Ortsbestimmungen

„alles ist weniger als es ist,
alles ist mehr“
(Paul Celan)

Heute zeige ich den zweiten Teil meiner Bild-Reportage – oder wie immer man diese Serie nennen möchte – vom Hamburger Fischmarkt. Einige kluge Worte müßte ich noch wählen, um etwas vorweg zu schreiben. Wie wählen, was sagen? Derrida pflegte am Beginn eines jeden Vortrages das Spezifische des Ortes, an dem er diesen Vortrag hielt, herauszustellen und in bezug auf den Vortrag und den Ort eine Markierung im Sinne eines Einmaligen zu setzen, das zugleich in die Wiederholbarkeit eingeschrieben ist. Das Ereignishafte eines Ortes kann diese Bestimmung nur dadurch empfangen, daß jenes Ereignis in eine Struktur der Wiedergabe und der Wiederholung eingebracht ist und also medial vermittelt wird. Die reine Einmaligkeit als dieses eine Mal, dieses eine und einzige Mal, welches danach unwiederbringlich vergeht oder verglüht, was sich entzieht und endgültig verschwindet und selbst in diesem Verschwinden keinerlei Spur mehr hinterläßt, bleibt als Nichts nicht nenn- und sagbar. Es hat dieses eine Mal niemals stattgefunden. Dieser eine Augenblick. Verzückungsspitze und höchste Form der Übersteigerung. Insbesondere die Lyrik, aber ebenso die Prosa verschaffen diesem Ereignis als Fluchtpunkt einer nicht-realen Gegenwart die nötige Präsenz.

„Es kommt also dazu, daß die Gegenwart – und besonders das Bewußtsein, das Beisichsein des Bewußtseins – nicht mehr als die absolute Matrixform des Seins, sondern als eine ‚Bestimmung‘ und ein ‚Effekt‘ gesetzt wird. Bestimmung oder Effekt innerhalb eines Systems, das nicht dasjenige der Gegenwart, sondern das der différance ist, und die Opposition von Tätigkeit und Passivität ebensowenig zuläßt, wie die von Ursache und Wirkung oder von Unbestimmtheit und Bestimmtheit usw., so daß man weiterhin, um das Bewußtsein als einen Effekt oder eine Bestimmung zu bezeichnen, aus strategischen Gründen, die mehr oder weniger luzide erwogen und systematisch kalkuliert werden können, nach dem Wortschatz dessen, was man gerade abgrenzt – ent-grenzt –, verfährt“ (J. Derrida, Die différance)

 Dem einen Menschen, den ich niemals gesehen habe, ein Gesicht zu geben. Den einen Ort, zu dieser einen Zeit begehbar zu machen: Hierfür existiert der Begriff des Kairos. Jenseits jeglicher Immanenz: Und ein Ereignis dauern zu lassen, es in der Schwebe zu halten, es zu verzögern: anwesend sein und doch in der Ferne: Diese Stimme am Telefon. Ich imitierte heute, als sie anrief, einen Anrufbeantworter, sprach mit der blechernen Stimme jener Bandmaschine und fabrizierte für sie einen Ansagetext. Ihr leichtes, ihr helles Lachen daraufhin war schön. Es freut mich jedesmal, wenn ich ihre kalte Struktur sein darf, denn sie weiß mehr als ich je ahne. Es ist ein Kapitel aus der „Phänomenologie des Geistes“: Master and Servant, nein, falsch: Herrin und Knecht.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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