Thomas Bernhard – zum 25. Todestag. Der Tod als Weltverfinsterung, als Lebensteil in den halkyonischen Sphären

thomas-bernhard-kaelte100~_v-image512_-6a0b0d9618fb94fd9ee05a84a1099a13ec9d3321 Was von diesem Absterben gehört Dir
und was ist mein Teil an diesem Absterben?
Ich ertrüge Dich nicht ohne zu wissen,
Du oder Ich
oder irgendein Schläfer meines Namens,
Du, der mich mit einem anderen verwechselte,
der mich aufweckte für einen andern
Du, der mich ausschloß aus ihrer Eitelkeit,
Du, der mich erfand, Du, meine einzige
Poesie …
(Thomas Bernhard, in: Ave Vergil)

Es gibt Umstände, für die es keinerlei Sprache und Ausdruck gibt. [Allenfalls den Somatischen, den des Körpers.] Der Tod ist ein solcher Umstand.

Es ist die Sprache, die Poesie, der Text, in dessen Struktur der Schreib-Körper sich einbettet und hineinbegibt. Unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“, wie es bei Paul Celans heißt, verschwindet das Ich in jenem Text, den wir Literatur und Lyrik nennen – der Text, in dem ein jegliches zugleich fiktiv und real in einem aufscheint und darin sich transformiert. Auf Thomas Bernhard trifft dieser „Neigungswinkel der eigenen Existenz“ insbesondere zu. Er schrieb sich von genau diesem her: vom Tod, von der Krankheit, von dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, der ein Leben begleitet.

Götterdämmerung, ohne Gott, Geistesheroen, Weltverfinsterung. Das Schwarz der Schwärze. Und alles dies mit einem halkyonischen Lachen ausgesprochen.

Thomas Bernhard ist einer der radikalsten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts; er führte die Form des literarischen Textes in eine Schreibweise der unendlichen Umkreisung sowie der vom Sound her musikalischen Wiederholung, um im Schreiben und Denken einen (imaginären oder auch imaginierten) Punkt anzusteuern, der niemals erreicht wird: So wie der Zirkusdirektor mit seinen Komparsen in „Die Macht der Gewohnheit“ niemals das Forellenquintetts zustande bringen, der Protagonist in „Beton“ niemals die Geistesarbeit schlechthin über Mendelssohn Bartholdy als Text fertig scheiben wird und Brusconi niemals seine Weltmenschheitskomödie wird aufführen können: „Utzbach, ausgerechnet Utzbach“. Es kreist die Prosa um jene leere Mitte, jenes abwesende Zentrum, jene nie zu bewältigende Aufgabe, so als wäre dieses Zentrum präsent und im Denken noch irgendwie zu vergegenwärtigen, als wäre diese Geistes- und Schreibaufgabe in irgend einer Weise schreibend zu schaffen, obwohl im Schreiben dieses unendlichen und alles im Denken erfassenden Textes nicht einmal der erste Schritt getätigt wurde. Es haftet bei den Bernhardschen Geistesmenschen alles auf Anfang und in der Krankheit: Morbus Boeck. Schreiben: ein Akt der Auslöschung.

Unvergeßlich, naturgemäß unvergeßlich bleibt diese Prosa, unvergeßlich bleibt die Lyrik, unvergeßlich bleibt das Drama (dazu zählt auch die Komödie!) von Thomas Bernhard. Und unverbesserlich gelungen ebenso die im wahrsten Sinne atemberaubende Konstruktion seiner Sätze. Auch dieses Atemlose in Bernhards Prosa wurde unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ geschrieben. Dieser Thomas Bernhard-Sound, der als nicht endenwollendes Satzstakkato und als Musik gleichermaßen ins Ohr schießt und dort nicht mehr herausgelangt. Wenn es schlecht und epigonal verläuft, verstopft er schließlich den Gehörgang. Wie viele angehende Autoren waren in den 80ern und in den 90ern nach seinem Tod mit diesem Ton berührt, versaut und verträufelt. Es ist dieses Bernhardsche Textgestrüpp eine besondere Weise die ästhetischen Form im Modus der Iteration als schlechte Unendlichkeit zu organisieren und im selben Moment zu dekonstruieren, artifiziell gebaut, eine geschickte Weise, einen Klang sowie eine Satzmelodie zu erzeugen, die unverwechselbar sind. Nichts mehr als ein unendlich sich wiederholender, kreisender Text. Nicht nur, um des spielerischen Effektes willen, sondern durchaus in der Sache gegründet.

Daß Bernhards Text immer wieder Novalis nennt, dürfte kein Zufall sein. „Was soll Echo machen, die nur Stimme ist?“, so Novalis in den Fichte-Studien. Gegenstand und Gegensatz bestimmen sich in der Schrift. Bernhard machte die Novalissche Philosophie zur Selbstverschleifung einer Antiromantik: dem Gemeinen wird nicht mehr der höhere Sinn und dem Gewöhnlichen kein geheimnisvolles Ansehen gegeben, sondern Gemeines und Gewöhnliches erscheinen als das, was sie sind, und es wird der Weltekel im Kreiseln der Sätze mehr und mehr. Aber lachend, im Modus der Ironie, zweifelnd und verzweifelnd im Taumeln als Existenz. (Und das ist durchaus auch gesellschaftlich gegründet.) „Wechselerhöhung und Erniedrigung“ schreibt Novalis in seinen Fragmentsammlungen. Wer aber Bernhards Text als bloße Überdrußhandlung des Weltschmerzjünglings liest, dem die Welt in euphorischen Verzückungsspitzen zuwider ist, der liest an Bernhards Text vorbei und verkennt das System dieses Textes: Ästhetische Form als Ausdruck inhaltlich konzentrischer Kreise. Denn zugleich existiert bei Bernhard jener Bezug zur sprachanalytischen Philosophie Wittgensteins. Zu der Frage, ob die Welt auch als Tautologie in der Wahrheit gerechtfertigt sei. Auch in dieser Frage: Kreisend.

Thomas Bernhards Schreiben kam von der Musik her und diese Herkunft hört man seiner Prosa an. Es strömen die nicht endenden, ausufernden, sich überschlagenden Perioden, die einerseits das Ewig-Kreisende, andererseits das Suchende und Apodiktische beteuern. Fast in einer onomatopoetischen Anmutung geschieht das in seiner Erzählung „Gehen“, die in genau diesem Klang selber ein Stück Gehen, gehetztes, ständig fortschreitendes Gehen ist. Und ganz ähnlich klingt dieses Überschlagen und in der Wiederholung Vorantreibende der Sprache in der Erzählung „Goethe schtirbt“, die zuerst in „Die Zeit“ von 1982 und dann 2010 in dem gleichnamigen Erzählungsband erschien. Es ist das monologisch-monadologische Sprechen einer Ich-Instanz, die sich ihrer selbst und ihrer Welt in eben jenem Sprechen vergewissern möchte und die dabei bemerken muß, daß all diese Versuche ganz und gar vergeblich sind. In hora mortis: das Aussetzen der Sprache ist der Tod der Prosa, der Tod dieses Subjekts. Bernhard war – biographisch gesehen – nahe an diesem Tode dran. Aus gutem Grunde schätzte Bernhard die Essais des Michel de Montaigne. Denn philosophieren heißt bekanntlich, sterben lernen.

Es läßt sich an diesem Umstand des unwiderruflichen Todes, diesem Sterben-müssen, das als unaufhebbares Faktum zugleich im Wunsch und als Utopie abzuschaffen wäre, wie Adorno es formulierte, ja gar nicht vorbeischreiben. Die Utopie allen Lebens: den Tod abzuschaffen. Tocotronic singen es sehr fein auf den Punkt: Abschaffen, abschaffen, abschaffen.

Auf Schritt und Tritt begegnet uns dieser Tod – mal als Metapher im Sinne des Entzugs, als dieses letzte Mal, wo wir nach einem Abendmahl, einem Abschied oder einem Streit einen Menschen zum letzten Mal in unserem Leben sehen oder hören, den wir hernach nie mehr wiederbegegnen werden. Oder als letztes Mal unsere selbst oder eines anderen, als letzter Atemzug, ganz real, so daß nur noch jener kalte und versteinerte Körper mit dem eingefrorenen letzten Zug verbleibt. Der Tod, der Tod, der Tod und das Mädchen, der Tod und das Subjekt, der Tod im Straßenverkehr, der Tod und die Literatur, der Tod und die Liebe. Der Tod als Lebenshintergrund. Bei Bernhard war er es in drastischer Weise, wie man in seiner autobiographischen Tetralogie „Die Ursache“ „Der Keller“, „Der Atem“; Die Kälte“ bzw. Pentalogie, wenn man „Ein Kind“ mit in diese Reihe nimmt, nachlesen kann.

Ja, Goethe stirbt: es ist der Tod, in dessen Angesicht am Ende alles klein und lächerlich erscheint und nur weniges bleibt. Und so ging es, wenn man Thomas Bernhards Prosa glauben darf, am Sterbebett des Mannes aus Weimar in einem Akt humanistischer Weltverfälschung zu:

„Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: Mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht  gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht!  An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute.“ (Thomas Bernhard, Goethe schtirbt)

Es braucht am Ende die Verfälschungen der Literatur. Mehr Licht statt Mehr nicht. Die wenigstens können letzteren Satz ertragen. Thomas Bernhards Prosa, seine Lyrik und der dramatische Text haben diesen Umstand begriffen und in eine Anordnung gebracht. Aber die Weisheit des Silen hat Bernhard niemals verschwiegen.

Thomas-Bernhard8-DW-Kultur-Wien

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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