In den Kältekammern der Moderne – Max Weber zum 150. Geburtstag

Von der Geburtsstunde der Soziologie läßt sich in bezug auf Max Webers Schriften sicherlich nicht sprechen, trotzdem er der Soziologie eine ganz andere Richtung verpaßte als bisher. Und Weber ist im Sinne all der faktenfummelnden Bindestrichsoziologien, die es heute gibt und die sich bis zur Bedeutungslosigkeit in der quantitativen Sammelwut verstrickten, ebenso wenig ihr Ahnherr – wenngleich Weber in seiner vergleichenden Methode durchaus auch auf der Ebene der Fakten, im Gebiet des Empirischen verschiedene Kulturen in den Blick nahm, um die Gesellschaft der Gegenwart, unsere Moderne des 20. Jahrhunderts in eine Analyse zu bringen. Denn nur vor dem Hintergrund des Fremden tritt die Form der eigenen Gesellschaft sowie deren Ausprägung wesentlich hervor. Fakten und soziale Tatsachen, Handeln, Regeln, Rituale, Beziehungen oder Umstände zu sammeln und in eine Ordnung zu bringen, ist die Aufgabe der Soziologie. Es bleibt allerdings die Frage, ob dieses Geschäft in einer banal-positivistischen Variante der bloßen Verdoppelung oder aber in weiterführender Perspektive betrieben wird.

Max Weber gab jener Wissenschaft mit seinen zahlreichen Aufsätzen eine andere Wendung. Die gesammelten Fakten verdichtete Weber zu den verschiedenen Idealtypen sozialer Ordnung. Bei dieser Idealtypisierung handelt es sich um einen Beherrschungs- und zugleich um einen Verfremdungseffekt des Gesellschaftlichen. Im Idealtypus erscheint die bestehende Ordnung in einem anderen Gewand, transformiert sich. (Nicht immer zum besten, allerdings, wenn dieses Verfahren in unidirektionaler Weise verübt wird.) Materie wird zugänglich gemacht und gerät aufgrund ihrer Transformation in eine Art von Reinheit und dadurch dennoch in eine andere Konstellation: „Je schärfer und eindeutiger konstruiert die Idealtypen sind; je weltfremder sie also, in diesem Sinne sind, desto besser leisten sie ihren Dienst, terminologisch und klassifikatorisch sowohl wie heuristisch.“ (M. Weber, Soziologische Grundbegriffe)

Insbesondere das Moment des Heuristischen scheint mir dabei für eine qualitativ ausgerichtete Sozialforschung von Bedeutung. Das Starre und Schematische der Weberschen Methode ist freilich ihr großer Mangel. Am Modell des Idealtypus läßt sich dennoch eine Analyse gewinnen, die darüber hinausgeht, das, was sowieso schon ist, als das, was ist, genau so festzuhalten wie es ist. Linke Politik, Gesellschaftskritik von links bedarf der Analyse und der Theorie, ansonsten bleibt sie blinde Praxis oder ganz einfach leeres Gestammel oder bloße Bestandsaufnahme dessen, was sowieso der Fall ist. Die meisten scheuen leider die Theorie wie der Hoeneß die Steuerbehörden. Und insofern bleibt ihre Praxis wirkungslos, im reinen Aktionismus oder im pseudolinken Jammersound hängen.

Handeln innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, als Rationalität, der zugleich das Maß des Irrationalen dieser Gesellschaft innewohnt, ist objektiv verstehbar, und es lassen sich die Motive dieses Handelns aufzeigen. Dies ist die Aufgabe einer (qualitativen) Sozialforschung, die sich von der Philosophie als kritischer und den Einzeldisziplinen eben nicht abkoppelt. Und in diesem Sinne ist solche qualitative Sozialforschung – auf eine vermittelnde Weise freilich – ebenso eingreifend konzipiert. Solche Kritik allerdings ist mit dem bloßen Text Max Webers, selbst wenn man ihn nicht in schlechter Hermeneutik so nimmt wie er ist, nicht mehr zu haben. Seine Ordnung ist die bürgerliche des 19. Jahrhunderts – so wie sie ist, in ihrer liberalen Variante. (Liberal war damals übrigens noch kein Schimpfwort. Zu einem solchen haben es die marktliberalen Strömungen des 20. Jhds vom Nationalökononomie-Darwinisten Friedrich August von Hayek bis Friedman und weiter erst gemacht – beide Laufburschen und Büttel des Geldes, nein: des Kapitals. Ökonomie als Ideologie.)

Über die idealtypische Konstruktion gelingt es Weber, eine Kette von soziologischen Grundbegriffen aufzuziehen: Vom Sinnbegriff über den des sozialen Handelns bis hin zu den Begriffen von Ordnung sowie den verschiedenen Herrschaftstypen. Worin Webers Ansatz schult: sich einem Forschungsfeld in einer bestimmten begrifflichen und strukturierenden Ordnung zu nähern. Das kann man allerdings – nebenbei geschrieben – noch viel besser bei Marx in seinem „Kapital“ lernen: wie der Funktionszusammenhang einer Gesellschaft bis ins Innerste aufgebaut ist, und zwar – anders als bei Weber – anhand der dialektischen Begriffsentwicklung, immanent aus der Sache heraus, anstatt daß vom abstrakten Ordnungsschemata her gesichtet wird. Webers „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ liefert eine verkürzte Variante, wie Kapitalismus zu analysieren ist und was seine Prinzipien sind, auf denen er gründet, gleichsam eine Fußnote zum Text von Marx

Interessant am Webers Schriften mag zudem erscheinen, daß es zwar eine Flut von Texten gibt, jedoch nichts, was man im klassischen Sinne als sein Hauptwerk bezeichnen kann. Der fulminante Band „Wirtschaft und Gesellschaft“ besteht aus verschiedenen gesammelten Aufsätzen. Weber schrieb besessen Aufsätze – ein Werk im Fragment.

Tragender Aspekt in Webers Werk und Wirken ist seine Auseinandersetzung mit der okzidentalen Moderne: dem „Stahlgehäuse des Kapitalismus“, der „Entzauberung der Welt“ sowie die westliche moderne Rationalität, die auf eine solche der Zwecke hinausläuft und auf der die kapitalistische Gesellschaft fußt. Weshalb konnte gerade diese Form von Gesellschaft alle übrigen Formationen und Varianten überwuchern und bezwingen? In diesem Sinne scheint mir Max Webers Reise in die USA im Jahre 1904 bedeutsam – jenes Land, das die Moderne in nuce verkörpert und das 20. Jahrhundert wie kein anderes in seiner technischen, politischen, industriellen und kulturellen Entwicklung bestimmen sollte. Jenes Land, in dem der Kapitalismus für das 20. Jahrhundert in seiner härtesten und brutalsten Ausprägung angelegt ist. Ausführlich schildert Lawrence A. Scaff in seinem Buch „Max Weber in Amerika“ die Reise von Max und Marianne Weber durch die USA. (Eine Besprechung gibt es hier in der FAZ.)

Ein ungeheuer instruktives Buch, so zum Beispiel wenn die Webers die Schlachthöfe Chicagos besuchen, das Phantasmagorische der Stadt, seiner Bevölkerung und insbesondere die Massen der Arbeiter wahrnehmen. (Unvorstellbar immer noch, wie diese Masse der Arbeiter auf Dauer ruhig gestellt wurde, ohne das Haus samt Fundament in Stücke zu hauen und sich nicht nur den Kuchen, sondern sogleich die gesamte verdammte Bäckerei zu nehmen. Insofern ist es im Sinne Michel Foucaults durchaus angebracht, ebenso einen soziologischen Blick auf die Mechanismen der Macht zu werfen, die das Handeln noch bis ins Denken und in die Regungen der Körper hinein besetzen.)

Weiter geht die Reise der Webers nach St. Lous zum „Congress of Arts and Sciences“ am 19. September 1904, dabei fällt Webers Blick ebenso auf den Rassismus der USA, als er deren Süden bereist. Im 2 Teil widmet sich das Buch dann der Weber-Rezeption in den USA. Es ist als Überblick also unbedingt zu empfehlen – zumal es, was für viele ein Lese-Kriterium abgibt, sehr lebendig erzählt ist.

Max Weber ist einer der Theoretiker der Moderne, der ihre Ausprägungen von Rationalität, Herrschaft und Handlung in den Blick nahm und der die Komplexität derselben eben nicht in jener holistischen Theorie zu fassen vermochte, sondern in Ansätzen und Aufsätzen fragmentarisch umkreiste: eine Moderne, die mit dem Ersten Weltkrieg die Ordnung der Welt massiv änderte, mikrologisch bis ins Detail hinein umpolte. Eine Moderne, die unter dem Titel des Kapitalismus unsere Lebens- und Systemwelten noch heute bestimmt. Max Weber erlebte diese Wucherungen – bis hinein in den Stalinismus und Auschwitz als Zivilisationsbruch sowie der Bedrohung durch die Atombombe – nicht mehr. Er verstarb 1920 an der Spanischen Grippe. Seine Texte, insbesondere die in „Wirtschaft und Gesellschaft“ entfalten Sichtungen und Aspekte, geben deskriptiv darüber Aufschluß, wie es in der Kältekammer der Moderne zugeht, sie kreisen darum, wie sich jenes Stahlgehäuse konstituierte und auf welche Weise seine Begrifflichkeiten in der Praxis wirken.

[Im Zusammenhang mit jener Pandemie, die als Spanische Grippe zwischen den Jahren 1918 und 1920 weltweit rund 50 Millionen Todesopfern forderte, sei auf eine Darstellung von Wilfried Witte verwiesen: „Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe“. Ein Buch, in dem Soziologie, Sozial- und Medizin- und Kulturgeschichte sowie Politik sich durchdringen und das eine ungewöhnliche Sicht auf diese Pandemie liefert.]

7 Gedanken zu „In den Kältekammern der Moderne – Max Weber zum 150. Geburtstag

  1. Klima, geographische Lage, biologische Lebenswelt mögen alles Faktoren sein, die die Umstände bestimmen, wie sich Regionen entwickeln. Eine Erklärung, weshalb es zur Ausbildung kapitalistischen Gesellschaften liefern sie jedoch nicht. Die geographische Lage oder das, was man geopolitische Bestimmung nennt erklärt nicht, wie es zu unterschiedlichen Denksystemen bei gleichen geographischen Bedingungen kam. Insofern ist das Buch sicherlich anregend, wie schon „Kollaps“, aber es liefert lediglich Teilaspekte.

  2. Pingback: Bleibt da was? Max Webers 150. Geburtstag

  3. Interessanter Text. Ich befasse mich nämlich gerade mit dem Thema Macht und Herrschaft, aus studierenden Gründen.
    Das Feld der Machtkonzepte, musste ich feststellen, ist heute ein sehr unübersichtliches.
    Und über Macht und Herrschaft liest man ja immer wieder viel von Weber, deshalb war mir das zu lesen doch mal eine geistige Erfrischung. Weniger auf den Machtbegriff fokusiertes.

    Allerdings wenn ich mir allein die Zusammenfassung auf der Wikipedia durchsehe, scheint mir, dass alle diese Definitionen und Betrachtungsweisen auf die Sicht von Weber zurückgehen und dessen Definition schon irgendwie die Essenz darstellt.
    Kritik aber an Webers Machtbegriff, kann seine bewusstseinsphilosophische Prämisse, sein Reduktionismus oder vorallem seine (ja oft von manchen beklagte) Negativität sein.

    Ich möchte das jetzt nicht weiter ausführen, aber was Macht ist und in welchem Verhältnis sie zur Herrschaft, Gewalt, Zwang, Freiheit oder Wissen steht ist alles andere als Konsens in Philosophie oder Wissenschaft. Darum lassen sich wohl auch im Kern die verschiedenen Konzepte nicht auf Weber reduzieren.

  4. Theorien der Macht gib es wohl zahlreiche. Weber selber spricht ja eher von Herrschaft. Ich bin kein Politologe und kenne deshalb die Details nur wenig. Bei einem in der kapitalistischen Gesellschaft verankerten Begriff von Politik wird man immer die Macht mitdenken müssen. Eine Politik ohne Macht ist keine Politik, sondern bleibt Wunsch. Unter anderen Prämissen mag es anders aussehen. Zur Machttheorie samt der Theorien von Demokratie, Herrschaft und Staat wird man sicherlich eine Vielzahl an Autoren heranziehen können, die ganz unterschiedliche Herangehensweisen haben. Von Machiavelli und Hobbes, über Marx, Carl Schmitt (hier dann mehr Rechtsbegriffe), Habermas als ins Kommunikative und in Diskurse der Öffentlichkeit eingehegte friedliche Variante Weberscher Theorie, insbesondere wenn man Webers Definition von Macht in „Wirtschaft und Gesellschaft“ heranzieht: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Interessant und zugleich ein wenig erratisch ist dabei insbesondere die Formulierung „gleichviel worauf diese Chance beruht.“

    Oder in anderer Weise und unbedingt lesenswert zu diesem Thema ist eben Michel Foucault. Daß es bei Foucaults Denken nicht zu einer Ontologie der Macht kommt, unter der einzig Gesellschaft noch wahrgenommen werden kann, wie man es zunächst nahelegen könnte, wenn man viele seiner Schriften aus den späten 60er Jahren und vor allem in den 70ern liest, liegt wohl daran, daß Foucaults Ansätze des Denkens immer wieder wechseln und die Themen von unterschiedlichen Perspektiven angehen: Von den Dispositiven der Macht, des Wissens oder aber der Sexualität und der Körperpolitik her. Spannend zu lesen ist Foucault allemal, insbesondere in Konfrontation mit Habermas. Ich weiß nicht, wieweit Dich diese Dinge interessieren und inwiefern Du damit befaßt bist, aber ich würde hier, wenn Du nicht gerade die gesamten Texte aus „Dits et Ecrits“ aus den 70ern lesen magst, die beiden im Merve Verlag erschienenen Bände „Mikrophysik der Macht“ und „Dispositive der Macht“ empfehlen. Ausgangspunkt bildet natürlich vor allem der Text „Die Ordnung des Diskurses“ und als umfassendes Werk sei „Überwachen und Strafen“ empfohlen.

  5. Dankeschön für die denkwürdigen Tipps. Ja, ich versuche in die Thematik demnächst mal tiefer einzusteigen, dabei sind mir das hilfreiche Ratschläge. Klar, Foucault, der scheint mir da auch wichtig zu sein. Was ich grob sagen kann, Foucault will sich wohl von der Weber’schen Machtdefinitionen unterscheiden während Foucault und Adorno da eine gewisse Ähnlichkeit besitzen: Foucault grenzt sich von Adorno ab, wenn er davon ausgeht, dass Macht immer auf beiden Seiten und niemals nur einseitig lokalisierbar ist. Aber Adorno beschreibt diesen Zustand zwar ebenfalls als Beziehungsproblematik, nur anders: als Einzelner ist das Subjekt ohnmächtig: Wo Macht bzw. Herrschaft auf der einen Seite ist, ist Gehorsam auf der anderen. Oder so hab ichs verstanden.

  6. Foucaults Texte sind allerdings ganz und gar anders als die von Weber. Foucault wirkt, wie auch Adorno und Horkheimer, in kritischer Absicht. Er kritisiert diese Gesellschaft, die er beschreibt, zugleich. Das macht Weber nicht. Seine Soziologie ist eine verstehende.

    Adorno beschreibt das Subjekt nicht nur als ohnmächtiges, wenn es verzeinzelt ist. Adorno perhorreszierte Kollektive. Gerade in der Besinnung des Einzelnen und in der Kraft zum Denken lagen für Adorno zugleich die Möglichkeit zur Erfahrung und eine emphatisch verstandene Subjektivität, die – im Sinne einer Freiheit zum Objekt – die Dinge als Dinge nicht in den Beschlag nahm. Erst aus diesem Szenario heraus kann überhaupt erst sinnvoll an kollektives Handeln gedacht werden, weil dieses aufgeklärte und mündige Subjekte voraussetzt. Habermas transformiert diesen eher individualen Ansatz einer „Ethik des Widerstands“ dann in die Prozesse kommunikativer Rationalität.

    Die Subjekte sind nicht per se gehorsam, auch wenn die Kulturindustrie und die damit verbundenen gesellschaftlichen Mechanismen prinzipiell das Subjekt dazu anhalten, gefügig und willfährig zu sein.

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