Treffende Sätze. Wie authentisch wir heute in unseren Filterblasen wieder sind

Ich könnte eine neue Rubrik eröffnen, so überlege ich mir. Ich schreibe einen Satz heraus, den ich gelesen habe und der auf den Punkt bringt, was der Blogbetreiber für evident bis wahrheitsfähig hält, aber bisher selber nicht in dieser Weise formulierte. Unausgesprochenes. Diese Rubrik „Treffende Sätze“ wird unregelmäßig erscheinen, vielleicht einmal pro Monat, aber es soll sich das nicht institutionalisieren, so daß der Eindruck entstünde, hier ginge es um die besten Sätze des Monats, der Woche, des Tages: im Strom der sinnlos dahinfließenden Zeit, die die Subjekte mit Sinn auszufüllen versuchen, oder es fielen solche Sentenzen in irgendein dummes Ranking hinein. Texte sind nicht dazu da, das wahre Wohlfühlen und das partielle Verströmen von Meinungen zu bekunden und auszulösen. Texte sollen weh tun, sie sollen ätzen, sezieren, auseinanderschneiden, eine Sicht zeigen, die es so bisher nicht gab. Sie sind die Mimesis ans Tödliche – alles übrige ist bloßes Mittun.

„Damals wie heute: wo die Leute angeblich glauben, ungekünstelt zu sein, sind sie in Wahrheit kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie.“
(Wolfgang Pohrt)

Dem folgt zwar nicht deutscher Gesang, aber zumindest ist dem nichts hinzuzufügen. Wer den Authentizitätskitsch, der sich vielfach in Kunst, Diskurs und Blogwelt tummelt, in kritischer Absicht sinnlich-sprachlich vorgeführt bekommen möchte, der sehe sich die Stücke von René Pollesch an.

Ansonsten rate ich dringend zur Lektüre von Pohrts blitzgescheiten und polemischen Texten. Fein böse, nichts für die zarten Seelchen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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16 Antworten zu Treffende Sätze. Wie authentisch wir heute in unseren Filterblasen wieder sind

  1. Lotte Eisen schreibt:

    Ja, die Grünen und Alternativen haben ihn gehasst, diesen Wolfgang Pohrt. Hat er doch treffsicher gezeigt, dass und wie das verdrängt Vergangene im Ökokult wieder hervorkommt.
    Den survivalism (Endsiegmentalität) dieser Gruppe und deren Insistieren auf eine reine und saubere Umwelt (deutsche Frau schminkt sich nicht) wurden von diesem Polemiker durchschaut wie von kaum einem anderen vor ihm, der nur deshalb ein Polemiker war (und ist), weil die politische Realität gar nicht anders mehr als polemisch begriffen werden kann (und soll).

  2. Bersarin schreibt:

    Ich bin, liebe Lotte Eisen, schon fast anfallartig glücklich, daß dieser Umstand überhaupt noch von Leserinnen und Lesern begriffen und der Sinn von Polemik erfaßt wird. Außer dem Nörgler und einigen wenigen anderen ist das alles in Vergessenheit der heilen Welt der Ich-Bezugsgruppe und der Subjekterschleichung samt Heuchelkitsch geraten.

    Nicht 100 Zeilen Haß – das ist nur langweilig – sondern der Blick auf das entstellte und beschädigte Leben.

  3. Pingback: Nichts Neues | Zurück in Berlin

  4. ziggev schreibt:

    Aus dem Kontext gerissen scheint das „angeblich“ hier auf etwas zu verweisen, was höchstens den Anschein erwecken könnte, dass dem so sei, oder dessen Anschein, dem sei so, mehr oder weniger bemüht hervorgerufen werden könne. Es liege eine Täuschung, zumindest aber eine Vortäuschung vor. Das genaue Gegenteil ist aber der Fall:

    Glauben die – die mit kunstloser Synthetik, schlechten Fabrikaten der Kulturindustrie identifiziert werden – nun, sie seien „ungekünstelt“ oder glauben sie es nicht? Wenn sie es glauben, dann glauben sie dies auch „ungekünstelt“, oder anders gesagt, es muss sich um eine authentische Überzeugung handeln. Denn Irrtümer
    existieren nicht im Als-Ob. (bestimmte Negation)

    Diese „ungekünstelten“ unterliegen also keineswegs einer Selbsttäuschung. Einer Selbsttäuschung (Verblendungszusammenhang) unterliegt, wer glaubt, sich selbst täuschen zu können. Ist es das, worauf Pohrt hinauswollte? – Wer einer Selbsttäuschung unterliegt oder wenigstens sich von etwas zu überzeugen versucht, wovon er/sie weiß, dass es falsch ist, wird, ganz gleich, ob´s gelingt oder nicht, kaum als ungekünstelt dastehen können. Selbsttäuschung wird wohl eher nicht authentisch und ungekünstelt daherkommen können. Wirklich erstaunen vermag uns ein solcher Befund aber nicht. In diesem Fall wäre überdies „kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie“ vorausgesetzt, sonst wäre ja die Rede von Selbsttäuschung witzlos, wie es witzlos ist, Fehler nur im Al-Ob-Modus zu begehen (da könnte ne lustige Geschichte draus werden: jemand, der oder die immer alle Irrtümer und Fehler – und nur die! – im Als-Ob-Modus begeht).

    Sollte hingegen Pohrt die Überzeugung, andere glaubten, sie seien authentisch, im Auge haben, dann schießt er ein Eigentor: Dass die irrtümliche Überzeugung, ungekünstelt zu sein, keine Als-ob-Überzeugung sein kann, habe ich oben dargelegt. Wenigstens dieses sollte ihnen zugestanden werden. Liegt also Pohrt zufolge der Irrtum auf Seiten derjenigen, die glauben, dass andere glauben, sie seien ungekünstelt?

    Dass es nur schwer möglich ist, zugleich zu glauben, man sei ungekünstelt, und ungekünstelt zu sein, ist nun aber ein Gemeinplatz, angefangen von sich Splitter aus dem Fuß ziehenden Jünglingen über Tausendfüßer, die ins Stolpern geraten, sobald sie ihrer tausend Beine bewusst werden, bis zu „practical jokes“ á la Watzlawicks „sei spontan!“ – Die bewusste (denn unbewusst begangene Irrtümer zähle ich nicht hinzu) Überzeugung, im konkreten Fall authentisch zu sein, steht der Authentizität im Wege. Es wäre nicht rational, von Leuten, von denen man denkt, sie glaubten, sie seien authentisch, zu glauben, sie seien es (deshalb) auch. Dies ist jedoch bloß eine einfache Folgerung aus dem o.g. Gemeinplatz. Es scheint wenig wahrscheinlich, dass Pohrt das gemeint haben könnte.

    Schwächen wir also die „bewusste Überzeugung“ etwas ab. Es gebe Leute, denen man unterstellen kann/könnte, oder sogar muss, deren Verhalten nur dadurch erklärbar ist, dass angenommen werde, sie glaubten, sie seien ungekünstelt. Bleiben wir kurz bei der Ungekünsteltheit, bei Authentizität, oder konkreter beim anmutigen Jüngling: in dem Moment, in welchem er erkennt (im Spiegel): ‚es ist anmutig, wie ich mir den Splitter aus der Fußsohle ziehe‘, verliert er jede Anmut und wird sich dieses Umstands bewusst. So geht zwar nur eine Geschichte, und in dieser Geschichte werden zwar nur die tatsächliche Anmut, ihr Verlust, die Verzweiflung des Jüngling darob, also seine Erkenntnisse und Überzeugungen beobachtet, wir wollen es aber einmal als gegeben nehmen: Authentisches ereignet sich nicht im Bewusstsein seiner Authentizität, Ungekünsteltes ereignet sich nicht im Bewusstsein seiner Ungekünsteltheit.

    Warum sollte jetzt Pohrt Überzeugungen des Gehalts, jemand glaube etwas bestimmtes, er/sie sei nämlich ungekünstelt, thematisieren? Dazu noch diese Überzeugungen in Zweifel ziehen, für welchen Zweifel ich das Wort „angeblich“ als Indiz nehme? Auf der Linie meiner bisherigen Argumentation scheint die Sache klar zu sein: Es gibt Leute, die derartig unauthentisch und gekünstelt herumhampeln, dass all dem nur ein schwerer Irrtum zugrunde liegen kann: sie halten sich für ungekünstelt! Um dies jedoch zu erkennen, müsste ich einen Begriff vom Ungekünstelten, Authentischen haben. Es scheint aber nicht Pohrts Sache zu sein, uns seinen Begriff des Ungekünstelten, des Authentischen auseinanderzusetzen …

    Richtet sich aber Pohls Augenmerk kulturkritisch auf den Glauben, dass andere etwas glauben, dabei jedoch einer Selbsttäuschung erliegen, die betreffende Überzeugung also gar nicht haben dürften, die Umstände es aber angelegentlich sein lassen, glauben zu machen, diese Leute unterlägen gar keiner Selbsttäuschung, glaubten also wirklich, dann ist das eine recht flaue Kulturkritik. Es ist wahrscheinlich etwas wie eine „Ideologie des Authentischen“ (oder so, nicht meine Sprache) gemeint. – Die, btw, hier lediglich im Modus des Behauptens auftritt (ich vermute, das ändert sich nur graduell, wird mehr Kontext hinzugezogen), eben weil die pohrtsche Diagnostik bei dem bedauerlichen, durch und durch gekünstelten Verhalten so vieler lieber Mitmenschen ihren Ausgang nahm.

    Ich wage eine Art Zusammenfassung: 1) Bei der Überzeugung, ungekünstelt zu sein, wird es sich um einen Irrtum handeln. Irrtümer werden aber nicht als Al-ob-Irrtümer begangen. Darum handelt es sich um eine authentische Überzeugung. 2) Es ist falsch, zu glauben, Leute glaubten, sie seien ungekünstelt (und erlägen dabei keiner Selbsttäuschung). Es läuft aber alles so ab, als ob (um einmal etwas sartrisch zu formulieren) alle dies glaubten, und in diesem selben Als-Ob ist die Überzeugung anzusiedeln, andere glaubten dies dennoch. 2) sei also modifiziert: 2 kulturkritisch) Es handelt sich um eine den Umständen verdankten mentalen Verzerrung, zu glauben, Leute glaubten, … usw. wie oben nach 2).

    Mit noch größerem Recht als vorher argumentiert wurde, dass aus dem gekünstelten Verhalten von Personen auf deren falsche Überzeugungen geschlossen werden kann (die aber ungekünstelt geglaubt werden), kann für 2) oder 2 mod.) im Umkehrschluss eine kausale Theorie aufgestellt werden: Es ist richtig, zu glauben, dass Leute glauben, sie seien gekünstelt, weil sie tatsächlich gekünstelt sind. Dies darf dann auch geglaubt werden, denn es handelt sich um eine wahre Überzeugung.

    Es bleibt sich also gleich, ob ich nun also glaube, authentisch zu sein, welche Überzeugung aber, da es sich um einen Irrtum handelt, authentisch sein kann, oder aber glaube, unauthentisch, gekünstelt zu sein, was trivialerweise eine wahre Überzeugung sein muss, da ohnehin niemand authentisch oder ungekünstelt ist.

    Ich glaube, mit Pohrt ist sein rhetorisches Temperament durchgegangen – es musste einfach das „angeblich“ hinein. Passte einfach vom Sound her (zu „ungekünstelt“ muss halt als Kookkurrenz „angeblich“ hinzutreten).

    Mir liegt da, Bersarin, viel mehr die Chuzpe des camp, der behauptet, ich bin authentisch, weil/indem ich unauthentisch bin. Du hattest neulich lanciert, Pop habe auch mit Camp zu tun (so in etwa); manchmal sind mir Sachen so selbstverständlich geworden, dass ich´s einfach wieder vergesse: Camp ist absolut zentral für den Pop! Dann führtest Du in einer Anmerkung in einem anderen Thread aus, dass Camp selbstredend heutzutage zur Kulturindustrie gehöre (so in etwa); deshalb endet ja auch bei mir die Popgeschichte irgendwann in den Siebzigern.

    Danach gab es nur noch Nachzügler wie D. Dietrichsen, für die ich mich aber nie sonderlich interessiert habe. Du scheinst das Verschwinden des wesentlichen des Pop einem blinden quasi mechanischen Prozess zuzurechnen, der selbst jenes chargierendes Spiel mit dem Als-ob und dem Authentischen unvermeidlich zerstört. Ich sehe dies als desaströse Folge von Unkenntnis der Popgeschichte. Potenzielle Momente des Camp werden nichteinmal mehr als solche erkannt (von Marianne Rosenberg schon; Bohlen: negativ).

    Pop hatte schon immer etwas vom Schaustellergewerbe; ein kleiner Trost ist vielleicht, dass er nun dort wieder angelangt zu sein scheint: Bum-Bum-Ballermann. Es sind tatsächlich Schausteller: ehem. Pornodarstellerin singt zu Bum-Bum-Ballermann-Sound und zieht sich am Ende aus, wirklich, so läuft das heute …

    Ich weiß, Du schätzt Pop nicht sehr; aber Du warst sicherlich einmal in einem Zirkus. Wenn nicht, besuche einmal einen (am besten kleinen). Wie Du weißt, wird sich jemand auf der Galerie aufhalten, und dieser Jemand weint …

  5. Bersarin schreibt:

    Du verrennst Dich in Deiner Analyse ein wenig. Pohrt schrieb nicht „anscheinend“ oder „scheinbar“, sondern „angeblich“. Das heißt von der Bedeutung her: „nach eigener Angabe“ bzw. „wie angegeben wird“. Wer sagt, er glaube an Gott, der glaubt nach eigener Angabe, also angeblich an Gott. Aber nicht scheinbar oder anscheinend. Sondern er glaubt, wenn ich seiner Angabe Glauben schenken darf und er nicht lügt. Insofern ist der Satz von Pohrt konsistent.

    Der Vergleich mit Kleists Jüngling vermischt unterschiedliche gesellschaftliche Schichten. Zu Kleists Zeit war die Ideologie eine andere. Es gab keine Pop-Musik und der Modus der Subjektivität war in der Romantik mühsam erst erkämpft, bevor er zum vollendeten Schein und zum Gewäsch wurde. Wer ich sagt, lügt, so könnte man Adornos Satz, daß es für manche eine Unverschämtheit sei, wenn sie ich sagen, erweitern.

    Einer Selbsttäuschung kann auf mindestens zwei Weisen vor sich gehen. Ich kann so tun, als ob und täusche andere und mich selber, obgleich ich es eigentlich und im Hinterkopf besser weiß. Eine/r kann sich aber ebenso ernsthaft für authentisch, ungekünstelt oder echt halten und ist es in Wahrheit nicht, weil jegliches Subjekt nun einmal präformiert ist von Strukturen und Bedingungen. Was ist echt, wer beglaubigt die Echtheit? Der Begriff des Authentischen, des Ungekünstelten und Echten ist einer aus der Werbesprache, er dient der Subjektoptimierung, damit dieses um so besser in seinen Leistungszusammenhängen funktioniert. Diese scheinbar Echte Ungekünsteltheit als Ideal reicht von der Neuen Innerlichkeit der 70er Jahre (ganz bei sich selber zu sein und authentisch zu sprechen), bis hin zu den Zen-Gläubigen der 80er, 90er Jahre etc. pp., die sich einen hochkomplexen Weg einfach begehbar machen, um ihre Funktionalität in der Arbeitswelt zu steigern und die gesellschaftlichen Widersprüche glattzubügeln. Die einen murmeln om-om, die anderen Sein-Sein. In solche Schlichtungstendenz fällt eben auch Heideggers späte Philosophie.

    Worum es geht, ist dies: jegliche Position als vorläufige wieder durchzustreichen und auch als nichtig zu sehen und zu setzen. Camp kultivierte den schlechten Geschmack als den guten – unter anderem. Aber das Tragen von Adidas-Jacken (als pars pro toto) bleibt am Ende schlechter Geschmack. Die potentiellen Moment von Camp oder von Pop-Musik sind allerdings sehr potentiell. Sie bleiben als flüchtige Möglichkeit. Als Vorschein, dem der Betrug des Marktes bereits eingeschrieben ist. (Über Pop-Musik und Diederichsens Buch werde ich demnächst etwas schreiben.)

    Das Zirkushafte eines kleinen Zirkusses ist nicht geringzuschätzen, weil in dieser Sphäre etwas vom Unperfekten überlebt, das sich dem Scheitern aussetzt und am Ende auch scheitert, wenn man die Artisten am Ideal des durchgestylten cirque du soleil oder anderen Perfektionsorten bemißt. Die Artisten in der Zirkuskuppel ratlos. Aber selbst diese Form von unperfektem Zirkus ist deshalb nicht authentisch. Darüber mag man weinen oder nicht. Oder einer weint auf der Galerie ob der traurigen Umstände. Das ist verständlich, ändert aber nichts.

  6. ziggev schreibt:

    klar habe ich gelesen: „angeblich“. Wie also angegeben wird. Fragt sich nur, von wem. Wird von sich ungekünstelt haltenden die fragliche Überzeugung als eigene genannt oder behaupten andere von denselben, sie hielten sich für ungekünstelt?

    Warum sagt man „angeblich“? Natürlich um (möglichen) Zweifel anzudeuten. Sonst gibt es ja noch: „eigener Auskunft zufolge“, „laut eigenem Bekunden“ u. dergl.

    und ich fand mich bestätigt (habs jetzt nachgecheckt):

    http://wortschatz.uni-leipzig.de/cgi-portal/de/wort_www?site=10&Wort=Zur%FCck*&blocknr=5&cs=0

    Duden – Das Synonymwörterbuch: nicht verbürgt, scheinbar, vermeintlich, vorgeblich, wie behauptet/gesagt wird, wohl; (geh.): mutmaßlich.

    canoo.net ist eher auf Grammatik spezialisiert, dort auch:

    http://www.canoo.net/services/Controller?input=angeblich&MenuId=Search&service=canooNet&lang=de

    Das ehrwürdige Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh.
    hat in der Tat zuerst Dein „/Adv./ wie angegeben, wie behauptet wird (…)“ und dann erst „/Adj./ vermeintlich: sein a. Vater; (…)“

    Ist allerdings schon ein wenig Papierdeutsch …

    Wenn Pohrt tatsächlich gemeint hat: wo die Leute nach eigener Auskunft glauben, … – dann handelt es sich ja eben doch um den genannten Gemeinplatz. Das war mir einfach zu trivial. Desh. habe ich noch die anderen Möglichkeiten abgeklappert.

    Eigentlich müsste man sich eine mehrdimensionale Matrix anfertigen: Angabe trifft /wissentlich/nicht wissentlich/ zu / Angabe trifft /wissentlich/nicht wissentlich/ nicht zu // Angabe betrifft die sie machende Person/Angabe betrifft nicht sie machende Person(en).

    Dann analysieren und sinnloses streichen. Und dann erst Argumente aus den verbliebenen Möglichkeiten zimmern. Ich habe alles in einem Rutsch gemacht. Da können schon mal ein bisschen die argumentativen Fäden den Händen entgleiten, stimmt. Es nimmt aber schon wunder, dass Pohrt sich einer solchen Allerweltsweisheit widmet. Es sei dem aber wie ihm sei: nimmt man ihn beim Wort, obwohl er sich rätselhaft ausdrückt und er offensichtlich nicht alle logischen Implikationen mitbedacht hat, lassen sich trotzdem einige interessante Fragen stellen bzw. Entdeckungen machen.

    Wie gesagt, Fehler sind meist bestimmte Fehler. D.h. es wird etwas bestimmtes übersehen, verwechselt oder negiert. Merke: Dies können auch die selber gemachten Verständnisfehler sein! Erscheint etwas nicht eindeutig genug, dann bleibt nun mal nichts anderes übrig, als alle Möglichkeiten durchzuchecken. Da es sich um ein kurzes Fragment handelt, sind viele Möglichkeiten denkbar – und damit konsistent.

    Pohl scheint diese Praxis (also auch eigene Fehler) nicht zu kennen; desh. unterläuft ihm auch eine solche unnötige Vagheit. In gewisser Weise wollte ich auch zeigen, was in diesem Falle dabei herauskommt, wenn man diese Vagheit einmal versucht nach allen Seiten hin auszuloten. Verständlicherweise ist das für den Pohl abschreckend. Dennoch (ich gehe selbstredend davon aus, dass Leser meines Kommentars, sobald sie merken, wie der Hase läuft, sich zumindest im Geiste eine solche Matrix anfertigen) sind meine Argumente nachvollziehbar. Er begnügt sich mit dunkler Ausdrucksweise – und hofft bei Lesern, die das für erhebend halten, auf bewundernde Zustimmung.

    Ich habe hier noch Duden – Das Stilwörterbuch nichtdigital rumliegen, aber für heute reicht´s mit lästigen Wortzankereien.

    Werde den Rest Deines Kommentares – alle Möglichkeiten durchcheckend – morgen zuende durchlesen; es kommen ja noch ein paar interessantere Gegenstände zur Sprache …

  7. Bersarin schreibt:

    Genau: angeblich heißt „Wie angegeben wird“, uns zwar vom Sprecher selber, denn ansonsten hat der Satz keinen Sinn: Ich bin ungekünstelt. „Damals wie heute: wo die Leute angeblich glauben, ungekünstelt zu sein, sind sie in Wahrheit kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie.“ Wer sonst sollte seinen Glauben, ungekünstelt zu sein, angeben als der Sprecher selber, auf den Pohrt verweist? Wenn Pohrt nur annimmt, daß es Menchen gibt, die sich für ungekünstelt halten, die jedoch niemals äußerten, sie seien ungekünstelt, so wäre das ziemlich widersinnig.

    Was an diesem Satz von Pohrt ein Gemeinplatz sein soll, erschließt sich mir nicht. AUßer wir setzen jeden Satz als Gemeinplatz, weil wir ihn irgendwo schon einmal in irgend einer ähnlichen Form hörten. Ebensowenig stimmt es, daß Pohrt sich ungenau ausdrückt. Der Satz ist exakt und verständlich. Pohrt trifft eine Feststellung, über Aussagen, die bestimmte Sprecherinnen und Sprecher tätigten. Wer als Einsiedler im Wald lebt, wird sie nicht verifizieren können, weil er keine Menschen kennt, die sich als ungekünstelt und authentisch bezeichnen. Wer in den 70er oder 80er Jahren in irgendeiner beliebigen Stadt der BRD lebte, wird einen Schock an Menschen kennengelernt haben, die angeben, sie seien ungekünstelt. (Ganz bei sich sein, sein Inneres freilgelegt haben, authentisch sein: EIne beliebte Phrase, damals wie heute: seien Sie authentisch.) Insofern ist der Satz von Pohrt eindeutig und klar. Man kann mit der Konklusion, die Pohrt zieht nicht einverstanden sein, weil es Menschen gibt, die jeden Satz, den einer äußert Glauben schenken.

    Sicherlich kann man um den Satz von Pohrt alle möglichen Szenarien aufbauen. Oder man kann den Satz dekonstruieren. Ebenfalls kann man die Begriffe befragen. Aber das sollte dann schon so geschehen, daß es noch irgendwie etwas mit dem Satz von Pohrt zu tun hat. Selbst wenn der Weg dann von Pohrts Satz fortführt.

  8. ziggev schreibt:

    Das Problem ist folgendes:

    Wie steht es überhaupt mit Selbstzuschreibungen hinsichtlich meiner Überzeugungen? Natürlich habe ich Überzeugungen noch und nöcher. Und zwar insbesondere Überzeugungen, die nicht unbedingt explizit in meinem Bewusstsein vorliegen. Es kränkt zwar meine selbstverständlich durchgehend gute Meinung von mir selbst, dass ich, wie es aussieht, so ohne weiteres mich dafür hergebe, alles mögliche zu glauben. Wenn ich schon etwas glaube, dann, bitte sehr, werde ich ja wohl auch zureichende Gründe dafür haben. Es gibt aber keinen Zweifel: ich muss offenbar viele Überzeugungen haben, deren Wahrheitsgehalt ich nicht überprüft habe.

    Um zum Modesprech der Sechziger ff. überzuwechseln: Wir sind alle irgendwie „konditioniert“. Nehmen wir die ebenfalls aus dieser Zeit stammende Computeranalogie des Geistes hinzu. Ich bin „programmiert“; also kann ich mich auch „umprogrammieren“. (Ich glaube, das geht in die Capra-Richtung.) Diese Feld-Wald-und-Wiesen-Analogie ist allerdings eher älteren Datums. L. Ron Hubbard, gewissermaßen Kind seiner Zeit, machte sich diese Vorstellung zunutze. Osho hatte dann so großen Erfolg, weil es zu seiner Zeit diese Authentizitätsideologie oder -religion gab. Wie wir es auch immer nennen wollen, jenen Authentizitätsterror der 70er, der Dich so genervt hat, dass er bei Dir bis heute seine Spuren hinterlassen hat.

    Hier spielt natürlich auch die freudsche Kränkung, nicht Herr im eigenen Hause zu sein, eine Rolle. Irgendwie bin ich doch „authentisch“. Osho jedoch legt sich natürlich mal wieder nicht fest; mal gibt es etwas wie einen Kern, das Wahre Selbst, mal scheint das genaue Gegenteil zu gelten. Nehmen wir das als modischen Opportunismus, können wir auch seine Rede, er liebe die Natürlichkeit einer ungeschminken Frau, entsprechend einordnen. Ich glaube allerdings, das kam eher den Einstellungen, die in den 70ern en vogue waren, entgegen, als dass Osho hier verantwortlich zu machen ist.

    Und natürlich ist es Terror: Sei doch mal authentisch, sag dochmal, was du wirklich glaubst! Ich möchte dafür argumentieren, dass das nicht möglich ist. Desh. öffnete, wie sich leicht denken lässt, dieser Authentizitätsterror der Manipulation Tür und Tor. Einmal derart verunsichert ließen sich den Opfern allerlei „Techniken“ usw. aufschwatzen. Der Vorteil: die angebliche Gewissheit, nun endlich das „wahre Selbst“ verwirklicht zu haben, lässt sich von Autoritäten immer in Zweifel ziehen.

    Für diesen Zweifel sind aber nicht unbedingt Autoritäten nötig. Denn die Authentizität von Selbstzuschreibungen, also Überzeugungen der Art: ich glaube das und das, lässt sich immer in Zweifel ziehen. Um zu so einer Überzeugung zu gelangen, ist eine Art Selbstverdoppelung erforderlich. Aus der Selbstzuschreibung in der ersten Person wird eine Selbstzuschreibung über den Umweg der zweiten. Ohne reflexives Moment ist nun mal Gewissheit bei Selbstzuschreibungen nicht zu haben. (Mal ein bisschen Kierkegaard: Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält. Das Ziel, sich selbst durchsichtig zu werden) Was sind denn, bitte schön, die (zureichenden) Gründe dafür, die es mir erlauben, mir selbst diese oder jene Überzeugung zuzuschreiben? Dieser Typ (ich) scheint wirklich zu glauben, dass …

    Dafür, dass eine solche Methode erforderlich ist, spricht bereits die den Skeptiker, der nichts ohne Gründe glauben will, kränkende Grunderfahrung, dass ich, wie ich scharfsinnig über den Umweg der Selbst- als Fremdzuschreibung schließe, eine nicht überschaubare Anzahl von Überzeugungen habe, die nicht explizit in meinem Bewusstsein vorliegen. Für die Instanz, wo diese Überzeugungen vorzufinden wären oder die aus ihnen gebildet wird, gibt es das schöne deutsche Wort „Gemüt“. In gewissen Grenzen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht sonderlich „gemütlich“ ist, gezwungen zu sein, ohne einen relativ großen Teil solcher „Konditionierungen“, „Programmierungen“ klarzukommen. Die Anzahl der Probleme, die ohne „Konditionierung“ zu bewältigen sind, um, sagen wir: die Straße zu überqueren, kann sich unter dem Einfluss gewisser Substanzen schon mal bis in kosmische Dimensionen aufsummieren.

    Ich halte es für ein Menschenrecht, über ein solches Gemüt zu verfügen. (Desh. bin ich auch eher für Rekonstruktion als für Dekonstruktion.) Mit geradezu übermenschlicher Disziplin und Anstrengung komme ich unter dem Einfluss des wie auch immer induzierten Zweifels zu dem Schluss: Soso, ich scheine sonst immer zu glauben, dass das Auto, das jetzt auf mich zurast, auch in der nächsten Sekunde auf mich zurasen wird. Interessanterweise glaubte ich allem Anschein nach, dass es dies auch in der auf sie folgenden tun wird und dass es ratsam wäre, ihm auszuweichen (…)

    Eine bestimmte Art von Gewissheit hat also die Form: Ich glaube, dass ich glaube, dass … Implizite Überzeugungen werden explizit gemacht. Genausowenig wie ich aber durch „Innenschau“ eine Instanz wie den „freien Willen“ ausfindig machen kann, wie ein kleines Männchen, das ich befragen kann, was ich denn aus freien Stücken tun werde (genau dies nehmen offenbar die Neurowissenschaftler bei ihren Experimenten an), kann ich mein Gemüt-als-kleines-Männchen direkt befragen: nun sag´ schon, was ich wirklich glaube!

    Ich gehe davon aus, dass es zureichende, sie stützende Gründe für jede Überzeugung geben muss, die sich sonst in Wohlgefallen auflösen wird. Was sind nun die Kriterien, die es mir erlauben zu sagen: ich bin (in der und der Hinsicht) authentisch? Das Problem ist, dass dann, wenn ich mich jetzt nach Kriterien gerichtet habe, diese Aussage die Qualität des Authentischen einbüßt. Das Kriterium für die Authentizität einer Aussage ist eben, dass sie nicht erst durch einen Prozess des Überprüfens bestimmter Kriterien im Brustton der Überzeugung als geglaubte geäußert wird.

    Daraus folgt aber, dass wir keine Möglichkeit besitzen, zu überprüfen, ob wir wirklich implizit davon ausgehen, dass wir in der und der Hinsicht oder in diesem oder jenem Fall authentisch sind (wobei ich Fälle wie die „authentische“ Überzeugung, dass 2+2=4 ist, hier ausnehmen will).

    Ehrlicherweise müsste ich, wenn ich sage „ich glaube, dass ich (in der und der Hinsicht) authentisch bin“, hinzufügen: „freilich kann ich nicht sicher sein, ob ich´s wirklich glaube, wie auch? Ich glaube aber, der Satz wird schon so stimmen“.

    Finde ich mich aber in der Situation, dies „im Brustton der Überzeugung“ vorzutragen, wenn ich also nach gründlicher Prüfung glaube, etwas wahres gesagt zu haben, fehlt das Kriterium der Authentizität, nämlich über keine Kriterien für eine solche Überzeugung zu verfügen und solche also auch nicht angewendet haben zu können.

    Ich (ziggev) glaube also nicht, dass ich glauben kann, zu glauben authentisch zu sein. Selbst diesen Glauben als implizite Überzeugung irgendwie auffinden zu können, halte ich für nicht machbar.

    Authentisch in dem Sinne, wie ich „authentisch“ glaube, dass 2+2=4 ist, kann ich nicht glauben, dass ich (in der und der Hinsicht) authentisch bin. Ich plappere also nur etwas nach, weil es halt gut in die Zeit passt und ich mich damit vor anderen als „etwas besseres“ qualifiziere (ich glaube, das ist der Ursprung solcher Rede), mache mich also zum Büttel des Authentizitätsterrors, bin nicht aufrichtig – oder ich glaube es tatsächlich. Ganz offenbar eine irrationale Überzeugung.

    Nun aber (der Gipfel meiner Argumentation ist erreicht) stellt sich die Frage, wie überhaupt so ein Irrtum in der Selbstzuschreibung möglich ist? Wir stehen vor dem Problem der Akrasia (Kopflosigkeit) – ein ungemein sympathischer Zug der alten Griechen, dass sie (kontra Freud) tatsächlich fragten, wie irrationales Verhalten überhaupt möglich sei ! (Nicht minder sympathisch die Houyhnhnms in Gullivers Reisen, die kein Wort für Lüge kannten – „to say the thing that is not!“)

    Denn für eine irrationale Überzeugung kann es keine (zureichenden) Gründe geben. Mit anderen Worten: bei einem Irrationalismus wie „(ich glaube, dass) ich bin authentisch“ muss es sich um eine authentische Überzeugung in dem Sinne handeln, dass es keine zureichende Gründe gibt, tatsächlich an ihn zu glauben. Ich glaube also den Authentizitätsterroristen kein Wort; authentisch sind sie maximal in dem Sinne, dass tatsächlich keineswegs glauben, authentisch zu sein, hinsichtlich dieses Glaubens aber sich selber täuschen. Wenn jemand entgegen allen vernünftigen Gründen sich dennoch irrational verhält (und sich dardurch etwa in gefährliche Situationen begibt), dann muss ich annehmen, dass er wirklich einem Irrtum unterliegt, so unbegreiflich dies auch scheinen mag. In diesem Sinne sind Irrtümer, und ich stelle die Hypothese auf, nur diese, authentisch.

    In diesem Sinne wäre jemand authentisch, der sagt, er glaube, authentisch zu sein, weil es sich ohne Zweifel um einen Irrtum handelt. (Umgekehrt wäre jemand zumindest ehrlich, der sagt, er glaube nicht, authentisch zu sein, ein gewisser Einwohner von Kreta lässt grüßen …) Derselben Person ist es freilich verwehrt, diese ihre Authentizität etwa so zu verteidigen: Ja, natürlich ist dies eine authentische Überzeugung, denn schließlich unterliege ich einem Irrtum!

    Es ist also ein sehr großer Unterschied, ob jemand tatsächlich glaubt, authentisch zu sein, oder ob er lediglich angibt, diese Überzeugung zu haben. Für den ersten Fall brauchen wir eine Zuschreibung in der zweiten Person. Denn authentisch wäre die Selbstauskunft nur, wenn die betreffende Person tatsächlich nicht daran glaubt (bei allen Problemen, die eine solche Konstruktion mitsichbringt). Es sieht mir alles danach aus, dass das Konzept der Authentizität in keiner Weise irgendwie tragbar ist.

    Nach diesen Vorüberlegungen finde ich es gar nicht so abwegig, Pohrts „angeblich“ als einen gewissen Zweifel markierend zu lesen. Und so lag es für mich nahe, in der Irrationalität jener Authentizitätsterroristen die Gründe dafür zu suchen, warum es sich in Wahrheit ganz anders verhält, als sie angeben, dass sie nämlich „kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie“ seien. Wobei es unerheblich ist, ob wir solche Selbstzuschreibungen wirklich beobachten können. Vielleicht lässt sich eine solche Überzeugung auch von außen diagnostizieren.

    Ich kannte Pohrt nicht; aber da Du ihn so gerne zitierst, vermutete ich hinter seiner Einlassung etwas, das wohl „Ideologiekritik“ genannt wird. Irrationalität kann bekanntlich jedes Mittel recht sein, sie verbreitet sich wie ein Virus, der gegen rationale Einwände immun ist, sodass wie im Märchen vom Hirsebrei ein Zauberspruch nötig ist, um ihre ungehemmte alles verschlingende Ausbreitung zu stoppen. Insofern ist es schon relevant, ob Überzeugungsträger selbst oder andere angeben, zu glauben, authentisch zu sein. Eben weil ich selber nicht daran glauben kann, verlasse ich mich aufs Hörensagen: schließlich werde landläufig behauptet, dass es Leute gebe, die glaubten, authentisch zu sein. Es ist etwa so, wie wenn ich glaube, ausnahmsweise eine sehr gute Mathearbeit geschrieben zu haben (die ganzen Sommerferien Nachhilfeunterricht). Nun erzähle ich überall herum, dass ich „ein ganz schlechtes Gefühl“ habe, in der Hoffnung, irgendwann – unterstützt von meinem Umfeld – selber daran zu glauben, damit die Enttäuschung hinterher nicht so groß ist, falls ich trotz allem schlecht abschneide. Auf ähnliche Weise versuche ich mich dem Authentizitätsglauben meiner Zeit anzupassen.

    Und da ich schließlich niemand kenne oder kannte, der oder die für sich in Anspruch genommen hat oder nimmt, authentisch oder ungekünstelt zu sein, hielt ich zu allem Überfluss auch die folgende Interpretation von Pohrts Satz für möglich: das „angeblich“ stammt tatsächlich aus einer Beschreibung der dritten Person. Aus gewissen Indizien wird auf diesen Glauben geschlossen. Es handelt sich um die Angabe des Kulturdiagnostikers. Für diejenigen, die sich, wie oben beschrieben, selber täuschen wollen, ist es im Grunde unerheblich ist, ob wirklich jemand angegeben hat, die betreffende Überzeugung zu haben, Hauptsache, sie glauben daran (und, wie dargelegt, kann niemand diese Überzeugung haben).

    Ich kenne jemand, dessen Verhalten Anf. d. 80er (und selbst heute noch!) in der Tat darauf schließen ließ, dass er sich für ach so authentisch hält (manchmal ist das aber wirklich nur Spielerei, denke etwa an Phänomene des „ironic dance“ – ohne gespielte Authentizität sind die Hervorbringungen der Kulturindustrie ja kaum zu ertragen); das wirkte sich aber katastrophal auf seine musikalische Performance aus. Daher war ich schon sehr früh vor diesem Authentizitätswahn gefeit.

    Pohrt könnte also von Leuten sprechen, die eine gewisse Kulturkritik als „sie glauben, ungekünstelt zu sein“ markiert. Ich gebe zu, das ist etwas konstruiert. Aber ich weiß ja nicht, ob Pohrt selber solche Kulturkritik betreibt. Außerdem hätte Pohrts Satz dann etwas tautologisches. Im Grunde würde er sagen: Die Diagnose „kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie“ trifft auf jene, die angeblich (anscheinend, mutmaßlich, offenbar, offensichtlich, vermeintlich, vorgeblich – die Synonyme im Wortschatz.uni-Leipzig.de) glauben, … zu.

    Ich fühle mich für solche Kulturkritik und -diagnostik nicht zuständig. Leider wird in dem einen Satz nicht deutlich, wie eine solche vorgeht oder vorgegangen ist. Trotzdem hätte ich gern darüber mehr erfahren. Das „angeblich“ hatte ich als Verweis auf die oben erwähnte Irrationalität gelesen und weniger als papierdeutsch i.S.v. „Person X gab zu Protokoll“.

    Pohrt weist ja im inkriminierten Satz nicht aus, was ich noch nie gehört habe, wer wann und wo betreffendes zu Protokoll gegeben hätte. Mir ist schon bekannt, dass es Theorien gibt, die Unaufrichtigkeit gewissermaßen als „Existenzial“ auffassen, nur eine ungefähre Richtung: Freud (wer ist schon Herr im eigenen Hause), insbesondere Sartre, Dr. House („alle Menschen lügen“), gesellschaftskritisch: Verblendungszusammenhang.

    Ohne meine Lesart scheint Pohrt der Forderung, eine Theorie müsse irgendwann einmal auch etwas ausweisen, nachzukommen. Ich glaube jedoch, Pohrts Satz leistet dies so nicht. Du behauptest jetzt, auch meine Lesart, in der das „angeblich“ auf einen gewissen Irrationalismus verweist, würde nicht zutreffen?

    Also eine bloße Behauptung? Es gibt keinen Hinweis, warum gerade die Genannten „kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie“ seien. Werden sie als Indiz herangezogen? Wofür? Nun, ein solcher Verdacht, dass aus einer Universaltheorie relevantes für die Lebenswelt deduziert werden soll, löst meinerseits Panikreaktionen aus.

    Wenn Du sagst: „bis hin zu den Zen-Gläubigen der 80er, 90er Jahre etc. pp., die sich einen hochkomplexen Weg einfach begehbar machen, um (meiner Hervorhebung) ihre Funktionalität in der Arbeitswelt zu steigern und die gesellschaftlichen Widersprüche glattzubügeln. Die einen murmeln om-om, …“, dann kommt mir ein solcher Verdacht. Es stimmt zwar, ich habe mit Meditation bestimmte Zwecke verfolgt; es ging aber ums schlichte Überleben. Um die Therapien usw., die die Ärzte und andere vom Sozialamt bestellte, von denen meine Krankschreibung und mein Einkommen abhing, zu überstehen, ohne den letzten Rest an Selbstachtung zu verlieren. Die Rechnung ging auf! Ich sehe dain nichts Verwerfliches. Dir ist natürlich klar, dass „Zen-Gläubige“ ein Widerspruch in sich ist. Hier irgendwelchen Überzeugungen anzuhängen, hätte Osho als Hirnwichserei bezeichnet. Bei dem, wovon Du sprichst, handelt es sich um herabgesunkene modische Bestandteile der „Lehre“ eines Modegurus.

    PS

    Das mit dem Gemeinplatz bin ich bereit zu relativieren. Kontingenterweise habe ich fast nichts von dem Authentizitätsterror, der Dich anscheinend fast traumatisiert hat, mitgekommen. Es war mein älterer Bruder, der irgendwann Anf. 80er ausrief: „‚Reiner Ausdruck‘! – Welch ein Blödsinn! ‚Authentizität‘ – das ist reine Ideologie!“ Offenbar ein „Problem anderer Leute“ – er reagierte wahrscheinlich auf einen Diskurs, der mir aber durchaus nicht bekannt war. Ich kannte also das Warnschild. Gemeinplatz – nur weil das mal jemand gesagt hat? Ich nehme es also zurück. Ich litt aber vielleicht ebenfalls unter dem Authentizitätswahn. Für derartige Versuche schämte ich mich aber jedesmal postwendend sehr! Folglich kann ich sie an einer Hand abzählen. Aber manchmal klappe es dann doch: jetzt bin ich mal, hui!, so richtig authentisch (ohne ironische Brechung ging´s aber nie). Als Folge dieses Wahns kann vielleicht gelten, dass das Thema für mich immer ein problematisches war/gewesen ist. Kunstlehrer, die ich befragte, äußerten sich nicht konsistent. (Ebenfalls eine Folge dieses Wahns? – Ich vermute genau das.)

    Mir war nur klar, um authentisch zu klingen, für den Ausdruck, muss ich viel, sehr viel auf meinem Instrument üben, irgendwann dann später … Ich kannte abschreckende Beispiele (s.o.). Authentisch sind (kleine) Fehler, aber nur bei denen, die vorher viel geübt haben, klingen sie auch gut. Frank Zappa war entschiedener Gegner selbst solcher Authentizität: Er zwang die Bandmitglieder dazu, ihre Verspieler exakt zu reproduzieren. Auch keine schlechte Methode, den Glauben ans Authentische auszutreiben.

  9. holio schreibt:

    Lassen wir unser Gegenüber entscheiden, ob wir authentisch erscheinen. Wir wären soziale Wesen, die endlose Spiegelung entfiele und der Gödelsche Unvollständigkeitssatz.

  10. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Zunächst einmal: Mich nervt das Gefasel von Authentizität, Echtheit, Bei-Sich-Sein nicht, sondern es ist Ausdruck eines zerstörten Bewußtseins, das nicht einmal mehr weiß, wovon es spricht und dem die eigene Begrifflichkeit abhanden kam. In einer verhärteten Welt braucht es für manche dieser Rettungsinseln oder Anker. Das ist gut zu versehen. Was ich kritisiere, ist der Umstand, wenn Menschen diese Mechanismen nicht mehr durchschauen (wollen).

    Der Ansatz meiner Theorie ist mitnichten behavioristisch. Wenn ich von Strukturen spreche, gehe ich nicht von bloßer Konditionierung aus. Das wäre ganz einfach nur die undialektische Sicht des blinden Positivisten, dem bestimmte selektive Ergebnisse der Naturwissenschaften zum schlechten Fetisch wurden.

    Zum Satz Oshos über Frauen: Ich liebe nicht die Natürlichkeit einer ungeschminkten Frau. Mich interessieren an ihr andere Dinge. Egal ob sie nun geschminkt oder ungeschminkt ist. Überhaupt sind solche Sätze bereits Ausdruck von Gefasel. Öffentlichkeitsshow, wie wir sie bei Prominenten des kulturindustriellen Business, zu dem ich ebenfalls Osho oder wie immer man ihn nennen will, zähle. Sie fallen exakt in das von Pohrt (und in anderem Zusammenhang auch von Adorno) kritisierte Gerede des Eigentlichen, Authentischen, Echten, Wahrhaftigen, Ungekünstelten. Der Satz als Phrase und Werbemaßnahme in eigener Sache. Dem kann sich übrigens niemand entziehten. Auch nicht der Schreiber dieser Zeilen. Es geht also nicht um die Position des besseren Bewußtseins, das über anderen steht. Auch dieser Allgemeinplatz wird von den Adornokritikern, die Adorno nie gelesen haben oder die aufgrund von Gleisbauarbeiten irgendwie defekte Weichen haben, nie recht begriffen.

    Noch einmal: Es lassen sich unzählige Varianten für Sätze finden, in denen „Ich glaube, daß …“ oder „Ich glaube an …“ vorkommt. Die Analyse solcher Sätze führt aber in diesem Fall nicht weiter und schweift vor allem vom Problem ab: Denn bei dem Pohrt-Satz handelt es sich um einen Satz über Menschen, die die Aussage treffen: „Ich bin ungekünstelt!“ Unabhängig davon, ob sie wissen, daß sie dabei lügen oder ob sie tatsächlich der Überzeugung sind. Pohrt geht es um die Ideologie, also um das falsche Bewußtsein, den Trug und das Fabulieren, das in solchen meist mit Verve und tiefer Überzeugung vorgetragenen Sätzen seinen Ort hat. Da, wo die Welt irgendwie aus den Fugen geraten und eigentlich nichts mehr in Ordnung ist, werden die meisten apodiktischen Sätze bezüglich eines irgendwie noch intakten Ortes als Refugium gesprochen und da wird dann kräftig die Phrasendreschmaschine angeschmissen. Ob das in den 50er Jahren nun dieses dämliche Heidegger-Gewäsch mit der Entscheidung und all diesem Jargon der Eigentlichkeit war oder in den 70er bis heute hin das Phänomen der Echtheit, der Wahrhaftigkeit, auf das sich unablässig die Menschen berufen, je unwahrhaftiger sie sich verhalten. Darum geht es Pohrt. Um nichts anderes.

    Es geht nicht um die vermeintliche Authentizität in der Kunst, das ist wieder eine ganz andere Baustelle. Und Du übst nicht, um Dein Instrument möglichst authentisch, sondern um es der Komposition angemessen zu spielen.

    Welche Praktiken einer betreibt, um sein Leben irgendwie in den Griff zu bekommen, ist die eine Sache, eine andere ist es, wenn alles und jedes (auch und insbesondere die Bildende Kunst, die sich auf den ersten Blick relativ mühelos rezipieren läßt – anders als ein 1000-Seiten-Roman) funktional im Verwertungsprozeß vernutzt wird. Über diese Prozesse einer schönen neuen Arbeitswelt, in der die Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital meditativ und durch Glück am Arbeitsplatz und eine neue Betriebsideologie von Arbeit als Freizeit eingeebnet werden, schreibe ich in naher Zukunft etwas. Ich mache am Arbeitsplatz das, was ich eigentlich auch in der Freizeit machen würde, ist diese neue Nerd-Ideologie, die verwischt, daß wir immer noch eine durchkapitalisierte Arbeitsgesellschaft sind, in der der Mehrwert vom Unternehmer angeeignet wird. Grob geschrieben.

    @ Holio
    Das Gegenüber ist eine denkbar schlechte Entscheidungsinstanz. Wenn es um die Todesstraße für Mörder oder um die Abschiebung von Flüchtlingen geht, möchte ich im Grunde genausowenig das Gegenüber entscheiden lassen. Solche Entscheidung würde ein kompetentes Gegenüber voraussetzen. Andererseits können sich in einem Gespräch allerdings neue Aspekte entfalten, die die Authentizitätssprecherin oder den -sprecher davon überzeugen, daß er oder sie nun doch nicht so authentisch sind, wie sie sich gerieren.

  11. ziggev schreibt:

    Was das Üben eines Instruments betrifft, so dachte ich insbesondere an Jimi Hendrix, über den Bemerkungen wie „reiner Ausdruck“ beliebt waren. Den Mythos gibt es immernoch. Es wird nur leider immer vergessen (oder einfach nicht gewusst oder nicht zur Kenntnis genommen), dass der während seiner Zeit in den R&B-Bands (also Jahre lang) einfach nur Gitarre spielen wollte und gut werden. Der gute jimi, der Gott der Authentizität … der hat einfach nur geübt, und geübt und nochmals geübt. Es lässt sich allerdings schon die Frage nach der angemessenen Interpretation einer Komposition im Zusammenhang mit sog. Authentizität stellen. Darum geht es aber hier wohl weniger und ich sehe jetzt auch keinen Grund dies ausführlich zu diskutieren. Bei Hendrix geht es allerdings um die Stehgreifkomposition oder das Spielen eigener Songs (bis auf All Along the Watchtower oder Like a Rollig Stone ggfls. Stand by Me – ich konnte nicht mehr herausfinden, ob es tatsächlich von ihm eine Version gibt, ich dachte ja, es gibt eine).

    Ignorant, wie ich bin, sehe ich nicht, wo die andere Baustelle betreffs der fraglichen Sache neben der des künstlerischen Ausdrucks liegt. Anscheinende Authentizität oder besser ja noch Ungekünstletheit ist das Ergebnis von Blut, Schweiß und Tränen. Ich sehe natürlich, dass es in der bildenden Kunst anders aussieht, und dass – ich denke etwa an Pollock – es wohl gerade darum ging, diese leidige Authentizität auszumerzen. Insofern ist es umso trauriger, wenn nun gerade die bildende Kunst für Authentizitätsgefasel hinhalten muss. In der Musik ist solches ja noch verzeihlich, denn sie steht landläufig für Authentizität, weil begrifflich so schwer zu fassen. Den maschinellen Verfahren in der bildenden Kunst entspricht gewissermaßen das „üben!, üben!, üben!“ in der Musik. Insofern gebe ich Dir recht. Ich wollte nur sagen: die Auseinandersetzung mit Kunst kann einen schon betonwandmäßig in seinen Authentizitätsgelüsten abbremsen, und

    diese amusischen Typen, die behaupten, ungekünstelt zu sein, sollen sich was schämen und tun mir leid!

    Jetzt habe ich doch angefangen zu diskutieren … Ansonsten aber: Ja. Damit kann ich etwas anfangen. Bitten um weitere Präzisierung müssten sich nun etwas konkreter stellen lassen. Danke also, ich bin erstmal einigermaßen zufrieden – „genug für heute“.

  12. Bersarin schreibt:

    Ein Instrument gut zu spielen oder eine Partitur auf gelungene Weise in den Klang zu überführen, hat nichts mit Authentizität zu tun, sondern ist zum einen Übungsarbeit, zum anderen die Leistung der Interpretation und wohl auch die Fähigkeit, Partituren lesen zu können. Der Nörgler könnte Dir hier begründen, weshalb es Beethoven-Konzerte gibt, die von hervorragenden Dirigenten durchgeführt werden und solche wie Karajan, die auf Showeffekt aus sind.

    In der Kunst gibt es nur Können, Kenntnis, gelungene Interpretationen und Darbietungen, so z.B. in den aufführenden oder darstellenden Künsten. Der Hamlet ist eben nicht authentisch oder besonders wahrhaftig, sondern in einer gelungenen Interpretation und Spielweise von Schauspieler und Regisseur auf die Bühne gebracht. Beethovens fünfte Symphonie nicht besonders authentisch vom Orchester dargeboten und vom Dirigenten durchgeführt, sondern in einer ganz bestimmten Weise gespielt. Pop-Musik in live ist ein Sonderfall, weil der Klang in Konzerten meistens sehr schlecht ist, und insofern geht es dort lediglich um die Durchführung, das Posen der Band und die Simulation von Authentizität. Damit nicht der Eindruck bleibt, die Band sei irgendwie lustlos, was bei 60 EUR Eintritt viele verärgert. (Außer bei Lou Reed. Aber den hat der Herrgott für seine Miesgelauntheit bestraft.)

    Insofern: Die Authentizität des Pop, Rock-Pop live in Concert, hat etwas mit Schauspielkunst zu tun. So zu tun, als spiele man mit der Emphase. (Was nicht heißt, daß es nicht auch Musiker gibt, die sich mit Emphase die Seele aus dem Leib spielen. Aber auch das hat nichts mit Authentizität zu tun, sondern mit der Durchführung und mit Leidenschaft für eine Sache.)

  13. ziggev schreibt:

    Ja. Stimmt, insbesondere, wenn ich an klassische Musik denke, hätte mir klar werden müssen, dass die Frage nach der Authentizität sich in der Kunst überhaupt nicht stellt. (Eigentlich lief ja sogar meine eigene Argumentation darauf hinaus.)

    Wenn z.B. die Spielanweisung im Titel von Robert Schumanns „Fantasiestücke, Op. 73 – 1 Zart und mit Ausdruck“ lautet, dann würde die Erweiterung „authentisch im Ausdruck“ die Vorstellung nahelegen, es handele sich um den Ausdruck von etwas, und könnte nur Schaden anrichten. Aber die Musiker werden schon wissen, was sie tun sollen, und die Spielanweisung „mit Ausdruck“ würde sie mit Sicherheit nicht dazu verleiten, zu versuchen, ihr Spiel als Ausdruck von etwas zu gestalten.

    Der Fehlschluss, Authentizität mit Ausdruck zu verwechseln, führt zu Janis Joplins „Ego-Tripping“ (Nick Cohn) bei Live-Auftriffen, für das sie berüchtigt war. Gerade das wäre nicht authentisch. Es würde sich immer um den Ausdruck von etwas amusischen handeln.

    Es ist, als ob sie einem „ganz Tief im Inneren“ verborgenen „wahren Selbst“ nachgejagt hätte. Als hätte sich, aus einem Missverständnis, wie wir annehmen müssen, die Vorstellung eines solchen Selbsts vor die eigentlich künstlerische Performance geschoben. Ich vermute, wenn es sich denn dabei wirklich um ein als der Kunst zugehörend aufgefasstes Verfahren gehandelt haben soll, dass – denn es muss ja eine Ursache für dieses Sich-Gerieren geben – eine solche Vorstellung hier ursächlich ist. Angenommen, das wahre Selbst sei irgendwie authentisch, dann sehen und hören wir, wie Authentizität den künstlerischen Wert drastisch abminderte. Sie weint, sie heult, sie braucht einen Mann (Mütter haben vorsorglich ihre Söhne weggeschlossen), es ist echt – und das Publikum langweilt sich.

    Es ist wahr. Wenn wir das mit dem wahren Selbst akzeptieren könnten, hätten wir vielleicht etwas wie den „direkten Ausdruck“ von etwas. In der Kunst sprechen wir aber von „Wahrhaftigkeit“, d.h. von einer Relation, von deren Relata mindestens eines im künstlerischen Medium zu suchen wäre. Dort wären aber weder der Ausdruck selbst noch das Wovon dieses Ausdrucks aufzufinden. Es ist wie mit jenem auf dem Kopf stehenden Buchstaben in einem Text. Kierkegaard zufolge scheint er immerzu verzweifelt trotzig auf seiner fehlerhaften Existenz zu beharren. Sind wir aber ehrlich: Es ist ein Fehler; wir hätten kein Mitleid und würden für die nächste Auflage die Setzer bitten, ihn auszumerzen.

    Anekdote: Ein Bekannter berichtete, seiner Mutter (Geigerin mit Engagement i.d. hamburger Oper) habe ihn harsch zurechtgewiesen, weil er bei einem Konzert sein Spiel mimisch kommentiert hatte. Wie ich seine Worte damals auffasste, sei das beschämend gewesen und zeuge von schlechter Erziehung. Madame Verdurins Gesichtsverzückungen beim Hören von Debussy lassen grüßen.

    Warum nicht gleich Headbanging? Diese an den Tag gelegten Zeichen verweisen auf etwas – das außerhalb jeder Kunst liegen muss. In Sachen Kunst, in Ermangelung eines Referenten, wenn, dann lediglich auf jene Selbstdarsteller, die zu glauben scheinen ihr „Inneres“ nach „außen“ kehren zu müssen. Diese Haltung wird konsequenterweise dazu verleiten, insbesondere Fehler auf ähnliche Weise nicht unkommentiert zu lassen, was Zeichen für echte Ungekünsteltheit gewesen wäre.

    Ungekünsteltheit können wir nur ex negative fassen: „Pjotr Petrowitsch, der noch von seiner Studentenzeit her die Angewohnheit hatte, aus jedem Gespräch einen Streit zu machen, sprach langweilig, fad und langatmig mit dem offensichtlichen Bestreben, als ein kluger und fortschrittlich gesinnter Mann zu erscheinen. Er gestikulierte sehr lebhaft und stieß mit dem Ärmel die Sauciere um; auf dem Tischtuch entstand eine große Pfütze, was aber außer mir niemand merkte.

    Als wir nach Hause zurückkehrten, war es dunkel und still.

    ‚Die gute Erziehung besteht nicht darin, daß man keine Sauciere umstößt, sondern darin, dass man es nicht merkt, wenn es jemand anderer tut‘, sagte Bjelokurow und seufzte.“

    Der formvollendete Gentleman genießt und schweigt. Noncharlance: Die Kunst, ungekünstelt, schlicht und ungezwungen zu sein, darf niemals als solche erscheinen. Tschechow lässt Bjelokurow in der Erzählung „Das Haus mit dem Mezzanin“ wie folgt fortfahren: „Ja, es ist eine reizende Familie. Ich bin ganz aus der Übung gekommen, mit solchen Menschen zu verkehren; ich bin furchtbar zurückgeblieben! Die Arbeit ist an allem schuld! Ja, die Arbeit!“

    Welch ein Fauxpas wäre es jedoch, wenn jemand sagte: „Ich bin ungekünstelt“! Sich ungezogen zu verhalten ist noch lange kein Zeichen von Ungekünstelt-Sein. Verhaltensnormen zu durchbrechen, zu provozieren, mag ja in Ordnung gehen, wenn erforderlich; nun aber zu vermeinen, damit ließe sich etwas gewinnen, ist ein großer Irrtum. Adorno, den guten, mit entblößten Brüsten zu umtanzen, beruhte auf einem solchen Irrtum. Etwas musische Bildung (oder etwas mehr Tschechow oder Proust) hätte durchaus zu der Erkenntnis verhelfen können, dass Ungekünsteltheit, wohlverstanden, sich in der Form auflöst, nicht anders als jene oben erwähnten Musiker die Spielanweisung „mit Ausdruck“ auffassen werden.

    Ich weiß nicht mehr, wo ich las, dass Adorno so gekränkt gewesen sei, dass die peinliche Aktion der „Aktivistinnen“ seinen frühzeitigen Tod möglicherweise beschleunigt haben könnte. Ich mag gar nicht dran denken. Welche Ekstase lösten dagegen der unprätentiöse Nihilismus der osteuropäischen feministischen Oben-ohne-Aktivistinnen, die sich mit Sicherheit nicht für „ungekünstelt“ gehalten haben, bei mir aus!

    Warum spielt die Ironie in der Romantik eine signifikante Rolle (z.B. bei Hoffmann, Stichwort Wort/Ton-Verhältnis bei Schubert)? – Natürlich, weil Natürlichkeit nicht darstellbar ist. Es ist eben auch die Ironie, die Billie Holliday, die unablässig von der bedingungslosen Hingabe singt, so groß macht. Und ich möchte auch die (groß)mütterlich-nachsichige Ironie von Ella Fitzgerald, die aufscheint, wenn sie bei ihrem Stimmumfang von drei Oktaven in die unteren Register überwechselt, nicht unerwähnt lassen. Janis´ Melancholie ist eben auch nur durch Selbstdistanz vermittelt, wie auf ihrem letzten Album zu hören.

    Was bleibt also von „Authentizität“ in der Kunst außer dem Selbstverständlichen, dass prätentiöses Gebaren (Karajan) unter allen Umständen zu vermeiden ist, der Definition ex negativo?

    Wollen wir wirklich das „Wahre Selbst“ zu Wort kommen lassen? Selbst bei D.W. Winnicott, bei dem das wahre Selbst, wenn ich nicht irre, der psychoanalytischen Trieblehre zuzuordnen ist, wird es ex negativo als dem falschen entgegengesetzt definiert. Es ist mehr oder weniger ein Bündel von Trieben, das sich qua Fehlleistungen bemerkbar macht.

    Authentisch sind nur die Autographen. Den oben erwähnten Musikern reichen jedoch Kopien des Notendrucks des Stückes vollkommen aus. (Mit den Autographen hätte allerhöchstens John Cage etwas anfangen können, den möglicherweise deren Gestalt jedoch dann weniger die Funktion als Zeichen interessiert hätte).

  14. Pingback: Meditation über “Kairos” Authentizität, Taobrücken | wortanfall

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  16. Bersarin schreibt:

    Ich werde Dir, ziggev, heute abend antworten, da Dein Kommentar viele Aspekte enthält und ich zunächst frühstücke, die Zeitungen lese, dann in den Zoo gehe, dann den Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich vorbereiten muß (Oh Gott, quatsch, was schreibe ich?: Naturgemäß meinte ich, daß ich eine Reise nach Wien vorbereiten muß und insofern erst später zu einer Antwort komme.)

    _____________

    Nachtrag: In den Zoo gehe ich nur, wenn das Wetter schlecht bleibt. Sonne, Tiere und Photographie vertragen sich nicht. Ich hasse diese Sonnentage, ich werde Re (oder auch Ra genannt) verfluchen: ich bin nicht Apollon, ich bleibe Dionysos. Rauschhaft, ohne Maß in den Dingen, nur in der Bestimmung der Analyse allenfalls einen Teil des Apollon bewahrend: und vielleicht auch in seiner Art zu bestrafen: Was er dem Marsyas antat, hat mich seit ich es zum ersten Mal als Kind las, tief beeindruckt und fasziniert. Ich merke: es wird ein ästhetizistisch gestimmter Morgen.

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