„Ein Riss ist ein Bruch in der Ordnung der Natur“ – J. M. Coetzees „Die Kindheit Jesu“ (2)

[Den ersten Teil der Besprechung gab es an dieser Stelle.]

Coetzees Roman gewinnt seine Stärke durch die Perspektivität: es könnte nämlich alles Geschehen, alles, was wahrgenommen und in einem bestimmten Referenzrahmen gewichtet und gewertet wird, ebenso ganz anders sein, es könnte der Protagonist Simón, durch dessen Augen wir in diesem Buch den Text der Welt sehen, in seinem Handeln und Denken durchaus auch irren. Insbesondere die Wahrnehmungen Davids, aber ebenfalls die des Schauermann-Vorarbeiters Alvaro bilden einen Gegenpart zum (überkommenen) Blick von Simón.

Die Stimmung, die Situationen: alles bleibt seltsam schwebend und ambivalent. Auch der Junge, David, ist es in vielfachem Sinne. Er nimmt Dinge wahr, die sonst keiner außer ihm sieht, weder Simón, noch die Bewohner dieser Region. Er will einen toten Schauermann wieder zum Leben erwecken, der bei einem Schiffsbrand ums Leben kam, dann ist es ein totes Pferd, das er wieder ins Leben holen möchte. Immerzu ist der Junge dabei, Dinge und Leben retten zu wollen. David hinterfragt den Sinn der Wort, den Sinn der Rituale. Er sammelt Gerümpel und wertlose, weggeworfene Objekte und sieht diese Sammlung als sein Museum. Als Simón entgegnet, daß Dinge einen gewissen Wert haben müssen, bevor sie im Museum ihren Platz finden, fragt David, was Wert sei. David praktiziert die radikale Skepsis gegen das, was ist.

Dabei tut sich eine Realität des Außerhalb, eine Welt neben dieser Welt für David auf. Die Welt ist brüchig, und es verschwindet der Mensch in den Zwischen-Räumen dieser Welt. Was für die meisten metaphorisch klingt, wird von David ganz und gar real genommen. Man kann das als die Sicht des Paranoikers oder aber die des Hellsichtigen lesen: Als der Junge beim Gehen trödelt, von Stein zu Stein hüpft, um nicht auf die Spalten zwischen den Pflastersteinen zu treten, wie es bei den spielenden Kindern, die sich in ihrer Phantasie etwas ausdenken, vorkommt und Simón ihn auffordert, schneller zu gehen, entgegnet der Junge:

„Nein. Ich will nicht in einen Spalt fallen.“
„Das ist Quatsch. Wie kann ein großer Junge wie du in einen kleinen Spalt wie den da reinfallen?“
„Nicht in den Spalt da. In einen anderen.“
„In welchen Spalt? Zeig den Spalt.“
„Weiß ich nicht! Ich weiß es nicht, in welchen Spalt. Niemand weiß es.“
„Niemand weiß es, weil niemand in einen Spalt im Pflaster fallen kann. Beeil dich jetzt.“
„Ich kann’s doch! Du auch! Jeder kann’s! Du hast keine Ahnung!“

Es ist ein Leben auf der Flucht und der Wunsch in keinen der Zwischenräume und der Spalten zu fallen, die sich inmitten der gewohnten Wege und der Sicherheiten auftun können, in denen die Menschen unwiederbringlich verschwinden und sich verlieren. Doch geht in Coetzees Roman dieser Gang von Stein zu Stein nicht im Sinne der Stetigkeit oder indem vom einem zum nächsten in Kontinuität geschritten wird. Die Wege, die beschritten werden, sind grundsätzlich unsicher. Es ist eine Frage des Referenzsystems, wie wir uns der Welt nähern.

Deutlich wird dies in zwei Szenen: einmal als Simón den Junge fragt, wie er darauf käme, daß er so klug sei und David ihm entgegnet, daß er alle Zahlen kenne. Schnell zeigt sich dabei, daß David und Simón unter dem Sachverhalt „etwas kennen“ völlig Unterschiedliches verstehen. Während Simón den Vorgang des Zählens meint, also die sukzessive Anordnung der Zahlen in der Zeit und in der Abfolge, denkt David beim Kennen einer Zahl gewissermaßen in den Dimensionen der Intimität: bei der Zahl selber zu sein, ihr Wesen zu erlauschen. Als Simón David fragt, was die nächste Zahl nach der 888 sei, antwortet David 92, worauf Simon entgegnet:

„Falsch. Die nächste Zahl ist 889. Welche von beiden ist größer 888 oder 889?“
„888“
„Falsch. 889 ist größer, weil 889 nach 888 kommt.“
„Woher weißt du das? Du bist nicht dort gewesen.“

David kennt alle Zahlen, weil er sie besucht hat und bei ihnen war. Auf die Frage Simóns, welches die letzte der Zahlen sei, schließt David „die Augen und holt tief Luft. Er runzelt die Stirn vor Konzentration. Seine Lippen bewegen sich, doch er sagt kein Wort.“ Mathematik als Meditation, der Fluß der unendlichen Zeit wird umgeleitet zugunsten eines Zustandes der Entgrenzung. An einer anderen Stelle des Romans geht Simón eine wesentliche Erkenntnis auf: „Was, wenn es zwischen eins und zwei überhaupt keine Brücke gibt, nur Leere? Und was, wenn wir, die den Schritt so zuversichtlich tun, in der Tat durch den Raum fallen, nur dass wir es nicht wissen, weil wir darauf bestehen, unsere Augenbinde zu tragen? Was, wenn dieser Junge der einzige unter uns ist, der Augen hat zu sehen?“

Die Perspektivität, von der dieser Roman getragen wird, zeigt sich zum anderen in einer der Schlüsselszenen, als Simón dem Jungen aus der Bibliothek ein Buch mitbringt. Es handelt sich um eine Ausgabe des „Don Quijote für Kinder“. Anhand dieses Buches soll David das Lesen lernen. Aber wie auch Don Quijote sieht David in der Windmühle durchaus einen Riesen: „Es ist nur auf dem Bild eine Windmühle.“, so entgegnet der Junge. Die unter den Dingen liegende Schicht ist eine ganz andere. Abgründig oder für die meisten unbekannt. Kein Essentialismus, den David predigt, aber doch eine Ding-Ontologie abseits unserer Wahrnehmung. Es sind die So-und-so-und-nicht-anders-Perspektiven, unter denen wir die Welt strukturieren, die Referenzrahmen bilden und die Sinnhorizonte setzen – bis in die Regungen des Körpers hinein. Auch Simón sieht diese Perspektivität, aber in einer ganz anderen Weise als David: „Für die Frau in der Bücherei, die es uns ausgeliehen hat, scheint es ein einfaches Buch für Kinder zu sein, aber in Wahrheit ist es überhaupt nicht einfach. Es zeigt uns die Welt durch zwei Augenpaare, Don Quijotes Augen und Sanchos Augen.“

Der Schullehrer ist von Davids Art, die Schule zu besuchen, dort Fragen zu stellen und in einer ganz anderen Intensität und Denkweise zu lernen ebenso befremdet wie Simón. Lediglich seine neue Mutter Inés, die von Simón durch einen Zufall gefunden bzw. willkürlich ausgewählt wurde und sozusagen zu ihrem Sohn kam wie die Jungfrau Maria zum Kinde, hängt mit Affenliebe an dem Sohn, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der ihre ist. Aber die Frage von biologischer Elternschaft spielt für diese Geschichte im Grunde eine untergeordnete Rolle. Diese neue heilige Familie ist eine, die aus dem Stoff des Patchworks gebaut ist. Am Ende des Romans fahren sie in einem Auto über die Straße, auf der Flucht vor der Schule sowie der Obrigkeit, die David in einer Art Spezialschule für besondere bzw. auffällige Kinder verfrachten will. Einen Anhalter Namens Juan haben sie zudem mitgenommen – ein Name der unschwer als Johannes zu übersetzen ist und den David als seinen Bruder bezeichnet. So geht diese Fahrt am Ende des Romans ins Nichts hinein oder zu einem ganz anderem Ort, nicht anders als im Schluß von Kafkas „Der Verschollene“, freilich mit dem Unterschied, daß die Bilder, mit denen Kafkas Roman endet, deutlich bedrohlicher sich gestalten. Es bestimmen in Coetzees Text nicht mehr die Landschaftsszenen, jene rauen, zerklüfteten Gebirgswelten, die Kafka beschreibt, die vermutlich wenig hoffnungsvoll ausgehende Geschichte, sondern das Gespräch der Autofahrer, und insbesondere die Reden Davids gestalten die Situation fast heiter: jene andere Welt, in der die Neuen, die Bedürftigen, die welche auf der Flucht sind ankommen wollen. Und so äußert sich David in seinem letzten Satz – euphorisch fast – zu Simón:

„Du und Inés und Juan und Bolívar [der Hund von Inés, Anm. Bersarin] und ich, und wir werden sagen: Guten Morgen, wir sind Neuankömmlinge und wir suchen eine Unterkunft.
„Und?“
„Das ist alles. Wir suchen eine Unterkunft, um unser neues Leben anzufangen.

Das ist alles. Es steht zu vermuten, daß die Geschichte so weitergeht, wie sie begonnen hat. Aber dieses Endes, das in einer gelassenen Stimmung in Vorfreude auf den neuen Anfang geschildert wird, könnte ebenso gut ganz anders ausgehen oder in der unendlichen Variation von Flucht und Vertreibung sich wiederholen. Wie fast alles in diesem lesenswerten und verrätselten Roman, der mit Bibelanspielungen nicht geizt. Eine mehrdeutige Parabel auf Flucht und Lebenswelt samt ihren Perspektiven, dichterisch verrätselt und doch klar strukturiert; eine Parabel, die jedoch keine eindeutigen Antworten und schon gar keine einfachen Lösungen im Lesen liefert. Vielmehr bleibt das Rätsel und treibt den Motor des Denkens weiter an. Unausdeutbare Lektüre.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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