Im Angesicht ihres Todes. Vorblick auf eine Geschichte von Julio Cortázar und Carol Dunlop: Die Autobahnfahrt unter ethnologisch-surrealen Gesichtspunkten

OLYMPUS DIGITAL CAMERA In jener Zeit, die uns bleibt und jene Zeit die unweigerlich vergeht. Wie dieses eine Mal, diese Momente festhalten? Nach dem Ende bleibt die Erinnerung, oder es gerinnt ein Leben in der Literatur zu einem Text, der niemals jedoch vollständig lesbar oder gar entzifferbar sein wird. Zeit-Reisen.

Expeditionen und Reisen können bekanntermaßen recht vielfältig ausfallen, und sie lassen sich in verschiedene Kategorien ordnen. Im Sinne von Laurence Sternes „A Sentimental Journey Through France and Italy“, als Bildungsreise wie Goethe sie nach Italien unternahm oder um der Kanonade von Valmy beizuwohnen; anders wiederum im Geist der Romantik wie Novalis die Reise durch die Welt im „Heinrich von Ofterdingen“ beschrieb oder „Franz Sternbalds Wanderungen“ von Ludwig Tieck, wo sich die Vielfalt der Welt sowie die Existenz des Künstlers eröffnen. Oder aber als letzte Ausflucht USA, wie sie der später konservative Schriftsteller Jack Kerouac in seinem Werk „On the road“ dichtete – Exzeß, Literatur und Kulturindustrie verbanden sich hier bereits unheilvoll: ein Buch wie ein Hollywoodfilm, und Schreibanweisungen am Ende des Romans, wie sie dann einige Jahre später beim creativ writing standardisiert gelehrt und institutionell verbraten wurden.

Es gibt aber genauso eine Art zu reisen, die jene Orte zielsicher ansteuert, welche der Ethnologe Marc Augé als „Nicht-Orte“ bezeichnete und wofür sich ebenfalls der Begriff „Lost places“ eingebürgert hat. (Bekanntlich ist ja sowieso der Weg das Ziel: die Reise bzw. der Reiseweg als Selbstzweck, wie eine Phrase lautet.) Ausgewählt öde Orte eben, frei von Anheimelndem oder Freundlichkeit, Funktionsorte, bloße Räume des Transits, des Warenverkehrs, des Transportes, um von hier nach dort zu kommen: Wartehallen, funktionale Markthallen, Autobahnen, Flughafentransiträume, Shoppingmalls, Abschiebegefängnisse. Ort, die unserer Aufmerksamkeit zunächst entgehen und die die meisten Menschen einfach nur benutzen, an denen sie vorübergehen und die sie für häßlich halten, obwohl sie es womöglich gar nicht sind.

Eine solche Reise über die Autobahn von Paris nach Marseille unternahmen der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar und seine Lebensgefährtin, die US-Amerikanerin Carol Dunlop. Sie reisten im Mai 1982 mit einem VW-Bus, den sie Fafnir nannten, über jene Autobahn. Am Ende des Jahres 1982 wird Carol Dunlop an ihrer langjährigen Krebserkrankung sterben. Es ist diese gemeinsame Fahrt ungewußt eine letzte gemeinsame Reise; hin zum Tod. Ein sich innig liebendes Paar muß Abschied voneinander nehmen. Sie wissen es und sie wissen es zugleich doch nicht. Liebe mag ewig halten, das Leben nicht. Ein Jahr später stirbt auch Julio Cortázar.

Diese Reise oder besser: diese Expedition in den Alltag der profanen Welt des Durchgangsverkehrs hinein erfolgt unter bestimmten Regeln. Diese gehen wie folgt und so heißt es bei Cortázar/Dunlop:

„1. Die Strecke Paris–Marseille zurücklegen, ohne ein einziges Mal die Autobahn zu verlassen. 2. Alle Rastplätze erforschen, und zwar jeweils zwei pro Tag, wobei auf dem zweiten immer und ohne Ausnahme die Nacht zu verbringen ist. 3. Auf jedem Rastplatz wissenschaftliche Erhebungen durchführen und die entsprechenden Beobachtungen aufzeichnen. 4. In Anlehnung an die Reiseberichte der großen Forscher der Vergangenheit ein Buch über die Expedition schreiben.“

Die Freiheit der ästhetischen Form ergibt sich häufig durchs Regelwerk und macht am Ende das Denken zu einem ganz besonderen Experiment in Prosa frei. Aus dieser Reise in tiefster Liebe zweier Menschen, zwischen Spiel und Regel und hin in den Tod, von dem sie beide zu Beginn zwar nichts wissen, den sie jedoch ahnen, erzählt jenes wundersame Buch „Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris–Marseille“ unter anderem. Es wurde in diesem Jahr bei Suhrkamp neu aufgelegt und übersetzt.

In der Rezension der „Jungle World“ heißt es:

Doch trotz aller Militanz auf der einen und Verspieltheit auf der anderen Seite ist „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ ein melancholisches Buch über eine große Liebe und die Unfassbarkeit des Todes. Die Zärtlichkeit, mit der sich das Bärchen und der Wolf gegenseitig beschreiben im Kontrast zur Traurigkeit des Nachwortes, das Cortázar allein auf der Welt zurückgelassen verfasst hat, lassen den Schmerz erahnen, der die beiden auf ihrer Reise begleitet hat. Mit dem Wissen um die Krebserkrankungen beider liest sich das Buch wie ihr Versuch, das Wissen um den Tod in Paris zurückzulassen und im Niemandsland der Autobahn, einem Raum, der nicht zum Leben, sondern rein funktional gedacht ist, einen Ort zu finden, der Tod und Krankheit nicht kennt, sondern nur das Spiel, die Zweisamkeit und die Liebe. Diese Hoffnung wird von Carol Dunlop formuliert: „So groß die Dunkelheit auch sein mag, es gibt keine Finsternis, die mich zur Umkehr zwingen könnte. Wir werden die Autobahn nicht verlassen, Geliebter, weder in Marseille noch sonstwo. Es gibt keinen anderen Rückweg als die Spirale.“

Was für ein wunderbarer Satz, der auf den Punkt bringt, in welch tiefer Weise zwei Menschen einander gehören und beieinander sind!

Wie ist es und wie fühlt es sich an, wenn der eine, dieser einzige geliebte Mensch vor einem selber gehen muß? Tieftraurig und doch von der süßen Melancholie getragen, daß zwar alles endet, aber niemals vergeblich und verloren ist, scheint mir dieses Buch. Ich werde es nächste Woche lesen und dann in diesem Blog besprechen. Zumal Julio Cortázar in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag begeht, sofern er ihn denn irgendwie und irgendwo begehen kann. (Im magischen Realismus mag vieles möglich sein.) Ansonsten werden wir es naturgemäß hier im Blog am 26. August tun. Immerhin gehört Julio Cortázar zu den bedeutendsten Schriftstellern, die die Literatur des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Der Roman „Rayuela“ kann wohl zu recht als eine Art Auftakt für eine ganz neue Weise von Literatur gelesen werden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Im Angesicht ihres Todes. Vorblick auf eine Geschichte von Julio Cortázar und Carol Dunlop: Die Autobahnfahrt unter ethnologisch-surrealen Gesichtspunkten

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Vielleicht war ja auch der eisame Park in „blow up“ so ein Nicht-Ort, der durch den Mord zum Ort wurde. Meines Wissens hat Cortázar an dem Drehbuch mitgeschrieben. Das in dem Film geplante Fotobuch ist ja auch eine Reise mit einem Ausgang, ganz anders als zunächst angenommen…

  2. Bersarin schreibt:

    Im Sinne von Marc Augé wäre jener Park in London wohl kein Nicht-Ort. Aber es handelt sich um einen Ort, an dem etwas umswitcht und das Spiel zwischen Realität und Hyper- oder Anders-Realität beginnt. Magischer Realismus bzw. eine besondere Variante des Surrealismus wird Cortázar zugeschreiben. Was ist die Realität, was die Phantasie, im Taumel der Drogen, im Rausch des Swinging London? Antonionis „Blow Up“ beruht auf einer Erzählung von Cortázar, nämlich „Der Teufelsgeifer“. Was für ein feiner Name. Den Film möchte ich hier im Blog demnächst besprechen. Darauf freue ich mich schon sehr. Allerdings sind vorher einige andere Auftragsarbeiten zu erledigen.

    Liebe Grüße von Berlin nach Berlin

  3. zeilentiger schreibt:

    Die Verbindung zwischen Cortazar und „Blow Up“ war mir nicht bekannt (oder längst wieder verloren gegangen im täglichen Zellensterben) – danke für den Hinweis. Den Ausblick auf diese Autobahnreise habe ich gern gelesen. Mir scheint, von der Lektüre könnte ich nur gewinnen.

  4. Bersarin schreibt:

    Ich kann die Autonauten auf der Kosmobahn nur wärmstens empfehlen. Vielleicht schreibe ich darüber. Und auch Blow up steht noch aus..

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