Ob ihr verblendet oder erhellt: Pop Pop Pop Musik: Talk about. Zwischen Bowie und Heino, zwischen Kommerz und Kritik

Zum Thema Pop gibt es viele Ansätze, die SPD schuf einst sogar – wie passend – das Amt eines Pop-Beauftragten, und es wird das weite Feld des Pop teils gehypte und auf einen Thron gehoben, der erstaunen läßt. Die Freude am Pop hat dabei viele Ursachen. Wie ein Thema angehen, das so viele Bereiche berührt? Das Phänomen Pop kann man rein binnenästhetisch von der Musik selber betrachten. Da bleibt dann, so vermute ich, in den meisten Fällen nicht viel von diesem Liedgut übrig. In der Regel werden eingängige Akkorde gebraucht, Tonfolgen, die im Ohr bleiben, Klänge, die die Sinne berühren, ohne daß sich diese Klangfolge tiefer in der Logik des Materials gründet. Selbst die innovative, großartige Band „Velvet Underground“ dürfte in dieser rein ästhetischen Perspektive deutlich schrumpfen. Aber für die Musikästhetik und die Partituren bin ich nicht hinreichend kompetent, um ins Detail zu gehen.

Die andere Weise, sich dem Phänomen Pop zu nähern, geschieht diskursübergreifend. So wie Diedrich Diederichsen in seinen Texten – jüngst in seiner neuen Veröffentlichung mit dem eingängigen, fast schon apodiktischen Titel „Über Pop-Musik“ oder aber das gelehrige Werk von Thomas Hecken „Pop. Geschichte eines Konzepts von 1955 bis 2009“. Da verschränken sich soziologische und musikästhetische Betrachtungen mit solchen der Kunst und der Medientheorie, da werden die Übergängigkeiten in den Musikstilen gezeigt und die Notwendigkeit solcher Verquickungen gedeutet. Der Sound und der Groove der Musik als Lebensstil werden in den Diskursrahmen gebracht.

Das Problem beim Phänomen Pop ist zunächst die Geschmacksästhetik, die Pop-Musik wesentlich konstituiert: Einst gab dieser Begriff des Geschmacks in der Betrachtung von Kunst eine emanzipative Kategorie ab und legte im 18. Jahrhundert Protest gegen den Regelkanon, gegen die Regelpoetik ein, anhand derer ein Kunstwerk zu verfertigen sei und an dem es sich auszurichten habe: Kunst als eine Form der techné: der Künstler beherrscht sein Metier. Der Geschmack brach diese Verhärtung auf. Über den Begriff des Geschmacks habe ich hier im Blog relativ ausführlich geschrieben.

Mittlerweile ist der Geschmack – nicht nur in der Kunstbetrachtung, sondern insbesondere im Pop – zur Ausrede für die subjektive Befindlichkeit geworden. Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall. Was dem einen sein Bowie, ist dem anderen sein Heino. Was dem einen seine Einstürzenden Neubauten sind dem anderen die Zillertaler Schürzenjäger. Etwas überspitzt geschrieben. Sinnlichkeitssurrogat Musik – je nach Lebenswelt und Lebensstil. Wenn im Pop der Geschmack die einzig bestimmende Kategorie sein sollte, dann ist jegliche Wahl eine Frage der persönlichen Präferenz. Das eine Meinen so gut wie ein anderes Meinen und Sinnen, und damit jeglicher Disput sowie jegliche ästhetische Kritik überflüssig. De gustibus non est disputandum. Nur auf der Ebene des Binnenästhetischen und im gesellschaftlichen Moment sowie in der soziologisch gewichteten Hörer/innen-Situation werden sich zwischen Heino und Bowie Unterschiede ausmachen. Auf der Ebene des Habitus handelt es sich um zwei Lebensmodelle, die so oder anders gleichberechtig nebeneinander stehen. Geschmacksfragen eben. Taumelnd mit Neubautens „Sehnsucht“ zechend durch die Nacht ziehen oder im eingehakten Gleichschritt mit dem braunschwarzen Haselnußmädchen, das im Schritt sauber geduscht riecht, durch die Shopping-Mall schreiten. Was aber ist das Kriterium der Differenz und das für richtig und falsch?

Allerdings ist das Phänomen des Pop zu komplex, um es nur auf Geschmacksfragen herunterzubrechen. Beatles oder Rolling Stones? Wie es „Metric“ in ihrem schönen Stück „Gimme Sympathy“ sangen. Pop bedeutet auf der Ebene der Analyse die Diskursverschränkung des Verschiedenen in den Blick zu nehmen – von Mode über Soziologie bis hin zur Kunsttheorie. Diese unterschiedlichen Gebiete der Theorie bzw. der angewandten Künste durchdringen wiederum die Lebenswelten. Und auf der Ebene der Lebenswelt ist Pop das Leben in nuce – zumindest für die, die daran glauben und gegen das falsche Leben entweder ihren Eskapismus oder eine andere Weise von Dasein setzen wollen, weil das Leben, in dem die Menschen leben, lange schon nicht mehr lebt. Pop eröffnet Räume und Pop ist der Reflex auf die beschädigte Welt: selbst noch in seiner eskapistisch-affirmativen Jukebox-Version und erst recht in der Variante des Pop, die sich emphatisch und kritisch versteht. Aber der Satz Adornos, daß es kein richtiges Leben im falschen gebe, bleibt dennoch bestehen und dürfte schwierig zu entkräften sein, sofern man nicht einer Kinderferienlager-Privatutopie huldigt.

Was die Diskursverschränkung anbelangt, so gehört zum Phänomen des Pop ebenso der Stil, die Inszenierungs-Szenerie, die Distinktion und der exzeptionellen Musikgeschmack dazu. Vor allem aber handelt es sich beim Pop um ein wirkungsästhetisches Phänomen, das an unsere Lebenswelten und unser Selbstbild anknüpft: Wie wir leben wollen, wie wir uns selber innerhalb von Mode, Kunst und Habitus verorten: Pop als Verausgabung und kalkulierte Verschwendung oder aber als Kompensation, um die Anmutungen der durchkapitalisierten Welt für eine Weile zu vergessen. Pop hat mit dem Selbstbild zu tun und insofern ist dem Pop in gewissem Sinne die Musik eher akzidentiell – ob Schlager, Hip Hop, Rock oder Jazz. Im Phänomen Pop steckt wesentlich die Warenwelt – zu der es kein Jenseits gibt: deren Immanenz ist total. Pop ist einerseits der hilflose Protest dagegen und zugleich deren Fortschreibung. Mode als Gegenmode mit anderen Mitteln und am Ende doch immer im Rahmen bleibend.

Wie ging Mitte der 80er die Werbung des Kaufhofs, als Punkrock seinen Zenit längst überschritten hatte? „Wir machen aus Punk Prunk!“ oder war es „Prunk mit Punk bei Kaufhof“? ich weiß es nicht mehr genau: Schöne Nietengürtel, Lederjacken im Abrißschick und andere Accessoires wurden für das richtige Image käuflich bereitgestellt: was Du auch machst, mach es nicht selbst. Wo andere früher mühsam durchs Karo-Viertel oder durch SO 36 streiften, damit sie der Inszenierung von Individualität nachkamen, oder wo junge Menschen in die wilde Bricolage verfielen, da gibt es nun die passende Garnitur ebenso im Kaufhaus zu erstehen. (Zumindest solange sie sich gewinnbringend verkauft.) Heute müssen wir dieses Basteln mit einem Song von Tocotronic ergänzen. Im Grunde jedoch kam in dieser Werbung des Kaufhofs Punk wieder bei sich selber an: Im Warenhaus nämlich, von dem er über die Modedesigner Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in seiner populären Variante seinen Ausgang nahm. Dies ist die Gefahr jeglicher Pop-Musik. Aber auch die jeglicher Kunst – insbesondere der bildenden. Sie alle wollen gerne mit ihren Bildern in der Deutschen Bank hängen.

Pop markiert die feinen Unterschiede: Dumpfer Popper oder subtiler Pop(per)-Dekonstrukteur, auf dessen Musikzettel Palais Schaumburg steht? Walter Benjamins Destruktiver Charakter sowie sein Kunstwerkaufsatz gekreuzt mit der Attitüde des Kunstpunks oder riechender Rotzlöffelpunk, am Straßenrand lagernd und „Exploited“ auf der Jacke gesprüht? Pop in seiner aufreizenden Variante paart sich als Habitus und im Sinne ästhetischer Souveränität übers herkömmliche Bürger- oder Kleinbürgerleben (unserer Eltern) mit den künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jhds, wie Dada und dem Surrealismus, und mit dem Dandytum des 19. Jahrhunderts. Aber Pop spürt zugleich dem Leben in seiner (vermeintlichen) Intensität nach, jenem Möglichkeitssinn, der in dem einen unvergeßlichen Augenblick dieser einen Nacht wohnt. Eine durchwachte, auf einer Party oder in einem Club mit Musik zertanzte, verrauchte, in Alkohol oder anderen Drogen geschwängerte Nacht. Genau diese eine Musik, dieser eine Sound, dieser Klangteppich, in dem sich Beat an Beat reiht. Dieser eine Ritt durch diese eine besondere Nacht. In der Pop-Musik verbindet sich das affektive Erleben mit einem Konzept vom Leben als einem Kunstwerk, das in jener Nacht den Schund der Tage zum schönen Schaum und zum sinnlichen Scheinen verwandelt. Pop ist ein aisthetisches Phänomen.

Und es ist die Pop-Musik während einer solchen Nacht Narkotikum, Anästhetikum, Augenblicksdehnung und Kraftspeicher für Neues in einem. Dies gilt für die unterschiedlichsten Musikstile, und dies ist unabhängig von der musikalischen Qualität des Gespielten. Zu solcher Regung sind simple Rock-Mucker in Maffay-Manier mit schlammcatchenden wohlgeformten Biker-Weibern auf Festivals und SPK-Eingeweihte im darkroom of music fähig. Lediglich die popkommerzielle Bekanntheit oder eben Ungekanntheit und das noch nicht vollständig warenförmig Gemachte, der Grad des Szenigen und des Exzeptionellen bildet hier das Distinktionsmerkmal zwischen denen, die übers Herkömmliche nicht hinauskommen und dem Connaisseur des Subtilen. Gelungener Pop ist eben auch die Differenz zwischen den Spacken und denen, die es besser wissen. Was uns die Pop-Kritik von Spex (einst) oder Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ gut vor Augen führen. Die Magie, der Schauer und der (manchmal inszenierte) Wahnsinn des Pop beruhen nicht nur, aber vielfach auf einer kalkulatorischen Inszenierung, die sich an den Moment knüpft und diesen abpaßt, auskostet und in neuen Popstücken wiederum konserviert. Das System Pop ist damit zugleich ein selbstreferentielles. Das Bier aber kostet so oder so 3 Euro fünfzig.

Was ist der Fortschritt beim Hören der Pop-Musik? Früher mußten wir uns abmühen und in die vielen Platten hineinhören oder das Ohr ans Radio pressen, um auf bestimmten Sendern wie AFN oder im NDR-Musikclub den einen Sound, dieses eine Stück herauszuhören und es sogleich weiterzuerzählen. Es war jener Kult, als erster dieses oder jenes Lied, diese oder jene Band für den Kreis der Freunde „entdeckt“ zu haben: es gab jene wunderbaren Musiktrüffelschweine, die immer das richtige fanden, und von dem wir beim gemeinsamen Hören oder beim Konzertbesuch dann profitierten. Diese eine Band, die alles bisherige topte und die bisher in der In-group keiner hörte. Diese umständliche Ochsentour samt subtiler Kennerschaft und mit dem Entdeckerblick versehen muß heute kein Jugendlicher mehr unternehmen. Heute weist uns iTunes darauf hin: Wer gerne EMA gerne mag, der wird auch xyz gerne hören. So bildet sich der persönliche Kanon populärer Musik.

Pop-Musik ist ein zwiespältiges Phänomen: emanzipativ einerseits, weil es bestimmten Gruppen überhaupt erst Möglichkeiten zum Ausdruck bietet, die ihnen im offiziellen Betrieb der Kultur niemals geboten würden, und ein Phänomen der kalkulierten Reaktion, der präformierten Gefühle und der Standardisierung von Leben in einem.

Einen unfreiwillig guten Dienst erwies Heino der Popmusik übrigens mit seiner Platte „Mit freundlichen Grüßen“, indem er zeigte, wie banal manches Lied ausschaut, wenn es vom falschen Sänger richtig intoniert wird.

Vergiftet sind wir so oder so. Mit den Liedern im Kopf und dem System, das wirkt. Pop-Musik kann jene auf den Punkt gebrachte Regung sein. Und es korrespondiert in diesen Kontexten manchmal der (vermeintlich) heterosexuelle Mackerrock in seiner feinen Variante mit dem lyrisch gestimmten Lied.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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