Ohne Fetisch – „Die Welt der Plakate“, Barbara Klemm und Lars von Trier in Konstellation

Gestern sprach ich mit einer Kollegin über Lars von Triers Film „Nymph()maniac“, den sie vor zwei Tagen geschaut hatte. Ich kenne den Film noch nicht, will ihn sehen, bin neugierig. Was mich erstaunte, war der Umstand, daß sie den Film für gelungen befand. Denn ansonsten mag sie Triers Filme nicht besonders, „Melancholia“ hielt sie für großen Kitsch; überzeichnet und eine Verhöhnung für Menschen, die Depressionen unter Depression litten. „Aber das ist doch keine klinische Depression, die Trier uns zeigt, das ist kein Krankenfilm!“, entgegnete ich ihr. Immerhin konnten wir uns darauf einigen, daß die Bildersprache Triers konsequent und eindringlich ist.

Die Kollegin sprach ein wenig über „Nymph()maniac“, sie erzählte, daß es darin mitnichten nur um Sex ginge, dies sei von der Vorabwerbung hochgespielt worden. Die übliche Skandalisierung, die der Betrieb um Lars von Trier herum veranstaltet. Natürlich kommen in dem Film auch Sexszenen vor. Aber es handelt sich nicht um einen Porno. Ich hörte mir geduldig ihre Ausführungen an, denn ich kann ein guter Zuhörer sein, wenn mir Dinge anregend und klug nahegebracht werden. Dann fiel mein Blick auf ein Plakat, das im Zimmer der Kollegin hing. Es handelt sich um ein Poster, das für die Barbara Klemm-Ausstellung im Martin Gropius-Bau zu Berlin wirbt. (Sie geht noch bis zum 9. März)

20140212142535-mgb13_p_klemm_17_christo_vorhang Wenn der Geist vom imaginierten Körper aufgeladen ist, wenn die Phantasie das Denken antreibt und wenn den ganzen Tag über bereits der Kopf flimmert, dann sehe ich in den Bildern etwas, das eine gewisse Phantasie benötigt und das andere erst auf den zweiten oder dritten Blick oder gar nicht bemerken. Es geschieht die Entstellung der Bilderwelt, indem sich die Objekte verschieben, transformieren und überlagern. Nicht viel anders im Grunde als beim Freudschen Versprecher: wenn der Graecist statt „angenommen“ „Agamemnon“ vernimmt und wenn etwas zum Vorschwein kommt. Wenn Betrachterinnen und Betrachter bei dem Klemm-Bild vom verhüllten Reichstag genauer hinschauen, werden Sie wissen, was ich meine. Jenen Spalt oben im Christo-Vorhang kann man so oder anders lesen. Die Kollegin war halb amüsiert, aber doch ein wenig auch irritiert, als ich ihr meine Beobachtung berichtet. Wir machten Lars von Trier für diese Konfusion verantwortlich. Da sie nicht prüde ist, lachten wir beide nach dieser Begebenheit. (Sie ist verheiratet, es war also eine harmlose Situation, die sich am Ende in einer Art ästhetizistischen Psychoanalyse entschärfte. Dennoch bleib die Irritation im Kopfe des Blogbetreibers nachhaltig und den Tag über bestehen.)

Der Stoff – eigentlich zum Fetisch gehörend, weil er verhüllt, was sichtbar daliegen sollte und insofern das Spiel mit jenem Fort und Da, mit der Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und Abwesenheit treibt – bildet in diesem Falle selber das verhüllte und zugleich enthüllte Objekt (der Begierde). Er formt durch eine Raffung jenes Organ von Lust und Zeugung, das vom Mann gerne verdrängt wird und für das der Name Vulva steht. Der Fetisch in einer erweiterten Sicht und über Freud hinaus ist eben kein Penisersatz – wenngleich ein orthodoxer Freudianer mir diese Verneinung bzw. Verleugnung gerade als verstecke Bejahung auslegen könnten. Verdeckt und verweist der Fetisch auf die jederzeit drohende Kastration? Wie heißt es bei Freud: „… die so häufig zum Fetisch erkorenen Wäschestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte.“ Ich will nicht auf die Tragweite dieses Satzes spekulieren und ich möchte ihn weder herleiten noch widerlegen. Soviel nur sei geschrieben: Fetischismus ist nie nur auf den Mann bezogen und er ist nicht bereits per se eine Perversion. Daß es ebenso einen weiblichen Fetischismus gibt, zeigen Naomi Schor und Sarah Kofman. Weiterführendes zum Thema des Fetischismus findet sich in Hartmut Böhmes Buch „Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne“ sowie von der Ethnologie her in Karl-Heinz Kohls „Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte“.

Es ist immer das eine, häufig kulturell  transformierte Objekt, was einen unmittelbar anspringt und worin sich dann die Verschreibungen, die Versprecher, die Fehllektüren und die Täuschungen in der Wahrnehmung ergeben. Das Objekt der Betrachtung ist das Begehren sowie die Struktur des Begehrens samt ihrer Ausprägungen. Sogar noch in einer derart harmlosen Büroszene. Es gibt sie eben – some of these days. In jenem verwirrten Kopf des erotisierten Ästhetikers.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Fetzen des Alltags abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ohne Fetisch – „Die Welt der Plakate“, Barbara Klemm und Lars von Trier in Konstellation

  1. Horst schreibt:

    Grüße von erotisiertem Ästhetiker zu erotisiertem Ästhetiker.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s