Walter Benjamins „Zentralpark“. Das dialektische Bild des Todes

Der spleen ist das Gefühl, das der Katastrophe in Permanenz entspricht.“
(W. Benjamin)

„Zentralpark“, so ist eine Fragmentsammlung von Walter Benjamin überschrieben, die zwischen 1938 und 1939 im Umkreis seiner Baudelaire-Studien entstand, also kurz vor seinem Selbstmord in Portbou, 1940, spanische Grenze, in den Pyrenäen auf der Flucht vor den Faschisten, in der Hoffnung, in die USA emigrieren zu können. Es handelt sich bei diesen Texten um Notizen und Fragmente, die zum Teil bereits in dem Essay „Das Paris des Second Empire bei Baudelaire“ eingegangen waren. Beim ersten Lesen scheint der Titel „Zentralpark“ zunächst rätselhaft – wie eine intuitive Skizze, wie eine Kritzelei auf dem Schreibblock, der manchmal freilich auch ein Wunderblock sein kann, oder wie ein plötzlicher Einfall hingeschrieben. Es mag sich um eine Anspielung auf den Gorki-Park handeln, der – 1927 in Moskau erbaut – als Vergnügungspark dient. Dies paßt sicherlich gut zum Aspekt der Warenwelt, den Benjamin in Zusammenhang mit Baudelaires Dichtung entfaltet.

„Die Sterne stellen bei Baudelaire das Vexierbild der Ware dar. Sie sind das Immerwiedergleiche in großen Massen.

Die Entwertung der Dingwelt in der Allegorie wird innerhalb der Dingwelt selbst durch die Ware überboten.“ (W. Benjamin, Zentralpark)

Zum anderen spielt der Titel vermutlich auf den New Yorker Central Park an, in dessen Umkreis Horkheimer und Adorno eine Wohnung für Benjamin suchten. Ausdruck einer Hoffnung auf anderes Leben. In Kafkas „Der Verschollene“ allerdings hält die Statue im Hafen von New York keine Fackel, sondern ein Schwert in der Hand. Aber zudem dürfte für diesen Titel die zentrale Stellung wesentlich sein, die Benjamin diesen materialistisch-dialektisch  konzipierten Aufzeichnungen beimaß, die sich um das Verhältnis von Antike und Moderne, die Allegorie und den Begriff der Geschichte drehten. Eine Schrift im Umkreis des Passagen-Werkes, die zudem die Baudelaire-Studien abschließen sollten. Eben jener Baudelaire als Dichter des modernen Lebens. In jener Welt, für die Paris und seine Passagen als pars pro toto stehen, in der sich die Warenwirtschaft als feerie und als Schein voll entfaltete. [Adorno allerdings kritisierte diesen teils unidirektionalen Materialismus Benjamins, der die Phänomene des Überbaus unmittelbar aus den Produktionsbedingungen ableitet.]

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Das Labyrinth ist der richtige Weg für den, der noch immer früh genug am Ziel ankommt. Dieses Ziel ist der Markt.

Hasardspiel, Flanieren, Sammeln – Betätigungen, die gegen den spleen eingesetzt werden.

Baudelaire zeigte, wie das Bürgertum in seinem Niedergang sich die asozialen Elemente nicht mehr integrieren kann. Wann wurde die garde nationale aufgelöst?

Mit den neuen Herstellungsverfahren, die zu Imitationen führen, schlägt sich der Schein in die Waren nieder.

Es gibt für die Menschen wie sie heute sind nur eine radikale Neuigkeit – und das ist  immer die gleiche: der Tod.

Erstarrte Unruhe ist auch die Formel für Baudelaires Lebensbild, das keine Entwicklung kennt.

Als Lazarus von dem Mann aus Nazareth aus seinem Grab und damit aus dem Tode zurück ins Leben geholt wurde, ist uns die Reaktion von Lazarus nicht überliefert. Die Geste des Mannes aus Nazareth war Ausdruck der Macht und Zeichen in einem, und es offenbarte sich in ihr die Macht des Gottes. Oder aber die Einfalt des Volkes, das sich im Glauben einzig durch sichtbare Zeichen und Wunder halten konnte, um auf das vorbereitet zu werden, was einige Tage später kommen wird. [Die Szene vom leeren Grab beschrieb Hegel mehrfach und machte sich über jene Kreuzfahrer lustig, die im Heiligen Land nach Knochen und Gebeinen suchten.]
 
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„Lazarus, komm heraus!“, rief Jesus mit lauter Stimme. Ob jener Lazarus am Ende glücklich gewesen ist, wieder ins Leben zurückzukehren, wissen wir nicht; es läßt sich von zwei Seiten sehen. „Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehn wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln“, schrieb Schopenhauer seiner „Welt als Wille und Vorstellung“. Es wäre ein Literaturprojekt wert, die Geschichte des Lazarus zu schreiben, wie es ihm erging, als der Stein des Grabes zur Seite geschoben wurde und jener in Tücher gehüllt Mann wieder ans Licht und damit auch ins Leben trat. Ob er lediglich als Spielball fungierte, um die Macht eines Gottes ins Zeichen zu bringen – nicht anders als Hiob. Oder ob Existenz so etwas wie ein Selbstzweck ist, der als Leben heilig zu setzen ist, gerade deshalb, weil diese Existenz zum zweiten Mal geschenkt wurde. Wie mochte jener Lazarus weitergelebt haben? Die Aufhebung des Todes ist die Utopie dialektisch-materialistischer Philosophie. Es wäre im Sinne Adornos ein Bewußtsein zu bilden, das noch den Tod sähe und in einer „Dialektik im Stillstand“ zum Ausdruck brächte. Im Fragment als philosophischer Form, dort wo die Brüche, die Risse und Schründe sich auftun, wo die Schrift unvollständig erscheint und die Auslassungspunkte dominieren und nichts in einer erkennbaren Ordnung sich darbietet, blitzt etwas vom Absoluten auf, das in der geordneten Darstellung in der Struktur ansonsten untergeht.

Scheincharakter und Warencharakter wären gesondert zu denken. Imitationen berühren. Das nötigt zur Ästhetik als Disziplin der Erkenntnis. Jenseits der Grenzen und über diese hinaus, ohne dabei undialektisch in eine simple Vereinigungsphilosophie zu verfallen.
 
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9 Gedanken zu „Walter Benjamins „Zentralpark“. Das dialektische Bild des Todes

  1. Das Lesen der neuen Blogbeiträge ist für mich immer wieder der Höhepunkt des Tages. Wenngleich ich nicht auf dem Niveau Bersarins schreiben und reden kann, ist es für mich ein intellektueller Genuss aus einer für mich nicht zu erreichenden Welt, aus der ich aber auf diese Weise gelegentlich ein Tröpfchen Nektar naschen darf. Vielen Dank dafür!
    Gibt es auch ein Buch/Bücher von Dir verfasst, die man im Laden oder z.B. bei Amazone erwerben kann – oder würde der Hinweis darauf die Anonymität des Blogges sprengen?

  2. Vielen Dank für die freundlichen Worte! So soll es ja sein, daß ein Blog anregt und das Denken (an-)treibt. Und aus diesem Grunde lese auch ich gerne in bestimmten Blogs. Ich freue mich zu dem, daß hier nicht nur Fachpublikum der Philosophie oder der Ästhetik mitliest. Wenngleich auch dieses angesprochen ist. (Je nach Thema und Blogtext.)

    Nein, es gibt von mir keine Bücher, was daran liegt, daß sich dafür zunächst ein Verlag finden müßte. Für jemanden, der nicht aus dem Betrieb ist und der keine Zeit dafür hat, funktional ein Netzwerk sich aufzubauen und der darauf verzichtet, instrumentell zu kommunizieren und auf Empfängen oder sonstwo zu posieren und für jemanden, der auf diesen Betrieb keinen Wert legt, ist es schwierig möglich, zu publizieren. (Wenngleich ich selber in der Branche bin.) Deshalb eben blogge ich, weil ich dann schreiben kann, wie ich mag, und ich muß mich nach niemandem richten. Allerdings fehlt beim Bloggen zuweilen der lange Atem: an einer Sache dranzubleiben und verschiedene Texte zu einem Thema zu schreiben.

    Auch bin ich zum Türklinkenputzen schlicht zu faul. Selbst in Galerien schaue ich nicht vorbei, um meine Photos irgendwo ausstellen zu können.

  3. Vielen Dank für die freundlichen Worte eines Menschen, zu dem ich gern aufsehe! Aus Deiner Antwort ersehe ich, dass Du es Dir leisten kannst, kongeniale Ideen zu publizieren, ohne Dich prostituieren zu müssen. Und das scheint sowohl in der visuellen, als auch der literarischen Gattung der Fall zu sein. Glückwunsch dazu! (Egal, ob aus Selbstbeschränkung oder erworbenem Wohlstand). Und nochmals Dank für Geschriebenes und Gezeigtes!

  4. Wohlstand ist es nicht, denn leider muß ich einer Erwerbsarbeit nachgehen. Aber meine Zeit und mein Leben sind so strukturiert, daß anderes noch möglich ist und die Arbeit frißt mich nicht auf. Ich bewältige sie wie Franz Kafka, mit dem ich, bis auf seine Abstinenz vom Alkohol, manches gemeinsam habe.

  5. Glückwunsch nicht nur zur fehlenden Abstinenz vom Genuss des Lebenswassers, sondern auch der vom selbstzerstörerischen Zwang, als Jungtoter der Nachwelt „nur“ literarisch erhalten zu bleiben.

  6. Immer wenn Du über Benjamin postest, fehlt mir die Zeit zu mehr; dabei war Benjamin noch vor Adorno mein erstes Leseerlebnis der Philosophie des 20 Jhd.. Ich las auch Wittgenstein und war zwischenzeitlich begeistert, aber „etwas fehlte“, was Adorno und Benjamin (und hähem nunja auch Bloch) haben: Der Blick auf die Geschichte, in der vieles, fast alles geschieht und ohne die eben nichts ist.
    Im Grab kann man trefflich über Wittgensteins Probleme nachdenken, man kann es natürlich auch sein lassen. Aber Lazarus hat sich mit den Gedanken Benjamins auseinander zu setzen, denn Lazarus wird aus der Ahistorie des Grabes in die historische Situation zurück geworfen. Wer wollte da nicht lieber im schopenhauerschen Sinn liegen bleiben?

  7. Exakt diese Verbindung ist es: Geschichtsphilosophie und Lazarus: das Noch-einmal nach dem Tod und zugleich die Aufhebung des Todes. Wie schrieb es Benjamin in seiner ersten Geschichtsphilosophischen These von der Puppe als Schachautomaten, in dem ein Zwerg verborgen sitzt, der die Bewegungen steuert? Die Puppe ist der Materialismus, der Zwerg die Theologie. Ebenfalls ein dialektisches Bild. Adorno und Benjamin ergänzen sich ganz wunderbar. Und von Wittgenstein läßt sich womöglich ein Blick auf die Sprache mitnehmen, der noch einmal anders gepolt ist als die dialektisch konzipierte Sprachphilosophie von Adorno und Benjamin. Gerade bei Adorno wird gerne übersehen, daß er Sprachphilosoph par exellence ist.

  8. Was Wittgenstein angeht war ich um der Pointe willen doch zu negativ. Immerhin schrieb der junge Benjamin den Text „Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“, in dem Sätze vorkommen, die auch Wittgenstein hätte schreiben können: „Jede Sprache teilt sich selbst mit.“ und schon vorher: „…sofern es mitteilbar ist.“ dann aber auch „…ist das Urproblem der Sprache ihre Magie.“ Evtl. hätte der spätere Wttgenstein sogar zugestimmt. Aber das sind gewagte Schlußfolgerungen aus der Leseerinnerung, das wäre noch einmal nachzuprüfen
    Neben einigen Bänden aus der Gesamtausgabe und Einzelausgaben findet sich bei mir noch die verdienstvolle Lesebuch-Zusammenschau herausgegeben von Michael Opitz . Da dann auch das „Staatsmonopol für Pornographie“, passend zu Deinen letzten Postings. Auch pornographische Bücher sind „auf Schrift und Sprache gegründet“. Warum nicht den „Profis“ diese Einnahmequelle sichern? So wären die Dichter unabhängig, denn „Der Dichter produziert für einen fixierten, nachgewiesenen Bedarf gegen Bezahlung, die ihn vor den ganz unberechenbaren Konjunkturen, die sein wahres Schaffen betreffen, sichert.“ so Benjamins augenzwinkernder Vorschlag. Das alles um den sonst im Gewerbe der Pornographie zu beobachtenden „unleidlichen Dilettantismus“ entgegenzutreten. Offenbar war Benjamins Lesegenuss durch sprachliche Schnitzer und Holpermetaphern empfindlich gestört worden….

  9. „Staatsmonopol für Pronographie“ werde ich lesen. Sowieso ist Benjamin ein Stilist ersten Ranges. Man lese die Einbahnstraße, die Berliner Kindheit. Sprache ist dem Denken nicht äußerlich, Sprache steht in einem Verhältnis zur Sache.

    Ein anderes Thema ist noch einmal Benjamins Sprachmagie bzw. seine Sprachtheorie, die er in einigen den frühen Aufsätzen darlegt

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