Bamberg – Neigung zum Katholizismus

Die Pracht und die Herrlichkeit der katholischen Kirche sind unerreichbar. Ich habe mein Amt angetreten.
 
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Der Bamberger Dom ist eine Basilika, die in den Stilen zwischen Romanik, Gotik bis hin zum Barock schillert, darin sich eine Vielzahl an Statuen, Altären sowie das Grab des Kaisers Heinrich II. befindet, dessen Sarg aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders stammt.  Im Bamberger Dom befindet sich zudem das nördlichste der erhaltenen Papstgräber, und zwar ist es das von Clemens II. sowie jener rätselhafte Bamberger Reiter aus dem frühen 13. Jahrhundert, der seinerzeit farbig bemalt war: Ein Mann mit einem roten Gewand. Ein Mirakel bleibt es ebenfalls, was eine solche Reiterstatue in einem Dom zu suchen hat; um die Bedeutung dieser Skulptur ranken sich unterschiedliche Deutungen.

Was den Bamberger Dom ausmacht, ist seine Pracht und die reichhaltigen Kunstschätze: vom Veit-Stoß- bis zum Riemenschneider-Altar. Katholische Sinnlichkeit, Kunst und Katholizismus. Das Katholische begleitet uns. Selbst in den vermeintlich säkularen Zeiten wirkt es nach, umfängt den Geist.

Die katholische Kirche ist uns immer noch nahe – vor allem in ihrer Doppelmoral, die wir nicht loswerden, sowie in ihren Ritualen und Anbettungsszenerien. Die verborgene Theologie des Politischen – bis heute hin. Das Katholische ist das, was sich aufs Ganze bezieht. Nietzsches Haß auf die christliche Religion war nie eine Aversion gegen die Religion als solche, sondern gegen eine bestimmte Form, die in unheilvoller Unterkomplexität ihren eigenen Grund nicht zu reflektieren vermag (dies gilt wesentlich für den Protestantismus in vielen seiner Spielarten) und deshalb mit doppeltem Standard rechnet und die zudem für eine bestimmte Weise des Moralisierens und Wertens zuständig ist. Der Doppelstandard in die heutige Zeit transformiert: links blinken, rechts fahren. Der deutsche Hund wacht fest am Rhein, er ist mal katholisch, dann wieder evangelisch und wenn es den Zeitgeistumständen geboten scheint, auch links, wenn es ihm auch nur um den Pantoffel geht, den er treudeutsch an den Tatzen trägt, um sich brav am guten Gewissen zu erwärmen. Und bekanntlich scheißt der Deutsche Schleim. Hoffen wir nur, daß mancher nicht auf seiner eigenen Schleimspur ausrutschen wird. Nietzsches Spott richtete sich gegen all die Kleinbürger mit dem schmalen Denkhorizont: der deutsche Michel mit Schlafmütze und dem chronisch guten Gewissen des Rechtschaffenen. Es gibt ihn in mancherlei Gewand.
 
14_04_24_P_5_5146 [Bamberg, Kloster Michelsberg]

Immerhin jedoch ist der Doppelstandard des Katholischen sinnenfroh, barocke Pracht eignet ihm, es kann gesündigt werden, ohne daß die ewige Verdammnis zwangsläufig gegeben ist, denn für die Verfehlungen betet man einen Rosenkranz, und in mancher Gestalt kommt die katholische Lehre mit metaphysischer und theologischer Bildung daher, die von Aristoteles über Thomas von Aquin reicht. Naphta versus Settembrini. Das entschädigt für vieles. Leider eignet dem Katholizismus ebenso eine gewisse Dogmatik und die Starrheit des Denkens. Das macht ihn weniger sympathisch. Die Kategorien bleiben häufig statisch, was bei einer solch großen Institution andererseits nicht verwundert. Am Ende aber ist mir die direkte und evidente Verlogenheit lieber als die Lügen derer, die sich im Gewand der Rechtschaffenheit tarnen, in der Realität aber kleine Wichtel sind.

Doch muß man zur Ehrenrettung des Katholizismus sagen: es ist immerhin eine polytheistische Religion. Nicht einen Gott gibt es, sondern in den verehrten Heiligen dupliziert sich Gott. Ebenso besitzt der Katholizismus über den Marienkult Matriarchat-Strukturen. Es bewahrt sich im Katholizismus zugleich die Fetischreligion der Naturvölker: man denke nur an die Gewandfetzen, an die Kreuzessplitter und die Nägel des Kreuzes. Gestern erzählte mir ein befreundeter Wissenschaftler, man habe bei einer verstorbenen alten Frau eine Kiste gefunden, darin lag ein rostiger Nagel. Dieser Nagel war vom Vatikan zertifiziert. Und zwar stellte der Vatikan das Echtheitssiegel darüber aus, daß es sich um einen der Nägel handelt, die in der Schmiede neben den Nägeln gelegen hätten, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Eine wunderbare Geschichte. Fast wie die vom Bergwerk zu Falun.

Bamberg ist zugleich die Stadt, in der E.T.A. Hoffmann einige Zeit lebte. Es entstand dort die Novelle „Der goldene Topf“. Weiterhin schrieb Hegel in Bamberg an seiner „Phänomenologie des Geistes“, was man ihm mit einer Inschrift dankte. (Man beachte die Reihenfolge der Vornamen! Es gibt Danaergeschenke.)
 
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Heimliche Rache der Katholen am Pietismus und an jener Philosophie, die man – zumindest was seine Staatslehre betrifft – als Zen-Buddhismus für Preußen bezeichnete? Wir wissen es nicht.
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Bamberg – Neigung zum Katholizismus

  1. hANNES wURST schreibt:

    Die unbedingte Bedeutung der katholischen Sakralität zeigt sich doch in dem sehr guten Foto von der asiatisch anmutenden Schönheit, die dort voller Anmut und Minne eine hinreißende Geste vorführt, die gar nicht möglich wäre, hätte der Katholizismus nicht in jeder Hinsicht Recht.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, auch ich beobachte den enthemmenden Effekt des Katholischen: daß Frauen in Verzückung oder gar in Ekstase geraten. Ich beschloß darauf Priester zu werden.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Wie alle anderen Religionen/Glaubensgemeinschaften hat auch der Katholizismus den großen Wert der olfaktorischen Reize erkannt. Weihrauch, Myrrhe! Der Papst soll einst der Koka-Pflanze religiöse Kompetenz zugesprochen haben, da ihr Konsum zu Visionen Anlaß gab. Wußten alles schon diue Griechen: In Delphi soll ein narkotisches Erdgas, das von scharfen Priesterinnen bewacht worden ist, für volatile Erbauung gesorgt haben.
    Daneben verfügt die RK auch über haptische und visuelle Qualitäten: Die Stoffe der Maria auf den verklärenden Abbildungen Rafaels z.B. sind alles andere als derbes, protestantisches Naturleinen, eher so der Stoff, aus dem die Träume sind…, dessen Wirkung dann im dirty talk der Beichte so manchem Priester den Segen gab.
    Wie öde dagegen der Puritanismus. Als einst mal die Heizung ausfiel, predigte der Pfaffe von der Kanzel: wir wärmen unsere Herzen durch Gesang. Die güldne Sonne/voll Freud und Wonne! Und dazu blies die Orgel wahrlich auf dem letzten Loch. Wenigstens der Wein ist noch echt, wenn auch Bio.
    Mein noch zu erfüllender Traum übrigens: Einmal Meßwein klauen, und dann lieber Gott auf Dein ganz spezielles. Soviel Katholizismus muß sein. Prost!

  4. Bersarin schreibt:

    Ich denke beim Protestantismus immer an Bergmanns Film „Fanny und Alexander“, und zwar insbesondere an den protestantischen Pfaffen dort. Verheuchelt und bigott. Grundsätzlich sind wir – naturgemäß, um mit Thomas Bernhard zu sprechen – allen Religionen gegenüber skeptisch eingestellt, weil wir sie für ein Opiat halten: den Himmel überlassen wir bekanntlich den Engeln und den Spatzen. Egal ob Buddhismus, Judentum, Islam oder die christlichen Religionen. Was ich jedoch am Katholischen dennoch schätze, ist der ungeheure Kunstsinn. Kein Tizian, kein Tintoretto, kein El Greco ohne die katholische Kirche. Aber ebenso das seltsame Verhältnis zum Schmerz: Am Plaza Mayor in Madrid gab es seinerzeit ein Geschäft, welches wunderbare Devotionalien und auch Instrumente der Marter feilbot. Ich denke, die gesamte BDSM-Szene Madrids kaufte dort ein. Wie gesagt: ich mag das Katholische. Wein und Marter.

    Beim Meßwein bin ich verhalten: es ist meist Fusel, und ich will schon wissen, was ich trinke.

  5. summacumlaudeblog schreibt:

    Opiat ist schon der richtige Hinweis; Religion kann nämlich sehr gut den Stoff generieren, aus dem die Träume sind. Marx sah bekanntlich nur die narkotische Qualität, das Einlullen. Wir aber wissen, dass Dionysos durchaus mehr darstellt, als nur das Ruhigstellen. Hierbei geht, Du sagtest es ja, die römisch-katholische Kirche löblich voran. Sie kitzelt alle Sinne. Ob Schmerz, ob Lust, ob Schmerz in der Lust (und natürlich umgekehrt!) – alle Wege gehen nach Rom. Von der immensen katalytischen Wirkung auf die Kunst ganz zu schweigen. Es gibt im Ulysses die Szene, in der Bloom in eine katholische Kirche geht: „These old popes were keen on music, on art and statues and pictures of all kind.“
    aber auch
    „I.N.R.I.? No I.H.S. Molly told me one time I asked her. I have sinned: or no: I have suffered, it is. And the other one? Iron Nails Ran In.“
    INRI eben, übrigens nicht gut von Wollschläger übersetzt („Ich Nahe zur Rettung Israels“). Ich schlage vor:
    eIserne Nägel Rammen hInein. Die Lust im Schmerz wird so besser ausgedrückt.
    Den Martello-Turm zu Beginn des „Ulysses“ kann man auch als Omphalos, als Nabel der Welt sehen; das korrespondiert dann mit dem von mir im vorigen Posting erwähnten Orakel von Delphi – das galt auch als Nabel der Welt. Der Rausch, die Lust, der Schmerz jaja die katholische Kirche und der katholische Roman, der Katholizismus durch die Augen eines Juden gesehen. Immer wieder Joyce….

    Vordergründig kann da Wittenberg gegen Rom nicht konkurieren. Die puritanischen Bilderstürmer, die teutonischen Savonarolas – herje: Aber Vorsicht: Die protestantische Kirchenmusik hat maßgeblichen Einfluß gehabt! „Nicht Bach, Meer sollte er heißen“ (Beethoven). Das alles aber imaginiert, durchgeistigt, ohne Sinnenkitzel. Den Sinnenkitzel muß Hanno Buddenbrook am Klavier erleben, “ und es kam, es war nicht mehr hintenanzuhalten, die Krämpfe, die Sehnsucht hätten nicht mehr verlängert werden können, es kam, gleichwie wenn ein Vorhang zerrisse, Tore aufsprängen, Dornenhecken sich erschlossen, Flammenmauern in sich zusammensänken…Die Lösung, die Auflösung, die Erfüllung…“ Hanno onaniert am Klavier – „Es lag etwas Brutales und Stumpfsinniges und zugleich etwas asketisch Religiöses, etwas wie Glaube und Selbstaufgabe in dem fanatischen Kult des Nichts…“ und man erkennt auch hier („Dornenhecken“!!!) wie Lust und Schmerz zusammen hängen, buchstäblich miteinander verkettet sind.

  6. Bersarin schreibt:

    Ja, das Dionysische! Wobei mir da, insbesondere im Zusammenhang mit Hanno aus den Buddenbrooks, Nietzsche einfällt: Dionysos gegen den Gekreuzigten, wie er in seinen letzten Schriften ausrief.
    Ungemein gelungen komponiert von Mann: das Spiel am Klavier als Orgasmus: die Töne, das Verströmen derselben, zunächst noch die Emphase des Klanges, wandelt sich, sogar für die Zuhörer bemerkbar, zur sexuellen Obsession. Eine gewaltige Szene, die überwältigt. Insofern ist in der Tat die Kirchenmusik des Protestantismus nicht zu vergessen. Zumal auch das Karge der Kirchen einen ganz eigenen ästhetischen Reiz hat. Religion ist für mich ausschließlich aus ästhetischen Gründen gerechtfertigt. Gerne wäre ich sogar Priester oder Inquisitor: allein wegen der inszenatorischen Qualität, wegen des Schauspiels. Glauben täte ich von alledem nicht ein Stück, aber es machte mir Spaß, die Leute in dem Glauben zu lassen, ich glaubte tief und innig. Dieses Spiel ist wohl allen Religionen eigen. Wobei ich als Mensch des westlichen Kulturkreises eben mehr die Nähe zum Katholischen oder zum Protestantismus habe. Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus samt den Zen-Varianten sind mir fremd.

    Überhaupt: das Dionysische als Abgrundstruktur und das Apollinische als Schein des Scheins. Immer mehr verliere ich mich in diese wunderbare Artistenmetaphysik des Herrn Nietzsche. „Depotenzierung des Scheins zum Schein“. Ob dieses Spiel und dieser Abgrund als Taumel des Nichts noch mit dem Katholizismus zu machen ist, denke ich nicht.

    Danke vor allem für die Joyce-Bezüge. Das ist – sozusagen „ein Kapitel für sich“.

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