Auf dem Fischmarkt morgens um acht: Der wahre Wert ist der Warenwert

Es kommt mir diese Überschrift irgendwie bekannt vor. Als wär’s von mir bereits an einer Stelle in diesem Blog einmal gedichtet oder geschrieben worden. Preußisch klar, hanseatisch kühl. Ich, der Schreiber der Frankfurter Schule. Letztes Relikt, auf der ästhetischen Negativität beharrend. Theorie, die kritisch ausfällt, ist nicht gerne gesehen. Aber gerne haben sich alle gern. Im Sinne einer Tagebuch-Notiz von Thomas Mann geschrieben: Heute in Literaturblogs gelesen: entsetzliches Gewäsch, schwer erträglich. Weshalb gibt es in der Blogwelt kaum bis selten gute Literarturkritik, sondern bloß Schmalspurschreiber:innen? Ich möchte etwas lernen und lese den Ranz der Befindlichkeiten. Ich möchte nicht lesen, weshalb der Blogger X oder die Bloggerin Y etwas für subjektiv gut oder schlecht befindet, sondern ich möchte etwas über Bücher erfahren und was darin webt und wirkt. Weshalb kann kaum eine/r adäquat eine Analyse durchführen, weshalb ist kaum eine/r noch fähig, Literatur im Kontext zu lesen und ausgreifende Bezüge herzustellen, zu assoziieren und bspw. von Schalansky auf Musil zu kommen? Weil nicht mehr ausufernd gelesen wird, sondern Wonneverbreitung stattfindet. Das Verhältnis zum Buch ist rein warenförmig geworden, was sich insbesondere im Befindlichkeitskuscheln zeigt, wo Literatur dazu dient, den eigenen Referenzrahmen zu untermauern. Vielleicht sollte ich eine Blogroll der schlimmsten Blogs machen, die Umgang mit Büchern pflegen. Sozusagen als Triggerwarnung.

„Seit mit dem Ende des freien Tausches die Waren ihre ökonomischen Qualitäten einbüßten bis auf den Fetischcharakter, breitet dieser wie eine Starre über das Leben der Gesellschaft in all seinen Aspekten sich aus. Durch die ungezählten Agenturen der Massenproduktion und ihrer Kultur werden die genormten Verhaltensweisen dem Einzelnen als die allein natürlichen, anständigen, vernünftigen aufgeprägt. Er bestimmt sich nur noch als Sache, als statistisches Element, als success or failure. Sein Maßstab ist die Selbsterhaltung, die gelungene oder mißlungene Angleichung an die Objektivität seiner Funktion und die Muster, die ihr gesetzt sind.“
(Th.W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung)

Immer schön bei der Stange bleiben. Mit Zen und Zinnober oder mit Kunst und Kultur, mit Event und inszenierter happiness, mit kleinem Glück im stillen Winkel. Mit Gedicht oder Gesöff.

Wer auf den Hamburger Fischmarkt will, sollte früh aufstehen oder durchmachen, so lautet die Binsenweisheit. Dies gilt auch für den Photographen. Bilder von jenem jeden Sonntag stattfindenden Ereignis gibt es auf meinem Photographie-Blog „Proteus Image“ zu sehen. Hamburg im Nebel ist apart anzuschauen. Der Betreiber des Blogs wünscht beim Betrachten der Bilder viel Freude.

Photographien sind immer ein Stück weit auch Literatur. (Zumindest sind sie eine Weise des Textes.) Sie zeigen, sie erzählen. Am liebsten würde ich diese Struktur des Erzählens und Zeigens unterlaufen. Die Photographie inszeniert jenes „Es ist so gewesen“, sie setzt die Augenblicke in Szene, sie lügt und spricht wahr in einem Zuge. Das beste an einer Photographie ist es, wenn sie die Szene abbricht und aussetzen läßt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter die Stadt und der Tod, Fetzen des Alltags abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Auf dem Fischmarkt morgens um acht: Der wahre Wert ist der Warenwert

  1. zeilentiger schreibt:

    „[…] sondern Wonneverbreitung stattfindet.“ In der Tat.

  2. neumondschein schreibt:

    Vielleicht sollte ich eine Blogroll der schlimmsten Blogs machen, die Umgang mit Büchern pflegen. Sozusagen als Triggerwarnung.

    Hervorragende Idee! …die Blogroll für jedermanm. Einzige Bedingung ist, Literaturkritiken zu veröffentlichen, die Bersarin nicht in den Kram passen. Das müße doch zu schaffen sein! Und damit garantiert jemand auf Dein Blog kommt, fügt Bersarin extra für Dich noch eine Triggerwarnung hinzu: „Achtung: Ganz furchtbarer Blog!“, damit Bersarins Leser dann auch garantiert, Deinen Blog aufsuchen, nur um zu erfahren wie furchtbar Dein Blog ist.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Neumondschein
    Es geht nicht um Literaturkritik, die mir nicht in den Kram paßt, sondern um den Befindlichkeitsstrunz, der abgeseiert wird, um überflüssiges Literatur-Bloggen, dessen Verfassen und dessen Lesen gleichermaßen Lebenszeit kosten. Die Kritiken von MRR (seinerzeit) oder von Fritz J. Raddatz bspw. passten mir auch nicht immer. Aber es handelte sich dabei dennoch um anregende Kritiken, über die sich diskutieren läßt.

    Ansonsten ist mir Zeit zum Lesen und Schreiben zu kostbar, um mich mit solchen Blogs abzugeben. Mein Vorschlag war insofern von Ironie oder Sarkasmus getragen. Mehr nicht. Wenn wir auf diesem Blog vier oder fünf Mitarbeiter wären, ginge das Projekt. Als One-man-Show läuft es nicht.

  4. JimKnopf13 schreibt:

    Meine (nicht belegte) These ist, es liegt an Amazon. Die Kundenrezension ist das Ideal der Buchkritik geworden. Die Idee der Kundenrezension ist dabei ja gar nicht schlecht, aber dass das so eine Karriere macht: Inhaltsbeschreibung + find ich gut/nicht gut, dass das auf so vielen Blogs zelebriert wird, ist schon erstaunlich.

  5. Bersarin schreibt:

    Da sehe ich wieder, wie falsch es ist, bestimmte Dinge zu ignorieren. Nie habe ich dort irgend eine Besprechung gelesen. Aber Deine Beobachtung hat vermutlich etwas für sich: Inhaltsbeschreibung plus „Like“- oder „Dislike“-Knöpfchen. Auf diese Idee bin ich bisher nicht gekommen, aber sie hat etwas für sich. Zumindest leuchtet sie mir zunächst ein. Man müßte das anhand von Literaturblogs und Amazon-Kritiken verifizieren.

  6. zeilentiger schreibt:

    Buchrezensionen habe ich fast nie auf amazon gelesen, aber es gibt eine – eine ganz bestimmte – Musikrezension dort (zu King Crimson: „Red“), die ich immer wieder mal lese. Die ist es mir wert.

  7. Bersarin schreibt:

    Ausnahmen gibt es sicherlich. Im ganzen aber mißtraue ich dem System Amazon und halte davon nicht viel. Danke aber für den Hinweis, ich werde diese Rezension lesen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s