In Memoriam Anja Niedringhaus

anja_niedringhausEs ist das passiert, was ich immer vermutete und befürchtete: Die Kriegsphotographin Anja Niedringhaus wurde in Afghanistan von einem Polizisten erschossen. Ihre Kollegin Kathy Gannon erlitt schwere Verletzungen. Beide arbeiteten für die Agentur AP. Es ist diese Arbeit als Photographin vor Ort eine der gefährlichsten, zumal all  jene Kriegsphotographinnen und -photographen zu keiner Partei gehören – sofern sie nicht als embedded journalist arbeiten müssen. Erschossen werden sie trotzdem.

Niedringhaus‘ Photographien sind eindringlich: sie fing das Spezielle und das Drastische einer Situation ein, zeigte das absurde Besondere im (schlechten) Allgemeinen: so im Irak den Jungen im Kettenkarussell der beim Schwenk in der Runde eine MP von sich streckte, oder es stehen im Grau in Grau des Wüstensandes die Soldaten in ihren staubigen Tarnuniformen zu Weihnachten in Reih und Glied, aus dem Trüben der Nicht-Farben bzw. der gedämpften Farben sticht lediglich das Rot des Weihnachtsmannes heraus. Eine dramaturgisch in der Komposition aufgeladene Szene, die den Aberwitz  zeigt. Menschen, die von rechts wegen zu Hause und nicht in der Fremde ihr Weihnachtsfest hätten feiern sollen, die am Ende ihr Leben für eine Handvoll Profit von Halliburton und Co sowie für Kriegsverbrecher wie Cheney, Bush oder Obama lassen. Deren Namen sind austauschbar, dahinter stehen ganz andere. Marionetten, Charaktermasken, wie Marx so treffend schrieb. Politikerdarstellter.

IMG_0567_web „At war“ heißt ihr Fotoband, der zuletzt bei HatjeCantz erschien, und zwar anläßlich einer Ausstellung ihrer Photographien 2011 im c/o-Berlin. Bilder als Dokumente und zugleich sind solche Photographien immer auch ästhetisch aufgeladen. Das Problematische an solchen Kriegsphotographien ist es, daß aus dem Elend der Situation noch so etwas wie ein Moment von ästhetischer Lust herausgepreßt wird. Kein Dokument bleibt rein Dokument und zeigt das was ist: Comment c’est. Die Gattungen verrutschen. Keine Photographie zeigt uns rein die Wirklichkeit, auch wenn wir uns dies wünschen, sondern jegliche Photographie aus dem Krieg bleibt immer auch überdeterminiert. Die Bilder, die Anja Niedringhaus schoß, entstanden unter den größten Gefahren. Es gibt auf der Welt nur einige Duzend Photographen, die diese Aufgabe wahrnehmen, uns Bilder und Dokumente von Orten zu liefern, die ansonsten keinem Menschen zugänglich sind.

Das Grauen des Krieges bleibt immer das selbe, die Wiederkehr des Immergleichen, der schlechte Mythos, die unendliche Gewalt, die sich perpetuiert. Geschiche, die in rasender Fahrt sich nicht abbremst. Aber die Bilder, die von den zahlreichen Schauplätzen des Krieges auf dieser Welt mitgebracht werden: sie variieren, sie zeigen die Gesichter des Krieges, sie ergreifen manchmal Partei, sie manipulieren, rufen Reaktionen hervor. Früher entschieden Photographien und die medialen Darstellungen einen Krieg, wie in Vietnam. Dies ist heute in der Übermedialisierung nicht mehr umstandslos möglich. Die Photographien von Anja Niedringhaus sind eindringliche Dokumente, zart manchmal, häufig sachlich-brutal, wenn die US-Army ein Dorf im Irak stürmt oder die Frau, die Mutter, die Schwester eines Opfers in den Armen eines Arztes weint. Niedringhaus blickte auf Opfer und auf die Täter gleichermaßen. Unter Einsatz ihres Lebens. Eine der größten Kriegphotographinnen des 20. bzw. 21. Jahrhunderts starb heute im Kugelhagel.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Photographie, Todestage abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu In Memoriam Anja Niedringhaus

  1. Modest schreibt:

    „Was der Erfahrung spottet, soll doch noch erfahren, das Entfremdete soll doch Nähe werden.“ Wenn diese Bilder etwas retten können, dann nur über das ästehtische Moment, welches die Diskrepanz zwischen realen Schrecken und Schönheit des Kunstwerks aufspannt. Anja Niedrighaus Tods schreibt sich so performativ in ihr Werk ein: wissen, dass die Soldaten auf ihren Bildern töten, und wissen, dass sie von einem Polizist getötet wurde, und gleichzeitig die Schönheit wahrnehmen, das heißt Wahrheit erleiden.

  2. Bersarin schreibt:

    Die Bedeutung des ästhetischen Momentes (nicht nur im Sinne von aisthetisch als Aspekt von Wahrnehmung) halte ich ebenfalls für bedeutsam, um der Welt mit dem kritischen Blick zu begegnen und insbesondere, um überhaupt noch standhalten zu können, Zumal eigentlich nur noch im hermetischen Kunstwerk ein Rest von Humanität sich verbirgt, verschließt, überwintert. Anwesenheit und Entzug in einem. Mit dem Begriff der Schönheit bin ich etwas zurückhaltender.

    Die Bilder von Niedringhaus lese ich aber zunächst einmal als eindringliche Dokumente. Mit der These von Photographie als Kunst bin ich ebenfalls sehr zurückhaltend. Zumal ich die These vom Ende der Kunst vertrete. Das Wesen der Kunst hat sich gewandelt, Kunst wie wir sie zur Hochzeit der bürgerlichen Gesellschaft im 19. und im beginnenden 20. Jhd kannten, gibt es in dieser Weise nicht mehr. (Wohl aber noch Kunstwerke, was zunächst einmal wie ein Widerspruch klingen mag.) An der Autonomie von Kunst halte ich (mit Adorno) insofern fest als es darum geht, das hermetische Moment von Kunst stark zu machen und den zupackenden Griff der Aneigungung von Kunst (auch durch die Kunst selber und insbesondere von manchem Künstler) aufzubrechen, indem Sand ins Getriebe getan wird.

  3. Iris schreibt:

    … und es muss auch nicht Kunst oder als solche definiert sein, um bedeutend zu sein.
    Danke für den wertschätzenden Artikel!

  4. Bersarin schreibt:

    Nein, es muß nicht Kunst sein, das ist richtig. Mich interessiert die Frage: Was ist bedeutend? und wie wird es das, wie machen wir diese Bedeutung und weshalb ist das so? Und es hat ja seinen Grund, daß etwa Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“, seiner letzten Kritik, das Naturschöne (das eben keine Kunst ist) nicht aussparte. Anders als Hegel in seiner Ästhetik, dem dieses eine Schwundstufe war. Unbelebte Materie. Erst mit der Ästhetik Adornos erfuhr übrigens das Naturschöne als zur Kunst gehörig wieder eine Aufwertung.

    Niedringhaus ist mir als Photographin sehr wichtig. Danke für Deine lobenden Worte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s