Die Macht des Saturn: Die Revolution frißt ihre Kinder. Berlin, 1. Mai

Ich werde dieses Jahr vierzig. Oder war es fünfzig? Ich weiß das nicht mehr so genau; ich habe es vergessen. Menschen werden älter, so istʼs nun einmal, Menschen ändern sich, wenn sie älter werden. Manche, so sagt man, werden reifer und sogar weiser. Ich zum Beispiel esse nur noch vegan zubereitete Fleischgerichte. Das habe ich früher nicht gemacht. Jedoch schaue ich, wenn Mutter und Tochter durch die Straßen gehen, immer noch der Tochter hinterher und ignoriere die Mutter, während manchmal eine Mutter scheu nach mir blickt. Ich bin dann sehr traurig, weil ich bemerke: Du mußt die Blickrichtung ändern. Forever young war das Versprechen der Pop-Musik, sie konnte es freilich nicht einlösen – es sei denn, man kurt-cobainisierte sich rechtzeitig. Lese ich deshalb Diedrichsens Buch „Über Pop-Musik“, um mich an den unwiederbringlichen Momenten zu delektieren und an die Zeit zu erinnern, da die Haut der Frauen und auch die meine glatt war und die Illusionen ins Unendliche ausgriffen? Als ich noch ungestraft die Töchter der Mütter anschauen und manchmal sogar berühren durfte? Nach dem Seminar. Abends. Nach dem Wein.

Auch wird meine Laufkondition schwächer, und ich trage nicht mehr gerne 15 kg Ausrüstung mit mir herum: insofern wird dies meine letzte Maidemonstration sein, auf der ich Photographien machte. Oder aber ich muß lange vorher ein Lauf- und Krafttraining absolvieren. Da ich jedoch Fitness-Center verabscheue wie Guttempler den Alkohol, bleibt es beim Lauftraining. Zudem herrscht auf den Demos beim Schwarzen Block ein deutlich rauerer Ton. In den Zeiten von Facebook, Instagram et al. ist das Photographieren nicht mehr so gerne gesehen. Früher war es den meisten egal, heute kann einer, sofern er nicht vorsichtig ist, schon mal was auf die Kamera bekommen. Ich habe mir ebenfalls eine schwarze Freizeitjacke gekauft. Aber keine von North Face, sondern eine von Boss, denn ich mag diese leicht glänzende, wasserabweisende Material nicht leiden.

Glanzstück der Polizei war es, gegen halb zehn den extrem engen U-Bahnhof Hallesches Tor zu stürmen und eine Menschenpanik mit Verletzten auszulösen. Immer wieder schlugen dabei Polizisten wahllos in die Menge, diverse völlig unbeteiligte Menschen bekamen die deeskalierende Wucht der Polizei zu spüren. Wenn der Berliner Innensenator Henkel vom besonnen Verhalten der Polizei spricht, so klingtʼs wie Hohn. Zumindest kann er nicht diese Situation gemeint haben, wo unbeteiligte Menschen sich weinend aus dem U-Bahnhof zu zwängen versuchten und riefen: „Ich will hier doch nur raus!“

Allerdings muß dazu gesagt werden, daß zum Beginn der 18-Uhr-Demo im Zug eine riesige Menge von Dumm- und Hohlköpfen herumlief. Von den sinnleeren absurden Parolen angefangen: Obligatorisch war wieder mein Lieblingsslogan – seit bald 30 Jahren – dabei: „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen!“ Und was hat es mit linker Politik zu tun, über Autos zu springen? Ist es autonom und antifaschistisch, wenn vor einem vierjährigen Jungen, der von seinem Vater im Arm gehalten wird, eine Flasche aufschlägt?

Photographien dieser Veranstaltung gibt es auf meinem Bilder-Blog Proteus Image zu sehen. Um 22 Uhr ging ich dann nach Hause, weil ich von der Kondition erschöpft war. Sowieso konnte ich die Dauerläufe des Schwarzen Blocks und der Polizei nicht mitmachen. Der Bewohner des Grandhotel Abgrund neigt zu einer gewissen Behäbigkeit, die dem abendlichen Hegel-Wein geschuldet ist.

Prinzipiell richtig übrigens ist der Ruf gegen die Polizei: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?“ Sachlich korrekt muß man allerdings antworten: Die Polizisten, die gestern in Berlin standen, waren zu dieser Zeit höchstwahrscheinlich in der Grundschule oder im Kindergarten – sofern sie überhaupt schon auf der Welt waren. Sein oder Dasein? Das ist hier die Frage. Aus unserer Serie: Heideggern mit der Polizei. Ihnen einen angenehmen Tag!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Die Macht des Saturn: Die Revolution frißt ihre Kinder. Berlin, 1. Mai

  1. hANNES wURST schreibt:

    +1 für die Fotos, +1 für den Text (< 700 Worte, sehr direkt und unverstellt). Ich hoffe, sie überwinden Ihre Angst vor dem Alter und überraschen uns noch mit mancher Fotoreportage.

  2. Bersarin schreibt:

    Oh vielen Dank für Ihr Lob. Dies aus Ihrem Munde bedeutet viel. Und stimmt: ich schrieb kurz. Es geht also.

    Tja, das Alter, das ist ein Kapitel und ein Thema für sich. Da ich aber bereits mit 18 Jahren in meine Midlife-Crisis eintrat, überraschen mich diese meine Überlegungen so sehr nicht. [Dazu könnte ich nun einen Text schreiben, aber der geriete deutlich länger als die 700 Zeichen.]

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