Stillgestellte Schockwelt der Dinge: Wols‘ Photographien in Berlin: „Der gerettete Blick“

Der Riesling fließt beim Schreiben durch die Kehle. Klar, kristallin, mineralisch gestimmt. Eine Welt aus Stein. Befindlichkeitsblog? Nein. Eine Schrift, um das nunc stans in den Blick zu bekommen, genauer gesagt in das Bild: „Der Schamane bannt das Gefährliche durch dessen Bild.“ (Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung) Der gerettete Blick? Nein.

Wie doch die Zeit verstreicht: eben noch, im letzten Sommer des Jahres 2013 bin ich nach Dresden gefahren, nächtigte irgendwo in einem Hotel , Zwinger, Semper-Oper und dann hinüber über die Augustusbrücke, hingeschlendert zur Neustadt, während rechterhand die Kaiser-Mania begann, Brückenschlendern im Regen, nachdem ich mit einer Begleitung die Wols-Ausstellung besuchte. Nein, auf der Augustusbrücke keinen Titten-Selfie bzw. in meinem Falle Freier-Oberkörper- oder Schwanz-Selfie geschossen: „Hier steckte Big Dick Bomber Harris fest“, mit Filzern auf niedlichem Schildchen gemalt, Anne, oh Anne, laß mich rein, laß mich raus, in postrevolutionärer Pose, um die Ware Widerstand preisgünstig, ohne großes Risiko zu verkaufen oder um einfach nur, wie die Seriendarstellerin Anne Helm, in einer Art Guerilla-Marketingaktion Winterbekleidung für oben rum, also für den Kopf, so Mützen und Schals und andere Accessoires, zu bewerben. Jene Photographie von Anne Helm kann ich nur verlinken und nicht abbilden, da ich ansonsten womöglich eine Urheberrechtsverletzung begehe. Too big, too small? Zu groß, zu klein? Er könnte etwas größer sein. Kulturindustriell gefertigte Geworfenheiten des Sexus. Sexus, Nexus Plexus um in Henry-Miller-Titeln zu schreiben. Aber die Zeile „Steck Bratwurst in mein Sauerkraut“ entlockte mir seinerzeit 2009 beim Hören der Rammsteinplatte ein Lachen: da hätte ich auch selber drauf kommen können. Doch zurück zu den Photographien.

tumblr_kwpakqsHN81qztk1wo1_400 Nun gibt es also die Wols-Ausstellung, die mit dem schönen Titel „Der gerettete Blick“ versehen wurde, auch in Berlin zu besuchen. Zeit wird es. Zuvor wurden die Photographien von Wols in Dresden gezeigt. Ich berichtete an dieser Stelle sowie zweitens hier und auch hier in einer dreiteiligen Serie, wie immer viel zu lang, von der Ausstellung. Nun können seine grandiosen, viel zu wenig bekannten Photographien im Martin Gropius Bau betrachtet werden. Wer nach Berlin reist oder hier bereits lebt, sollte diese Ausstellung nicht verpassen, gilt es doch – sofern Wols nicht schon bekannt ist –, einen der bemerkenswertesten Photographen zu entdecken.

Exzesse der Trunkenheit: diesen fiel Wols anheim, das gefällt mir, der Betrachter sieht es bereits den Selbstportraits an. Prädestination. Ich liebe es theologisch vertrackt und verstrickt. Was zeigen uns diese wunderbaren Photographien von Wols? Vielfach sind Portraits zu sehen, die Wols als Auftragsarbeiten fertigte – das Gesicht in den verschiedenen Ausdrücken sich regender Mimik einfangend. Dann wieder zeigen die Bilder das Paris des 20. Jahrhunderts in einer Art, die weder surreal noch realistisch zu umschreiben ist. Es rückt in den Bildern die Welt der Dinge in den Blick des Objektivs: Insbesondere in seinen wenigen Abstraktionen, den Fotogrammen, sowie in den Detailaufnahmen der südlichen Landschaften, wo Wols nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich im Exil des Exils lebte, zeigen sich bereits die Ungegenständlichkeit und die Verdichtung des Bildes fort vom Dinglichen, direkt in die Dinge hinein; das Dingliche löst sich im Spiel der Strukturen und Formen auf. Glitzernde Oberflächen des Meeres, Spuren der Steine, eine Treppe, die zum Strand führt, dabei liegt eines der Geländer im gleißenden Licht des Südens: konsequenter Weise ist diese Abstraktion des Objekts dann der Ort, wo die Photographie aufhören muß und die Ordnung des Sichtbaren hinein ins andere Medium wechselt. Nun ist es die Malerei, mit der Wols spät begann und die ihm als Ausdruck diente. Hernach photographierte Wols nie mehr. Leider sind in dieser Ausstellung seine Gemälde nicht zu sehen. Eine solche umfassende Schau, die beiden Seiten des Wolschen Werkes gerecht würde, wäre ihm zu wünschen gewesen, indem der Zusammenhang von Malerei und Photographie gezeigt würde.

Versunken sind diese Photographien, in denen sich die Gegenständlichkeit hin zur Struktur formt: wie schon die Plakatfetzen an den Mauern und Holzzäunen in Paris, die Wols ablichtete. Das  stellt nicht mehr nur eine Plakatwand dar, auf der die Fetzen des Papiers abblättern, sondern hier zeigen sich bereits die Strukturen und Spuren der übereinandergeschichteten Ebenen, die Wols dann in seiner Malerei fortsetzte, indem er die Farben geschichtet aufträgt, indem das, was gezeigt wird, wie eine abstrakte, aber komponierte Oberfläche von Fetzen wird: die Welt fragmentiert sich im Bild. Wols forcierte die Subjektivität des Ausdrucks, der am Ende des Photographie-Prozesses ins Gegenstandslose gerinnt: Zeigte sich in den Portraitserien, die er von einer Person fertigte, anfangs noch der Mensch, so verdünnt sich dieser in der weiteren Entwicklung des Bildes zur Puppe: sei es in seinen  surreal-realistischen Dokumentarphotographien vom Pavillon de l’Élegance oder jenen Puppen und toten Tieren in seinen Stilleben: Nature mort, wie es im Französischen so treffend heißt. (Daneben gibt es noch la petite mort, aber der findet sich nicht in Wols‘ Werk.)

Wer sich Photographien betrachten möchte, die anspruchsvoll, ästhetisch auf der Höhe ihrer Zeit sind und die bis heute den Maßstab für das Dingliche in der Photographie setzen, der gehe in diese Ausstellung, die bis zum 22.6.2014 im Martin Gropius Bau zu sehen ist.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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