Adorno, Heidegger, Derrida. Philosophie und Denken nach Auschwitz

Ich schrieb es mehrfach schon: Schade ist es, wenn eine ausführliche Antwort auf einen Kommentar, wenn ein Text, angeregt durch einen Kommentar, für nichts und im Nichts, im Strang der Kommentare stranguliert wird, untergeht und schwierig nur auffindbar ist. Das Privileg des Bloggers ist es, eigene Texte und Essays schreiben zu können. Anders als die Kommentatorinnen und Kommentatoren – mögen deren Beiträge zur Philosophie noch so gelungen sein. Am Ende aber, im Fluß der Lektüren und der sich verwebenden Texte gehen im Dickicht der Einträge auch die Blogbeiträge selber verloren. Ein Thema ist tot und abgelebt und wie es im Feuilletongeplauder der Tage so geht, kommt ein neues Thema, dem ich mich schreibend nähere. Doch zurück zu Heidegger. Zu einem Teil antwortet dieser Eintrag einem Kommentar von Viktor. Ja, es gibt diese Irrwege, insbesondere dort, wo sich das Engagement mit der Philosophie paart. Davon wissen einige Philosophen ein Lied zu singen. Und diese Lied hat manchmal viele Strophen.

In der Diskussion um Heidegger und den Nationalsozialismus sind, was Heideggers Biographie betrifft, die wesentlichen Punkte genannt und gesagt, darin gebe ich Viktor Recht. Abzuwarten ist, was Heidegger in jene „Schwarzen Hefte“ schrieb. Es bleibt aber im Gang der Debatten jener Aspekt der Geschichtsphilosophie als eine Art Rest übrig. Zu all dem hier im Blog über die Politik Heideggers Geschriebenen allerdings läßt sich die Perspektive erweitern, indem man in Heideggers Texte (noch einmal, als Rekurs, oder überhaupt erst) einsteigt und darin einerseits einen Aspekt der Philosophie findet, der weitergedacht werden muß und zugleich das Befremdende mitliest, wie in „Wozu Dichter?“ und ebenso in anderen Texten: solche Passagen, die in einer Sprache abgefaßt sind, die das – höflich geschrieben – rechtsaußenkonservative Moment an Heideggers Denken signalisieren. Jener Punkt, an dem Heidegger sein eigenes Denken nicht mehr verstand und in den Blick bekam. Seinsvergessen. Aber diese Lektüre des Textes von Heidegger ist Detailarbeit – im Hinblick auf die Politik Heideggers, jene „Fiktion des Politischen“ stehen die Grundzüge der Diskussion wohl fest. Was ich in Heideggers Text immer wieder lese: Wie sehr das Ontische, das Faktische in die vorgeblich ontologische Dimension hineinspielt. Diesen „Jargon“ stellte Adorno ziemlich klar heraus. Wenngleich er manches an Heideggers Philosophie dann auch wieder unter einer ganz anderen Optik wahrnahm und insofern für Heideggers philosophische Frage nichts übrig hatte. Womit wir beim Aspekt der Geschichtsphilosophie angelangt sind.

Doch dieser Gegensatz Heidegger – Adorno ist zusammenzudenken. Ohne ihn dabei in eins fallen zu lassen und die These zu vertreten, daß sie beide dasselbe sagten, aber bloß auf eine andere Weise. Entscheidend bleibt die Differenz. Trotzdem stelle ich mir die Frage, weshalb ich diese beiden Autoren lese. Und das heißt: sie zusammenzudenke, ohne daß sie in irgendeiner Weise zusammengehören.

Was nun die Subjektlosigkeit anbelangt, so scheint mir der Hinweis auf zwei so unterschiedliche Autoren wie Foucault und Luhmann richtig, denn unter Bezug auf Heidegger – bei Foucault ganz deutlich, bei Luhmann lediglich über ein strukturelles Moment – existiert in ihrer Theorie kein Subjekt als Instanz. Dieses ist entweder – grob geschrieben – Diskurseffekt und damit selber in den Blick der Theorie zu nehmen, oder es ist wie bei Luhmann in der Theorie nicht existent, weil Theorien nun einmal nur von Objekten handeln und sich auf Objekte beziehen. Insofern hat, so Luhmann in einem Interview, das Subjekt darin nichts zu suchen. All diese Oppositionen unterläuft hingegen Derrida: er schreibt in die Theorie seinen eigenen Namen, seinen Eigen-Namen ein, ohne diese Inschrift aber in einer Geste narzißtischer Subjektivierung oder als transzendental-empirisches Double zu praktizieren. (Ich komme auf diese Inschrift des Namens, dieses Schreibens im eigenen Namen im Laufe meiner Derrida-Lektüre, die ich dieses Jahr anstimmen möchte, zurück.)

Nein, nach Auschwitz hin – und das bleibt die entscheidende Frage in diesem Diskurs, wobei die Äußerungen und das Verhalten Heideggers dabei lediglich einen hinzutretender Aspekt bedeuten – führte nicht das Tun oder das Schreiben einzelner. Weder Heideggers Denken, noch sein Handeln. Dazu bedurfte es mehr. Das, was sich unter der Metapher, dem Begriff, dem Ereignis und Geschen Auschwitz manifestiert, bedurfte vielfacher Faktoren. Insbesondere eine Gesellschaft, in deren Struktur der Antisemitismus vor allem in seiner eliminatorischen Variante, fest verankert ist. Snyders These in „Bloodlands“ allerdings scheint mir zu kurz zu greifen. Ich sehe ein Problem darin, inwiefern sich Tote (geopolitisch) zusammenrechnen lassen. Auschwitz beruht auf einem anderen Prinzip (obwohl: Prinzip ist nicht das richtige Wort) als Stalins Gulag. Der von Snyder ausgemachte geopolitische Todesraum verkennt den Aspekt des Antisemitismus (dies stellte die Kritik in der FR seinerzeit hersaus), er verkennt das vollkommen Irrationale dieser Vernichtung der Juden, die zugleich mit einer ungeheuren Akribie durchgeführt wurde. Sobald eine Region unter faschistischer deutscher Herrschaft gelangte, wurden Juden aus diesen Gebieten und am Ende aus fast jedem Winkel Europas zusammengetrieben. Nicht um sie irgendeinem Arbeits- oder Vernutzungszweck „zuzuführen“, sondern um sie, unter Ausbeutung ihrer Habe, zu vernichten. Nicht in einem Gulag, irgendwo in Kolyma oder anderswo, zu versklaven und diese Juden irgendwie noch als produktive Kraft wirken zu lassen, sondern um sie umzubringen. Nur das. Die geopolitische Orientierungen, die ein Geschehen auf die geschichtliche Beschaffenheit eines Raumes festmachen will, greift nicht nur zu kurz, sondern relativiert auch die Shoah auf universelles Geschehen von Mord, der irgendwie mit allem und jedem, was sich in diesem Raum ereignete, zusammenhängt. Mord an Völkern, an Ethnien, an Gruppen gab es immer. Dieses Vorgehen aber war so ganz und gar anders.

Auschwitz ist, das scheint mir zumindest ein wesentlicher Aspekt zu sein, ein Ereignis, das in mehrfacher Hinsicht ans Unaussprechliche grenzt, und zwar bereits auf der Ebene des Faktischen: Wer im Vernichtungslager war und durch die Maschinerie ging, kann darüber nicht mehr sprechen, weil sie oder er am Ende dieses Vorgangs meisten tot sind. Wer trotzdem entkam und Zeuge bleibt, dessen Blick ist entstellt und zerstört, weil solches Geschehen in keinen Erfahrungsraum mehr eingeholt werden kann. Es geschieht in der schreibenden, sprechenden Wiederholung eine Anamnesis an einen Ort, der quer zu jeglicher Rationalität liegt, anamnetisch nicht erreichbar ist und der dennoch ganz und gar rational durchorganisiert war. Es geschieht der (literarische oder dokumentarische) Versuch, das in Sprache zu bringen, was sich nicht zum Sprechen bringen läßt. Deshalb Adornos Diktum, daß nach Auschwitz keine Gedichte mehr sich schreiben lasse. (Meist wird dieser Satz nicht in seiner weitreichenden Dimension genommen, daß jegliche Diskursivierung oder Verbildlichung des Sinnlosen nur eine weitere Produktion von Sinn bedeutet, sondern in einer Banalvariante. Wie auch der Satz vom richtigen Leben im falschen.)

Zugleich aber eignet Auschwitz sich nicht, um in einer Art negativen Theologie auf die Knie zu fallen und es zu zelebrieren. Auschwitz ist der Punkt, an dem alles Reflektieren nach 1945 hängt, der Ort, wo Sache und Begriff, Denken und Gegenstand in keinen Einklang mehr zu bringen sind. Eine tragfähige Analyse liefert komprimiert und auf den Punkt gebracht Wolfgang Pohrt in seinem Text „Nationalsozialismus und KZ-System“. (Noch einmal Dank an den Nörgler für diesen Text!)

„Auch die Sache aber stellt sich für das Bewußtsein stets nur in Begriffen dar. Wo die Sache an sich selbst unbegreiflich ist, weil ihre eigene Struktur die Voraussetzung aller Erkenntnis; die ‚adaequatio rei et intellectus‘, die Übereinstimmung von Gegenstand und Einsicht prinzipiell ausschließt, dort tendiert sie dahin, sich der Darstellung und dem Bewußtsein überhaupt zu entziehen. Das Unbegreifliche ist am deutschen Faschismus aber gerade das Wesentliche. Ihn zeichnet aus, daß er von keiner Theorie mehr wirklich erreicht werden kann. Nicht einmal die Konstruktion eines strafenden Gottes – das erste Tasten wie der letzte Ausweg der Vernunft – vermag die planmäßige, fabrikmäßige Vernichtung von mindestens 6 Millionen Menschen in jenen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, in dem der Gegenstand allein erkannt werden kann. Die Theorie setzt einerseits stets ein die Sache unter seinen eigenen, subjektiven Bestimmungen setzendes Subjekt voraus. Sie beginnt also erst jenseits der Konzentrationslager, in denen das Subjekt planmäßig vernichtet wird. Die Theorie setzt andererseits eine Sache voraus, die von den Denkbestimmungen eines auf sie reflektierenden menschlichen Subjekts nicht völlig verschieden ist: was real keiner menschlichen Logik gehorcht, kann auch kein Mensch begreifen. Vor einer Institution, in welcher die Unmenschlichkeit zum Prinzip erhoben ist, muß die Theorie daher kapitulieren.“ (W. Pohrt, Nationalsozialismus und KZ-System, in: Ausverkauf)

Insofern tangiert Auschwitz die Philosophie als Aufgabe. Und darin versagte Heidegger auf ganzer Ebene. Insbesondere in seiner Philosophie. Das Ungeheuerliche, das Heidegger in seiner Hölderlinvorlesung über dessen Gedicht „Der Isther“ anspricht, in der er auf das Chorlied in Sophokles‘ „Antigone“, sowie das Unheimliche des Menschen Bezug nimmt, werden zur ontologischen Befindlichkeit abstrakten Daseins relegiert.

Vielleicht ist es richtig, die „Beiträge zur Philosophie“, jenes zweite, nach „Sein und Zeit“ bahnbrechende Werk, wieder zu lesen. Den Heidegger der Kehre, der vom Seyn her denkt. Nur bleibt der Gedanke, daß Heidegger in seiner Metaphysikverwindung, für die er eine Sprache sucht, um an die Grenzen und über die Grenze hinaus zu gelangt, am Ende in einem luftleeren Raum verbleibt. Adornos „Negative Dialektik“ bewegt sich Lichtjahre näher an dem, was sich nicht zur Sprache bringen läßt und was dennoch dahin drängt, ausgesprochen zu werden – jenes Ungeheure, das den (Eigen-)Namen Shoah oder Alles-Verbrennung trägt. Ebenfalls der Text Derridas. Bei Heideggers Lektüre des Seins bleibt dieser Verdacht, daß da zugleich die Nebelkerzen geworfen werden. Das Da-Sein und das Seyn als strukturale (Nicht-)Struktur fallen am Ende zurück in die abstrakte Verdünnung des Unwesentlichen, des Man. Es bleibt eine Weise des Sprechens, bei der nicht mehr unterscheidbar ist, ob es sich nun um Aphasie, Dichtung, Mystik oder aber ein irres Raunen handelt. [Diese Unentscheidbarkeit wiederum macht den Text Heideggers einprägsam und interessant, wenngleich der Ton vielfach in den Jargon kippt. Dennoch: es zusammenzudenken.]

Der Text der späteren Philosophie Heideggers erinnert mich an das erste Kapitel, genauer gesagt an den Anfang von Hegels „Wissenschaft der Logik“. Im Grunde beginnt überhaut erst an diesem Punkt der Unterschiedslosigkeit, der unbestimmten Unmittelbarkeit – über Heidegger hinaus – die Philosophie. Nach Adorno kommt die Philosophie Jacques Derridas diesem Denken zwischen Metaphysik und ihrem Ende, diese Symphilosphie (freilich anders als es sich die Jenaer Romantiker dachten), die sich zwischen Dichtung und Denken bewegt, wohl am nächsten. Insbesondere sein „Schibboleth“. Und es bleibt in dieser Anordnung diese eine Frage, die Jean-François Lyotard 1980 auf dem Symposion in Cerisy-la-Salle zum Thema „Les Fins de l’homme“ als Titel eines Vortrags stellte: „Discussion, ou phraser ‚après Auschwitz‘“. Hier liegt der „Einsatz des Denkens“. In vielfacher Ausprägung als Denken des Datums, als eine Schreibweise, die die Grenze zwischen Literatur und Philosophie oder, eine Spur weihevoller geschrieben, zwischen Denken und Dichten, in einer anderen Weise schreibt, ohne dabei die Unterschiede der Gattungen einzuziehen. Aber dieser Aspekt des Grenzgängerischen zwischen Literatur und Philosophie wäre ein andermal zu thematisieren.

Was bleibt, ist die Frage: Wie nach Auschwitz sprechen, ohne simpel zu reifizieren oder ins Betroffenheitsgequatsche der evangelischen Akademien zu driften?

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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16 Antworten zu Adorno, Heidegger, Derrida. Philosophie und Denken nach Auschwitz

  1. JimKnopf13 schreibt:

    Vom feinsten!

    Nur eine allerwinzigste Anmerkung: Als Beobachter kommt das Subjekt bei Luhmann natürlich schon vor. Das ist selbstversetwas ganz anderes als bei Derrida! Aber es klingt ein wenig so, als wäre die Systemtheorie in der Hinsicht blind, wo sie doch einen so großen Wert drauf legt: den Beobachter jeder Ordnung einzubeziehen.

    Auf die Derrida-Lektüren bin ich gespannt!

  2. Bersarin schreibt:

    Das ist richtig: der Systemtheorie geht es um die Beobachtung erster, zweiter usw. Ordnung und um die Beobachtung der Beobachter. Nur spricht Luhmann in diesem Zusammenhang eben nicht von Subjekten. Man kann dieses Vorgehen natürlich auch als eine Wiedereinführung des Subjets durch die kalte Küche werten.

  3. Roberto schreibt:

    Heidegger sah Auschwitz als den bisherigen Höhepunkt der Seinsverlassenheit des Menschen, den Gipfel der Entfaltung des Wesens der Technik. Anfangs sah er nur im Kapitalismus u. dem Kommunismus das materialistisch-technische Weltbild am Wirken, welches ohne metaphysische Rückbindung die Welt schrankenlos nach dem Prinzip der größten Effizienz, der größten Machtentfaltung, dem größten Nutzen umgestaltete. Dann wurde ihm klar, dass auch Hitler u. die Nazis danach handelten. Hitler handelte rein dem Wesen der Technik gemäß wie ein moderner Massen-Hühnerzüchter: Er züchtete rein nach materialistisch-biologistischen Prinzipien eine überlebensfähige starke, nützliche Rasse, sortierte vermeintliche Schädlinge aus, versuchte diese noch irgendwie zu verwerten u. tötete sie dann, wenn sie nutzlos waren.
    Heidegger sah Auschwitz, aber nur als vorläufigen Höhepunkt. Er war im Alter davon überzeugt, dass die Versuche der Menschenzüchtung nach Nützlichkeit (Herrenrasse, Arbeiter für verschiedene Bereiche, Züchtung v. Intelligenzklassen usw.) weitergehen würden: Der Mensch und die Natur als biologische Verfügungsmasse, die beliebig modifiziert werden kann – ein rein technisches Problem: die Gentechnik bietet ungeahnte Möglichkeiten! Weitere Auschwitze würden kommen, da war sich H. sicher.

  4. ziggev schreibt:

    ach, lieber bersarin – btw, ich pflichte Jim Knopf bei, wieder ein kleines Kompendium, das m.E. dazu geeignet ist, dem Adorno, Heidegger, Derrida interessierten Laien die Korrespondenzen ihres Denkens trotzdem verständlich nahezubringen -, wenn nun mehr oder weniger alle Punkte genannt sind – ich habe heute zufällig mein Exemplar des Kunstwerkaufsatzes wiedergefunden -, dann darf ich vielleicht mal wieder etwas rumalbern?

    hier also mein Bilderrätsel:

    http://wortanfall.files.wordpress.com/2014/01/bilderrc3a4tsel-2.jpg?w=801&h=1053

  5. Pingback: Empfehlung, Rechtschreibung, Formatierungsschierigkeiten | wortanfall

  6. Bersarin schreibt:

    @ Roberto
    Es ist dies eine Lesart Heideggers, die legitim ist, weil sein Text dies – zumindest zu einem bestimmten Teil – hergibt. Einiges allerdings, und das ist sicherlich (auch) die Absicht des Heideggerschen (literarischen) Schreibens, muß aus dem Zwischenräumen herausgelesen werden. Dennoch ist das Faktum Auschwitz nicht einfach mit dem Hinweis auf das Ge-stell oder die abendländische Technik und Verfügbarmachung abgeklärt. Ein solcher Blick unterschlägt die spezifische Differenz und macht es sich zu einfach. Auch Adorno kritisierte in der „Dialektik der Aufklärung“ die abendländische Rationalität, dabei unterschlug er jedoch in seinen Ausführungen aus dem makrologischen Blick heraus nicht die Details und befaßte sich als Philosoph mit den Auswüchsen dieser Rationalität: Vom Kulturindustriekapitel bis hin zu seinen Ausführungen über den Antisemitismus. Das ist mir von der Ebene der Philosophie her näher als eine abstrakte Seinsverlassenheit.

    Wobei ich Heidegger im Hinblick auf ein anderes Denken nicht kleinreden will. Es läßt sich manches von ihm lernen, und – ich wiederhole mich – Jacques Derrida ist wohl der Philosoph, der Heidegger von seiner abstrakten Differenzlosigkeit, in der, wie ich schrieb, Sein und Nichts wie zu Beginn der Hegelschen Logik in eins fallen und dasselbe sind, am weitesten dachte und über ihn selber hinaus brachte.

    _____________

    @ziggev
    Auf Dein Bilderrätsel bin ich gespannt und schaue bei Dir vorbei. Aber das mache ich sowieso regelmäßig.

  7. ziggev schreibt:

    um diese ganze Diskussion vielleicht ernstzunehmen vielleicht eine kleine biographisch Notiz: Mein Großonkel, so um die Siebzig, hat bereits seine dritte Psychotherapie hinter sich, ohne Erfolg. Sein Vater war Gestapo, die Namen seiner Opfer, Hamburg, Rothenbaumchaussee, sind nachrecherchierbar. Diesen Gedanken zu ertragen, ist für ihn einfach zuviel. Es steht schwarz auf weiß und es gibt keinen Zweifel. Mein Großvater, sein Bruder, war allerhöchstwahrscheinlich im heutigen Polen direkt – indirekt aber sicher, denn er half, Eichmanns Eisenbahnnetz mitauszubauen – beteiligt.

    So „reasonable“ Deine Darstellung der gedanklichen Korrespondenzen zw. Adorno, Derrida und Heidegger ja sind, es fällt mir immernoch schwer, diese Gedanken nachzuvollziehen, weil ich das, was ich zunächst als eine Denksportübung auffasse, nur schwer in eine Relation zur – obzwar vergangenen – Realität zu setzen vermag.

    Es ist so, als ob zweifellos große Denker diese Tatsache des unvorstellbaren Grauens für ihre ohne Zweifel bewunderungswürdigen Theoriebildungen benützen würden. Darum jedenfalls nähere ich mich nur mit allerhöchster Vorsicht diesen Denkgebilden.

  8. summacumlaudeblog schreibt:

    Ziggev hat die Ebenenunwucht genau erfasst; darum geht es. Man kann natürlich fragen, welches Denken zu Auschwitz geführt hat, man kann natürlich abstrahieren und man kommt dann evtl. unter vielem auch zu dem Ergebnis, dass Auschwitz die Abwesenheit von Dialektik bedeutet, und man kann sogar sagen, dass genau hier die Schnittstelle zum Konservativismus liegt: Das Undialektische! Das undialektische Reagieren auf die Zumutungen der Moderne! Und dann feststellen, dass der deutsche Konservativismus diesen blinden Fleck seiner Geschichte nie betrachtet hat. Ja!

    Aber unter uns: Auschwitz ist die Abwesenheit von Dialektik! Ist das nicht ein dummer Satz? Eine Nullaussage; gerade weil die Vernichtung der europäischen Juden die Anwesenheit von deutschen Mördern zur Vorraussetzung hatte. Und das sind nun einmal unsere Altvorderen. Was sollen einem da „Kategorien“, „Ebenen“, „Dispute“, „Dialektik“?

    Ja, ziggev hats genau erfasst: Möglicherweise verdecken unsere Dispute auch nur unseren blinden Fleck…

  9. Bersarin schreibt:

    Deine Einwände, ziggev, sind völlig berechtigt. Vor diesem Faktum, vor diesen Verstrickungen „ganz normaler Männer“ in den Mord, da hilft keine Theorie, kein Text. Deshalb Adornos Diktum, daß nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei. Allerdings brachte Adorno diesen Satz in seiner „Negativen Dialektik“ vor dem Hintergrund von Celans Gedichten in eine andere Anordnung, ohne diesen Satz zurückzunehmen.

    Auschwitz hat die Sprache, die Kunst und das, was sich Kultur nennt, angefressen. Alle Kultur nach Auschwitz, so Adorno, ist im Grunde Müll, wenn keinerlei Besinnung auf das, was geschah erfolgt.

    Ich sehe, ebenso wie Du die Schwierigkeiten. Dennoch muß man über diese Dinge in irgendeiner Form sprechen. In Dokumenten, in der Literatur, in politischen, gesellschaftlichen Debatten und vor allem auch: im Modus der Jurisprudenz.

    Auch dem Hinweis von summacumlaude stimme ich zu. Es bleibt dieser blinde Fleck im angesichts eines Grauen, das sich nicht rationalisieren läßt und das doch mit vollkommener Rationalität durchgeführt wurde. Vom Errechnen der Transportkapazitäten bis hin zur Konstruktion von Verbrennungsöfen, die eine hinreichende Zahl Menschen möglichst schnell zu Asche machen können. Unter Ausnutzung verschiedener Körperteile, Kleidung Zahngold. An diesen Geschehen reicht die Beschreibung, das Abendland denke rechnerisch nicht heran. Und dies eben scheint mir das besondere an Adornos/Horkeimers Dialektik der Aufklärung: Daß sie nicht dem Trug unterliegen, eine Großtheorie und ein makrologischer Blick könnten irgend etwas heilen oder erklärbar machen. Allenfalls lassen sich die Fakten reihen.

    Was Adorno und Derrida in unterschiedlicher Weise zum Thema machen, ist die Frage, wie eigentlich Philosophie und Kunst nach Auschwitz noch möglich sind.

    Aus diesem Umstand gebe ich nachher den kompletten Text von Pohrt, der vieles auf den Punkt bringt.

  10. viktor schreibt:

    Leider bin ich gerade zu sehr in Details verstrickt, um hier angemessen etwas beitragen zu können. Im Nachvollzug der ontisch-phänomenologischen Differenzen zwischen Anklang, Zuspiel und Sprung, der Not der Notlosigkeit und ähnlichem ist mir zeitweilig der Überblick abhanden gekommen. Oder der Mut, denn auf der mikrologischen Ebene wirken alle diese Fragen viel zu groß.
    Dass Auschwitz letztendlich inkommensurabel für jede ethische oder andere Reflexion ist, ist offenkundig. Ich würde aber Bersarin insofern recht geben, wenn ich ihn richtig verstehe, dass Verstummen nun mal keine kommunikative Möglichkeit ist. Jeder Rede ist daher eine salvatorische Klausel quasi immanent, die lautet: Sofern man überhaupt etwas sagen kann.
    Im Augenblick würde ich Heideggers Makrointerpretation – genitivus subjectivus und objectivus – in dieser Frage auch gar nicht anführen. Denn, das leitet zum einzigen wirklichen Manko, was ich in Bersarins Artikel sehe: Heideggers Da-Sein ist kein abstraktes, gerade das nicht. Tatsächlich geht es genau um ein konkretes Endliches, das eben dennoch auch eine transzendentale Dimension hat. Jedes Erleiden findet daher in seiner eigenen Sphäre statt. Geschichtsphilosophie ist also immer nur eine epistemologische, heuristische oder ontologische Voraussetzung, nie der angemessene Ausdruck von Einzelnem.

    Eine im Ganzen andere geschichtsphilosophische Interpretation schwebt mir vor, die kann ich aber noch nicht formulieren. Sollte zum Erscheinen keine neue Debatte stattfinden, dann werde ich sie vielleicht hier vergraben. Oder bei einem allfälligen Derrida-Text zur Sprache bringen. Das ist das Privileg des Lesers gegenüber dem Blogbetreiber: Er kann sich Zeit lassen.

    Die Interpretation eines Adorno-Schülers zum Geleit:

    http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspielpool538.html

  11. ziggev schreibt:

    @ bersrin

    Adorno/Horkheimer: „Daß sie nicht dem Trug unterliegen, eine Großtheorie und ein makrologischer Blick könnten irgend etwas heilen oder erklärbar machen.“ – Mir schien, was sie schrieben, immer nur allzuselbstverständlich, wenn ich da mal zeilen- max. absatzweise hereinscaute. Sollte ich vielleicht doch mal lesen (…) obwohl ich die Dreipunkte echt hasse.

  12. Bersarin schreibt:

    @viktor
    „Heideggers Da-Sein ist kein abstraktes, gerade das nicht. Tatsächlich geht es genau um ein konkretes Endliches, das eben dennoch auch eine transzendentale Dimension hat.“

    Hier habe ich mich, was den Begriff des Daseins bei Heidegger betrifft, mißverständlich ausgedrückt. In bezug auf „Sein und Zeit“ lese ich dies ebenso wie Du und würde da gar nicht groß wiedersprechen. Gerade das Todeskapitel, die Ausführungen zur Sorge, das Zeug, Vorhandenes und Zuhandenes legen genau diese Interpretation nahe. An der Dimension zur Geschichte bei Heidegger sitze ich noch, komme aber nicht voran, da noch ein paar andere Dinge drängen. Insofern denke ich, daß es für Dich Raum gibt, hier zu schreiben. Wenn Du übrigens magst und es ein Text wird, der nicht in der Kommentarsektion verschwinden soll, stelle ich den Text gerne auch als Beitrag in meinen Blog – natürlich mit dem Hinweis, daß Du ihn schriebst.

    Ganz vielen Dank übrigens für den Hinweis auf den geschätzten Kluge! Ich werde es mir morgen anhören. Da ich nun 38 Stunden nicht geschlafen habe, bin ich leider nicht mehr zum konzentrierten Hören, Schreiben, Arbeiten fähig.

    @ziggev
    Ich sag es mal so: es kann nicht schaden, die „Dialektik der Aufklärung“ von vorne bis zum Ende zu lesen, zumal sie relativ leicht und gut lesbar ist.

  13. selene210 schreibt:

    Warum denn immer diese Fragwürdigkeit des Denkens ’nach Auschwitz‘? Wäre es nicht mal angebracht, in der intellektuellen Vorgeschichte dieses unverstehlichen Ereignisses nach Spuren zu suchen? WIE und WARUM kam es denn zu diesem ungeheuerlichen Schnitt in der Geschichte? Das ist doch die Frage.
    Als Beitrag zu dieser Frage möchte ich diese Montage verstanden wissen:
    http://de.scribd.com/doc/96530750/Markus-Semm-Juden-und-Deutsche-oder-Die-Vernichtung-des-Modell-Hindernisses-modele-obstacle-Eine-Montage

  14. Bersarin schreibt:

    Das eine läßt sich kaum gegen das andere ausspielen.

  15. selene210 schreibt:

    Du hast recht. Aber es muss möglich sein, einen denkerischen Ort zu finden, an dem das ‚Auschwitz-Ereignis‘ an einem vorüberzieht. Und das ist nur mit der Fundamentalanthropologie René Girards möglich.

  16. Bersarin schreibt:

    Die Bücher René Girards sind mir nicht bekannt.Von einer Fundamentalantrhopologie halte allerdings ich nicht viel, sofern damit in irgend einer Form ein Wesensbegriff vom Menschen ausgesagt wird. Bewußtsein und menschliches Sein als Dasein, als Existenz oder als Lebenszusammenhang werden, grob gesprochen, vom gesellschaftlichen Sein bestimmt.

    Das „Auschwitz-Ereignis“ kann nirgends und an niemandem vorüberziehen. Noch das Verdrängen desselben erzeugt den Bezug. Die Nachkommen der Überlebenden werden davon zu berichten wissen. (Allerdings bin ich nicht befugt und es wäre wohl auch vermessen, zu bestimmen, wie sich Betroffene gegenüber diesem Ereignis verhalten.)

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