Daily Diary (99) – Singbarer Rest

„Aber die Freiheit in der Wahl der Ideologie, die stets den wirtschaftlichen Zwang zurückstrahlt, erweist sich in allen Sparten als die Freiheit zum Immergleichen. Die Art, in der ein junges Mädchen das obligatorische date annimmt und absolviert, der Tonfall am Telephon und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im Gespräch, ja das ganze nach den Ordnungsbegriffen der heruntergekommenen Tiefenpsychologie aufgeteilte Innenleben bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu machen, der bis in die Triebregungen hinein dem von der Kulturindustrie präsentierten Modell entspricht. Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommen verdinglicht, daß die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“
(Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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17 Antworten zu Daily Diary (99) – Singbarer Rest

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Manchmal ist es so, dass ich nicht aufhören kann mich an zufällig erhaschten Darbietungen der Kultur- und Unterhaltungsindustrie sattzusehen. So einst als in einer Sendung das Modeln „erklärt“ wurde. Der Trainie dozierte zunächst, wie falsch es sei, an die äußeren Werte beim Modeln zu glauben, derweil ein im Hintergrund sitzendes „Supermodel“ unterstützend den Kopf schüttelte („nein doch nicht darauf kommt es an“), sondern – surprisesurprise –
    auf „personality“ so der Trainer und diesmal nickte das „Supermodel“ im Hintergrund heftig zustimmend. „Ja genau“.
    Es kam noch besser: Ein Scheitern bei der Modelkarriere wurde nachgerade als ein Ausdruck genau dieses „Irrtums“ hingestellt. Wer es nicht geschafft hat, hat eben nur an die Äußerlichkeit geglaubt, das kann ja nichts werden…..

    …wie gesagt, manchmal kann ich mich nicht satt sehen beim unfreiwilligen Demaskieren dieser menschlichen Bruchstücke. Man kann wohl davon ausgehen, dass diese rudimentären Ichs niemals Adorno und Horckheimer lasen (nicht den Max vergessen!). Dennoch entsprach ihr Verhalten der HorckheimerAdornoschen Analyse. Das nennt man ja wohl eine Antizipation!

  2. ziggev schreibt:

    ich gebe es unumwunden zu: ich bin ein absoluter Fan von DSDS. Es ist immer ein Heulen und Zähneklappern, wie diese verletzlichen Seelchen nur umso mehr hervorscheinen, wenn sie ihren Vortrag dem Immergleichen und schon tausendmal dagewesenen Präfigurierten anzuähneln versuchen.

    Nur Marianne Rosenberg hatte Sinn fürs Schräge. Als „Elif“ sich (mit Erkältung) an einem Soul-Titel abmühte, hätte sie „da oben“, also bei den hohen Tönen, eigentlich ganz schöne Sachen mit ein paar Blue-Notes gemacht (eine Frechheit, allein dass Bohlen das einfach wegwischte: nein, sie habe sich einfach nur einen abgekrampft, das war nix, Frechheit!), in Wahrheit ist für so ein Stück eine reife Stimme vonnöten, und ja, 2 Töne hat sie nicht „gekriegt“, einmal überschlägt sich aber ihre Stimme, sie gerät außer Kontrolle. Irre! Denn wer aber nicht verstanden hat, was M. Rosenberg weiß, dass es im Pop eben manchmal auf den Kontrollverlust ankommt, der hat einfach gar nichts verstanden.

    Und das war einfach großartig. Solche Momente haben bekanntlich Popmusikgeschichte geschrieben (Bowie, der bei „we can be heroes …“ vor Rührung wegen seines eigenen Gesanges fast in einen Heulkrampf ausbricht und kurz die Kontrolle verliert). Der Freak-Faktor muss rein und Rosenberg, als echter Profi, ist die einzige, die ihn aufzuspüren vermochte. Fast immer stimmte mein Urteil mit dem ihren überein. Früher soll es in den Studios geheißen haben: „Die Schaufel Dreck muss rein.“

    … ach, und dann gibt es noch die Geschichte mit den beiden Musikantenstadel-Sängerinnen, die bei der Aufnahme in ihrem Aufnahmekabäuschen mit ihren Mikrophonen ein Subliminal der besonderen Art zu erzeugen versuchten, sie nahmen also ihre Micros, naja, sie nahmen die eigentlich nicht, irgendwie waren sie plötzlich scheinbar verschwunden, gewissermaßen ließen sie ihre „Indiskreten Kleinode“ „sprechen“ …

  3. Bersarin schreibt:

    @summacumlaude
    Auch ich schaue mir von Zeit zu Zeit bestimmte Produkte der Kulturindustrie gerne an, und auch ich denke, daß man ex negativo sehr viel von diesem Produkten lernen kann, und zwar auf welche Weise Gesellschaft funktioniert und wie der Schein von Persönlichkeit erzeugt wird. Authentizität und Wahrhaftigkeit, die jedoch vollkommen artifiziell daherkommen.

    Kulturindustrie meint auch: Für jeden ist gesorgt, unten und oben erhalten ihre Happen. Nur eine Regel darf nicht gebrochen werden: jeder muß funktionieren, alle müssen mitmachen, wer aus der Reihe tanzt und allzu ablehnend denkt, ist der böse Spielverderber.

    Sogar für den mit philosophischem Sinn versehenen Arbeitnehmer der Werbeagenturwelt und der Internetwirtschaft gibt es die selbsterfüllende Arbeit, die mit dem guten und vermeintlich tiefsinnigen Zen-Spruch gewürzt ist. Zen und Buddhismus als Ausgleich für die Anmutungen der kapitalistischen Arbeitswelt. Dazu passend dann der Esoterik-Quark von Typen wie Fritjof Capra, der die Menschen noch funktionstüchtiger macht. Vorauseilende Überidentifikation mit dem eigenen Unternehmen, denn wir sind allesamt kreative Künstler, keine Arbeiter mehr. Die Menschen trinken den Kakao auch noch, durch den man sie zieht, wie es Kästner einstmals reimte.

    Adorno selber wollte am frühen Samstagabend nicht gestört werden, weil zu dieser Zeit im Fernsehen „Daktari“ lief. Derrida war ein begeisterter Fernsehgucker. Wichtig ist in solchen Zusammenhänge der Abstand, den man zu diesen Produkten wahrt und daß wir ihren Gehalt und ihre Funktion wahrnehmen. Diese kritische Haltung begreifen die depperten postmodernen Affirmateure des Bestehenden nicht, die alles und jedes ins stählerne Spaßbad und in den Klamauk tauchen. Nur wehe, man macht einmal Witze über diese Dämchen und Herrchen. Dann gehen sie schnell an die Decke und werden merkwürdig unentspannt. Ebenso wenn man ihnen den Adorno ins Gesicht schlägt.

    @ ziggev
    Der Kontrollverlust ist im Pop eben doch nur ein inszenierter und er steigert – so oder so – den Marktwert.
    Damit hängt sicherlich auch das Phänomen des Camp zusammen. Wir bieten Schräges und bringen so das Heimattümelnde des Schlagers oder der Serienprodukte der Kulturindustrie in einen neuen Zusammenhang, erzeugen andere Referenzen. Aber auch das funktioniert nur bedingt. Der Saft des Kapitalismus ist ein ganz besondere, er erzeugt eine besondere Bindewirkung, ist ein starker, alles vereinnahmender Gesellschaftskitt und Schleier in einem. Es gibt kein Draußen. Selbst im Denken ist kaum noch der Widerstand möglich. „Mit Danone kriegen wir euch alle …“ wie ein sehr schöner Werbeslogan in den 80ern einmal lautete.

  4. Partyschreck schreibt:

    …Aber im Fall von „Heroes“ kann ich mir nicht vorstellen, dass da Bowies Manager mit ihm geprobt hat: „Du David, dein „IIIIch bin dann könig“ klingt irgendwie noch zu glatt, kannst du da nicht noch dieses weinerliche Element mit reinbringen, das verkauft sich einfach besser“!…

    Hab gerade kürzlich mit der ungekürzten und von Anna Thalbach gelesenen Hörbuchfassung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein Stück Teenagererinnerung revuepassieren lassen, und in dieser Fassung wurde abschliessend die komplett deutsche Fassung von Bowies „Helden“ gespielt (Ich kannte bis dato nur den Mix aus Deutsch und Englisch) und da war ich regelrecht „geflasht“ von Bowies seltsam anrührendem Mix aus brüchigem Deutsch und brüchiger Stimme und diesem beindruckendem Surplus an Hysterie! Das hatte auf jeden Fall etwas Magisches, das ich mir mit Kapitalsmuskritik nicht erklären kann!

    Das ansonsten geplant Ungeplantes in der Unterhaltungsindustrie Alltag ist, bestreitet natürlich niemand, aber meinen stimmkicksenden, sexy Bowie von damals können Sie mir hier nicht verekeln, lieber Bersarin;)

  5. Bersarin schreibt:

    Die ultimative Pop-Theorie-Antwort erfolgt morgen in einem separaten Blog-Beitrag. Und da ich mich zu einem Schulfasching als Bowie verkleiden mußte, weil eine Frau, die das damals sexy fand und die ich wiederum in meinem Rahmen ebenso sexy fand und um ihr also zu Willen zu sein, damit ich aufgrund dieser Botmäßigkeit einige Vorteile herausschlagen könnte, denke ich, daß ich als Imitatio Bowie durchaus kompetent bin, einige Sätze über dieses Phänomen äußern zu dürfen.

    (Und als Rationalsozialist habe ich sowieso etwas für Thin White Dukes übrig.)

    Und in Erinnerung an all diese schöne Zeiten öffne ich eine Flasche Blauen Zweigelt und mache das was ich am besten kann: schreiben. Und dann mache ich zudem, was ich am zweitbesten kann: Trinken. (Mit dem Ficken klappt es nach dem Alkohol und ab einem bestimmten Alter eh nicht mehr so gut.)

  6. Partyschreck schreibt:

    „Zweigelt“ – Wie der Schuldenberater?

  7. Bersarin schreibt:

    Wer bitte? Ich habe keine Schulden, ich kenne auch keine Berater.

  8. Partyschreck schreibt:

    :)

  9. El_Mocho schreibt:

    Dieser Text steht ja in einer Tradition von Intellektuellen und Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts, die so ihren Ekel vor dem ungebildeten Pöbel zum Ausdruck bringen. Erstaunlich vor allem, wie genau Adorno über „die intimsten Reaktionen“ dieser Menschen bescheid weiß, die wahrscheinlich nur von weitem kennt.

    Es gibt zu dieser Thematik ein sehr interessantes Buch des englischen Literaturwissenschaftlers John Carey (http://en.wikipedia.org/wiki/John_Carey_%28critic%29): The Intellectuals and the Masses. Pride and Prejudice among the Literary Intelligentsia, 1880-1939(1992)

    Darin schildert Carey die Entstehung der modernen Kunst und Literatur als Reaktion auf die Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert und der daraus resultierenden Entstehung eines großen Lesepublikums, das allerdings hauptsächlich Zeitungen las und sich für die Werke höherer Literatur nur am Rande interessierte:

    „modernist literature and art can be seen as a hostile reaction to the unprecedentedly large reading public created by late-nineteenth century educational reforms.“ (a.a.O., Preface)

    Bezogen ist das bei Carey immer auf die Geschichte Großbritanniens. Offenbar fühlten sich die Künstler dadurch zugleich angeekelt und bedroht, und entsprechend präsentiert er eine Fülle von entsprechenden Zitaten von T.S. Eliot, D.H. Lawrence, Virginia Woolf und anderen Größen der modernen englischen Literatur (aber es wäre mit Sicherheit einleichtes, eine entsprechende Anthologie auch aus Werken von Stefan George, Gottfried Benn und Theodoer W. Adorno zusammen zu stellen). Darin drücken all diese Säulenheiligen der modernen englischen Literatur frank und frei ihren Abscheu vor den Massen aus, vor Menschen, die laut reden und einem direkt ins Auge schauen (unverschämt), Zeitung lesen, Nahrung aus Dosen konsumieren usw.

    Die ganze Entwicklung geht auf Nietzsche zurück, der als erster diesen profunden Abscheu gegen die einfachen Menschen äußerte („Die Schwachen und Missratenen sollen zu Grunde gehen“), und es gibt ja auch kaum einen Künstler aus dieser Zeit, der Nietzsche nicht verehrte).

    Den besonderen hermetischen und unverständlichen Charakter der modernen Kunst sieht Carey weniger als Ausdruck irgendwelcher ästhetischer Notwendigkeiten, sondern als Versuch, die soziale Distinktion zwischen Künstler und Pöbel aufrecht zu erhalten:

    „The intellectuals could not, of course, actually prevent the masses from attaining literacy. But they could prevent them from reading literature by making it too difficult for them to understand – and this is what they did.” (p. 16)

    Carey resümiert:

    “I would suggest, then, that the principle around which modernist literature and culture fashioned themselves was the exclusion of the masses, the defeat of their power, the removal of their literacy, the denial of their humanity. … The metaphor of the masses serves the purposes of individual self-assertion because it turns other people into a conglomerate. It denies them the individuality that we ascribe to ourselves and to people we know.” (p. 21)

    Genau das tut auch dieser Text von Adorno. Der Autor stellt sich den Massen gegenüber, die „sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu machen“, deren „intimsten Reaktionen“ „vollkommen verdinglicht“ sind, deren Personality in nichts besteht als „blendend weißen Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen.“

    Wirklich erstaunlich, woher er das alles weiß. Wenn sie nach Schweiß riechen würden und schlechte Zähne hätten, wären sie offenbar authentischere Menschen, so wie er selber.

    Am Beispiel des Schriftstellers Wymdham Lewis zeigt Carey dann den direkten Weg vom Ästhetizisten zum Hitlerverehrer auf, hochinteressante Erscheinung.

    Überhaupt verstand sich Hitler ja auch als verkannter Künstler, dessen hohen rang die Massen nicht zu erkennen in der Lage sind, womit er ganz in der Tradition der klassischen Moderne steht.

    „The superiority of „high“ art, the eternal glory of Greek sculpture, the transcendent value of old masters and classical music, … the divine spark that animates all productions of genius and distinguishes them from the low amusements of the mass – these were among Hitler´s most dearly held beliefs. … The tragedy of “Mein Kampf” is that it was not, in many respects, a deviant work but one firmly rooted in European intellectual orthodoxy.” (P. 208)

  10. Bersarin schreibt:

    Manchmal, El Mocho, bin ich mir nicht sicher, ob Du das, was Du schreibst, wirklich ernst meinst oder ob es ein Test ist, die wahren Denker und Logiker ausfindig zu machen, die dann, irgendwann, in Frankfurt/Main sich versammeln, um die Welt zu negieren. Sozusagen als Transzendentale Meditation zur Metaphysik.

    Deine Logik und die von jenem Schmalspur-Carey geht so: mancher Jude machte Kunst, Hitler versuchte sich in der Kunst und scheiterte als Künstler, also brachte Hitler aus lauter Wut darüber die Jodään um. Oder aber: einige Menschen sind blond, einige Menschen sind schöngeistig, also sind einige schöngeistige Menschen blond. Was für ein logischer Schluß, was für ein Aussagekraft! Ja, es gibt Schriftsteller, die verachten die Masse (E. Jünger). Ja, es gibt Schriftsteller, die nehmen für die Masse Partei (proletarische Literatur, Brecht oder auch Alfred Döblin). Ja, es gibt Schriftsteller, die haben für beide Klassen wenig übrig (Th. Mann, Bersarin). Ja, es gibt die Avantgarde, die sich zu einer bestimmten Art von Faschismus hingezogen fühlte (z.B. die Futuristen, die es aber zu den Italienern drängte) und es gibt Picasso et al. sowie eine revolutionär sowjetische, eine revolutionär undogmatische Avantgarde, wie Teile des Surrealismus (bzw. der surrealistischen „Bewegung“) oder von Dada oder G. Grosz usw. Und dann gibt es noch die Situationistische Internationale. (Nach dem WW II) Die ästhetische Moderne ist derartig heterogen, daß sich da keinerlei Pauschalaussage machen läßt und es nur der Ausdruck von Unwissen ist, sie über einen Leisten zu brechen, was bereits diese von mir gewählten simplen Beispiele zeigen, auf die jede/r, die oder der zwei oder drei Kunstwerke sich anschaute, auch selber kommen könnte. Und wer derart reduktionistisch vorgeht, zeigt, daß er oder sie von Kunst nicht viel verstehen. Ich kenne Carey nicht, aber wenn er anhand eines Malers „argumentiert“ oder besser salbadert und insinuiert, dann sollte er sich doch ein wenig in die Produktion begeben. Nebenbei: weil E. Pound und G. Benn (anfangs) für den Faschismus Partei ergriffen, diskreditiert das noch lange nicht ihr Werk und aus den Gedichten von Benn ist kaum die Politik X oder Y ableitbar. Wie überhaupt aus Gedichten gar nichts ableitbar ist, weil die Logik vom Kunstwerk eine ganz andere ist.

    Die Vielfalt der Klassischen Moderne auf einen Punkt herunterzusimplifizieren, ist einer von vielen Kurzschlüssen in Deinem Kommentar, und was Carey schildert, beinhaltet einen Aspekt und gilt für die Unterhaltungsliteratur im Sinne von Dumas, Eugène Sue. Volksstücke gab es übrigens schon vorher, was man an so unterschiedlichen Dramatikern wie Shakespeare und August von Kotzebue sehen kann. Weiß Du, El Mocho, was das Gute am Wissen ist? Es schützt vor den Irrtümern. Schmalspur-Carey hätte ein Quäntchen Kunstkenntnis gutgetan. Die Entwicklung der autonomen Kunst hat etwas mit der Entwicklung des Bürgertums zu tun, mit der Emanzipation dieser Klasse von Kirche und Feudalismus. Zur ökonomischen Situation sei dazu auf Marx verwiesen. Und selbst Marx greift nicht so kurz, Kunst als bloßes Phänomen des Überbaus zu setzen, wenngleich einige Textstellen u. a. in der „Deutschen Ideologie“ diesen Eindruck nahelegen könnten. Ihren Ausgang nahm die autonome Kunst der bürgerlichen Epoche übrigens in den Salons des Französischen Adels und zwar über den Begriff des Geschmacks. Und noch weiter kann man in die Renaissance zurückgreifen, wo sich der Künstler als autonomer Schöpfer und Forscher in Szene setzte. Ebenfalls ist es kein Zufall, daß Kant den ersten Teil seiner „Kritik der Urteilskraft“ dem Geschmacksurteil widmete. Das Verhältnis von Literatur/Kunst und bürgerlicher Öffentlichkeit samt dem Strukturwandel situiert sich eben nicht eindimensional, wie Schmalspur-Carey es darstellt.

    Wo und in welcher Passage bringt Adorno seinen Ekel zum Ausdruck? Ich bitte um die Textbelege. Schreibt er, daß Arbeiter oder Angestellte stinken und ihn aufgrund des Körpergeruchs anekeln? Schreibt er, daß Arbeiter und Angestellte Widerlinge sind? Nein, tut er nicht. Sondern Adorno beschreibt das, was ist: Reaktionsweisen und Standardisierungen. Adorno schreibt nicht aus intimster Kenntnis, sondern von intimen Reaktionsweisen. Auch ein Unterschied. Wenn Du Dir einmal Jugendkulturen oder die Werbung oder das Kino jener 30er und der 40er Jahre in den USA anschautest, würdest Du sehen, was er meint. Und um nicht in die Vergangenheit zu greifen: Schamhaarrasuren, metrosexuelle Männer, mithin Modeerscheinungen jeglicher Couleur, Blockbuster-Filme, Musikstandardisierungen im Pop sind nicht gerade Ausdruck einer Individualität, sondern sie sind das Surrogat, das den Schein von Individualität erzeugt. Sollte solcher Schein für Dich Ausdruck der Individualität sein, so mußt dann freilich Du mit diesen Eindrücken leben. Mir kann das egal sein.

    Ich schreibe diese Dinge nicht um Deinetwillen so ausführlich – dies wäre vergebliche Mühe –, sondern weil hier Menschen mitlesen, die gerne etwas lernen und weil solch unterkomplexe Thesen aus der Hohldenke nicht im Raum stehen bleiben dürfen. Zumindest aber zeigen Deine Betrachtungen – gleichsam ex negativo – wie ästhetische Theorie bzw. die Kunstbetrachtung nicht funktioniert. Klein Fritzchen mag sich die Kunst so vorstellen; die Aufgabe von Aufklärung ist es jedoch, diesen Eindruck zu verstören und zu zeigen, was ist und wie ästhetische Theorie sowie Kunst gleichermaßen arbeiten und wie sie beschaffen sind.

  11. ziggev schreibt:

    El_Mocho schreibt (oder zitiert) oben ausschließlich über Literatur, das sollte bei Repliken mitgesehen werden, imho.

    Außerdem muss zwischen „der Moderne zuzurechen“ und „(heorische) klassische Moderne“ unterschieden werden. Die Dadaisten, wohl weniger bloß „der Moderne zuzurechen“, weil sie sich von jeglichem modernen Heroentum absetzten, zelebrierten die Destruktion, eine Dimension, die wohl als Charakteristikum der klassischen Moderne genannt werden kann. Nur nahmen die sich im Gegensatz zu manchen anderen Tendenzen selber ganz und gar nicht ernst. Natürlich muss immer das einzlne Werk betrachtet werden, so setzt Proust nicht nur dem unvermeidlichen Baron Charlus (den ich trotz real existiert habendem Vorbild als literarische Figur auffasse) ein Denkmal (also eigentlich ein Denkmal innerhalb der Recherche), er verewigt ebenfalls die Hausdienerin der Prousts ein Denkmal, das ohne proustsche Anflüge von Empathie kaum denkbar erscheint. Er liefert aber Literatur, nichts mehr und nichts weniger. Gerade diese Stellen las ich immer sehr genau : für Sentimentalität ist da einfach kein Platz.

    Dennoch können eben an Zuordnungen (Brecht hier, Döblin da und Benn dort) Tendenzen ausgemacht werden. Die Selbstinszenierungen der Dadaisten hatten nichts mit dem Snobismus des Bloomsbury Group oder den Albernheiten der Gruppe um Gertrude Stein und Joyce zu tun. (Woolf leistet übrigens in „Orando“ Abbitte: Orlando erzählt „Zigeunern“ in der Türkei von ihrem ein paar Jahrhunderte zurückreichenden Stammbaum, stößt aber auf peinliches Berührtsein auf Seiten der Angesprochenen: Alle kannten alle ihre Vorfahren zurückreichend bis ins vorchristliche Indien.)

    So haben wir bei den Dadaisten im Zuge der Selbstbezüglichkeit (ein weiteres Charakteristikum der Moderne) die völlige Abwesenheit von jeglichem Distingtionsgewinnlertum. Nein, von den Zerstörungsakten durfte auch und emphatisch vor allen Dingen man selber nicht ausgenommen werden. Andere inszenierten dagegen jenes Selbstbewusstsein, das sicherlich nötig ist, um die Regeln der „alten“ Kunst umzuwerfen. Um nichts anderes handelt es sich beim futuristischen Manifest: es läuft ab, wie in Sekten; es handelt sich um eine Rationalisierung; was vorher deskriptiv als wahr erkannt wurde, dass Zerstörung der Erneuerung vorausgehen müsse, wird nun zum Prinzip erhoben.

    War dieser Mythos einmal fertiggestrickt, konnte die „Kunst“ selbstbezüglich werden: Es wurden nicht mehr bloß Kunstwerke geschaffen – diese Werke begannen mit einem „Diskurs“, es hatte sich die Möglichkeit ergeben, explizit und thesenhaft auf die Geschichte der Kunst Bezug zu nehmen, die bis zu dem zu schaffenden Werk sich so und so entwickelt hatte, und damit einen Platz in der Kunstgeschichte zu erzwingen.

    Es bestand nämlich überhaupt keine Notwendigkeit, ein Urinal zum „Ready Made“, zu Kunst, zu erklären. Duchamp, der ziemlich großbürgerlich sich gebärdet haben soll, hatte nach dem „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ die Leinwandmalerei für erledigt erklärt, als „olfaktorische Masturbation“ bezeichnet : kein Wunder, wenn man sich dieses triviale Machwerk ansieht. Wie bei so vielen Werken der klassischen Moderne sind diese beiden nur noch als Dokumente für eine bestimmte Phase der Kunstgeschichte interessant. Ohne heroische Selbstinszenierung lief dann allerdings (bei Misserfolg) wohl gar nichts mehr. Der „Akt, …“ erinnert mit seinen spitz-gezackten Formen an jene, mit welchen Kirchner Menschen in seinen Stadtszenen darstellt – ausgerechnet diese in ihrer expressionistischen Programmatik nur zu durchschaubaren Werke Kirchners werden heute am höchsten gehandelt, was für mich unverständlich ist, einfach zuviel Selbststilisierung. Noch so ein Langweiler: Kandinsky. Bei Grosz (und bei expressionistischer Plakatkunst) stehen dann wieder Mittel und Aussage in stimmigem Verhältnis zueinander. Manche Ausführungen des Schwarzen Quadrats sind übrigens kaum als Kunstwerke zu erkennen: schlecht ausgeführt, abblätternde Farbe, Risse auch im Papier, Teeflecken auf dem weißen Grund. Es ist ein Ready Made, vielleicht ja was für S. Sontag …

    Vieles von Picasso lebt nur noch vom Mythos, ist teilweise Fehlversuch, teilweise misslungen – ablesen lässt sich allerdings (etwa bei den Skulpturen) das jeweils Neue der Herangehensweise. Und es ist natürlich elegant gewesen, das Wesen der Moderne nicht mit dem Mittel des Manifests auf den Punkt zu bringen, sondern das Diskurshafte der selbstbezüglichen Moderne durch die Reduktion auf den Diskurs ein für alle Mal zu konstatieren. Es bleibt das Ready Made, die Auskunft, dies da sei Kunst. Camp – eine Folge jener fatalen Entwicklung und ebenfalls mit dem Makel des Distingtionsgewinnlertum behaftet – hätte das Urinal, Malewitschs Schwarzes Quadrat als „camp“ bezeichnet – wie umgekehrt später „Kitsch“ und anderer Schund zunächst als Ready Made hatte aufgefasst werden müssen: denn wie sonst hätte man sich an dem Schund ergötzen können? Kunst und Theorie wurden als in einem paranoiden Verhältnis zueinander stehend bezeichnet. Das stammte aber bestimmt von einem Diskurstheretiker.

    In der Pop-Musik hat es auch einmal diesen Verlust der Unschuld gegeben: zu Anfang der Siebziger fingen Langhaarige plötzlich an, die Sache unwahrscheinlich ernst zu nehmen. Und die Unterscheidung zw. E- (also „ernster“) und U-Musik (Unterhaltung) stammt AFAIK aus der Zeit, als Schönberg mit seiner 12-Tonmusik aufwartete. Zum ersten (und bisher letzten) Mal in der Musikgeschichte sollte die Musik sich nicht mehr direkt aus der musikalischen Praxis weiterentwickeln, wie es – abgesehen von bestimmten Experimenten in der Renaissance – über all jene Jahrhunderte hinweg immer gewesen ist.

    Wenn der Diskurs, die Theorie das Heft in die Hand nimmt, dann kommen die sozialen Distiktionen, die explizit in der Kunst eine Rolle spielen sollen.

    Aber bei all dem Unwesen aus der Vergangenheit braucht uns das nicht anzufechten. Denn Kunst ist nun mal das falsche Vehikel, um sich irgend snobistisch zu gebärden, Ortega:

    „Die Geige des Blinden ist dazu da, innerhalb des Stadtbildes zu ertönen, in jener Szenerie, in der sich unser Leben abwickelt, in dem wir lieben und hassen, siegen und unterliegen. Hier, auf der ihm entsprechenden Rangstufe, kann das armselige Instrument die höchtse Fülle seines Wertes entfalten.

    (…)

    Das siebzehnte und der bessere Teil des achtzehnten Jahrhunderts wussten recht gut, daß Musik und Malerei zu den Künsten gehören, deren Bestimmung es ist, Hintergrund und Umgebung zu sein. (…) Daher haben kluge Jahrhunderte bei Gelagen die Musik wohlweislich im Hintergrund aufgestellt und bei Tanzfesten in einer Ecke oder im Garten unter dem Gezweig der Bäume.“ (Apathie vor der Kunst. In: Triumph des Augenblicks – Glanz der Dauer. Auswahl aus dem Werk, München 1963)

  12. El_Mocho schreibt:

    Solch ein Satz wie: „Die Art, in der ein junges Mädchen das obligatorische date annimmt und absolviert, der Tonfall am Telephon und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im Gespräch, ja das ganze nach den Ordnungsbegriffen der heruntergekommenen Tiefenpsychologie aufgeteilte Innenleben bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu machen, der bis in die Triebregungen hinein dem von der Kulturindustrie präsentierten Modell entspricht.“ ist für mich in mehrfacher Hinsicht Problematisch. Erstmal ist natürlich völlig unklar, woher Adorno denn weiß, was da in einem jungen Mädchen vorgeht, wenn es ein Date annimmt? Ich würde mir nie anmaßen sowas zu wissen und dann auch noch solche Unterstellungen auszusprechen wie „sich selbst zum Apparat machen“.

    Wie hat eigentlich Adorno seine Frau kennen gelernt, wahrscheinlich im philosophischen Seminar, ohne dass es zu einem Date kommen musste?

  13. El_Mocho schreibt:

    Und zum anderen befremdet die Eindeutigkeit der Bewertung. Woher weiß Adorno eigentlich, dass das, was der Pöbel beim hören von Popmusik (bzw. Swing-Jazz zur damaligen Zeit) empfindet, so etwas grundsätzlich anderes ist, als das, was er beim hören eines Streichquartetts von Schönberg empfindet?

  14. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Camp-Ästhetik, so befürchte ich, versteht weder Malewitsch, noch Duchamp. Es fehlten der Referenzrahmen und die entsprechende Optik. Wahrscheinlich auch das Wissen.
    Kunst kommt bekanntlich nicht von Können, sonst wären die reinen Handwerker die begnadeten Künstler. Die Techné mit der poesis zu verwechseln, kann zu fatalen Irrtümern führen. Malewitsch reduzierte die Malerei auf ihren Kern. Das reine Schwarz, das Weiß, die Form und das Verschwinden darin. Das Bild als eine rhythmische Konstruktion. Das mag heute nicht mehr unmittelbar verständlich erscheinen.
    Duchamps Werke bestimmten maßgeblich die Kunst, „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ brachte vor Picasso und vor dem Futurismus die Aufsplitterung des Raumes, die Mehrdimensionalität und die Geschwindigkeit als Raum und Objekt ins Bild. Duchamp stellte mit seinen Ready Mades die Frage nach dem Status des Kunstwerkes. Alles andere, wie Warhol, war dann bloß noch Zutat. Kunstwerke können einerseits als historische Dokumente der Kunstgeschichte relevant sein, andererseits aktualisiert sich ein Kunstwerk im Gang der Zeit immer wieder neu, und es lassen sich in der Betrachtung die Funken herausschlagen. Siehe zum Beispiel Foucaults geniale Deutung von Velázquez‘ „Las Meninas“ in „Die Ordnung der Dinge“, wo er über die Blickachsen aufzeigt, wie das Subjekt der Neuzeit sich konstituierte.

    Zu Kunst sich zu äußern, erfordert in einer Diskussion im Grunde, sich auf konkrete Werke zu beziehen und konkret zu zeigen, weshalb Duchamps „Akt“ oder die „Fontaine“ (die immer wieder erneuert wurde, insofern gibt es nicht einmal mehr ein „Original“) zu den bahnbrechenden Kunstwerken gehörte, nach denen in der Kunst nichts mehr war, wie vordem. Dier Werke Duchamps sind übrigens, wenn man sie in einem Werkkontext sieht, ausgesprochen durchkomponiert. Zeit seines Lebens setzte sich Duchamp mit der Perspektive und der Ordnung der Blicke auseinander. Auch wenn Picasso vielfach bereits in Gemälden und Zeichnungen Durchgeführtes variierte, so bilden seine „Demoiselles d’Avignon“ doch einen Meilenstein, weil darin ein Zug der Moderne wesentlich durchkomponiert wurde: die Auflösung von Form, Perspektive und Gestalt als Paradigma des Malens.

    Wer Kunst und Musik als Hintergrund nimmt, der sollte sich mit Tapeten und Pop begnügen. In der Entwicklung der Kunst aber, erwarb bzw. erkämpfte diese Kunst sich ihre Autonomie. Dahinter läßt sich nicht zurückfallen. Auch wenn es die, welche das Seichte lieben und Kunst am liebsten der Unterhaltung zuschlagen, es gerne so hätten. Aber am Ende ist jede/r für seine Unterkomplexität selber verantwortlich. Womit ich bei meiner nächsten Antwort bin.

    @ El Mocho
    Der Begriff „empfindet“ sagt eigentlich schon alles zu Deinem Verhältnis zur Musik aus. Wer empfinden möchte, sollte in den Wald gehen, ins Puff oder seine Frau oder seinen Mann besteigen oder sich einfach nur ein heißes Bad gönnen. Wenn eine Hörerin oder ein Hörer Pop strukturell hören, würden sie bei entsprechender Kenntnis sehr schnell die musikalische Armheit des Produktes gewahr werden.
    Es geht Adorno in diesem Zitat um eine allgemeine Tendenz. Adorno ist nicht die NSA, die Gretchen Müller beim Date am Telephon zuhört. Adorno bricht Soziales nicht aufs einzelne Individuum herunter, sondern beläßt es in der Sphäre, wo es herkommt: im schlechten Allgemeinen. Insofern ist Adornos Text Aufklärung: sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

    Es wäre doch mal eine Herausforderung für Dich, El Mocho, selber herauszufinden, auf welche Weise Adorno Frauen kennenlernte. Bei Deinem Begriff von Individualität dürfte Dir das nicht schwer fallen.

  15. ziggev schreibt:

    Es stimmt ja: auch ich habe den Spruch, Kunst komme von Können, immer gehasst. Allerdings muss ich eingestehen, dass mich handwerkliches Können immer wieder zu Begeisterungsanfällen hinreißt. Ich vermute allerdings auch, dass dieses besonders beim Zusammentreffen mit anderen (künstlerischen, abhängig vom Talent) Qualitäten erst auf eine Weise hervorsticht, durch die eben jene Faszination auf mich wirkt, der ich mich dann nur schwer entziehen kann. Z.B. hattest Du hier ein- oder zweimal die Sachen von einer Künstlerin (Deutschland/New York), die ich ganz bezeubernd fand. Wie hieß noch gleich ?

    Ich habe jetzt kurzerhand mal bei mir drüben ein paar Beispiele für handwerkliches Können gepostet; glaubt ja keiner, hat´s mal gegeben und gibt es vermutlich immernoch.

    „Malewitsch reduzierte die Malerei auf ihren Kern. Das reine Schwarz, das Weiß, die Form und das Verschwinden darin. Das Bild als eine rhythmische Konstruktion. Das mag heute nicht mehr unmittelbar verständlich erscheinen.“

    Jedenfalls wurde dies erschwert, wie ich erfuhr, weil Malewitsch nicht immer die nötigen Materialien zur Verfügung standen. Das Schwarze Quadrat sah aus, als hätte es ein paar Jahrzehnte in einem staubigen Keller herumgelegen oder hätte lange Jahre zwischen lauter Unrat vergessen herumgelegen.

    Die Wahrnehmungswerte, die es abstrahlte, hatten nur bedingt dazu führen vermocht, Betrachter zum Innewerden jeder von Dir genannten Begriffe, auf die die Malerei in ihrem Kern reduziert worden sein anzuregen. In derselben Ausstellung hingen zwei oder drei Werke von Fancis Bacon. Angesichts der Ortsfarben verhafteten und ungesäuberten Bilder, die die Wände der Kunsthalle in Hamburg bevölkern, und jenes Rests des Schwarzen Quadrats entfuhr es mir vor Bacon stehend unwillkürlich: „Der kann wenigstens malen!“

    Zwar glaube ich, dass es möglich sein müsste, vermittels Malewitschs Quadrats zu jenem „Kern“ der Malerei vorzustoßen (zumindest aber mit dem nötigen Wissen im Gepäck jener bestimmten Entwicklng der modernen Malerei, die zum Schwarzen Quadrat führte, auf die Spur zu kommen und dessen Stellenwert richtig einzuschätzen), das Problem ist nur, dass Malewitsch dazu das bewusste Bild im Grunde nicht hatte anfertigen brauchen.

    Eigentlich ist mir ja, wenn es um Konzeptkunst geht, so etwas, eher eine Skizze, etwas, das unfertig ist, viel sympathischer als auf Hochglanz polierte, sensationserheischende Kunst (z.B. Installationen, die bestimmte Sensationen auslösen sollen), hinter der in der Tat ein „Konzept“ steht – Leute sollen das und das „spüren“ können, welches Geschehen allerdings mit außerkünstlerischer Bedeutung aufgeladen worden ist.

    Dazu ist „Konzeptkunst“ – was immer da auch sei, es ist offenbar missverstanden worden – verkommen. Autonom? Ja. Jedoch Kunst? –

    Die Vermutung wäre also, dass ohne Malewitsch auch diese bedauerliche Entwicklung nicht möglich gewesen wäre.

    Ach, und anekdotenhaft vielleicht eine Erinnerung: ich war einigermaßen geschockt, dass in Hamburg, wo i.d. 90ern ziemlich viel Konzeptkunst an der HfBK gemacht wurde, ebendiese gelehrt wurde. Also nix da mit Konzepten, Ideen, Entwicklungen, die früher oder später ohnehin eingetreten wäre: Studenten, die freie Kunst studierten, waren angehalten, zunächst den Lehrer zu imitieren! Worauf dieses Imitieren sich bezog, konnte ich, als ich von dieser schockierenden Tatsache hörte, nicht mehr in Erfahrung bringen: Auf die Sprache, das Vokabular (das Material) … (?) Ohne „Handwerk“ scheint es nicht zu gehen.

    Pop-Musik (das, was heutzutage als solche gilt … aber ein anderes Thema) höre ich einmal im Jahr ein paar Wochen lang samstags und sonntags zwei – laut (!!!) zweieinhalb Stunden (DSDS), und berausche mich daran; ansonsten vermeide ich es, im Alltag Musik zu hören. Denn gerade das „Empfinden“ ist Abirren, Verirrung. – As a Matter of facts bin ich allerdings auch, was die bildende Kunst betrifft, ziemlich abstinent. Es ist nicht nur Faulheit oder wenig Möglichkeit in Hamburg, woran es liegt. Das liegt auch an der oben skizzierten, für mich unbefriedigenden Entwicklung.

  16. Bersarin schreibt:

    Heute Abend mehr zu Deinem Kommentar.

  17. Bersarin schreibt:

    Malerei ist zu breit gefächert, um überhaupt noch vom Malen-Können zu sprechen. Sein Handwerk zu verstehen, bleibt sicherlich eine elementare Voraussetzung des Malens. Aber das Handwerk ist eben plural. Umstandslos sind nun keine Seerosenbilder mehr zu malen oder eine Landschaft im Abendlicht. Wobei ja auch der Begriff des Handwerkes nicht ontologisch Wesensrein zu haben ist, sondern kulturell codiert ist. C.D. Friedrich war nicht für jeden ein Maler, der sein Handwerk technisch perfekt verstand. Ebenso El Greco oder Delacroix. Die Betrachter waren vielfach entsetzt. Insofern ist der Begriff Handwerk bzw. Können stark an die kulturellen Ausprägungen und an die herrschende Sichtweise gebunden.

    Das Handwerk von Malewitsch ist ein ganz anderes als das von Bacon. Beide sind auf ihre Weise großartige Maler. Beide gehen in ihren Bildern einer ganz anderen Sache auf den Grund.

    Hätte Malewitsch das Bild nicht angefertigt, ginge es nicht auf jenen Grund der Malerei; nämlich die einfachste Form, gehalten in den zwei unbunten Farben schwarz und weiß. Eine Lektüre dieses Bildes hier zu liefern, führte wohl zu weit. Man kann mit den Formen anfangen und über den Aspekt des Lichtes gehen: Abstraktion wird hier in einer bestimmten Richtung hin an ihre Grenze geführt. In der anderen Variante geschah das im All-over-Painting. Konzeptkunst sind die Bilder aus dieser Serie bei Malewitsch aber nun gerade nicht, sondern Kompositionen über Raum und Rhythmus.

    Abstinenz in Kunstbetrachtung ist angesichts dieses Überstromes in einem Museum eine weise Haltung. Jedes gelungene Gemälde benötigte im Grunde ein ganz eigenes Museum, zumindest aber einen eigenen Raum. Wer sich in einer halben Stunde auf einer Ausstellung 40 oder mehr Bilder ansieht, hat nicht 40 Bilder und mehr gesehen, sondern gar nichts. Weniger ist mehr. Ein Bild zu betrachten, erfordert Zeit. Der Kunst ist die Kontemplation wesentlich.

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