Daily Diary (98) – „Die künstlichen Paradiese“: Ghostdancer

„das, was ankommt oder auch nicht ankommen kann …“ (J. Derrida, Falschgeld, Zeit geben I)

Jede Sendung und jedes Geschick, ob im Rahmen der Brief- bzw. der Tele-Kommunikation oder aber in sonst einer Variante der Übertragung und der Medien (wozu auch die Telepathie, die Kommunikation der Empfindungen, und zwar als Emphase, wenn zwei Menschen gemeinsamen denken, sowie das Raunen der Geisterseher gehören), besitzt die Fähigkeit, ihren Empfänger zu verfehlen. Weil jene Sendung nicht zugestellt wird, weil sie irgendwo verloren geht, weil sie liegen bleibt und von einem Kanal in einen ganz anderen geleitet wird. Aber auch, weil etwas mit Bedacht ganz offensichtlich deponiert wird, um sich den Blicken gerade dadurch zu entziehen. Dies ist – im Sinne jener Poeschen Detektivgeschichte – die Theorie des entwendeten Briefes, wie sie Lacan als Facteur der Wahrheit und Derrida in je unterschiedlicher Weise lesen. Ein Brief kann sehr wohl niemals ankommen oder absolut unlesbar bleiben, so Derrida. Dagegen hilft keine hermeneutische oder dechiffrierende detektivische Erkenntnis.

Ist es in der Lesart Lacans das Spiegelverhältnis, das sich in der Lektüre spiegelnd erneuert und als eines der (verdrehten) kommunikativen Anerkennung sodann in Szene setzt? Unübersehbar zumindest bleibt der Geist Hegels: Die Lösung des entwendeten Briefes ist, laut Lacan, mit Leichtigkeit und am hellichten Tage zu lesen „und zwar nach der Formel der intersubjektiven Kommunikation, mit der wir Sie schon seit langem vertraut gemacht haben: Ihr zufolge, sagen wir, empfängt der Sender seine Botschaft vom Empfänger in umgekehrter Form wieder. Somit will ‚entwendeter‘, eben ‚unzustellbarer Brief‘ besagen, ein Brief (eine Letter) erreiche immer seinen (ihren) Bestimmungsort.“ (J. Lacan, Das Seminar über E. A. Poes „Der entwendete Brief“, in: Schriften I)

In der Abgeschiedenheit und im Pathos des Subjektphilosophen, der die Wahl und die Freiheit halluzinierte, sind es immer diese Kastanienwurzeln, die wir, in einem Park auf einer Bank sitzend, anblicken. Egal ob im Jardin du Luxemburg, mitten in Paris, zwischen den Statuen und den Bäumen, die schlank und französisch in Reihe stehen, oder im Park von Bouville. Charles Baudelaires „Die künstlichen Paradiese“ beginnen mit jenem treffenden, zutreffenden Satz:

„Der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß die Dinge dieser Erde kein rechtes Dasein haben, und daß die wahre Wirklichkeit nur in den Träumen liegt. Um das natürliche – wie das künstliche – Glück zu verdauen, muß man zuvor den Mut haben, es hinunterzuschlucken; und diejenigen, welche das Glück vielleicht verdient hätte, sind eben jene, denen die Glückseligkeit, so wie die Sterblichen sie verstehen, stets einen Brechreiz verursacht hat.“

Auch die Dichtung ist eines dieser künstlichen Paradiese – Baudelaires Blumen des Bösen zeigen es als Wucht des Rausches in Sprache und Bild  auf das Paris des 19. Jahrhunderts, eingefroren wie eine Photographie. Ebenfalls zählt die Philosophie zu den künstlichen Paradiesen – zumindest dort, wo sie im Geiste der Romantik symphilosophisch wird. Die Töne zu entgrenzen, ohne sie in eins zu bekommen. Die Briefe und all diese Schriften auf 140 Zeichen gebracht und in ein Smartphone getippt. Die Droge wirkt aber nur noch bedingt als eine Entgrenzung. Kerouacs kulturindustriell-funktional fabrizierter Roman Unterwegs, der den Surrealismus als Warenwert imitiert, zeigt dies, und bereits aus diesem Werk heraus läßt sich der US-Reaktionär und Redneck lesen, zu dem Kerouac dann später auch wurde. Die künstlichen Paradiese und die inszenierte Unmittelbarkeit liegen, wie auch die Lust, nahe zur Welt der Waren und sind käuflich. Mise en abyme.

 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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32 Antworten zu Daily Diary (98) – „Die künstlichen Paradiese“: Ghostdancer

  1. tikerscherk schreibt:

    Die inszenierte Unmittelbarkeit ist käuflich?

  2. Bersarin schreibt:

    Dieser Satz von der inszenierten, käuflichen Unmittelbarkeit ist insbesondere im Hinblick auf die Schreibweise Jack Kerouacs zu lesen. Die Fiktion zweiter Hand, direkt und unmittelbar aus dem Subjekt heraus zu schreiben, ist an sich bereits dem Markt und seinen Gesetzen geschuldet. Nachgeholter Surrealismus. Die Beat Generation bereitete die Kommerzialisierung und Vermarkung des Rausches und der Drogen vor: Ihr Ergebnis heißt Pop-Kultur. Der Weg von Bourroughs hin zu Thomas Gottschalk oder Ronny’s Pop Show ist (unbewußt) nicht nur vorgezeichnet, sondern konsequent: der eingehegt und disziplinierte Rausch, Ekstase, um vom Alltag abzuschalten und um hinterher besser wieder mitzutun.

  3. tikerscherk schreibt:

    D´accord. Jetzt fehlt mir nur noch der Zusammenhang zu all diesen „Schriften auf 140 Zeichen gebracht und in ein Smartphone getippt“.
    Sms sind gemeint, nehme ich an. Sind dies auch künstliche Paradiese oder Drogen gar?
    Oder sind es einfach nur short messages?

  4. Bersarin schreibt:

    SMS ja. Und es können Drogen sein: eben: künstliche Paradiese, denn jene bezeichnete Baudelaire mit diesen. Es können auch nur einfache short messages sein: „Habe Essen fertig“ „Bin Essen-Hauptbahnhof“ Das hängt sehr davon ab, wer und was hinter den Zeichensystemen steckt und wer diese Zeichen erzeugt und in welcher Absicht. Für Außenstehende sind die meisten dieser Texte wenig bedeutsam. Wie Twittertexte.

  5. Bersarin schreibt:

    Es können aber – ganz sicher – ebenso Zeichen der Zuneigung sein, die zwei einander senden: Zwischen den Zeilen oder im Subtext. Liebe und Sex sind diskursiv-vielfältig.

  6. tikerscherk schreibt:

    Verstehe. Und verursacht das künstliche Glück nun Brechreiz? Und was genau geschieht beim Anblick der Kastanienblüten in den Parks dieser Welt?
    Mir scheint, als würfe jede Antwort nur neue Fragen auf.
    Wenn ich das richtig deute, geht es um Liebe und Sex (welche, wie ich erst kürzlich irgendwo las nicht gleichzeitig… aber lassen wir das).

  7. Bersarin schreibt:

    Jede Antwort wirft neue Fragen auf. Das genau ist das Wesen der Philosophie. Das künstliche Glück (die Kunst, die Dichtung) bzw. die künstlichen Paradiese bei Baudelaire verursachen keinen Brechreiz. Im Gegenteil. Jedoch verwarf Baudelaire die Natur, die er als grausam ansah (insofern mein Spiel mit der Kastanienwurzel: daß Du diese zur Blüte erweitertest, die als Knospe ausbricht und sich stetig wie eine Kerze aufrichtet paßt ausgezeichnet dazu und das fand ich eine gute Assoziation.) Der Natur setzte er die Künstlichkeit entgegen, deshalb auch sein Lob des Dandys.

    Sex pflegte Baudelaire mit einer schwarzen Prostituierten, die er jedoch zugleich auch liebte. (Aus der Erinnerung zitiert.) So paradox kann das Leben sein.

  8. viktor schreibt:

    So zeigt diese Diskussion performativ – wie man in Lüneburg sagt -, dass Derrida und nicht Lacan in diesem Blog der Schutzheilige ist. Kein Reales, nirgends. Stattdessen Texte, die auf Texte verweisen, die wiederum…

  9. Bersarin schreibt:

    Ich kann diesem Umstand Derrida betreffend leider nicht ganz leugnen. Insofern belustigte mich der Vorwurf mancher, ich sei Adornit, ziemlich.

    Wobei der Begriff des Realen, bei Lacan zumindest, nicht der des Realen ist, den wir in unserer Alltagssprache gebrauchen. Die Details müßte ich aber nachlesen. Derrida selber würde das, was wir Realität oder Tatsache oder Gegenstand nennen, nicht radikal leugnen. Il n’y a pas de hors-Texte heißt nicht, daß es nichts als Texte geben. Derrida changiert an diesem Punkt. Insbesondere wenn man seinen Schibboleth-Essay zu Celan liest, wo es um den Körper, um das einzige Mal, diese einzige Mal, das Mal der Beschneidung in allen seinen Lesarten geht (aber auch um die Politik des Namens und des Eigenen), weist das weit über einen bloßen Textbegriff hinaus. Ein Beitrag hier im Blog zu Einmaligkeit und Wiederholung und zum einzigen Mal, diesem einzigen Mal möchte ich irgendwann in der ersten Hälfte dieses Jahres als eine kleine Serie machen. Zunächst aber sitze ich daran, einen Adorno-Vortrag vorzubereiten, den ich demnächst halten werde.

  10. viktor schreibt:

    Lacan im Detail? Als begriffliche Analyse? Das wird schwierig, denke ich. Das Reale ist das Irreduzible und zwar das im Subjekt Irreduzible. Als solches hat es dann auch objektive Realität, so habe ich ihn verstanden. Aber natürlich nicht im alltagssprachlichen oder im messbaren Sinn. Ob ich ihn ‚richtig‘ verstanden habe, weiß ich nicht. Es scheint mir mehr eine Chiffre.

    Derrida kann Realität (im weitesten Sinn) wohl nicht leugnen; das wäre eine ontologische Aussage, welche die Dekonstruktion nicht zulässt. Hier ähnlich der antiken Skepsis. Insofern kehren wir zur inszenierten Vermittlung zurück. Realität als im Text (oder im Körper) vermitteltes ‚Seins-Ereignis‘. Was dann natürlich wieder verweisen würde auf jemand anderen und seine Seinsgeschichte.
    Mehr Genauigkeit dann wieder zu gegebenem Anlass. Viel Vergnügen bei den ‚anderen Adorniten‘.

  11. Bersarin schreibt:

    Ja, das interessante bei Derrida ist ein Vermittlungsbegriff, der jedoch nicht mehr nur auf dem der Dialektik basiert. Derrida ist Hegelianer und zugleich überbietet er ihn in einer Art von inszenierter Dialektik, darin sicherlich auch an die „Methode“ Heideggers anknüpfend. Im Grunde hat Derrida manches mit der Philosophie der Romantik gemeinsam: ohne dabei jedoch in irgend einer Weise von diesem Denken vereinnahmt zu werden, da Derrida, auch hier wieder Heidegger ähnlich, die Grundlagen dieses Denkens befragt: auf ihren verdeckten Ursprung hin. Was ihn aber in eine gewisse Nähe zur Philosophie der deutschen Romantik bringt, ist das Strömen der Bilder, (die ja auch Texte sind, weil sie gelesen werden müssen, ansonsten bleiben diese Bilder blind). Dieses Strömen kommt niemals zu einem Ende und es darf sich kein Bild sistieren, fixieren und stillstellen, wird immer wieder durchgestrichen und neu aufgebaut. Derrida läßt sich in seinem Text nicht zugunsten eines Transzendentalen, einer Struktur oder eines Fixpunktes festschreiben. Dies zeigen bereits seine überaus heterogenen Texte: von der „Grammatologie“, über Textsammlung „Die Schrift und die Differenz“ bis hin zu solchen eher literarisch-philosophisch inspirierten Projekten wie „Glas“ oder „Die Postkarte …“ 1. Lieferung.

    Derrida steht dem Text Heideggers sowie dem Begriff des Seins ambivalent gegenüber: einerseits kritisierte er Heidegger vielfach, andererseits wies er immer wieder auf die Bedeutung Heideggers hin, wenn es um eine Kritik dieser Epoche samt ihre Formen von Rationalität und damit ihrer Denksysteme geht. Zudem machte er das allzu simple Heidegger-Bashing aus einem bestimmten Lager nicht mit und hielt es für diesem Denken gegenüber unangemessen, weil es das Zentrum von Heideggers Philosophie verfehlt. So auch meine Devise: mit Heidegger gegen Heidegger denken. (Wobei ich nicht verhehle, daß mir im Hinblick auf die Geschichte und die Moderne aus inhaltlichen und sachlichen Gründen Derrida, Adorno und Benjamin näher stehen als Heidegger.)

  12. che2001 schreibt:

    @“Der Weg von Bourroughs hin zu Thomas Gottschalk oder Ronny’s Pop Show ist (unbewußt) nicht nur vorgezeichnet, sondern konsequent: der eingehegt und disziplinierte Rausch, Ekstase, um vom Alltag abzuschalten und um hinterher besser wieder mitzutun.“ — Der an den Mast gebundene Odysseus als Archetyp des Bourgeois, der sein plaisir kultiviert und zügelt.

  13. caputres schreibt:

    Magst du mir kurz verraten, wo ich den Celan – Essay von Derrida finden kann?
    Ich danke dir!

  14. tikerscherk schreibt:

    Du erwähntest die Kastanienwurzeln im Park. Das muss mich wohl an de Sades Erzählung „Die Kastanienblüte“ erinnert haben. Als interessant wird dort allerdings nicht die Form der Blüte erachtet (die aufgerichtete Kerze), sondern vor allem der Umstand, dass sie „haargenau denselben Duft verströmt wie der fruchtbringende Samen, den die Natur gnädigerweise in die Lenden des Mannes […} gelagert hat.“

    Dass Baudelaire eine Prostituierte liebte, erscheint mir keineswegs paradox.
    „Die Liebe ist der Hang zur Prostitution. Ja, es gibt keinen edlen Genuß, der nicht auf die Prostitution zurückgeführt werden könnte.“
    Eben lese ich, dass man in Stuttgart kurz davor ist die Prostitution zu verbieten.

  15. Bersarin schreibt:

    @ che
    Ja, es ist dieses Bild aus der DA eines der gelungenen, weil es die Trennung von Kunst und Leben, von Kunstbetrachtung und denen, die Rudern müssen, zeigt

    @ caputres
    Es handelt sich um das Buch „Schibboleth“, im Passagen Verlag zu Wien erschienen.

  16. Bersarin schreibt:

    @tikerscherk
    Danke für diese feine Literaturstelle von de Sade. Ich werde diesen Text auf meine Liste setzen, die es abzuarbeiten gilt. Vor allem aber, und das ist mir das wichtigste, sind diese Zeilen eine kongeniale Ergänzung zu dem, was ich schrieb: insofern trifft die These, daß Text auf Text verweist, auch hier wieder zu.

    Die Erotik des Schreibens, die Erotik des Textes.

    Was die Prostitution betrifft, hatten wir hier im Blog im Zusammenhang mit Clemens Meyers genialem Roman „Im Stein“ eine Debatte darüber. Meine Differenzierung ist, was die Prostitution betrifft, ganz klar: Zwangsprostitution gehört wie auch Menschenhandel verboten und ist es bereits. Hier müßte die Strafverfolgung der Schlepperbanden und Zuhälter sehr viel stärker einsetzen. Freiwillige Prostitution muß erlaubt bleiben: als was ich arbeite, ist die Angelegenheit eines jeden einzelnen. Frau Schwarzer ist leider nicht einmal zu diesen basalen Unterscheidungen fähig.

    Auch ich denke, daß die Prostitution ein Bestandteil von Sexualität und Begehren sein kann, denn diese Dinge hängen mit der Phantasie, mit dem Phantasma und der Fähigkeit zum Imaginieren zusammen.

  17. ziggev schreibt:

    Ich will mich an der berühmten Diagnose, dass Aufklärung in Mythos umschlägt, versuchen. Hier ist die „instrumentelle Vernunft“ wirkmächtig. Für den überzeugten Sponti-Jugendlichen ist diese Diagnose jedoch überhaupt nicht überaschend gewesen. Dazu noch in der frühen Jugend in der ökologischen bzw. Naturschutz oder jedenfalls -beobachtung-Szene akktiv gewesen rennt Adorno bei diesem Leser natürlich offene Türen ein mit seiner empathischen Würdigung des Tieres. Einem Satz wie: „So scheint das Nashorn, das stumme Tier, zu sagen: ich bin ein Nashorn“ (ÄT, 171) eignet ein Charme, der unmittelbar beeindruckte und der nur aus einer großen Fähigkeit zur Empathie schien, so, und nicht anders hatte niedergeschrieben werden können. Ich googlete nach dem genauen Wortlaut – und Zufallstreffer? „Aufgrund ihrer Kommunikafionsverweigerug schweigt die Kunstmonade „beredt“ und ähnelt sich damit der schweigenden Sprache der Naturmonade an“ weil das Kunstwerk „durch seine Sprache das Unsagbare der Sprache von Natur immitiert“ (ÃT, 114) Anstelle eines Links hier nur der Titel des bei google-books gefundenen Werkes: Das Andere im Selben: Subjektivitätskritik und Kunstphilosophie bei Heidegger und Adorno. Von Andrea Barbara Alker. Zitate und Verweise von dort übernommen.

    Nun, wie soll ich anders, als von mir auf andere schließen. Ich argumentiere also nicht philosophisch. Aber ich tendierte zu einer gewissen Technikfeindlichkeit; als ich dann in den letzten Jahren, auch weil hf es, soweit ich mich erinnere, als Jahrhundertwerk bezeichnet hat, und auch weil ich bei der Recherche nach einer bestimmten Wendung („nicht sowohl (…) als auch“) promt bei Horkheimer/Adorno landete, dann mal auszugsweise las, kam mir das alles doch ziemlich bekannt vor.

    Dass es sich bei Adorno (und der o.g. Diagnose) doch um nicht allso Triviales handelte, verdeutlichte sich mir durch den Aufsatz „Über Tradition“ in dem Reclam-Bändchen Ohne Leitbild – Parva Aesthetika. Pars pro toto ein Zitat: „Daß die Welt aus bloßen Gegebenheiten, ohne die Tiefendimmension des Gewordenen, sich zusammenaddierte, das positivistische Dogma, (…), ist so illusionär wie die autoritäsgläubige Berufung auf Tradition.

    Habs so verstanden: eine solche Welt wäre zutiefst inhuman. Erst kommt das Dogma, nicht weit ist dann der Mythos.

    Ich schließe, so unphilosophisch es ja ist, von mir auf andere. Wie ich während der sehr anregenden Recherche anlässlich dieses Blogeintrags erfuhr, dreht es sich beim „Spiegelverhältnis“ um eine bestimmte Phase frühkindlicher Entwicklung. Kenner psychoanalytischer Theoriebildung haben dafür vielleicht einen Begriff: Habe damit schon ein paar Mal rumgenervt, aber „jugendliches Irresein“ ist einfach ein Ausdruck, den ich mir nicht oft genug auf der Zunge zergehen lassen kann. Ich pflege eine gewisse Anhänglicheit an traditionelle Wortfügungen, so sie mir denn einmal untergekommen sind.

    Früher war „Identitätskrise“ mal ein Modewort. Dabei handelt es sich ganz einfach um Probleme, die – ich belasse es andeutungs- und versuchsweise – bei ‚rekursiven Operationen‘ auftreten. Die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten (Die Russel/Frege/Goedel-Geschichte): muss sich selber enthalten. Die paradoxe Operation des Suizids (Camus fragte ganz zu recht danach). Allein diese logisch unbefriedigende Situation hat mich zu der festen Überzeugung gebracht, das die Selbsttötung für mich nicht infrage kommt.

    Die Frage, um die – Stichwort Lacan – es wohl in der Psychoanalyse geht: „Was bin ich?“, lässt sich schon prinzipell nicht beantworten – noch einmal: dieses blöde Wort „Identitätskrise“. Als müsste es eine Identität geben ! Wer hat das denn je behauptet? Ich bin schlechterdings außerstande, mich selbstreflexiv auf mich selbst beziehen, weil das ‚beobachtende‘ Selbst allzuklarerweise einer solchen (vollständigen) Selbstbezugnahme jenen blinden Fleck hindernd in den Weg stellt, dass es nun mal zunächst Subjekt ist, für die Selbstbezugnahame sich aber ‚objektivieren‘ müsste.

    Geht also schlicht und einfach nicht auf. Selbsterkenntnis adé. Eher deutet sich ein infiniter Regress an. Manche machen ein Hobby, einen Sport, einen Beruf draus. Jeder und jede kann es natürlich soweit treiben mit der aussichtslosen Selbsterforschung, wie sie oder er es will, früher oder später wird solches Unterfangen jedoch immer ergebnisloser werden, denn solche Selbsterforschung mündet in die Erforschung der Selbsterforschung.

    Viel einfacher ist es doch, Konzepte wie „Selbst“ oder „Identität“ (jezt wird´s gefährlich) oder sowas wie „tief in meinem Herzen weiß ich“ vollkommen über Bord zu werfen.

    Den Hofmannsthal-Text, den Du am 25. Juni 2011 im Blog-Eintrag mit dem Titel „Wozu Kunst? (4) – Interludium, die Tonspur zum Sonntag“ zitierst, lese ich als Dokument der Unmöglichkeit des Subjekts, sich auf sich selber zu beziehen. Es handelt sich um den sog. Chandos-Brief. Ich darf zitieren: „Objektives gerät in diesem Brief zum Problem des Subjekts, weil schmerzhaft die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt erfahren wird, mit Hegel gesprochen: das zerrissene und das „unglückliche Bewußtsein“ als Signum der Moderne.“

    Nun, dieses „unglückliche Bewusstsein“ scheint mir insofern ein Signum der Moderne zu sein, als in der Moderne eben immer wieder die Selbstreflexivität thematisiert wird. Um es krass zu sagen: ich halte das für eine pubertäre Krankheit (die ich irgendwann überwunden zu haben glaubte). Schlegel, Symphilosophie, mit seiner rekursiven Definition dagegen wieder höchst spannend. Durch diese Selbstreflexivität und deren Thematisierung haben wir am Ende das schwarze Quadrat. Es werden immer umso mehr formale Aspekte betont. Aber das ist letztlich eine leichte Übung. Fast trivial. Zum Beispiel langweilt mich Beckett einfach nur, wenn er in „Molly“ schreibt: „Ich hatte beim Anfang angefangen, stellen Sie sich das vor, wie ein altes Rindvieh. Hier ist also mein eigener Anfang. Sie werden ihn trotzdem behalten, wenn ich recht verstanden habe. Ich habe mir Mühe gegeben. Hier ist er. Er hat mich viel Mühe gekostet. Es war der Anfang, verstehen Sie. Während ich jetzt beinahe am Ende angelangt bin. Ob das, was ich jetzt mache, besser ist? Ich weiß es nicht. Darum handelt es sich auch nicht. Hier ist also mein eigener Anfang. Das muß etwas zu bedeuten haben, da sie ihn behalten. Hier ist er. Dieses Mal, dann noch einmal, denke ich, und dann werde ich damit fertig sein, denke ich, auch mit dieser Welt. Es ist die Empfindung des vorletzten Mal.“ (Seite 10 in meiner Ausgabe) Und immer so weiter.

    Noch ein oder zwei Aspekte, die mir bei meinen Recherchen, zu denen mich Dein Text veranlasste und wofür ich mich ausdrücklich bedanken möchte.

    Auf der Wicki-Seite wird zu Metalepse (über „Mise en abyme“ drauf gestoßen) als interessanter Hinweis Borghes zitiert: „Warum beunruhigt es uns so sehr, dass die Landkarte in der Landkarte beinhaltet ist und die 1001 Nächte im Buch Tausendundeine Nacht? Warum beunruhigt es uns, dass Don Quichotte Leser des Quichotte, Hamlet Zuschauer des Hamlet ist? Ich denke, die Ursache herausgefunden zu haben: solche Vertauschungen legen nahe, dass, wenn die Figuren einer Fiktion Leser oder Zuschauer sein können, [auch] wir, ihre Leser oder Zuschauer, fiktiv sein können“ (vgl. Jorge Luis Borges, Obras Completas, Bd. 2, Buenos Aires: Emecé 1989, S. 47).

    Sehr intuitiv. Ein Grund, den (philosophischen) Realismus aufzugeben? Natürlich nicht!

    In der Philosophie finden wir hin und wieder rekursive Definitionen (nicht nur bei Schlegel); die aber leider zu keinem Erkenntnisgewinn beitragen. Ein Beispiel wäre: Dass ‚der Geist zu sich selbst kommen würde‘. Eine Philosophie, die nur um sich selbst kreist : nur um sich selbst immerzu zu verfehlen. Schlicht und einfach ein gedanklicher Fehler.

    Welch ein Aufatmen bescheren uns dagegen Francis Bacons Gruppierung in vier Idole (oder Vorurteile) : insbesondere die Idola Fori (Trugbilder der Tribüne/des Marktes)!

    Natürlich galten naturwissenschaftlich Interessierte und Begabte in den 70ern und 80ern als uncool, etwas verklemmt und verhärmt aussehend. Wenn Du aber Naturwissenschaftler mal kennenlernst, dann wirst Du feststellen, dass Du auf höchst bescheidene Menschen triffst, die Dir sogar Bach auf dem Cembalo runterklimpern, einfach höchst anständige Menschen. Die gemeinhin dem Linksspektrum zugerechneten Philosophen neigen einfach manchmal zu einer Rechthaberei, die diesen Naturforschern mit ihrer skeptischen Wesensnatur einfach von Natur aus abgeht. Das sind Erfahrungswerte, und nix da was mir Spekulation. Eben jenen Takt, den ich in Adornos Bemerkung zum schweigsamen Nashorn zu bemerken glaubte – ja, ebendiesen und die entsprechende Bescheidenheit traf ich bisher (fast) nur bei Naturwissenschaftlern an oder bei Philosophen, die sich mehr oder weniger in der Tradition von Francis Bacon sehen.

  18. Bersarin schreibt:

    Da, wo ständig von Identität, vom Ich und vom Subjekt fabuliert wird, ist dieses Subjekt schon lange nicht mehr, sondern die leeren Hüllen prägen das Bild.

    Bach auf einem Cembalo geklimpert ist mir mehr als suspekt. Ebenso die sogenannten hochanständigen Menschen.

    Ich habe nichts gegen Naturwissenschaftler – ganz im Gegenteil. Auch der Philosoph Aristoteles beschäftigte sich mit der Natur. Wogegen ich etwas habe, sind Dummkackspechte, die sich mit Vehemenz über Dinge äußern, von denen sie nichts verstehen und meinen urteilen zu können, ohne daß sie zu baselen Differenzierungen fähig sind. Wenn Naturwissenschaftler z.B. ihren unmittelbarkeitsgeprägten positivistischen Salms absondern, ohne groß von Kenntnis der Sache getrübt zu sein. Wenn Menschen über Philosophie oder Literatur schreiben, die in einer Kirche besser aufgehoben wären, weil es bloße Erbauungsdenker:innen sind, die sich selber vom Ton ihrer Gefühle ergriffen fühlen. Ich kannte eine Bloggerin, die konnte transzendental nicht von transzendent unterscheiden und sie schreibt dennoch über Philosophie. Ich kenne Blogger und Kommentatoren, die äußern sich zu Adorno, Kleist und Sprache und sind selber nicht einmal dazu fähig vier Zeilen eines Philosophen zu lesen, bereits nach zwei Sätzen versagt die Lektüre, die intellektuelle Kapazität reicht nicht aus, es bildet sich der Geiferschaum des Ressentiments vor dem Mund und heraus kommt die hohle Sprachphrase.

    Philosophie bedeutet Arbeit. Wer diese nicht auf sich nehmen will, soll die Finger davon lassen.

    Der selbstreflexive Bezug ist sicherlich eine schwierige Angelegenheit. Kant löste ihn in seinem § 16 der KdrV recht gut auf und schuf eine brauchbare, wenngleich auch sehr formale Differenzierung. Meine – etwas verkürzte – These zum Selbstbezug lautet, daß einzig das ästhetische Subjekt, das von sich selber absieht und sich fortwirft, dazu fähig ist, einen Blick durch den Spalt zu werfen und eine Ahnung vom Spiel der Schleier zu bekommen. Als der Jüngling das Bildnis zu Sais sah, fiel er tot um. In diese Richtung hin zur Durchsichtigkeit läßt sich auch die Weisheit des Silen lesen. Sie ist freilich (zu einem großen Teil) arg metaphysisch und von jener Schopenhauerschen Negativität geprägt. Zugleich aber zeigt sie die Abgrundstruktur und verweist auf jenes tragische Moment, das die Griechen noch schauten. Zumindest wenn wir Nietzsche Glauben schenken dürfen. Das Subjekt ist einzig als ästhetisches gerechtfertigt. Aber sagt dies niemandem weiter! Denn sobald das eine größere Bewegung wird, müssen wir Reißaus nehmen. Es ist wie mit der Bildenden Kunst, die in den Galerievernissagetagen geschlürft und konsumiert wird. Zwischen Kunst und Kulturindustrie ist der Unterschied vielfach nicht mehr graduell, sondern er besteht nicht mehr.

    Der Chandos-Brief zumindest zeugt von dem Bruch und bringt ihn in ein ästhetisches Bild. Die Spaltung und das Zerstückelte kommt aber nicht erst in der Moderne als Grunderfahrung ist Spiel. Bereits 100 Jahre zuvor konnte bereits Hegel darauf reflektieren und innerhalb der Frage nach der Theodizee und der besten aller möglichen Welten läßt sich der Gang in die Spalten und Spaltungen immer weiter zurückverfolgen.

    Beckett langweilt Dich, weil er die Langeweile formal auf den Punkt bringt. In Becketts Text kommt die Literatur zu sich selbst und verschwindet. (Was nicht heißt, daß sie sich in anderen Konzepten nicht wieder neu formulieren könnte.)

  19. ziggev schreibt:

    sorry, „Ohne Leitbild – Parva Aesthetika“ von Adorno war natürlich edition suhrkamp, es gibt vielleicht eine Reclam-Edition, die liegt mir aber nicht vor. ich habe leider nicht das Geld, mir noch Bücher zu besorgen und muss mich auf die ererbten Bibliothekshinterlassenschaften verschiedener mehr oder weniger Verwandten verlassen (das Goethe-Zitat darf hier nicht ausbleiben: ‚was du ererbt hast von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen‘, hoffentlich richtig zitiert) und was ich abzweigen durfte an Büchern aus der Zeit, als ich für Schrottverwerter arbeitete, die Haushaltsauflösungen organisierten und durchführten, die notwendig wurden, wenn mal wieder Oma oder Großvater gestorben war. Meine Arbeitgeber stammten übrigens aus Naturwissenschaftlerdynastien, die mir exklusiv die Rechte über die aufgefundene Literatur, alle Lexika usw., auch Beckett, einräumten. Fand ich echt fair.

  20. El_Mocho schreibt:

    Ja warum beschäftigte sich Aristoteles mit der Natur und heutige Philosophen (im wesentlichen) nicht mehr? Eben weil es zu seiner Zeit Naturwissenschaft nur im Rahmen der Philosophie gab und nicht von ihr unabhängig wie seit dem 17. Jahrhundert. Und diese Naturwissenschaft kommt im wesentlichen ohne Philosophie aus, zumindest ohne Philosophie im klassischen Sinne. Deine Reaktion hier zeigt ja auch wieder, dass Philosophen das als Kränkung empfinden, aber damit müsst ihr fertig werden.

    Es gibt ja auch Philosophen, denen das recht gut gelingt, z.B. Daniel Dennett.

    Denn die Realität ist nämlich nur eine, für Philosophen wie für Naturwissenschaftler.

  21. ziggev schreibt:

    … mir ist schon klar, ich tendiere etwas zu dem von Dir verabscheuten Dumpfbackentum. Auch aus lauter Unwissenheit. – Danke aber für Deinen nicht uninspierierenden ausführlichen ‚Respose‘. Ich lese immer wieder gern, wenn Du ein ‚kleines bisschen‘ verärgert bist. Bersarin rhetorisch in Fahrt kommend! Wie gesagt, immer wieder gern gelesen (und der Nörgler lässt grüßen!). Darauf hatte ich es aber nicht unbedingt ankommen lassen wollen. Bitte nicht weitersagen: ich knalle mir nen Notentext vor die Nase, während der Espresso morgends durchzischt und die Vögel draußen zwitschern. Beschränke mich seit langem lediglich auf den handwerklichen Aspekt des Ästhetischen. Rechtfertigung (irgendeines ominösen ‚Subjekts‘)? ich weiß nicht. Eher ist jenseits von jeder Rechtfertigung die Leugnung irgendeines Ichs oder Subjekts die Voraussetzung und Ziel so einer meditativen Praxis.

    Ach, ich werde nichts Kluges dazu mehr zu sagen vermögen. Aber wären wir nicht beim Thema Durchsichtigkeit bei Kierkegaard gelandet? Eben beim Gegenentwurf zur „Existenzweise, die sich von der «ästhetischen», der Unmittelbarkeit und dem Genuss verhafteten Daseinsform durch bewusste «Selbstwahl» abstösst.“ (Zitat nzz, ist googelbar)

    Trotz meines verstückelten und relativ zusammenhangslos weitverstreuten Wissens konnte ich leider mit Deinen Ausführungen zur Theodizee eigentlich nichts anfangen. Na ja, vieleicht schreibst Du ja noch mal was dazu, wenn der Adorno-Vortrag absolviert ist. Grüße.

  22. Bersarin schreibt:

    Daniel Dennett ist kein Philosoph – wie kann man diesem Irrtum erliegen?

    DIE Philosophie gibt es nicht. Ein Physiker ist ein Mensch, der Physik betreibt. Der Diskurs, in dem die Physik ihren Ort hat, ist nicht im Diskurs der Physik lokalisier- und analysierbar, sondern nur in dem der Philosophie.

  23. Bersarin schreibt:

    Daß die Realität nur eine sei, ist eine dieser Stußannahmen und schlicht naiv. Die Realität des Obdachlosen in Berlin ist bereits eine ganz andere als die des Stadtbewohners in Berlin, der eine Wohung sein eigen nennt.

    Der Naturwissenschaftler ist dem Philosophen in der Regel Gegenstand der Analyse. Weshalb sollten ein Philosoph sich durch ihn gekränkt fühlen? Der Komponist fühlt sich ja auch nicht durch den Klavierstimmer gekränkt.

  24. ziggev schreibt:

    …. nur diese Philosophen sollten sich wenigstens einmal ansatzweise mit Wissenschaftstheorie, z. B. Carnap, oder dergleichen beschäftigt haben. Das bedeutet aber – nicht minder – harte Arbeit. Die Philosophie ist im Diskurs der Physik analysierbasr, ansonsten ist sie eine Ansammlung von sinnlosen Sätzen. Get real!

  25. Bersarin schreibt:

    Aha, die Philosophie ist also Quantenmechanik oder Fallgesetz. Oder wie habe ich es mir ansonsten vorzustellen, daß die Philosophie im Diskurs der Physik analysierbar ist? Wird Physik plötzlich zu einer Erzählung?

  26. Bersarin schreibt:

    Wissenschaftstheorie ist eben keine Physik, sondern Wissenschaftstheorie. Sie kann, wenn sie gut ist, zur Philosophie dazugehören, kaum jedoch zur Physik. Siehe dazu die Ebenendifferenz sowie die vom Beobachter zweiter und dritter Ordnung.

  27. ziggev schreibt:

    bersarin, mein letzter Kommentar hatte Deinen letzten übersehen. Aber Du glaubst es nicht : ich kenne die konkrete Bedrohung vor der Obdachlosikgeit. Ich schlage mich damit seit zehn Jahren herum. Ein großer Spaß ist das nicht. Mietvertrag sicher? Sich dessen einmal vergewissert sein – bei mir hat das 15, in Worten, fast fünfzehn Jahre, gedauert. Weißt Du jetzt, was da los ist? Ich kenne die täglichen Angstzustände mit stundenlangem Herzrasen, was wäre, wenn Du jetzt Deine Wohnung verlierst? Panik, jeden Tag, jede Stunde, endlos , den ganzen Tag, und das seit Jahren. – Einziger Entspannungsmoment nen schönen Text von bersarin (oder jüngst von El_Mocho) lesen. Psychisch ist das fast nicht zu schaffen. Aber allein schon körperlich nicht. Bitte pass demnächst auf auf Deine Metaphern.

  28. Bersarin schreibt:

    Du hast meinen Kommentar nicht verstanden, ziggev. Und Du hast ja gerade genau das beschrieben, was ich in einem Satz verdichtete. Der Obdachlose sieht die Welt und die Stadt wohl etwas anders als der, welcher eine Wohnung hat. (Ich muß meinen Kommentar allerdings noch ergänzen und schreiben: der Stadtbewohner mit Wohnung, denn Obdachlose sind natürlich genauso Bewohner der Städte, nur ist eben deren Realität eine andere als die des Menschen mit einem festen Wohnsitz, den er bezahlen kann.)

  29. ziggev schreibt:

    okay, jetzt bin ich eben etwas augeflippt. aber nun. ich sehe die Philosophie als eine Wissenschaft an, deren höchstes und erstes Ziel sein muss, sich selbst überflüssig zu machen. obwohl ich immer etwas skeptisch gewesen bin, wenn El_Mocho beim verehrten hf99 kommentierte und ich immer fand, dass naturalistische oder ähnliche Positioinen besser vertreten hätten werden können, muss ich ihm zugestehen, dass er hier eben ein ‚reasonable‘ Argument gebracht hat.

    sich die Möglichkeit zu verschaffen, unendlich originell zu sein (ich weiß nicht mehr woher das – polmisch gemeint, das ist sicher – stammt), das scheinen Leute wie Derrtida et al. zu praktizieren.

    natürlich haben wir hier die unendliche Interpretation (in der Mathematik haben wir übrigens das kluge Raten, als Lösungsansatz für rekursive Funktionen, die nicht auf einen infinitiven Regress hinauslaufen) Ähnlich bei Schlegel: „Die romantische Dichtart ist noch im Werden, ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charaktisieren zu wollen.“ – ganz ähnlich: in der mathematik „kluges Raten“,bei Schlegel ‚divinatorische Kritik‘.

    Die Romantiker durften das, den unendlichen Text zu entwerfen, sie mussten es vielleicht. Aber steht uns das heute noch gut zu Gesicht. Ich habe Derrida im Fernsehen gesehen, und ich konnte es kaum fassen, selbst meine besten Freunde sind mir nicht sympathischer. Trotzdem glaube ich, dass der Zweck der Philosophie ist, sich selbst abzuschaffen, wohlverstanden hat sie das schon längst bewerkstelligt. Am Rande gibt es noch ein paar Literaturtheorien, na gut, für Leute, die nicht schreiben können, sich aber dennoch außer zu lesen mit Literatur beschäftigen wollen, mag solche randständige Beschäftigung ja o.k. sein

  30. holio schreibt:

    @ziggev Stimmt, hab das Buch da (HA):

    Was du ererbt von deinen Vätern hast,
    Erwirb es, um es zu besitzen.
    Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
    Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

  31. holio schreibt:

    PS: Drei er-Vorsilben, fällt mir auf, er-staunlich. Muss mann sie durch sie- ersetzen? *duck*

  32. Bersarin schreibt:

    Derrida würde sich selber nicht als originell bezeichnen, sondern eher mit Hegel antworten: Alles was von mir ist, ist nicht von mir.

    Der Verweis auf Schlegel ist angebracht. Wir könnten noch Novalis und seine Fichte-Studien hinzunehmen. Zur Romantik demnächst mehr.

    _________________

    Es ist einzig der Augenblick. Und die Reflexion darauf. Die ist noch köstlicher als der Augenblick. Ich benutze die Augenblicke, um in den Genuß der Reflexion zu kommen.

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