Buchmesse Leipzig. Literaturkritik als eine Form der Kunst sowie Helmut Lethens Blick auf die nomadisierenden Bilder

Rollköfferchen hin, Rollköfferchen her. Mangagirls hier, Mangaboys da. Hübsches Personal verkauft Kaffee und Eßwaren an die hungrigen Besucher, adrette Buchmenschen schlendern oder stehen dienstfertig am Ausstellerstand. Es ist, wie immer, ein quirliges Treiben unter dem Glasdach der Messe Leipzig. Ich schaue auf Schenkel und Businesskostüme, blicke auf die Waden einer Lektorin. Es ist warm, aber ich ziehe meine schwarze, knapp unter der Taille endende Lederjacke nicht aus, weil sie in Kombination mit einem schwarzen Hemd wie ein Jackett wirkt – nur lässiger eben.

Um 14 Uhr geht es ins „Berliner Zimmer“, dort wird gleich der Alfred-Kerr-Preis an die Literaturkritikerin Insa Wilke verliehen. Roger Willemsen hält eine geistreiche, spritzige, sprudelnde und belebende Laudatio – aus dem Stehgreif heraus, ohne Notizzettel, druckreif sprechend: Was vermag und in welche Richtung geht die Literaturkritik? Jedes Buch brauche einen Zöllner so Willemsen. Solche Sätze kann man natürlich als die Geste des Kritikers abtun, sich unentbehrlich zu machen. Aber wenn man diese Sicht einmal diesseits des überkommenen Feuilleton- und Marktbetriebs im Sinne eines essayistischen Schreibens über Literatur sieht, dann bekommt dieser Satz einige Tragweite: jegliches Kunstwerk will gedeutet werden und möchte doch zugleich als Rätsel weiterleben. Dieser Dialektik weicht die Kritik nicht aus, sondern stellt sich ihr, weist auf die „wolkigen Stellen“ eines Werkes, die verdecken, scheinen und schimmern. Dies kann nur die Kritik selber. Andererseits enthält – zumindest im Idealfalle – der im Geist der Romantik konzipierte Roman bereits seine eigene Kritik in sich. Das autopoietische System der Kunst- und Kunstkritik feierte in diesen Übergangszeiten vom 18. Ins 19. Jahrhundert seine herrlichen Triumpfe.
 

 
Literatur- und überhaupt die Kunstkritik, die mehr sein will als bloßes Aburteilen und Abarbeiten eines Werkes, die sich aber ebensowenig in der Befindlichkeit subjektiver Lesesituationen erschöpfen mag, begibt sich ins Detail und geht aufs Ganze. Dieses Ganze ist das Buch selber, das als Maßstab dient. Nicht in der Pose des Daumen-hoch- oder Daumen-runter-Feuilletonbetriebes funktioniert die Literaturkritik, sondern sie sichtet das Werk wägt ab, begibt sich in die Struktur, sie erzählt nicht, was uns denn der Autor nun eigentlich sagen wollte und legt zur Beruhigung die Sinnhorizonte frei oder bettet das Buch in den eigenen, meist doch eher bescheidenen Referenzrahmen ein, sondern Literaturkritik schreibt sich an ihrem Gegenstand entlang, schreibt ihn weiter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Manche lassen sich gerne von Literatur ergreifen oder fühlen sich von Gedichten mitgenommen. Kann man machen, bleibt aber in der Beliebigkeit des Meinens stecken. Wer keine anderen Gründe als seine kunstreligiöse Ergriffenheit dafür angeben kann, weshalb ein Buch oder überhaupt ein Kunstwerk als gelungen zu bezeichnen ist, und zwar jenseits der bloßen Wirkung auf Psyche und Körper, der hat dem Esser nicht viel voraus, welcher den Verzehr bei MacDonalds als kulinarischen Höhepunkt ausgibt. Gegen beide Positionen lassen sich Gründe anführen. Wer ästhetisch keine Sicht auf ein Kunstwerk zu entwickeln vermag, wer nicht zu klaren Sätzen und zu Analysen fähig ist, sollte keine Buchbesprechungen schreiben. Ästhetische Kritik und Essays zur Literatur können sich in ihrem Urteil irren, es mag am Ende ganz anders sein als angenommen. Aber ich irre lieber in einem Text, als daß ich den Salms des persönlichen Befindens absondere, wie und auf welche Weise ich ein Buch gelesen habe, was ich mir dabei dachte und wie sehr es mich ergriffen hat. Ich will schließlich auch nichts vom Klogang des Kritikers lesen oder wie er den Abwasch macht. Bücher können berühren, bewegen und die Sinne erschüttern. Die Frage ist nur, wie ein Kritiker dieses Moment, welches ich das somatische nennen möchte, aufnimmt und in eine Form bringt. Gute Kritik vermittelt den Moment des Subjektiven und die objektive Struktur eines Textes, seine Tiefenschichten und das Mehrdimensionale.
 

 
Jeglicher Kunst ist ein somatisches Moment eigen. Wer sie aber darauf reduziert und dieses Somatische für den Kitsch des schwelgenden Gefühls mißbraucht, um in der eigenen Blase der Subjektivität seine Triumpfe zu feiern, verfehlt nicht nur den Text, sondern am Ende auch das worauf so sehr gepocht wurde: nämlich das Subjekt selbst. Daß Literaturkritik zu einem Teil ebenso der Kunst angehört wie das Werk selber und Teil von ihr ist, wissen wir seit den Texten der Gebrüder Schlegel, und Walter Benjamin hat die Bedeutung der Kunstkritik in der Romantik in seiner gleichnamigen Dissertation dargelegt. Gute Kritik vermag das einzulösen. Sie ist in den Feuilletons und in der Blogwelt leider sehr selten zu finden. Soviel – so gut. Als knappe Vorbemerkung.

Weiterhin wurde am Donnerstag in einer stickigen, von Lärm erfüllten Halle der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Über den Charakter solcher Preisverleihungen sowie die Auswahlkriterien für Literatur läßt sich streiten. Der unvermeidlicher Hubert Winkels hielt die Eröffnungsrede. Der Preis in der Kategorie Roman ging an das Buch „Vor dem Fest“. Für Saša Stanišić freut es mich. Ich werde das Buch demnächst lesen. Erstaunt war ich freilich über den Ausgang beim prämierten Sachbuch. Ich hatte auf die Weber-Biographie oder auf Barbara Vinkens Buch zur Mode gesetzt. Diederichsens Buch über Pop ist zu elaboriert, da muß man sich beim Lesen anstrengen, das mögen die Leute nicht so sehr, wenn sie irgendwie von ihren eigenen Denkmustern abgebracht werden.

Stattdessen gewann Helmut Lethen für sein Buch „Der Schatten des Fotografen“ diesen Preis. Es trifft sich gut, daß ich dieses Buch gerade lese. Geschrieben ist es in der Tat auf eine sehr eigenwillige Weise: und zwar radikal vom Autor her als Subjekt des Wahrnehmens und des Schreibens, wie wir es im herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb selten kennen, wenn es um Bild- und Medientheorie geht. Über das Moment des Subjektiven möchte Lethen zum Grund der Bilder bzw. der Dinge vordringen, die von den Bildern in Szene gesetzt werden. Sozusagen eine Phänomenologie der Medien: Was liegt unter der Oberfläche der Bilder?, so fragt Lethens Buch, wie und auf welche Weise wechseln die Bilder das Medium, um zum Ausdruck zu gelangen? Ontologie der Dinge oder ist der Körper, der Blick, das Bild immer schon in der symbolischen Ordnung vermittelt, so fragt Lethen. Sein Wunsch ist es, das Objekt als solches freizulegen, einen Erfahrungsgehalt freizusetzen, den man, mit Adorno gesprochen, als die Freiheit zum Objekt wird lesen können. Ich bin im Augenblick in der Lektüre unschlüssig, wieweit solcher Blick vom Autor-Subjekt her bedeutsam ist oder aber ob er bloß das spiegelt, was sowieso schon ist und die Mechanismen von Wahrnehmung viel zu kurz schließt. Dies wird sicherlich demnächst meine Buchbesprechung zeigen, auf die ich schon einmal aufmerksam machen möchte.
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Buchmesse Leipzig. Literaturkritik als eine Form der Kunst sowie Helmut Lethens Blick auf die nomadisierenden Bilder

  1. zeilentiger schreibt:

    Die Waden sind ein schöner Einstieg. Ein ganz somatisches Moment.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, ich beobachte gerne, schaue. Und manchmal ergibt das dann ein interessantes Bild. Sei es als eines der Sprache oder vermittels der Photographie.

  3. Pingback: Roger Willemsen, die Ukraine und sehr viele Bücher in Leipzig: Die Buchmesse

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