Die singende-klingende Herrentorte: Dieter Dehm

Man hat mir heute in zweifacher Hinsicht meinen Tag versaut und verdorben. Zum einen scheint in Berlin die Sonne. Das ist nicht gut, denn ich wollte heute in den Oderbruch und dann in die Uckermark fahren, bin extra um halb sechs aufgestanden: dann sehe ich: es ist der Himmel himmelblau. Was will ich bei gutem Wetter photographieren? Häuser, die von Baumschatten übersät sind? Häuser, die im Schatten liegen und aufgrund von Hintergrundblendung nicht photographierbar sind, oder aber Gebäude und Landschaften, die grell von der Sonne bestrahlt werden? Alles dies läßt sich nicht gut abbilden. Besser zum Photographieren wirkt das schattenlose Licht eines bedeckten Tages. Die trostlose DDR ist richtig trostlos nur unter dem Kohlestaub und in den Verschattungen der Wolken. Und im nächsten katastrophischen Akt werde ich in der Zeitung von gestern, die ich heute erst las, an Dieter Dehm erinnert.

Gibt es einen neuen Aufschrei? Die Journalistin Elisabeth Niejahr beklagte in der „Zeit“ vom 20. Februar 2014, daß sie beim Parteitag von Die Linke an einen Kaffeestehtisch trat, wo auch besagter Dieter Dehm stand und sie dort mit dem Herrenwitz empfangen wurde: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Onanieren und Geschlechtsverkehr?“, so fragte Dehm. Laut „Berliner Zeitung“ soll Frau Niejahr vorher angemerkt haben, daß der Parteitag „selbstbefriedigungsähnlich“ verlaufen sei. Nun kann man sich darüber streiten, ob solche Witze, wie der von Dehm erzählte, nun eher witzig zu nennen oder eher müde sind, ob es sich um einen entsetzlich sexistischen, einen dummen Schenkelklopferwitz oder um den Ausbund von Humor oder aber um die richtige polemische Antwort auf einen so fürdahin gesprochenen Journalistensatz handelt. Man kann auch fragen, ob solche journalistischen Einschübe Methode haben und ob da jemand auf dem Brüderle-Ticket schreibt. So heißt es bei Niejahr im Anschluß an diese Begebenheit:

„Eine normale Partei ist die Linke noch lange nicht. Dafür sind viele ihrer Leute einfach viel zu schräg.
(…)
Gysi, Kipping und die anderen irren sich, wenn sie denken, sie hätten den Scheinwerfertest bestanden. Mich jedenfalls überzeugen sie immer weniger, je besser ich sie kennenlerne. Deshalb habe ich beschlossen: Schreiben ohne Kopfschütteln, das geht bei dieser Partei noch nicht.“

Nicht daß mir die Linke im speziellen oder die Parteiendemokratie im besonderen am Herzen liegen. (Ich selber bin allerdings Mitglied von DIE PARTEI und wähle diese auch.) Manchmal jedoch geht auch Lesen ohne Kopfschütteln nicht und der Körper schüttelt sich konvulsivisch-zuckend vor Lachen, nicht wahr Frau Elisabeth Niejahr?

Gegen diesen Dehm-Humor nun sind Einsätze von Journalisten in Zentralafrika und dem Irak oder ein Interview mit Helmut Schmidt oder Helmut Kohl geradezu ein Nichts, und eine investigative Recherche bei den Hells Angels oder einen Monat zusammen mit Roberto Saviano bei der Kokainmafia bloßes Beiwerk. Ehrlich gesprochen: wer solche Dehm-Sätze nicht aushält und sich darüber mokiert, sollte vielleicht nicht von Parteitagen berichten, sondern in einer kleinen Lokalzeitung schreiben. Für Elisabeth Niejahr ist „Die Zeit“ womöglich vier Nummern zu groß. Aber auch bei den Kaninchenzüchtern gibt es leider Zoten und Schoten. Tja, ja, Kika-Kikaninchen, Tibbetibbetap.  Vielleicht existiert dort ein gemütlicher Arbeitsplatz, der von den Zumutungen der Welt einen Journalisten freihält.

Schlimmer als der Dehm-Witz jedoch ist und bleiben manche seiner Lieder bzw. Liedertexte, die dieser Mann schrieb. Darüber hätte Frau Niejahr sich ereifern können. Liedgut wie „Was woll’n wir trinken 7 Tage lang“, „Das weiche Wasser bricht den Stein“ sowie „Aufsteh’n“ sind nicht nur an – man verzeihe den Kalauer – Dämlichkeit nicht zu überbieten, sondern ihre Rezeption führt zu anhaltender Verstumpfung sowohl im Feld der Politik wie auch in dem des Ästhetischen. Es gibt moralische Unzulänglichkeiten, etwa wenn der eine den anderen bespitzelt, und dann gibt es das schlimmste der Verbrechen: die Musen zu beleidigen und Agitproplieder von so minderer Textqualität zu produzieren, ohne daß die Teilnehmer von Demonstrationszügen es bemerken. Über fünf Jahre, seit ich 1980 mit 15 Jahren bei meiner ersten Demo mitlief, mußte ich immer wieder von entfernt „Aufstehen“ oder „Was wollen wir trinken“ oder dieses beschissene weiche Wasser hören. Immer mit diesem Rudi-Carrell-Niederländischen Dialekt gesungen. Ab 1985 beschloß ich, mich anderen Dingen zu widmen, der Politik den Rücken zu kehren und nur noch als unbeteiligter neutraler Photograph an Demonstrationen teilzunehmen. Da, wo Silvesterknallelemente flogen, wo Barrikaden brannten, Steine geworfen wurden, waren zumindest die Lieder von „Bots“ nicht zu hören. Es war ein guter Ort.

Gegen diese Lieder ist ein Witz von Kaliber „Was ist der Unterschied zwischen Onanieren und Geschlechtsverkehr“ nicht nur eine Petitesse, sondern als Antwort auf dumme Sätze sogar lustig.

Irgendwie ist Dieter Dehm mir nun doch sympathisch. Trotz Stasi und trotz Liedertext, trotz SPD und alledem.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Die singende-klingende Herrentorte: Dieter Dehm

  1. Partyschreck schreibt:

    Mit diesem Unter-der-Gürtellinie-Schenkelklopfer hat Herr Dehm doch zur Abwechslung einmal sehr schön das Niveau von Frau Niejahrs Selbstbefriedigungs-Provokation gehalten.

    Toll wenn man ganz selbstverständlich annimmt, es sei allgemeiner Konsens, den Linken so ganz lanzmäßig jeden noch so dummen Spruch an den Kopf zu knallen, der einem gerade mal so einfällt und dann aufjault, wenn man die passende Antwort bekommt;)

    Versaute Witze zu passend unpassender Gelegenheit können nebenbei bemerkt ganz großartig sein:)

    …Und nicht vergessen, lieber Bersarin, wenn du nicht gerne Inschtantbrrrrühe trinken solltest, wird es jetzt aber wirklich Zeit, dass auch du nun endlich mal aufstehst…!

  2. Bersarin schreibt:

    Ein herrliches Video.

    Allerdings stehe ich nicht auf, sondern gehe bald zu Bett.

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