In den neutralen Zonen. J.M. Coetzees „Die Kindheit Jesu“ (1)

u1_978-3-10-010825-8 Einige Worte vorweg – ach, überflüssige Redewendung, denn die am Anfang gebrauchten Worte sind immer, die welche vorweg sind. Ich halte es im Grunde für unklug, Buchbesprechungen in zwei Teile auseinanderzuhebeln, weil Leserinnen und Leser das Resultat und die Sicht des Rezensenten meist auf einen Schlag haben wollen. Aber wenn ich dieses Buch bespreche, so erschöpft sich das nicht in 800 oder 1000 Zeichen. Das liegt zum einen in der Natur des essayistischen Schreibens, das ein Buch nicht bloß als Leseanreiz im Rahmen des normierten Reaktionsschemas der Lesererwartung bespricht, und zum anderen an der vielschichtigen, rätselhaften Geschichte, die Coetzee erzählt und damit verbunden ihrem parabolischer Charakter. Denn wie jede Parabel ist auch die von Coetzee erzählte schwierig ausdeutbar. Wir erinnern uns nur an den knappen Text „Vor dem Gesetz“, der in Kafkas „Der Prozess“ eingebettet liegt. Eine einfache und zugleich prinzipiell unausdeutbare Geschichte von unerhörter Schlichtheit und zugleich geprägt von literarischer oder philosophischer Weite. (Nicht anders als die Texte Becketts.) Es bleiben die unendlichen Deutungen und der Blick hat auf den Bedingungen der Möglichkeit dieser Unendlichkeit einer Schrift zu ruhen. Nicht das Rätsel wegzuerklären, ist das Ziel der Deutung von Literatur, sondern den Rätselcharakter erst voll zu entfalten und sichtbar zu machen. Das Rätsel als Potenz.

Wer den Buchtitel „Die Kindheit Jesu“ unbedarft liest und biblisch gestimmt ist, mag zunächst erwarten, daß Coetzee ins Reich der Christologie schweift oder uns eine frühjesushafte Bibelgeschichte in erbaulicher Manier erzählt. Aber nichts dergleichen geschieht. Es ist dieses Buch vielmehr ein eigentümliches, verstörendes, zwischen verschiedenen Ebenen sich bewegendes Werk, das sich nicht in eine Richtung hin festlegt. Anspielungen auf die Bibel sind darin zahlreich vorhanden, auch die auf Jesus, und insofern trifft der Titel durchaus den Gehalt dieses Buches. Aber all diese Bezüge und Anspielungen erscheinen vielfach derart verfremdet, daß Leserin und Leser sich verwundert fragen: „Aber wieso?“ Zentral bleibt in diesem Buch das Rätsel. Die Kindheit Jesu spielt in den Zonen, wo Menschen leben, die fremd in ein Land sowie in dessen Regelwerk hineingeraten: „Wir, David und ich, sind hierhergekommen wie alle anderen auch, für ein neues Leben, einen neuen Anfang.“ (S. 103) Nur gestaltet sich dieser Anfang schwieriger als gedacht, obwohl es den Ankömmlingen vordergründig leicht gemacht wird.

Flüchtlinge sind sie, von irgendwo her, wie vom Himmel gefallen oder aus einer anderen Welt: Ein bereits etwas älterer Mann und ein Junge kommen in einem fremden Land an, irgendwo in einer Region dieser Erde, wo Menschen spanisch sprechen. Wir wissen nicht, woher sie kommen, wir wissen nicht, was sie vorher taten und wie sie lebten. Bevor sie in diese Region einreisten, wurden sie in einer Art Lager, das den Namen Belstar trägt, auf ihre Ankunft vorbereitet: dort lernten sie die spanische Sprache. Angekommen in einem neuen Leben, vom Fährschiff eintreffend, am Schalter einer Art Einreisebehörde stehend: Centro de Reubicación Novilla. Novilla – das scheint verheißungsvoll zu klingen, und es mag sich an nouveau, nouvelle, nueva anlehnen. Oder aber es beinhaltet dieses Novilla schlicht eine Verneinung. So wie mit drohender Geste in Kafkas „Der Verschollene“ die Freiheitsstatue im Hafen von New York nicht eine Fackel als Schein der Hoffnung, sondern ein Schwert trägt. Doch auch diese Sicht ist eine Frage der Perspektive und des Blickes bzw. unter welcher Optik dieser ausfällt: Im grellen Licht der Sonne wirkt der Schein: Karl Roßmann, emigriert aus Europa, „erblickte (…) die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ Nicht anders als „Der Verschollene“ ist auch die „Kindheit Jesu“ eine Geschichte über Immigration. Und es gibt auch dort eine Anspielung auf die Freiheitsstatue. Nicht minder grotesk als bei Kafka.

Als die Schalterbeamtin, bei der der Mann sich registrieren lassen muß, um Arbeit und Wohnung zu erhalten, ihn nach dem Kind fragt, entgegnet der Mann, daß er nicht der Vater des Kindes sei, sondern lediglich für dieses Kind verantwortlich, irgendwo auf einer Schiffsfahrt habe er das Kind aufgelesen, es suche seine Mutter, die es auf der Fahrt oder Flucht – die Umstände dieser Flucht und die Flucht selber werden dabei nie erwähnt – verloren habe. So behauptet der Mann.

Aber bereits dieser Umstand der Elternschaft bedeutet eine Mutmaßung, denn die Vergangenheit ist vergessen, keine Erinnerung an das Leben davor bleibt zurück oder wird vom Roman in irgendeiner Weise in den Raum der Erzählung eingeholt, und auch das Kind fragt nicht ein einziges Mal in diesem Roman nach jener Frau, die ihn gebar und ins Leben brachte. In dem Lager Belstar erhielten beide ihre neuen, ihre spanischen Namen. Die alten Namen sind – wie auch das Leben davor, das sie einst führten – getilgt und vergessen. Als ob durch diesen Akt der Neubenennung die ursprüngliche Namensgebung rückgängig zu machen wäre. David, so heißt nun (bezeichnenderweise) der Junge, Simón der Mann. Der Preis, den die Neuankömmlinge für ihr neues Leben zu zahlen haben, ist das Vergessen. Mit diesem Umstand wird sich Simón nicht abfinden. Denn es läßt sich nicht das eine Leben durch ein anderes tilgen.

Wie sich nach und nach herausstellt, scheinen auch die übrigen Bewohner dieser Region meist Neuankömmlinge zu sein, die in diesem Land leben und arbeiten und die sich den Umständen dieses Landes angepaßt haben. Sie sind von den Erinnerungen an die Vergangenheit „reingewaschen“, wie es im Roman heißt, haben die alten Beziehungen und Verhältnisse losgelassen und sie nicht weiterverfolgt. Dennoch sucht Simón in diesem Land unermüdlich nach der Mutter von David und läßt das alte Leben sowie die Denkmuster, die er dort entwickelte, nicht ruhen.

Alles in diesem Land gestaltet sich für beiden Neuankömmlinge zunächst eigentümlich einfach. Es wird ihnen eine kleine Wohnung zugewiesen, der alte Mann erhält Arbeit und kann damit Geld verdienen, um sich die Lebensmittel und Bustickets zu kaufen, die nötig sind. Er arbeitet im Hafen und entlädt als Schauermann Schiffe, auf denen Getreide in Säcken importiert wird. Vieles in diesem Land ist kostenlos, so z.B. die Kultur und die Weiterbildung. Als David und Simón, zusammen mit seinem Kollegen, dem Hafenvorabeiter Álvaro, ein Fußballspiel schauen wollen, fragt er diesen, ob sie denn keine Eintrittskarten kaufen müssen: „Álvaro bedenkt ihn mit einem seltsamen Blick. ‚Es ist Fußball‘, sagt er. ‚Es ist ein Spiel. Man braucht nicht zu bezahlen, um sich ein Spiel anzusehen.‘“

Simón wird in zahlreichen Situationen bemerken müssen, daß sich die Bewohner dieser Region sehr viel anders verhalten, als er es erwartet und von seinem früheren Leben kennt. Die Arbeit und die Lebensweise der Menschen sind ganz und gar anders organisiert als das Denkschema, welches Simón aus seinem vergangenen Leben mitnahm. Abends z. B. sind die Straßen fast menschenleer, niemand geht aus  oder amüsiert sich in Bars oder Klubs, viele der Männer haben keine Frauen und Kinder, mit denen sie ihre Abende verbringen, sondern die Menschen befinden sich vielmehr in Weiterbildungen und nehmen an einer Art von Volkshochschulkursen am „Institut“ teil.

Bei einem Picknick für Neuankömmlinge, zu dem er eingeladen wird, gibt es zwar Essen, aber es ist derart spärlich und dürftig, daß sich Simón über die Kargheit empört. Nichts Üppiges wird serviert, nichts an Nahrung liegt auf der Picknickdecke, das irgendwie mit Genuß zu tun hat: Hauptnahrung sind Brot, Bohnenpaste und Wasser. Es ist das nötigste, was die Menschen zu sich nehmen. Mit Oscar Wilde möchte man ausrufen: „Geben Sie Luxus: Auf das notwendigste kann ich verzichten!“ Simón empört diese Haltung des Anspruchslosen, und häufig noch wird er sich in Situationen verstricken, wo er gegen dieses Enthaltsame und Karge protestiert.

Die Bewohner dieser Region wirken wie Menschen ohne große Leidenschaften, sie sind zwar stets freundlich und hilfsbereit, für alles ist gesorgt, es herrscht weder Hunger noch Mangel, aber etwas Entscheidendes scheint – zumindest in der Sicht von Simón – zu fehlen. Die Nahrung ist schlicht, die Grundbedürfnisse eines jeden sind gesichert, doch keiner lebt im Exzeß, niemand betrinkt sich, keiner ist wirklich zornig und echauffiert sich, geschweige, daß geflucht wird, es gibt kein erotisches Begehren. Simóns Wunsch nach einem weiblichen Körper wird von den Frauen, denen er begegnet, mit Befremden aufgenommen. Daß in diesem Land Kinder auch aus einer Lust am Körper heraus erzeugt werden, erscheint unwahrscheinlich. Ironie und Witz, wie sie Simón pflegt, werden von den Bewohnern nicht verstanden oder geflissentlich ignoriert. Sie existieren in der Rede der Bewohner nicht. Diese Menschen sind – ehemalige Flüchtlinge wie Simón – komplett „reingewaschen“. Sie ruhen in ihrem Leben, das sie führen, sie haben ihren Platz in der Gesellschaft. Sie agieren derart rational und verständig, daß es fast weh tut und es bleibt die Frage, ob die bloße Existenz ohne Not Leben zu nennen ist.

Aus der Sicht Simóns, die mehr oder weniger die der meisten Leserinnen und Leser ist, mag dieses Leben befremden. Aber die Logik, mit der die Bewohner dieser Region argumentieren und dieses Leben führen, hat dennoch etwas für sich, weil sie in sich selbst, also systemimmanent, durchaus schlüssig ist. Als Simón den Schauerleuten im Hafen vorschlägt, zum Entladen der Getreidesäcke Kräne zu verwenden, um die Arbeit zu erleichtern und zugleich effektiver zu gestalten, sind diese über seinen Vorschlag verwundert: Weshalb sollten sie Kräne verwenden? Dann gäbe es für einige der Schauerleute keine Arbeit mehr und das Getreide wird doch so oder so, ob mit oder ohne Kran, umgeladen. Während Simón über das Stupide dieser schweißtreibenden Arbeit klagt, sind die Schauerleute vom Wert ihrer Tätigkeit überzeugt: daß sie Nützliches und Gutes leisten, weil sie die Menschen mit dem zum Leben Elementarsten versorgen: nämlich mit Nahrung.

Eigentümlich verdreht sind die Welten: die aus der Simón (flüchtend) herüber kam, schien ein Mehr an Leben bereitzuhalten, doch es mußte Umstände gegeben haben, die ein Leben dort nicht zuließen. Die neue Welt ermöglicht Leben, hält Platz für jeden bereit, der kommt. Aber das Leben, die Sinnhorizonte strukturieren sich in dieser Welt ohne Überfluß, in der alles auf seine Weise wohlgeordnet sich gibt, vollkommen anders. Aus diesem Widerspruch bezieht der Roman zum Teil seine Spannung, und weil er an manchen Stellen rätselhaft bleibt, läßt er sich durchaus als eine teils schwierig auszudeutende Parabel lesen, die zur unendlichen Lektüre und zu einer nicht sistierbaren Interpretation einlädt. (Weiter im zweiten Teil)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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