Und am Ende des Weges: die Brachen der Stadt. Photographie und Erzählung

„Das dialektische Bild ist ein aufblitzendes. So, als ein im Jetzt der Erkennbarkeit aufblitzendes Bild, ist das Gewesene festzuhalten. Die Rettung, die dergestalt – und nur dergestalt – vollzogen wird, läßt immer nur dem, im nächsten Augenblick schon verlorenen [sich] vollziehen. (Walter Benjamin, Das Passagenwerk)

 

Ecken Berlins

Auf dem Blog „Kreuzberg süd-ost“ wurde seinerzeit Mitte Februar nach Photographien von Brandmauern gefragt. Das brachte mich dazu, meine Photosammlung durchzugehen. Und siehe da: ich fand unzählige Bilder, allerdings hatte ich sie nicht mit dem Begriff „Brandmauer“ verschlagwortet. Ich photographierte also ganz und gar unbewußt diese Brandmauern, ohne darüber nachzudenken, daß es sich um ebensolche Brandmauern handelt, denn ansonsten hätte ich sie mit dem Titel „Brandmauern“ in meinem Archiv-Programm versehen, wie ich es bei jedem meiner Photos machte. In diesem Falle tat ich es jedoch nicht. Nun war ich von dieser Idee der Brandmauern angefixt: Ich bin kurz darauf flanieren und fotografieren gegangen, habe Licht auf den Sensor der Kamera gebannt.

Einen ersten Teil dieses Spazierganges zeigte ich bereits, hier folgt nun die zweite Bilderpartie. Von der Michaelkirchstraße auf die Köpenicker Straße zu schlendern und auf den Brachflächen sich zu bewegen.

Der Flaneur bezieht keinen Standpunkt, er bleibt in seinem Spazieren nirgends lange stehen, er verweilt nicht kontemplativ, sondern läßt sich im Strom der Stadt treiben. Er saugt die Eindrücke auf; die dreidimensionalen Bilder der Stadt verwandelt er in die zweidimensionalen Tableaus seiner Photographien. Der Flaneur schreitet durch die Wastelands, durch die Brachen und Badlands. Unbeteiligt. Ohne Anteilnahme. Vor allem aber erklärt er seine Photographien nicht. Die Sprache der Photographie, der Bild-Text der Photographie erhellt sich ohne Kontext, schießt zu einer Evidenz zusammen: das dialektische Bild transportiert den gesellschaftlich notwendigen Schein und durchbricht ihn zugleich. Einerseits. Andererseits ist die Photographie, die durch keinen Text gerahmt oder beschrieben wird, nur als Assoziation lesbar. Es könnte nämlich alles ebenso ganz anders sein.
 

Geraubte Küsse/Baisers volés

kiss-by-hotel-de-ville-robert-doisneau Eine Photographie ohne Beschriftung und ohne jene neben oder hinter dem Bild markierte Referenz kann kein geschichtliches oder journalistisches Dokument sein, sie bleibt als Bild autonom: selbstzweckhaft, in sich gekehrt, fast schon monadisch und voll von Rätseln. Dieser Zusammenhang schließt nicht aus, daß eine solche Photographie keine Geschichte erzählt. Eine Vielzahl von Geschichten können (in der Imagination) an ein solches Bild andocken, sich der Photographie bedienen, sie sogar ins kollektive Bildgedächtnis heben, wie jenes Photo von dem Mann und der Frau, die sich in unendlicher Leidenschaft küßten, und zugleich trifft gar keine dieser Geschichten den Referenten: das Moment, was in der Photographie einerseits deutlich für alle sichtbar ausgestellt wird und das zugleich unendlich sich verschließt und entzieht, weil es in jener 1/125 Sekunde ohne jeden Kontext uns präsentiert wird. Referenz ohne den Referenten. Die Geschichten der unbeschrifteten, unmarkierten Photographien bilden eine Phantasmagorie. Erzählung ohne den Rahmen: jene Photographien, die den Augenblick bannen, wie etwa in ihrer klassischen Variante die Bilder von Cartier-Bresson oder von Robert Doisneau schildern eine Szene in der Sprache des Bildes. Man denke an jenen Mann, der im Überschwang eine Frau küßt. Wie aus dem Leben geschnitten und gebannt, ein zauberhafter Augenblick, eingefroren, so meinten wir. Bis wir erfuhren, daß diese Szene mit Schauspielern nachgestellt war. Was Jeff Wall bewußt als inszenierte Dokumentation einsetzt – unheimlich, fremd und bedrohlich wie in jener Photographie mit dem Titel „Insomnia“ –, bleibt bei Robert Doisneau grenzwertig und fingiert den Moment. Aber ist der fingierte Moment nicht genauso gut wie der, den wir für wirklich halten? Was hat ein inszenierter Kuß einem echten voraus? In unserer Betrachtung nicht viel. (Allenfalls für die Küssenden mag es einen Unterschied ausmachen.) Wir können uns in den Bildern, die wir betrachten, täuschen, wir können uns in Menschen täuschen. Die ontologische Dimension des Bildes bleibt an den Rahmen gebunden. Und selbst dieser ist fragil. Jeder Kontext kann im nächsten Moment ein ganz anderer sein.

Die Brachen rund um die Köpenicker Straße werden nicht lange mehr erhalten bleiben. Aber dies wissen wir alle.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Und am Ende des Weges: die Brachen der Stadt. Photographie und Erzählung

  1. juergenluebeck schreibt:

    Hat dies auf arabesken rebloggt und kommentierte:
    Ich versuche jetzt zum ersten Mal das wordpressige Rebloggen – an einem „lohnenden“ Post: Read this!

  2. tikerscherk schreibt:

    Diese Bilder zeigen eine, mir sehr vertraute, Gegend Berlins mit einem völlig anderen Blick.
    Sie bringen Licht ins Licht, wenn du verstehst, was ich meine.

  3. Bersarin schreibt:

    Ich mag es, wenn Blick divergent sind und doch auf das selbe blicken. Am letzten Samstag, bei sehr viel mehr Bewölkung flanierte ich photographierend noch einmal durch dieses Gebiet. Ich zeige demnächst auch dazu die Photographien. Der Flaneur war einerseits sehr melancholisch und angesichts der Szenerien und der Ordnung des Raumes doch auch heiter gestimmt.

    Licht in die dunklen Kammern und in die Räume zu bringen, ist eine gute Sache. Fürwahr.

  4. tikerscherk schreibt:

    Wer spricht von Kammern, wenn jemandem eine Weltstadt zu Füßen liegen kann.
    Zunächst muss Dunkles ins Licht, um es später zu erhellen. Ganz bescheiden.

  5. Bersarin schreibt:

    Wenn ich meinen Philosophievortrag fertig habe, von dessen Vorbereitung ich durch einen ausgesprochen angenehmen Umstand abgehalten werde (teils zumindest, zu einem kleinen Teil finde ich noch die Zeit) und ich ihn dann nächstens halte, schreibe ich über Roland Barthes und die Photographie, vielleicht bespreche ich sein instruktives Werk „Die helle Kammer“ und naturgemäß noch einige andere Texte von Barthes zur Photographie.

    Das Dunkle und das Lichte samt der großen Stadt. Ja. Stadt der Flaneure.

  6. zeilentiger schreibt:

    Um die Überschrift beneide ich dich glühend. Der Rest ist natürlich auch lesenswert – um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Die Bildpartien habe ich noch nicht angesehen. Ich werde es noch tun, weil ich ahne, dass es sich bei dir lohnt. Aber ich scheine doch mehr ein Wortflaneur zu sein. Oder bin ich dafür zu wenig unbeteiligt?

  7. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank. Diese Überschrift ist ein wenig von Clemens Meyer inspiriert, den ich sehr schätze. Ich las sein Debüt gleich nach dem Erscheinen 2006 und war wie im Sog. Ein Buch mit ungeheurer Wucht.

    Flaneur kann man auf ganz unterschiedliche Weise sein.

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