Heidegger-Debatte (2) – Schweigsamer Dichter und Denker in dürftiger Zeit

Angesichts der Heidegger-Debatte bin ich beim Stöbern in meiner Bibliothek auf einen Band gestoßen, der einige interessante Ansichten und Einblicke zu Heidegger liefert, insbesondere zu seinem Wirken in Frankreich. Nämlich ein 1988 im Athenäum Verlag veröffentlichter Sammelband „Die Heidegger Kontroverse“ (hrsg. v. Jürg Altwegg), der im Anschluß an die Debatte um Víctor Farías‘ Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ erschien. Auch wenn es als abwiegelnde Reaktion auf Farías immer wieder hieß: „Das ist ja alles nichts Neues, Heideggers Rektoratsrede und anderes, das war bekannt!“, so war es doch erschreckend, diese Dinge bis ins Detail aufbereitet zu erfahren, indessen sich ein ganz anderes Bild als das des bloß konservativen, heimattümelnden Mannes aus dem Schwarzwald Leserin und Lesern eröffnete. Dieser Schatten, der mehr als nur ein Schatten ist, legte sich über Heideggers Philosophie. Bis heute. Was nicht davon entbindet – ich wiederhole mich – Heidegger dennoch zu lesen, auch gegen ihn selbst, ihn zu kritisieren und den „Inhalt“ seines Denkens, den Gehalt in eine Anordnung zu bringen.

Leider gibt es „Die Heidegger Kontroverse“ nur noch antiquarisch über ZVAB oder Amazon (ich verweise nicht gerne auf diesen Laden). Lesenswert aber ist dieser Band allemal, weil er ganz unterschiedliche Positionen und Perspektiven in eine Sammlung bringt: Texte von Gadamer, Habermas, Lévinas, Derrida, dem orthodoxen Heideggerianer Jean Beaufret, der Wesentliches zur Verbreitung Heideggers in Frankreich beitrug (berichtet wird allerdings in verschiedenen Publikationen ebenfalls, daß sich Beaufret antisemitisch äußerte und einen fragwürdigen Briefwechsel mit dem Holocaustleugner Robert Faurisson pflegte). Weiterhin schreiben da Phillipe Lacoue-Labarthe, Jean Michel Palmier, dessen umfangreiches Buch über Walter Benjamin vor drei Jahren in Deutschland erschien, Rudolf Augstein, Alain Finkielkraut, Georges-Arthur Goldschmidt und viele andere.

Verschiedene Positionen werden in diesem instruktiven Band dargestellt, die zu Heidegger pro, kontra oder aber abwägend Stellung beziehen. Insbesondere seine große Wirkung in Frankreich wird betrachtet, denn mehr noch als in Deutschland schlug Farías‘ Buch in Frankreich hohe Wellen. Es scheint mir dieser Sammelband für einen knappen Überblick zu Heidegger im Sinne eines Kaleidoskops an Stellungnahmen durchaus für einen Einstieg geeignet – wenngleich, das sei als ceterum censeo in den Raum gestellt, die Lektüre der Originaltexte nicht durch Sekundärliteratur zu ersetzen ist. Allerdings bleiben die meisten Beiträge relativ an der Oberfläche und sind von ihrer Art her eher feuilletonistisch gestrickt.

Zentral bleibt sicherlich die in diesem Band von Jürgen Habermas gestellte Frage: „Sind die politischen Privatmeinungen eines Philosophen etwas, was seiner Theorie äußerlich bleibt oder nicht?“ So fragt Habermas, nachdem er Heideggers Besuch bei Karl Löwith 1936 in Rom schilderte, bei dem Heidegger Löwith versicherte, daß seine Philosophie innerlich mit seiner positiven Einstellung zum Faschismus zu tun habe – so notierte Löwith in seinem Tagebuch, so schreibt Habermas. Bei diesem Besuch in Italien trug Heidegger offen sein Parteiabzeichen. Ganz wird man Werk und Leben nicht trennen können, zumal auch der Text von Heideggers Philosophie teils von einer Sprache durchwirkt ist, die dem Jargon des Heimatlich-nationalen nahekommt.

Lese ich den Text „Wozu Dichter“ von 1946 wieder (abgedruckt in: „Holzwege“), den ich vor gut 20 Jahren für ein Seminar über Nietzsche und Rilke bearbeitet hatte, dann durchfährt es mich an vielen Stellen angesichts dieser Sprache schräg: Eine Mischung aus raunender Mystik des Mittelalters, Völkisches, aber auch eine Art des Fragens nach einem ganz Anderen schlägt einem entgegen. Kritik der Technik angesichts einer dürftigen Zeit: Kulturkritik in ihrer konservativen Variante, der ja durchaus nicht in jedem Punkt zu widersprechen ist, so wie wir damals auch Neil Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ nicht in jedem Punkt opponierten, nur stört das rückschrittliche Lamento am Ende gewaltig, und die Begründungen erwiese sich als sehr schwach, denn es wird nicht mit der Technik über die Technik hinausgegangen. Technik und Medien sind genau so gut wie die, die sie benutzen. Aber auch das stimmt nur halb, wenn man statt Medien den Begriff „Atomwaffen“ einsetzt. (Und wobei zudem, um die Skepsis weiterzutreiben, im Raum der Social-Media angesichts gewaltiger Kontroll- und Kommerzwucherung eine gewisse Fähigkeit zum kritischen Blick angebracht scheint und das freischwebend Naiv-Affirmative von Internet-Pfeifen wie Michael Seemann und Julia Seeliger häufig wie das Pfeifen des Kindes im dunklen Walde anmutet.)

Sicherlich stimmt jener Satz Heideggers, den man mit Benjamin gesprochen als die Erfahrungsarmut der Moderne charakterisieren kann: „Dürftig ist diese Zeit, [Heidegger nimmt hier Bezug auf Hölderlins Gedicht „Brod und Wein“, wo es heißt „Wozu Dichter in dürftiger Zeit …“, Anm. Bersarin] weil ihr die Unverborgenheit des Wesens von Schmerz, Tod und Liebe fehlt. Dürftig ist diese Zeit, weil der Wesensbereich sich entzieht, in dem Schmerz und Tod und Liebe zusammengehören.“

Auch in seinem Aufsatz „Erfahrung und Armut“ konstatiert Benjamin, daß im Hinblick auf unsere Erfahrungs- und Lebenswelt das Sterben und der Tod ausgelagert wurden. Doch die Erklärungen für diesen Umstand der Erfahrungsarmut, die Benjamin und Heidegger entwickeln, gestalten sich vollkommen unterschiedlich. Ist es bei Heidegger das abstrakte Geschehen einer Technik, die Seinsvergessenheit, das Rechnerische und Kalkulierende einer abstrakten Rationalität, die als Resultat der abendländischen Subjekt- und Bewußtseinsphilosophie sich erweisen, so geht Benjamin – ausgehend von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, die die Sprache selber affizierten – sehr viel konkreter an diese Entwicklung. Ein solcher Satz wie dieser von Heidegger wäre Benjamin wohl kaum aufs Papier gekommen: „Das gewohnte Leben des jetzigen Menschen ist das gewöhnliche des Sichdurchsetztens auf dem schutzlosen Markt der Wechsler.“ („Wozu Dichter“) Wie der Begriff der Wechsler – auch von Luther und von manchem protestantischen Pfarrhaus her – konnotiert ist, dürfte eindeutig sein. Ein solches Vokabular wird ein Philosoph, dessen Trachten die Sprache ist und der seinen Blick auf ihr Winken richtet, kaum leichtfertig und durch einen ungeschickten Zufall verwenden. Im selben Text heißt es zudem, daß die Sprache das Haus des Seins sei.

Insofern ist der Begriff des Wechslers sicherlich nicht nur einer Schrulle des Autors geschuldet. Dennoch finden sich auch in „Wozu Dichter?“ instruktive und wesentlich Passagen zu einem anderen Sprechen, zur Kritik der kalkulierenden oder auch instrumentellen Rationalität – freilich auf dem Boden der konservativen Kulturkritik, die eben keine Gesellschaftskritik ist und deshalb viel zu kurz springt – Ausführungen zum Kairos (d.h. dem einmaligen Augenblick einer einmaligen Konstellation – ich geht nicht davon aus, daß hier der 30.1.1933 gemeint ist), die bedenkenswert sind und die im Rahmen einer Theorie des poetischen Sprechens weitergedacht werden können. Heidegger Stärke liegt in einer „Methode“ des Denkens, in einer Art und Weise, Texte der Literatur und der Dichtung in einem Horizont zu lesen, der mit dem Dichter geht und zugleich über diesen hinaus weist. In gewissen Sinne kann man schreiben, daß Heidegger das Ungedachte eines Textes herausarbeitet.

Allerdings: Je länger ich mich freilich mit dieser Causa Heidegger beschäftige, desto unappetitlicher wird sie, was das Politische betrifft. „Verschwiegenheit“ zählt wahrscheinlich zu den Existentialen. Ja, Heidegger war – dies ist die harmlose Variante – ein Opportunist, das bestreitet kaum einer, selbst der ewig-lobhudelnde Heidegger-Schüler Gadamer nicht. Vor den Taten des NS-Regimes verschloß Heidegger, wie so viele, die Augen. Nicht einmal Adorno war vor der Versuchung gefeit, daran zu glauben, daß dieser Spuk vorüberzöge und daß es sich im faschistischen Deutschland überwintern ließe. Schnell bemerkte er, daß die Zeichen der Zeit anders standen. Und auch Konservative wie Gottfried Benn und Ernst Jünger, die anfangs ihre Zustimmung zeigten, waren alsbald abgestoßen. Heidegger aber schwieg. Was er dachte, wissen wir nicht. Und insofern werden die Zeugnisse, die er in Notizbüchern niederschrieb, mehr Aufschluß geben. Dieses Ambivalenz, dieses Konglomerat aus Angewidertsein und Faszination durch den Text Heideggers wird bleiben.

In Philippe Lacoue-Labarthes sehr lesenswerten Buch „Die Fiktion des Politischen“ – und es ist nicht nur wegen seiner Auseinandersetzung mit Heidegger bedeutsam – findet sich folgende Passage, die Heidegger aus Anlaß eines Vortrages sprach. Nachzulesen ist sie auch in der Heidegger-Gesamtausgabe Band 16. In diesem Buch abgedruckt sind ebenfalls die Rektoratsrede sowie Heideggers Brief an Herbert Marcuse aus dem Jahre 1948, darin Heidegger die Shoah mit dem Vorgehen der Russen in Ostdeutschland in eins setzt und vergleicht. Ein tiefsitzender, geschichtsklittender Konservatismus, der nicht davon abläßt, dem deutschen Wesen einen Sonderweg einzuräumen.

„Meine Damen und Herren! Heute ist in Freiburg  die Ausstellung ‚Kriegsgefangene reden‘ im Kaufhaussaal eröffnet worden.

Ich bitte Sie, hinzugehen, um diese lautlose Stimme zu hören und nicht mehr aus dem inneren Ohr zu verlieren.

Denken ist Andenken. Aber Andenken ist anderes als die flüchtige Vergegenwärtigung von Vergangenem.

Andenken bedenkt, was uns angeht. Wir sind noch nicht im gemäßen Raum, um über Freiheit nachzudenken und auch nur davon zu reden, solange wir auch gegenüber dieser Vernichtung von Freiheit den Blick verschließen.“ (Martin Heidegger, 20. Juni 1952)

Ja, auf diese Weise klingt der Sound des Seins empirisch-faktisch und ontifiziert sich. Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen, der schreibt, der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland. … Dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith.

Liest man diese Aufforderung zum Besuch dieser Ausstellung, dann bekomme ich den Eindruck, daß es Heidegger so ganz und gar unmöglich nicht schien, sich auf die Niederungen der Tagespolitik einzulassen. Die Causa Heidegger bleibt verstrickt und vertrackt. Ein tiefes, weitgreifendes philosophisches Denken, das nicht im geringsten die tatsächlichen Handlungen einer Person tangierte. Die immer gleiche Leier der Relativierung: Von Heidegger bis zu Nolte: Aber die Russen, aber die Russen!

Das Sein aber singt Deutsch

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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15 Antworten zu Heidegger-Debatte (2) – Schweigsamer Dichter und Denker in dürftiger Zeit

  1. viktor schreibt:

    Einleitend will ich die Literaturempfehlung unterstützen. Das Bändchen liest sich gut und gibt einen Eindruck der Vielstimmigkeit. Wer lieber zuhört, der kann auch dies

    http://www.youtube.com/watchv=KgPIfj0QLc&list=PLcD7qhojeZjcvSDNhzj69m947TAoGp_Xh&index=7

    benutzen.

    In unserer Diskussion, die ja keiner Einleitung mehr bedarf, haben wir, schätze ich, einen toten Punkt erreicht, insofern wir jetzt wohl auf Mitte Februar warten müssen, bis der erste Band erscheint. Mitte März kommen dann der zweite und dritte zusammen mit Trawnys Buch. Wenn man sich die Ankündigungstexte des Verlags noch mal durchliest, so wird es ja richtig skandalös erst im dritten Band, der von 1939-1941 reicht und in dem H. tatsächlich die „Protokolle der Weisen von Zion“ in seine Geschichte des Seienden als nihilistische Machenschaft einbaut. Wie das vor sich geht, diese üble Fälschung, diesen völlig wertlosen Schund in eine philosophische Erörterung einzubeziehen, da darf man gespannt sein.

    Zum anderen wurde hier zurecht, denke ich, mehrmals darauf hingewiesen, dass Politik, persönliche Moral und Philosophie verschiedene Angelegenheiten sind, die nicht völlig getrennt voneinander verlaufen, die aber ihre jeweils eigenen Bewertungsmaßstäbe besitzen.
    Was H. ‚getan‘ hat, ist bekannt und wurde hier bereits bewertet. Was er aber genau sich dabei gedacht hat, das werden wir erst erfahren. Und wie sich dies auf sein Werk bezieht, welche Spuren in den Wegen sind, das bleibt dann die eigentlich relevante Frage.
    Daher habe ich meine Nächte quasi in einem Countdown zur Veröffentlichung verplant und werde sie vor allem den Bänden 65, 66 und ff. GA widmen, den Bänden, die Heidegger in seinem Hüttenexil ab 1936 geschrieben hat und die das mehr oder minder ausgearbeitete Resultat der Denktagebücher darstellen. Was hat H. selbst aus seinen Notizen des ersten Bandes der „Hefte“ zu einem Text gemacht? Es kann bei einem eher experimentellen Denker nicht erstaunen, das auch viele Irrwege beschritten werden. Weiterhin sollte klar sein, dass die Erschütterung der Verhältnisse ihre Abdrücke hinterlässt. Hans Blumenberg, den ja eine eigenartige ungeliebte Denkverwandtschaft mit H. verbindet und der sich als ‚Halbjude‘ auch nur mit knapper Not durchbringen konnte, hat zu Ernst Jünger geschrieben:

    „Gerade darin wird eine Glaubwürdigkeit vermißt, daß Erfahrungen und Einsichten Einzelner auf das Zeitalter gewendet werden. Solche Glaubwürdigkeit setzt eine Verlorenheit an die Not des Nihilismus voraus (…), zugleich aber das Bestehen und die Bewältigung dieser Not. Diese Legitimation könnte freilich niemand erbringen, der zugleich auf seine Integrität gegenüber dem Zeitgeist vernommen werden soll.“ (H.B.: Der Mann vom Mond, Suhrkamp 2007, S. 9).

    Zeitgeist ist hier natürlich ex post zu verstehen.

    Inwiefern also kann sich H.s Denken dadurch legitimieren, dass es seine Not bewältigt hat?
    Kann es das überhaupt?

    Um zur Entwicklung des späten H. nachlesend und -denkend zu gelangen, ist also der Dreischritt Denktagebücher, Vorlesungen und Hüttenschriften abzugehen.
    Philosophisch relevant und zunehmend spannender ist für mich besonders das Denken des Seins als Ereignis, des Anfangs und der Differenz. Die Derrida-Zitate des letzten Blogeintrags haben mich dabei auch noch einmal auf die Spur gesetzt, diese Linie abzugleichen mit z. Bsp. Chora und Préjugés.
    Macht und Machenschaft, die großen Themen von H.s ‚geschichtsphilosophischem Entwurf‘, die in unserem Zusammenhang auch am relevantesten sind, kontrastiere ich dagegen mit einer auf Foucault und Luhmann basierenden Gegenlektüre. Hier sehe ich die größten Ähnlichkeiten, gerade in Hinsicht auf die autonome Logik der ‚Systeme‘.
    Dass in H.s Denken sehr viel philosophische Relevanz ist, dessen bin ich weiterhin sicher und je tiefer ich jetzt wieder eintauche, desto spannender wird es, zumindest im Augenblick.

    Zur politischen Einordnung noch einmal: In einigen Beiträgen haben wir uns hier ja schon in die Schwierigkeit vorgearbeitet, eine konkreten ‚Ideologischen Vorwurf‘ zu definieren. Zeitgenössischer Konservativismus ist das eine, völkische Bewegung das andere, Nazis sind wieder etwas eigenes.
    Auch kann man, wie ich finde, nicht oft genug betonen, dass geschichtlich vor allem die Dynamik der Gewalt eigene Regeln hat. Jörg Baberowski beispielsweise hat in seinem letzten Buch zu Stalin seine bisherige Auffassung komplett revidiert. Stalins Leichenberge, die er vorher eher im sowjetischen Weg der Moderne verursacht sah, beruhen für ihn nun auf einer Geschichte fortschreitend sich radikalisierender Mörder. Wer sich ein wenig tiefer in die Struktur- und Ereignisgeschichte des II. WK begibt, der merkt sehr schnell, dass die „Bloodlands“ Ost- und Mitteleuropas (Timothy Snyder) auch eine Mischung aus Jahrhunderte alten Ursachen, lokalen Faktoren und neuen technokratischen Möglichkeiten sind.
    Was ich damit sagen will: Selbst wenn wir H. Antisemitismus in einem besonders kruden und erbärmlichen Ausmaß werden nachweisen können, was zu vermuten steht, so führt von dort kein direkter Weg nach Auschwitz. Dieses Verbrechen bedurfte ganz anderer Charaktere als H. es war.
    Das ist alles eher Aufgabe als Resultat und erfordert doch sehr viel mehr Arbeit, als ich ursprünglich dachte.

  2. viktor schreibt:

    Irgendwas klappt heute mit meinen Links nicht. Noch einmal:

    Wenn auch das nicht funktioniert, dann bei Interesse auf youtube nach „Heidegger Farias Diskussion“ suchen.

  3. Bersarin schreibt:

    Ich antworte Dir auf Deinen Kommentar, der im Grunde mehr ist: nämlich ein eigenständiger Text, heute abend. Mit einem kleinen Blogbeitrag, dessen Titel lautet: Adorno, Heidegger, Derrida, Auschwitz.

  4. Ein besonnenes Interview in der ZEIT:
    „Er ist der falsche Verdächtige“
    Ein Gespräch mit dem französischen Philosophen François Fédier über den Antisemitismus Heideggers und die „Schwarzen Hefte“. Von Georg Blume
    http://www.zeit.de/2014/03/francois-fedier-ueber-martin-heidegger

  5. Bersarin schreibt:

    Man muß dazu schreiben, daß François Fédier (ähnlich wie Beaufret) ein Heideggerianer bzw. ein strikter Heidegger-Verteidiger ist. Insofern ist sein Blick nicht unvoreingenommen. Um den Faschismus als Prinzip ins Denken zu nehmen, ist Heidegger sicherlich der Falsche; wieweit aber dennoch bei Heidegger – teils auch in seiner Philosophie – ein Denken angelegt ist, das seine Philosophie fürs Reaktionäre und Völkische kompatibel macht und in diesem Konglomerat aus Konservatismen damit auch für den Faschismus – zumindest an manchen Stellen, wie dem Blut-und-Boden-Begriff bzw. dem der Scholle -, sollte dennoch Gegenstand der Betrachtung bleiben.

  6. ‚Scholle‘ ist das falsche Wort. ‚Erde‘ ist passender – in der Heraklit-Vorlesung sagt H. einmal: „Wir haben Ohren, weil wir horchsam hören können und bei dieser Horchsamkeit auf das Lied der Erde hören dürfen, auf ihr Erzittern und Beben…“ (GA 55, S. 247). Entsprechend ist er sehr aufmerksam auf das Fehlen des Denkens der Physis bei den Juden. Sebst Leo Strauss konstatiert dies: „… the notion of *physis* is alien to the bible“ (in: ‚Jerusalem and Athens‘). In diese Richtung geht die Abwehr des Jüdischen, wenn denn der Grundgedanke auf die ‚Offenbarkeit des Seienden‘, auf die aletheia, sich konzentriert. – Ich werde mich dazu weiter äussern, sobald die ‚Schwarzen Hefte‘ veröffentlicht sind.
    Zum Knoten ‚Juden und Deutsche‘ habe ich bereits geschrieben: [http://de.scribd.com/doc/96530750/Markus-Semm-Juden-und-Deutsche-oder-Die-Vernichtung-des-Modell-Hindernisses-modele-obstacle-Eine-Montage]

  7. Bersarin schreibt:

    Nein, Scholle muß es in diesem von mir hergestellten Zusammenhang heißen – nicht Erde. Der Begriff der Erde ist anders bzw. mehrfach konnotiert. Der Begriff der Erde geht eben nicht (nur) in die Richtung der Scholle, wenngleich er davon ebenso etwas in sich trägt. Zu den Begriffen Erde und Welt lese man den Kunstwerkaufsatz Heideggers. Genau solche Zitate, wie das von Dir genannte, sind es, die Heidegger zweifelhaft machen. Damit aber ist weder einer Verteidigung Heideggers noch der Opposition gegen ihn gedient. Es changieren solche Passagen, und es bedarf nicht viel der Boshaftigkeit, um solche Sätze, die aus dem Zusammenhang zitiert werden, als puren Gesinnungskitsch und als Anti-Modernismus des Konservativen auszulegen. Ich halte es für sehr problematisch, Heidegger aus dem Zusammenhang genommen zu zitieren, ohne sein Denken zu entfalten. Die Vorlesungen Heideggers lassen sich, wie alle Philosophie, nicht in zwei Sätzen referieren.

    Das Zuschreiben von Eigenschaften oder Denkbefähigungen auf eine bestimmte Gruppe von Menschen – hier zudem eine Religion – ist nicht nur problematisch, sondern es setzt sich dem Vorwurf des Rassismus aus. Voran erkennt man die Juden? An ihrer Nasen, am Feilschen auf dem „Markt der Wechsler“ (Heidegger), am Fehlen des Denkens der Physis? Was für ein Humbug! Genau das meine ich mit dem latenten Faschismus bei Heidegger. Was anders sind denn die Beschneidung und die Reflexion darauf als ein Denken der Physik? Ich habe selten einen solchen Unsinn gelesen, wie diesen: „das Fehlen des Denkens der Physis bei den Juden.“ Weil nun Leo Strauss solche Sätze schreibt, muß es deshalb nicht richtig sein. Hitlers Lieblingsjude Otto Weiniger z.B. schrieb Sätze, die gut als problematisch durchgehen können. Zudem spricht Strauss von der Bibel, nicht vom Judentum oder von der Tora. Insofern sind dann ebenfalls das Christentum, und als deren früheste und umfassendste Ausprägung der Katholizismus und damit dann der Katholik Heidegger selber nicht befähigt, die Physis zu denken. Von einer Tendenz der Leibfeindlichkeit des Katholizismus, des Protestantismus und des klerikalen Wahns angloamerikanischer Puritaner ganz zu schweigen, die ihre Unterhosen auf der Wäscheleine zudeckten, damit sie keiner sieht. Hier gibt es ein leibfeindliches Denken in nuce.

    Woran erkennt man die Deutschen? An ihrem Faschismus, am Fehlen der Bereitschaft das Denken auf den Massenmord zu richten? Oder erkennt man sie an ihrem Opfer-Jammersound nach 1945? (Siehe Heideggers Aufruf eine Ausstellung über deutsche Gefangene in der Sowjetunion zu besuchen.) Generalisierende Zuschreibungen sind problematisch.

    Bei Martin Heidegger zeigt sich wieder einmal auf gute Weise, inwiefern transzendentaler und empirischer Charakter auseinanderfallen.

  8. Heideggers Denken ist ein Monument. Und es ehrt ihn, dass er noch zu Lebzeiten verfügte, die ihn – möglicherweise diskriminierenden – ‚Schwarzen Hefte‘ zur Veröffentlichung freizugeben.

  9. Bersarin schreibt:

    Den Umstand dieser Heideggerschen Verfügung kann man in verschiedene Richtungen lesen.

    Monumente neigen leider zur Erstarrung. Insofern ist dem Text Heideggers mit dem Monument kein Gefallen getan. Es neigt sich das Monument ins Riesenhafte. Quantifizierungen taugen jedoch wenig, die Qualität des Textes zu belegen.

    Heidegger wird man einzig gegen Heidegger lesen können.

  10. viktor schreibt:

    @ Schwarze Hefte

    Fern liegt es mir, die Diskussion auf Geschmacksebene oder persönliche Einstellungen lenken zu wollen. Aber „Monument“ und „Ehre“, das sind Begriffe und damit verbundene Herangehensweisen, die mir weder für eine historische noch gar für eine philosophische Diskussion angemessen erscheinen.
    Dass ich gewiss kein Anti-Heideggerianer bin, sollte in der bisherigen Diskussion klar geworden sein. Aber auch wenn die Wertigkeit von Heidegger letzten Endes nicht unabhängig ist von der eigenen Prägung – gerade im Zusammenhang von Dichten und Denken in den Schriften ab 1934 ist das wohl nicht zu vermeiden – und zwar auch über das in der Philosophie ohnehin übliche Maß hinaus, selbst und gerade dann sollten wir uns doch vor solcher Idolatrie hüten. Selbstverständlich ebenso vor unreflektierter Verdammung. Glaubenskriege sind keine Form der philosophischen Auseinandersetzung.

    Das verlinkte Interview hat übrigens einmal mehr meine Ratlosigkeit erhöht. Hat H. sich nun oder hat er sich nicht auf die „Zionsprotokolle“ bezogen? Explizit oder ist das Trawnys begründete Interpretation? Eine solche Inszenierung des Wartens – oder ist das nur meine eigene Empfindung? – auf das Erscheinen eines 80 Jahre alten Textes habe ich bisher nicht erlebt. Sehr seltsam.

  11. ziggev schreibt:

    schwarze Hefte,

    ich habe mich auch etwas darüber gewundert, dass Du im ersten Kommentar von einem „besonnenen Interview“ sprichst; dann aber von einem Heidegger-Zitat ausgehend von einem „Entsprechend“ sprichst, wobei gar nicht erkennbar ist, worin die Entsprechung bestehen soll. Zuerst die Frage, „Erde“ oder „Scholle“?, – dann gleich aber würde er wachsam sein hinsichtlich eins fehlenden Denkens bei „den Juden“, nämlich das der Physis. Vorderhand ist hier nämlich überhaupt kein Zusammenhang zu erkennen! Da Du nun L. Strauss gewissermaßen als Zeuge anführst gewinnt das, was Du „Enstsprechung“ nennst, den Charakter einer Schlussfolgerung, eben auf ein fehlendes Denken der Physis bei „den Juden“. Hier erklärst Du aber nichts. Aber Gerade darum, wie es zu solchen Äußerungen kommt und wie sie aufzufassen seien, sollte es doch in einer philosophischen Diskussion gehen.

    Diesen Eindruck, dass Dir ein Zitat ausreicht, um eine Philosophie zu „begründen“ oder zu „erklären“, dass eine fragwürdeige „Enstsprechung“ für Dich ein Argument darstellt, und dass Du somit das, was zunächst lediglich Phrase dasteht, als gegeben, als gezeigt, als existent hinnimmst – was völlig unphilosophisch wäre -, diese phiosophische Sünde hättest Du doch gerade dadurch möglicherweise zu vermeiden können vermocht, Du Dich der von Dir eingangs so gelobten Besonnenheit Fédiers hättest leiten lassen, die Du jedoch missen lässt: Denn Fédier spricht in seiner ersten Antwort, besonnenerweise, da hast Du recht, von „den Juden“ eben in Anführungszeichen. In Bezug auf eine historische Redeweise hättest Du diese Besonnenheit jedenfalls ebenfalls walten lassen sollen.

    Fédier stellt doch gerade die dazumalige Redeweise durch die Anführungszeichen infrage, und fährt fort, sie müsse heute Schockierend erscheinen.

    Nun aber kommt ein Nullsummenargument: „Wenn ich heute etwas über „die Juden“ sage, etwas über ihren Humor oder ihre Spiritualität – laufe ich dann nicht groteskerweise sofort Gefahr, als Antisemit zu gelten?“

    Das liest sich wie die Rechtfertigung, überhaupt von Juden, „den Juden“ (obwohl im Interview oben er ja selber die Gänsefüßchen zu gebrauchen scheint) sprechen zu dürfen mit den Mitteln der Apologetik jemandes, dem „Philosemitismus“ vorgeworfen worden ist, wobei der Vorwurf des Philosemitismus AFAIK aus innerlinker Diskussion stammt, wo gefragt wurde, inwiefern Anisemitismusvorwürfe nicht inflationär gebraucht wurde. Innerlinks würde ich diese Frage jedenfalls verstehen, wenn sie aufrichtig gestellt (worden) werden würde; die Frage, ob nicht Juden instrumentalisiert werden, um hinwiederum von der Frage abzulenken, wie es denn um die eigenen faschistoiden Haltungen bestellt sei; solange man sie bei anderen ausmache, brauche man ja nicht bei sich selber nachfragen. Antisemitismus hätte also (auch) die Funktion, sich der Selbstkritik zu entziehen. Entsprechende Vorwürfe sind ja bekanntlich in Bezug auf die 68ger aufgetaucht.

    BTW guckte ich mal anlässlich bersarins Blog Post Privacy, mediale Darbietungen oder wie man in der Wahrheit verschweigt – anhand eines Zitats von Wolfgang Pohrt illustriert nach, wer Wolfgang Pohrt sei. Auch hier eine seltsame Ambivalenz … Über den will und kann ich aber nicht diskutieren.

    Genies wie H. Geißler mahnten dann irgendwann mit betulich-langsam hin und hergeworfenem Zeigefinger davor, dass es „schließlich auch etwas wie Philosemitismus“ gebe. Natürlich ist Geißler kein Antisemit. Dass dieser Vorwurf aber sich einem selbstkritischen Impuls ursprünglich verdankte, lässt er aber dennoch untern Tisch fallen.

    Wenn es aber um Heideggers vermuteten Antisemitismus und ggfls. um H.´s Verteidigung geht, dann sieht die Sache m.E. schon etwas anders aus. Es riecht schon etwas nach vielleicht sogar Realtivierung, Verdrängung, zumindest aber scheint Fédier mir hier wenig konsistent.

    Ich will jetzt nicht sowet gehen, ihm aus dieser Inkonsistenz, erst vorsichtig Anführungszeichen bei „den Juden“ zu gebrachen, dann aber einzufordern, ohne verdächtigt zu werden, auch ohne dieselben sprechen zu dürfen, ein unbewusstes Verdrängen und damit eben doch Antisemitismus zu diagnostizieren.

    Auch will ich ihm nicht unterstellen, dass er recht billig einfach einen Vorwurf in einen Gegenvorwurf umzukehren trachtet.

    Es hat bloß den Geschmack eines typischen konservativen argumentativen Vorgehens, das ich als nicht ganz lauter empfinde. Etwas gewundert habe ich mich schon.

  12. Roberto schreibt:

    Hallo Leute!
    Ich glaube, dass die Intellektuellen, die Heidegger als einen Nazi-Denker sehen, falsch liegen. In ihren guten Absichten sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht: In den unzähligen untersuchten Details verschwinden die großen Zusammenhänge. Heidegger war noch ein harmloser Konservativer, in einem Land, in dem die Rassen-Ideologie schon in der Schule gepredigt wurde. Dazu folgende grundsätzliche Anmerkungen:

    H.s Philosophie widerspricht in ihrer Grundhaltung der Nazi-Ideologie

    H.s Philosophie denkt die klassische Metaphysik weiter. Diese definierte den Menschen und seine Menschenwürde als vernunft- u. ideenbegabtes Wesen (Platon, Kant u.a.) und untersuchte grundlegende Strukturen des menschlichen Bewusstseins (Sprache, Logik, Ideen, Zeitlichkeit, „Existenzialien“ u.a.). Besonderheiten wie Rasse, Religion und Nation sind in dieser philosophischen Tradition, an die H. anknüpft, irrelavant: Ein Jude ist genauso in seinem Denken der Logik unterworfen wie ein Christ; ein Eskimo folgt gefassten Ideen genauso wie ein Chinese. Das Bewusstsein eines Afrikaners entfaltet sich in der Struktur der Zeitlichkeit genauso wie das Bewusstsein eines Amerikaners. Ein „Existenzial“ wie H.s „Rede“ betrifft den Menschen überhaupt als sprechendes Wesen. Alle Menschen teilen sich die gleiche metaphysisch begründete Menschenwürde als denkende, sprechende, mit Bewusstsein begabte, zeitlich endliche Lebewesen.
    H. hielt auch nach der Machtübernahme der Nazis an diesen Grundlagen fest – im Gegensatz zu vielen deutschen Philosphen, Biologen, Ärzten, Juristen – und so findet man in seinen Werken keine Bezugnahmen zur NS-Ideologie und Philosophie, die u.a. einen Kampf der Rassen um das Dasein als Grundprinzip des Menschen postulierte.

    H. zog sich schon 1934 ins Private zurück

    Ohne Zweifel hat H., da er bis 1934 eine offizielle Funktion innehatte, Schuld auf sich geladen. Er hat die Hochschulpolitik der Nazis bis 1934 aktiv unterstützt und anfangs Hoffnungen in Hitler gesetzt. Berühmt ist seine Rektoratsrede, in der er die neue Bewegung freudig begrüßt u. mit dem neuen Führerprinzip einverstanden ist. Das ist nach heutigen Maßstäben verwerflich. Wenn man aber betrachtet, welche Hymnen auf Hitler u. seine Parteigenossen sonst abgelassen wurden, eher noch harmlos. Von fast jedem Schuldirektor, sogar fast jedem Bischof der Zeit lassen sich schlimmere Reden finden!

    H.s Sprache zeugt nicht von Nazi-Ideologie

    In Gesprächen u. Tagebucheinträgen (H.s Werk hat über 10000 S.) hat man ca. 20 kleinere Stellen gefunden in den H. Begriffe wie “Weltjudentum”, “jüdische Finanz”, “jüdisches Rasseprinzip”, “Führer der Nation“ „Scholle u. Boden“ verwendet – nach heutigen Maßstäben Kennzeichen rechtsradikalen, nationalsozialistischen Denkens. Damals waren diese Begriffe aber leider ziemlich normal; sie wurden in allen Kreisen gebraucht. Wenn man z.B. die Werke Thomas Manns auch mit dem Computer danach durchsuchen würde, würde man zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Das macht Thomas Mann aber nicht zu einem Nazi-Schriftsteller.
    Fraglos war H. ein konservativer, zu autoritär denkender Mensch, aber immerhin noch jemand, der einen Band voller Liebesbriefe u. Gedichte an seine jüdische Geliebte hinterlassen hat und sein berühmtestes Werk seinem jüdischen Lehrer widmete, dessen Methode er weiterentwickelte. Nach heutigen Maßstäben war er zu nationalistisch eingestellt, aber er ist niemals öffentlich gegen andere Rassen und Nationen vorgegangen.

    H. sah sich selbst nie als Nazi-Denker oder Nazi-Anhänger

    Nach dem Krieg haben z.B. die Familie Weizäcker und E. Jünger – anerkannte deutsche Autoritäten !!! – H. dafür kritisiert, dass er sich nicht massiver von den Nazis distanziert u. sich öffentlich bekannt u. entschuldigt habe. Wenn man z.B. deren Biographien mit der H.s vergleicht, versteht man, warum H. da nicht mitmachen wollte und lieber einen schlechten Ruf riskierte! In Heideggers eigenen Worten: „Ein Bekenntnis nach 1945 war mir unmöglich, weil die Nazianhänger in der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel bekundeten, ich aber mit ihnen nichts gemein hatte“. Diese Aussage, auch wenn etwas übertrieben, trifft wohl eher die Wahrheit, als der Vorwurf der Nazi-Philosphie.

  13. Bersarin schreibt:

    @ Roberto
    Nein, ein harmloser Konservativer war Heidegger eben nicht, sondern er ist mitgelaufen und versprach sich von der Machtergreifung Hitlers einiges. Dies hat sich nicht erfüllt. Der Führer wollte sich von einem Philosophen nicht führen lassen. Um mich nicht zu wiederholen und weil sich die Argumente im Kreise drehen: Ausgeführt habe ich dieses in meinen drei Beiträgen zu Heidegger – dort nachzulesen. Zur pointierenden Erinnerung. Noch 1936 trug er beim Treffen mit Löwith in Rom das Parteiabzeichen und entgegnete ihm – laut Tagebucheintragung von Löwith –, daß seine Philosophie aufs engste mit dem Nationalsozialismus verknüpf sei. In einem Teil seiner Text schwingt ein völkischer Sound mit, der auf einem Blut-und-Boden-Denken und konservativem Heimattum fußt, das das Eigene höher als das Fremde setzt. Die innere Größe des Nationalsozialismus, von der Heidegger in seinem Vortrag „Einführung in die Metaphysik“ spricht (gehalten 1935), ist ein relativ eindeutig zu verstehender Satz. Trotzdem handelt es sich bei Heidegger sicherlich nicht um eine durch und durch faschistische Philosophie. Seine Wirkung auf verschiedene Strömungen der französischen Linken (Sartre, Derrida, Foucaul – um nur die bekanntesten zu nennen) zeigt dies sicherlich – zumindest als ein Moment.

    Richtig ist, daß Heideggers Theorie nicht rassistisch oder per se antisemitisch ist. (Allenfalls läßt sich darin ein gewisses elitäres Element ausmachen: nämlich die wenigen Auserwählen, die zum Seinsdenken befähigt sind. Doch dieses Elitäre trifft ebenso Nietzsche. Mit Sicherheit ist er kein Befürworter der Demokratie. Was er in „Sein und Zeit“ entwickelt, ist – unter anderem – eine Kritik der Metaphysik und der abendländischen Vernunft. Seine Bestimmungen übers Dasein gelten für alle Menschen – wenngleich sich Heidegger weigert, von einer Anthropologie oder Ethik zu sprechen. Wofür es gute Gründe gibt, die ich teile.

    Was Heideggers Denken nach 1945 versäumte, habe ich in jenem Beitrag geschrieben: https://bersarin.wordpress.com/2014/01/20/adorno-heidegger-derrida-philosophie-und-denken-nach-auschwitz-2/

    Wie geschrieben: zu deutschen Kriegsgefangenen in Russland konnte er sich sehr wohl äußern, ebenso setzte er im Brief am Marcuse 1948 das Vorgehen der Sowjets in der damaligen SBZ mit den dem Massenmord der Faschisten gleich. Insofern scheute Heidegger nicht die Mühe der politischen Ebene und das ontische. Was er an Marcuse schrieb, mag eine Fehleinschätzung sein und aus dem Augenblick heraus geschrieben, zeigt aber, wie Heidegger denkt. 1948 waren die Shoah hinreichend bekannt. Nur sehen wollten sie die Deutschen nicht.

    Richtig ist, daß sich auch beim frühen Thomas Mann antisemitische Passagen finden. Richtig ist aber auch, daß Mann in den 20er Jahren klug genug war, den Braten zu riechen, der da in der Röhre schmorrte. Phronesis ist die Tugend der Philosophen.

    Daß Heidegger im ganzen keine Nazi-Philosophie ist, daß seine Philosophie vielmehr weiterzudenken ist, habe ich bereits in meiner Kritik am Diez, dem Kritiker mit der Kritikerbrille, geschrieben.

  14. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Richtig. Die Redeweise von „der Jude“, „der XY“ ist schlicht unsinnig und Ausdruck restringierten Denkens.

  15. selene210 schreibt:

    Gut, hat „man“ – das restringierte „ich“ – ja mehrere Konten. Der Diskurs hier ist hochstehend. Deshalb habe ich ihn ein weiteres Mal auf Facebook verlinkt: https://www.facebook.com/pages/Schwarze-Hefte-Heidegger/408881979241725

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