Hinweis in eigener Sache – Oder: Szenen in der Stadt und als Zeremonie des Abschieds geschrieben

Alles neu macht bekanntlich der Mai, der allerdings im Moment noch ein April ist – bekanntlich der grausamste Monat, wenn wir T.S. Eliots Text folgen möchten. Trotzdem änderte ich bereits heute schon das Design dieses Blogs moderat; modifizierte ebenso die Blogroll und tat die Blogs hinaus, die ich zu selten lese, wo zu wenig an Text passiert oder wo im Kommentarteil Orgien des Gemeinsamkuschelns gefeiert werden.

Ich möchte hier im Blog keinen Gesinnungskitsch. Ich möchte keine Prosa und keine Theorie im immergleichen Tonfall. Ich möchte Kritik, die weiterbringt, Kommentatoren, die den Text weiterschreiben, wie heute wieder summacumlaude, der immer höflich bleibt und dennoch andere Aspekte auftut. Auch das Mäandern und Assoziieren von ziggev. Böses und Bissiges, das Geist hat, wie ihn ansonsten nur Karl Kraus besaß, möchte ich lesen. Gerne auch Polemik, wenn sie denn die Sache trifft und eines gewissen Esprits nicht entbehrt. Ich möchte Exzesse und Extremes, nichts Kuschellaues. Konstruktive Diskussionen zur Kunst, zur Ästhetik, zur Philosophie begegnen einem seit 10 Jahren in der Blogwelt Schweifenden und einem seit über fünf Jahren Schreibenden wenig. Wer solche Blogs kennt: bitte nennen.

Einer meiner Lieblingsblogs, nämlich der mit dem Namen Aleatorik, ruht leider sanft – die Betreiberin schrieb in einem Kommentar, weshalb das so ist. Eine schöne Zeit geht zu Ende. Ich las dort gerne all die Literaturkritiken, die Skizzen und die Texte des Alltags, inspirierend und eindringlich geschrieben. Und anders als mancher Literatur-Blog oder solche, die sich dafür halten, verzettelte sich dieser Blog nicht ins Uferlose des beliebigen Schreibens und inhaltslosen Plauderns über dies und auch über das, sondern „Aleatorik“ blieb konsequent in der Komposition und Anordnung der Texte. Das gelingt nicht vielen. In ihren Büchern zeigt die Autorin (sofern dieser Begriff in diesem Rahmen überhaupt noch trägt und in einem erweiterten Konzept von Literatur noch taugt), wie es dann auf hohem Niveau geht. Der Literaturbetrieb überliest das gerne, er beschreitet stattdessen lieber die eingeschliffenen Pfade und macht Kessler-Biller-Diskussionen über Petitessen. Der Betrieb füttert sich selber. Doch kann man es ihm nicht einmal übel nehmen, da in einer Gesellschaft, die alles und jedes als Ware verkaufen muß, eben auch die Literatur notwendigerweise als eine solche Ware sich erweist.

Ich habe in dieser Zeit des Bloggens einige wenige Bloggerinnen und Blogger kennengelernt bzw. mir mit einigen über eine kurze Zeit geschrieben. Ich will das nicht im Detail ausführen und gewichten. Ein Wesen aus der Welt des anonymen Internets freilich vergesse ich nicht. Bissig war sie, kein Harmoniesound im Schreiben und doch so zart. Die Nächte in Dresden und Leipzig, in Berlin und im siebten Himmel gehen nicht aus dem Kopf heraus, die Hautstellen, wo sich im Hotelzimmer oder im heimischen Bett die Nägel ins Fleisch gruben und die Szenen, wo immer wieder der Streit ums gleiche aufbrandete. Küsse und Bisse finden am Ende nicht zueinander, und da, wo es für bestimmte Lebensweisen keine entgegenkommenden Lebensmodelle oder -formen gibt, weil eine Gesellschaft diesen keinen Raum läßt und für die mehrfache Dimension keinen Rahmen hat, weil ihre Diskurse die Liebe aufs Singular polen, kann alles, was passiert, nur schiefgehen.

Das Jahr 2012, am Strand der Elbe, der letzte Tag des Augusts, eine Englandjacke teilend. Wir trafen uns auf dem Marktplatz gegen Mittag, und ohne sie zu erkennen, sah und kannte ich sie bereits von weitem, wie sie am Brunnen saß, und ich mochte es nicht wahrhaben, ging zunächst die Rathaustreppe hinauf, weil ich mir dachte, es müsse eine andere Person sein als die, welche dort am Brunnen wartet. Im nachhinein idealisiert unser Blick die Szenen und die Erinnerung verklärt die Situation. Und etwas über ein Jahr später, in einer Stadt im Osten, als wir im Regen am frühen Abend durch die Straßen spazierten. Hungrig im Magen, das einzig gute Fischrestaurant der Stadt im Visier. Denn dort wollten wir ausgiebig speisen und trinken. Ohne allerdings vorher zu reservieren. Mir ist der Optimismus nicht gegeben, der wunderbaren blonden Frau jedoch durchaus. Wir betraten den kleinen Gastraum, und mit einem Blick sahen wir, daß jeder Tisch besetzt war. Samstag, sieben Uhr abends im Dezember des Jahres 2013, irgendwo in einer Stadt im Osten, den ich mit meinem Geld aufgebaut hatte. Zum Dank immerhin kauften uns seinerzeit die Eingeborenen der Ostregion, die nun endlich ein Volk sein durften, unsere defekten Gebrauchtwagen zu horrenden und vollkommen überhöhten Preisen ab. Sowie Westcola und Westwürste an den Imbißbuden, die wir 1990 eilig an Plätzen aufstellten, die auf lukratives Geschäft hoffen ließen. Aber alle Aufbauhilfe nützte mir nichts. Sätze knapp wie ein Protokoll: Alle Tische besetzt, alles reserviert, vor 22 Uhr nichts zu machen, und draußen nur Kännchen: das war natürlich ein Scherz, denn an Draußensitzen ist im Winter in einer Oststadt bei Abendregen nicht zu denken. Nicht einmal mit Heizstrahlern. „Kika-, Kikakaninchen. Tibbetibbetap“ höre ich sie halb ironisch singen. Wir hatten uns auf Fisch gefreut.

Der Hunger trieb uns, und wenn Menschen hungrig sind, machen sie Fehler. So gingen wir regennaß und nasser werdend ins nächstbeste Restaurant, das halbwegs angenehm aussah. Es war ein Grieche. Wir waren froh und erschöpft, nach einem langen Spaziergang durch diese unendlich schöne Winterstadt im Osten nun irgendwo einen Platz im Warmen zu finden und uns niederlassen zu können. Wir waren zu keinem weiteren Schritt mehr fähig, denn ausgiebig schritten wir bereits von Mittags bis zum Abend hin durch diese Oststadt, schlenderten auf unseren Traumpfaden und im Abseits der Stadt an den Randmarken. Und am Nachmittag unserer Tour schien sogar die Sonne, wir besuchten eine Galerie, betraten die Orte ihrer Erinnerung, ein kleines französisches Café lud zur Zwischenstärkung ein, um Zitronenkuchen zu essen und Sekt samt Kaffee zu trinken. Nun aber saßen wir zum Abend hungrig an diesem Ort, wurden wahllos, bemerkten auf chic gemachtes Interieur nicht, das nur billig war. Als wir dann bestellten und Wein sowie Speisen an den Tisch serviert wurden, schmeckten wir, daß es nicht das war, was wir essen und trinken wollten. Menschen, die einander bei der Hand halten und die sich in den unendlichen Gesprächen verlieren, stört der Mangel an Qualität zunächst weniger als Menschen, die geschäftlich oder routiniert in Lebensabschnittsverhältnissen essen, weil sie jeden Tag beieinander leben. Insofern konzentrieren sich diese Menschen auf die Speisen und die Getränke. Erst hinterher fiel uns auf, daß wir eher mäßig denn gut zum Abend aßen.

 Mit der Straßenbahn fuhren wir in das Hotel und kauften in einem Supermarkt einige Flaschen Bier, die wir auf das Zimmer nahmen. Im Fernseher lief der Schmachtstreifen „Die Brücken am Fluß“, Filme für schlichte Gemüter, für das seichte Denken ohne Zwischenton, aber es paßte im Sound der Anrührung gut, denn wir waren vom Tag her erschöpft und wir schliefen übereinander und Körper in Körper ein. Genauer gesagt: sie schlief recht schnell ein und ich spürte ihren schönen Körper sowie jede ihrer Bewegungen, weil ich neben Menschen nicht einschlafen kann. Denn jede Verlagerung und jedes Geräusch macht den Synästhetiker der Nacht wach und wild. Den Geruch ihrer Haut vergesse ich nicht.

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Am Vormittag spazierten wir über den Weihnachtsmarkt der Stadt, besuchten das Museum, um eine ganz bestimmte Ausstellung zu sehen. Schlenderten noch ein letztes Mal Hand in Hand, bis hin zu unseren Autos. Wer weiß schon bei einem Abschied und wenn zwei einander küssen, daß es möglicherweise der letzte Kuß ist, den zwei Menschen sich in diesem Leben schenken werden, ein letztes Mal, daß sich diese beiden Menschen sehen und zart berühren werden. Die letzte Nacht, die sie beieinander lagen. Sie öffnete die Tür des Autos, stieg hinein, drehte den Zündschlüssel, zwei Blicke und ein kurzes Lächeln, bis dann der Wagen die Straße entlangfuhr und der Sonntagnachmittag seinen Gang nahm.

Das jetzige Design des Blogs läßt sich verbessern. Bis es paßt. Bis es wieder veraltet ist. Abgelebtes ändert sich. Können Photographien Szenerien authentifizieren, beglaubigen und bezeugen, oder sind sie wahllos oder gar fingiert und inszeniert? Trompe-l’œil. [Ins Herz versteht sich!]

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Hinweis in eigener Sache – Oder: Szenen in der Stadt und als Zeremonie des Abschieds geschrieben

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    Die Geschichte mit der Frau, verzeih, dass ich es „Geschichte“ nenne, hat mich berührt. Ich spüre, wie wichtig sie Dir war. Wie wichtig Ihr Euch wart. Und dann klingt es aus und bekommt nichts weiter. Keinen Abschiedssatz oder ähnliches. Vielleicht ist es zwischen Euch offen geblieben, möglich. Eine – trotzdem – schöne Geschichte, denn wenn man jemanden trifft, der einem wichtig ist, hinterlässt das Spuren. Und das ist doch, was als Erinnerung bleibt. Es bleibt. Auch, wenn es nicht geblieben ist.

  2. Bersarin schreibt:

    Doch, es ist eine Geschichte, eine solche von der Heinrich Heine schrieb: und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei.

    Dieses Geschehen, diese Szenerie hast Du sehr schön und sehr treffend beschrieben. Genau so war es, genau so ist es, in dieser Weise wirkt die Erinnerung: daß etwas bleibt, obwohl es nicht geblieben ist.

    Ich denke, wir waren uns in einer bestimmten Weise wichtig. Zumindest war sie es mir. Für sie kann ich am Ende ja nicht sprechen. Im Grunde aber wußten wir beide, daß es für uns beide in Gemeinsamkeit keinen Ort und keine Bleibe gibt.

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