Der Begriff des Begriffs: Es werde Licht: Kafka-Schriften

Nein, keine dialektische Dialyse, keine Aufhebungstiraden, keine Angst, werte Leserin, geschätzter Leser: Hypocrite lecteur, – mon semblable, – mon frère. Ich finde es langweilig, die eigenen Suchbegriffe im Blog wiederzugeben, das macht man meist, wenn nichts mehr zu schreiben ist, aber „Titten Selfie“ gestern fand ich ganz gut. (Erinnert mich an Dresden und Anne Helm, die dort im warmen Monat Februar werbemäßig für Winterkopfbekleidung posierte.) Leider habe ich in meiner bisherigen Blogzeit noch keines erhalten. Wer mir von meinen Kommentatorinnen oder mitlesenden Bloggerinnen eines schicken möchte: bitte, gerne: ich würde ja zur Freude meines Lebens mal einen Girls-Wet-Shirt-Bloggerinnen-Contest machen und hernach einen dick-contest der männlichen Blogger für die Frauen. Egal. Ein andermal. Darum geht es nicht. [Das waren natürlich ironische Passagen, natürlich meine ich es nicht so. In der heutigen Gleichförmigkeitserziehug des Politischen und im Neuen Linken Puritanismus (NLP) muß man das dazuschreiben.]
 
14_04_23_01

Das schönste Suchwort gestern war: „Ersatzlampe für den Parlograph“. Als Kafka-Leser freut mich diese Nennung. Wäre zwischen Felice Bauer und dem abweisenden Frank Kafka, der lieber schrieb als liebte, alles anders verlaufen, gäbe es für den Parlographen eine Ersatzlampe? Wären Felice Bauer und Franz Kafka sich näher gekommen und berührten ihre Hände sich zärtlich unter der Ersatzlampe des Parlographen? Vielleicht.

Für die Prosa Kafkas wäre diese mögliche Berührung freilich ein Verlust gewesen. Was ergab sich bei dieser ersten Begegnung 1912 in Prag im Hause der Brods? Das leere knochige Gesicht, das seine Leere offen trug, freier Hals, überworfene Bluse, wie Kafka in sein Tagebuch notierte. Die erste Begegnung zwischen Kafka und Bauer mußte ein Debakel und die Nichtigkeit par excellence gewesen sein, wenn einer in dieser Weise am geheimen Ort sich Rechenschaft ablegt, und dennoch gab es da etwas, das Kafka an Felice Bauer fasziniert haben mußte: dieser unerklärliche eigentümliche Abbruch im Tagebuch: „Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon einen unerschütterliches Urteil. Wie sich … [bricht ab]“

Der Bruchteil einer Sekunde, als Satz geformt im Tagebuch, zwischen dem Setzen und dem Sitzen. Diese Passage bereits ist Literatur. Nach der Prosa Kafkas kann man sich das Schreiben im Grunde sparen, das meiste, was danach kam, waren Fingerübungen. Na gut, es gibt Proust und Beckett und Joyce und Cortázar und Don DeLilo und David Foster Wallace, mit dem Lovley Linda mich immerhin verglich (aber vielleicht bloß wegen seines Zustandes und nicht wegen seines Schreibens) und und und. Die Ersatzlampe für den Parlographen aber wird heute eine Energiesparlampe sein. Unter dem Licht der Energiesparlampe bleibt jede Sucht nach dem Andersmensch oder in die Vulgärphrase des trockenen Befindlichkeitstons gebracht: die zwischenmenschliche Begegnung in der Gelassenheit des So-seins im Zen-Zauber von Zenotaph und Zentrifuge eher die Farce. Und Schreiben bleibt Schriftübung. Der Parlograph als Diktiergerät bringt die Stimme in einer Gravur auf eine Platte, was an den Apparat in der „Strafkolonie“ erinnert. Im Kafka-Anfänger-Seminar waren jene Kommilitonin, mit der ich Hegel las, und ich, die einzigen, denen dieser Szene so etwas wie ein Lächeln hervorlockte. Wir haben uns beim Lesen angeblickt, ein kaltes Augenpaar ins andere. Hinter den Schleiern der Unwissenheit gab es uns beide, die die Hautspurung verstanden und die im Grausamen die Lust entdeckten. Entgegen dem ewigen Seier- und Eia-Popeia-Sound, dem Klang der Harmonie.

Jede Stimme und jedes Bild müßte in einer Art Hautätzung eingeschrieben werden. So wie Kafka es in die Literatur brachte. Als gestisches Moment, jeder Mensch als bloße Schrift und Text. Das leere knochige Gesicht, das seine Leere offen trug. Kafka machte daraus die Literatur. [Nebenbei geschrieben: Felice Bauer war eine für ihre Zeit ausgesprochen emanzipierte Frau, die zudem in der Parlographenfirma, in der sie in Berlin arbeitete, eine leitende Stellung einnahm. Wer mehr zu der Begegnung von Kafka und Bauer lesen möchte: ich schrieb dazu seinerzeit hier und ebenfalls an dieser Stelle.]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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