhaltsleer wie die ästhetizistischen Verzückungsschreie perlenkettentragender Frauen oder von Männern in ausgefallenen Kleidungsstücken im Angesicht des vermeintlich exzeptionellen Kunstwerkes. Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern ist gesellschaftlich vermittelt. Richtiges Bewußtsein manifestiert sich noch im Falschen und falsches in der richtigen Sache: nämlich die der Kunst.

Was sich der Betreiber dieses Blog angeschaut hat, das erfahren Sie, liebe Leserinnen und Leser, morgen, hier, im Blog, in gewohnter Qualität auf Ihrem beliebten Kunstservice-Blog „Aisthesis“
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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