In hoc signo vinces, Sieg Heil, Sieg Heidegger? Heideggers Antisemitismus

Es ist nicht neu, daß der deutsche Philosoph Martin Heidegger eine Zeit lang gemeinsame Sache mit den deutschen Faschisten machte, mit ihnen paktierte und glaubte, den Führer führen zu können – seine Freiburger Rektoratsrede, in der er die Machtergreifung des Nationalsozialismus feierte, legt davon Zeugnis ab; ebenso bescheinigte er in seiner „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 dem Nationalsozialismus „innere Wahrheit und Größe“; seine Briefe unterschrieb Heidegger bis 1936 mit „Heil Hitler“. In seinem Gutachten über die Arbeit des Philosophen Richard Hönigswald, der Jude war, schrieb Heidegger:

„Sehr geehrter Herr Einhauser, ich entspreche gerne Ihrem Wunsche und gebe Ihnen im Folgenden mein Urteil. (1) Hönigswald kommt aus der Schule des Neukantianismus, der eine Philosophie vertreten hat, die dem Liberalismus auf den Leib zugeschnitten ist. Das Wesen des Menschen wurde da aufgelöst in ein freischwebendes Bewusstsein überhaupt und dieses schließlich verdünnt zu einer allgemein logischen Weltvernunft. Auf diesem Wege wurde unter scheinbar streng wissenschaftlicher philosophischer Begründung der Blick abgelenkt vom Menschen in seiner geschichtlichen Verwurzelung und in seiner volkhaften Überlieferung seiner Herkunft aus Blut und Boden. Damit zusammen ging die bewusste Zurückdrängung jeden metaphysischen Fragens, und der Mensch galt nur noch als Diener einer indifferenten, allgemeinen Weltkultur. Aus dieser Grundeinstellung sind die Schriften Hönigwalds erwachsen. (2) Es kommt aber noch hinzu, dass nun gerade Hönigswald die Gedanken des Neukantianismus mit einem besonders gefährlichen Scharfsinn und einer leerlaufenden Dialektik verficht. Die Gefahr besteht vor allem darin, dass dieses Treiben den Eindruck höchster Sachlichkeit und strenger Wissenschaftlichkeit erweckt und bereits viele junge Menschen getäuscht und irregeführt hat. (3) Ich muss auch heute noch die Berufung dieses Mannes an die Universität München als einen Skandal bezeichnen, der nur darin seine Erklärung findet, dass das katholische System solcher Leute, die scheinbar weltanschaulich indifferent sind, mit Vorliebe bevorzugt, weil sie gegenüber den eigenen Bestrebungen ungefährlich und in der bekannten Weise ‚objektiv-liberal’ sind. Zur Beantwortung weiterer Fragen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Mit ausgezeichneter Hochschätzung! Heil Hitler! Ihr ergebener Heidegger.“ (zitiert nach Wikipedia)

Daß Philosophie immer auch – leider – aus Grabenkämpfen besteht, anstatt daß ein Text immanent gelesen wird, ist nun nicht neu. Der völkisch-opportunistische Ton womöglich auch nicht.

Es ist zudem nicht neu, daß Heidegger nach 1945 keine großen Worte des Bedauerns fand, geschweige denn irgendwie zur Kritik des Faschismus fähig war. Wie viele andere, die ins System eingebunden waren und tätig mitwirkten, auch. Erst in der Spiegel-Ausgabe vom 31. Mai 1976, in jenem legendären Interview von 1966, das auf Heideggers ausdrücklichen Wunsch erst nach seinem Tode veröffentlicht werden durfte, äußerte Heidegger sich umfassender in der Öffentlichkeit. Die ex post-facto-Deutungen Heideggers mag jeder selber beurteilen.

Als der Dichter Paul Celan, dessen Familie im Vernichtungslager mit deutscher Gründlichkeit und völkisch-vollständig umgebracht wurde, Heidegger am 25. Juli 1967 in Todtnauberg besuchte, wartete er vergebens auf irgend ein Wort des Bedauerns oder der Einsicht, und so schrieb er in Todtnauberg in Heideggers Schwarzwaldhütte: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1967 Paul Celan“. Ein weiteres Zeugnis dieses Besuches existiert in Celans Gedicht „Todtnauberg“.

Nun werden im nächsten Jahr in den letzten Bänden der Heidegger-Gesamtausgabe im Klostermann Verlag die „Schwarzen Hefte“ herausgegeben, darin sich, wenn man die Vorabberichte liest, Äußerungen finden, die antisemitischen bzw. rassistischen Inhalts sein sollen. Vieles ist nicht bekannt, nur weniges drang von diesen Texten bisher nach außen. Heidegger sperrte sie bis lange nach seinem Tode. Da diese Bände bisher noch nicht vorliegen, bleibt zunächst der genaue Inhalt dieser Aufzeichnungen Mutmaßung. Vorab berichteten bereits die FAZ und nun gibt es in der „Zeit“ vom 27. Dezember zwei umfassende Seiten, auf denen sich der Redakteur Thomas Assheuer, der Philosoph Peter Trawny, der diese Schwarzen Hefte in der Heidegger-Gesamtausgabe editiert, sowie der französische Heidegger-Kritiker Emmanuel Faye äußern. Faye erregte zuletzt 2005 in Frankreich mit seinem Buch „Heidegger, l’introduction du nazisme dans la philosophie : autour des séminaires inédits de 1933-1935“ Aufsehen. (In der BRD erschienen 2009: „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ bei Matthes & Seitz). Darin knüpft er unter anderem an die Ende der 80er Jahre von Víctor Farías ausgelöste Debatte an, in der Farías Heidegger bescheinigte, daß der Nationalsozialismus bereits in der Philosophie Heideggers selbst angelegt sei.

Auf die Blut-und-Boden-Ideologie Heideggers wies schon Adorno in seiner „Philosophischen Terminologie“ hin, wo er unter anderem aus Heideggers Aufsatz „Warum bleiben wir in der Provinz?“ zitierte und Heidegger beim Wort nahm. Ebenso gibt es in Adornos „Negativer Dialektik“ eine umfassende Kritik der Heideggerschen Philosophie.

Nun jedoch scheint der Ton in der Debatte um einiges schärfer zu werden, und es polarisieren sich zwei Seiten heraus. Die Anhänger einer reinen Lehre Heideggers und seine Kritiker: Nicht mehr nur Heideggers (anfängliches) Engagement für das NS-System steht im Raum, sondern ein dezidierter Antisemitismus. Über dessen Inhalt und wie dieser Antisemitismus sich äußert, werden wir sicherlich erst dann sprechen können, wenn diese Texte innerhalb der Gesamtausgabe vorliegen. Was aber bedeutet das für die Philosophie Heideggers insgesamt und insbesondere in Frankreich?

Denn anders als in Deutschland gibt es in Frankreich eine ausgeprägte Heidegger-Rezeption, die man als links wird bezeichnen können – eine Art von Systemkritik mit Heidegger und über Heidegger hinaus. So z. B. in der subjektzentrierten Philosophie Jean-Paul Sartres, die im Hinblick auf eine emphatisch verstandene Subjektivität als Existenz- und Daseinsform wesentliche Impulse aus dem Heideggerschen Denken (nicht nur von „Sein und Zeit“, das Sartre auf Deutsch las) bezog. Heidegger erwiderte die Position Sartres und der französischen Existenzphilosophie überhaupt in seinem „Brief über den Humanismus“, darin sich auch die eigentümliche Wendung findet: „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung.“

Daß die Sprache selbst sowie ihre Diskursstrukturierung im Zeichen von Heidegger und Strukturalismus fortan in poststrukturalistischen Positionen mündete, die das Subjekt insgesamt in Frage stellte, erwies sich spätestens in den 80er Jahren auch an deutschen Universitäten als der letzte Schrei. Mit Michel Foucault, dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, Gilles Deleuze oder ganz wesentlich Jacques Derrida (um nur einige wenige zu nennen) trat eine Philosophie hervor, die sich explizit auf Heidegger bezog und wichtige Impulse ihres Denkens von ihm her erhielt. Diese vier eint, bei aller Unterschiedlichkeit im Text, eine Position, die sich von der klassischen Subjekt- und Bewußtseinsphilosophie (auch der eines Sartre) sowie von einem Platonismus als duales System abkehrte – auch darin Heidegger ähnlich, der den einfachen Subjekt/Objekt-Dualismus als eine Weise des bloß vorstellenden Denkens brandmarkte. Fixpunkt dieses poststrukturalistischen Denkens ist es, eine Position auszumachen, die sich im Kontext von Nietzsche und Heidegger nicht mehr im Dualismus Leib/Seele, Subjekt/Objekt festmacht, sondern den Punkt in den Blick zu nehmen, der als eine Art blinder Fleck die Oppositionen abendländischer Metaphysik strukturiert. Autoren wie Nietzsche und Heidegger, die zunächst von einer eher konservativ-völkischen  Denkweise vereinnahmt wurden, gelangten plötzlich in ein Umfeld, das politisch eher links sich verorten läßt.

Allen Philosophien, auch der Sartres, ist eine postmetaphysische Position inklusive Descartes-Kritik gemeinsam. Und in unterschiedlicher Weise werden sie, so wie Heidegger die Destruktion bzw. Aufdeckung der abendländischen Metaphysik betrieb, etwas unter den herkömmlichen Strukturierungen Verborgenes freilegen. Überspitzt könnte man hier von einer linken, jedoch nicht (oder nur wenig) von Marx geprägten Kapitalismuskritik sprechen, die über die Achse Hegel, Nietzsche, Saussure, Freud, Husserl, Heidegger verläuft. (Louis Althusser, der ebenfalls ins Umfeld poststrukturalistischer Philosophie gehört, bildet hier eine Ausnahme.) Systemstrukturen werden weniger über die Kritik der Politischen Ökonomie, sondern vielmehr über die Konstituierung und Konditionierung des Subjekts sowie seiner Diskurse, in die es eingebettet ist, analysiert.

Ausführlich widmet sich Michel Foucault dieser „Ordnung der Diskurse“ sowie dem Aufkommen des Subjektbegriffes in der abendländischen Philosophie. Weniger geht es ihm jedoch dabei um ein Zurück-zu-den-Griechen bzw. zu den Vorsokratikern oder um die Rehabilitierung eines ontologische Ursprünglichen im Sinne eines vorgängigen Seinsverständnisses, sondern die Daseinsanalyse transformiert sich zu einer Art Diskursanalyse, in der die Bedingungen der Möglichkeit von Subjekt sowie Macht, Wissen und Wahrheit in den Blick genommen werden. Wieweit dabei die Foucaultsche Humanismuskritik bzw. die der Humanwissenschaften mit der von Heidegger korrespondiert, stellt eine nicht ganz leicht zu beantwortende Frage dar. Über Heidegger selbst hat Foucault niemals etwas geschrieben. Er äußerte sich jedoch in einem seiner letzten Interviews so:

„Mein ganzes philosophisches Werden war durch die Lektüre Heideggers bestimmt. Aber ich erkannte, dass Nietzsche über ihn hinausgegangen ist. Ich kenne Heidegger nicht genügend, ich kenne Sein und Zeit praktisch nicht, und auch die jüngst herausgebrachten Sachen. Meine Kenntnis von Nietzsche ist klar besser als die von Heidegger; dennoch sind dies zwei Grunderfahrungen, die ich gemacht habe.“ („Le retour de la morale“, Interview in: Les Nouvelles littéraires, Nr. 2937/1984)

Im Text Derridas, der sicherlich ebenso wie Foucault und andere Denkerinnen und Denker des Poststrukturalismus der Faschismuskompatibilität relativ unverdächtig sein dürfte, wandelt sich das, was bei Heidegger Destruktion der Metaphysik heißt, zur Dekonstruktion. Hinter jedem Text bzw. hinter kulturellen Ausprägungen und Hierarchisierungen steckt ein Mechanismus der Strukturierung. Oppositionen und Hierarchien sind zunächst einmal nichts Naturgegebenes, sondern gesellschaftlich Gemachtes. Die zunächst vorgegebenen Sinneinheiten beruhen auf einer Art blindem Fleck, der erst eine bestimmte Sicht möglich macht und den Sinn produziert.

All diesen Positionen des sogenannten Poststrukturalismus gemeinsam ist der Einfluß Heideggers. Tangiert dies damit auch die Philosophie Derridas und Foucaults? Sicherlich nur am Rande, denn weniger ist es der Inhalt von Heideggers Philosophie als einer des Seins, der die Texte Foucaults, Derridas und anderer beeinflußte, sondern vielmehr die Methode Heideggers, verborgene Schichten im Diskurs der Philosophie freizulegen. Darin Nietzsches Genealogie und Freuds Psychoanalyse nicht unähnlich.

Die Biographie Heideggers und sein Text sind zunächst zweierlei, es ist nicht ganz leicht, das eine im anderen auszumachen. Auch der mit Biographie durchsetzte Text bleibt ein Text, der für sich steht und sich von seinem „Urheber“ ablöst. Wenn Heidegger selbst völkisch-nationalistisch dachte, muß es sein Text deshalb ebenso sein? Dennoch bleibt in bezug auf Heideggers Texte jene Frage: Wieweit lassen sich darin antisemitische, rassistische, völkische Elemente ausmachen bzw. dekonstruktiv herauslesen – gleichsam als blinder Fleck des Heidegger-Textes? Die Analyse von Farías zumindest, erschien mir nicht hinreichend überzeugend, die Philosophie Heideggers insgesamt zu diskreditieren. Sie freilich so ganz und gar ohne den Blut-und-Boden-Hintergrund sowie das völkische Element zu lesen, fällt mir ebenfalls schwer. Von seinem Kunstwerkaufsatz angefangen, in dem er die erdschweren Bauernschuhe in jenem van Gogh-Bild betrachtete, über das Geraune Heideggers in seinen späteren Schriften nach der Kehre hin zu einer Philosophie des Seins ohne Daseinsanalyse – selbst wenn man dieses Schreiben nach der Kehre als eine Art von rhetorischem Mittel zum Zweck, als eine Form des dichterischen Denkens in Umkreisungen und Annäherungen liest.

Die ontisch-ontologische Differenz, daß Seinendes fälschlich als Sein gelesen wird sowie der Begriff der Geschichtlichkeit kommen bei Heidegger einerseits ganz gut ohne die konkrete Geschichte aus: Geschichtlichkeit verdünnt sich bei ihm zu einem Abstraktum, das sich auf die Welt der Griechen reduziert: Welt ohne Welt und dennoch schreibt Heidegger über Begriffe wie Angst, Furcht, Tod sowie unseren Umgang mit den Dingen und sogar mit der Zeit. Dennoch: die konkrete Geschichte wäre Heidegger sicherlich nur die ontische Verunreinigung des Seins durch Seiendes. Und trotzdem schleicht sich dieses Seiende als völkisches Gewese unaufhörlich als zweite Stimme ins Heideggersche Seinsgeschick ein. Das ontologisch Erste als Ursprung kann einerseits bei Heidegger in einer Art dekonstruktiven Gegen-Lektüre als Spaltung – eben als Ur-Sprung – gelesen werden, ebenso aber im Sinne eines Erdhaft-Völkischen: eminent faschistisch, boden- und schwarzwaldschollenbehaftet, sturmfest und erdverwachsen. Dennoch enthält die Philosophie Heideggers einen Kern, der nicht einfach aufs Völkische, auf den Faschismus der Nationalsozialisten sich zurechtstutzen läßt. Im Text von Heidegger existiert, nein wirkt ein eigentümliches Changieren.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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29 Antworten zu In hoc signo vinces, Sieg Heil, Sieg Heidegger? Heideggers Antisemitismus

  1. viktor schreibt:

    „Seltsamerweise ist Heidegger für einen Franzosen gar nicht schwer zu verstehen: Wenn jedes Wort ein Rätsel ist, dann hat man eine gute Chance, zu verstehen. ‚Sein und Zeit‘ ist schwierig, die späteren Werke sind leichter.“ (Foucault: Schriften / Dits et Ecrits, Bd. IV, S. 963)
    In Foucaults Diktum steckt schon viel von dem, was die Rezeption Heideggers in Frankreich von der hierzulande unterscheidet. Gerade der späte Heidegger, der im akademischen Bereich hier eher als mystisches Geraune gilt oder zumindest lange Zeit galt, zog das Interesse der ‚Poststrukturalisten‘ auf sich. Hier sind auch Zäsuren in der Französischen Philosophie. Unterscheiden sollte man zwischen der ersten Generation (Sartre, Merleau-Ponty), der zweiten (Foucault, Deleuze, Derrida) und der jetzigen (Nancy, Ranciere, Badiou, dazu gehört auch Zizek,obwohl kein Franzose). Der Schwerpunkt des Interesses wandert von der Phänomenologie über die Destruktion der Textschichten – wobei Heidegger keine Genealogie im Sinne Nietzsches betreibt, das sind sehr verschiedene Verfahren – bis hin zur Differenz- und Ereignisphilosophie. Oliver Marchart (Die politische Differenz, Suhrkamp 2011) hat die letzte Bewegung als ‚Postfundamentalismus‘ bezeichnet. Trotz der immer eher lästigen Etikettierung ein ganz treffender Begriff.
    Dass es sich um eine sich selbst als links begreifende Denkhaltung handelt, ist richtig. (Zumindest bei Badiou und Zizek ist Marx auch wieder sehr präsent.) Darin liegt vielleicht auch eine von mehreren möglichen Umgangsmöglichkeiten mit der unleugbaren Verwandtschaft Heideggers und Teilen des rechtskonservativen Spektrums in den zwanziger und dreißiger Jahren. Denn man kann beide – die Rechte und die Linke – als (immer noch andauernden) Widerstand gegen die gesellschaftlichen Veränderungen begreifen, die der sozio-ökonomische Liberalismus seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa und weltweit mit sich gebracht hat.
    Der Antisemitismus an Heideggers Gutachten über Hönigswald ist niederträchtig, keine Frage. Mit Sicherheit werden in den „Schwarzen Heften“ noch sehr viel mehr solcher geistigen Ausfälle und Aussetzer zu finden sein, die Heideggers als Menschen weiter diskreditieren, sofern das noch nötig ist.
    Philosophiegeschichtlich relevanter und für heutige Angelegenheiten spannender ist aber seine Kritik am Neukantianismus – dem er allerdings viel verdankt, insbesondere Emil Lask -, am „objektiv-liberalen“ Denken. Hier suchten und suchen die Franzosen den Ansatzpunkt, mit dem sich eine philosophisch fundierte Kritik an den herrschenden Verhältnissen und denkbare Freiheitsmöglichkeiten für den konkret einzelnen Menschen (eben nicht d a s Individuum, schon gar nicht d a s Subjekt) erarbeiten lassen.

    Das nur ins Unreine geschrieben und eher als These, die man mit mehr Belegen und Argumenten wirklich stützen müsste, hingeworfen.

  2. Bersarin schreibt:

    Auf alle Fälle bleibt festzuhalten, daß die Heidegger-Rezeption in Frankreich doch sehr unterschiedlich ausfällt. Die Generation um Sartre nahm ihn ganz anders war und zog aus seiner Lektüre andere Schlüsse als Derrida, Foucault und auch Lyotard nicht zu vergessen. (Wobei die Differenzen innerhalb dieser Bewegung, die hier etwas vereinheitlichend Poststrukturalismus genannt wird, ebenfalls nicht unerheblich sind.)

    Richtig ist, daß das Projekt einer Genealogie etwas ganz anderes ist als das, was der Heidegger von „Sein und Zeit“ als auch der nach der Kehre betreibt. Und selbst bei Nietzsche stellt – nicht anders als in Foucaults Werk – diese Genealogie lediglich einen Aspekt seiner Philosophie dar.

    Von den gegenwärtigen Positionen französischer Philosophie ist mir nicht mehr viel geläufig. Allenfalls Badiou, Nancy und Lacoue-Labarthe.

  3. Sachverständiger schreibt:

    Differenzen, richtig. ‚Poststrukturalismus‘ ist ja nur ein weiteres dieser lästigen Etiketten, die aber eben auch eine gewisse Nützlichkeit in der Kommunikation besitzen. Sie sind gute Kürzel für historische Komplexe. Dieter Henrich hat für den Idealismus ja die schöne Methode der „Konstellationsforschung“ entwickelt, um den gedanklichen und sozialen Zusammenhang verschiedener Ansätze herauszustellen. Die lässt sich auch für die französische Diskussion verwenden.
    Aber die Rezeptionsfrage führt weg vom eigentlichen Thema: Kann man mit Heidegger noch etwas anfangen oder ist das Schlagwort vom esoterischen Mystiker mit nazistischem Akzent ausreichend?
    Hier kann man von den Franzosen lernen und auch von Heidegger selbst, indem man seine Fragen auf ihn anwendet. In welcher historischen Situation hat Heidegger seine Fragen entwickelt, auf welche Fragen hat er versucht zu antworten? Was davon gehört in einen größeren Kontext, was ist völlig in der Zeit geblieben? Welche Gedanken sind im Hegelschen Sinne aufgehoben, gehören also noch in unser Denken und werden nur nicht mehr bemerkt?
    ‚Die Franzosen‘ knüpfen an den Heidegger an, der vom Versuch einer „Phänomenologie der Freiheit“ (Figal) aus bis zur Grundlosigkeit und Machtverfallenheit der Seinsordnung fortgeschritten ist. Letztendlich landete Heidegger im Fatalismus – sehr ähnlich, auch in seiner reinen Faktizität, dem Luhmanns. Foucaults Spätwerk beispielsweise, der Ansatz zu einer Ethik der Existenz, ist auch der Versuch, aus dieser Sackgasse heraus zu kommen. Foucault hat dieselben Stationen wieder abgeschritten – von den Griechen bis zu Kant -, um den Zwang der Begriffe wieder aufzubrechen und zu einer Geschichte des einzelnen Menschen zurück zu gelangen, gegen die Logik des Allgemeinen. Dieser Ansatz ist schon bei Heidegger (und bei Nietzsche) gelegt, mit ihm lässt sich auch seine seltsame ‚Terminologie‘ verstehen. Die „vernutzten“ Begriffe sind es, die das Denken vorformatieren.
    Solches Denken kann keinen echten Erfolg haben, aber es ist im stetigen Vollzug eine mögliche Variante von Freiheitsgewinn.

  4. viktor schreibt:

    Entschuldigung, da habe ich zwei verschiedene Anmeldungen verknotet. Also: viktor=sachverständiger= derselbe, der jetzt bei viktor bleibt, damit niemand über das notwendige Maß hinaus verwirrt wird.

  5. Bersarin schreibt:

    Was kann man heute noch mit Heidegger anfangen? Diese Frage ist eine schwierige. Ich halte freilich bereits die Frage für falsch, weil in ihr mitschwingt, etwas gehöre zum alten Eisen oder auf den Müll, sei überholt oder müsse sich nach den Kriterien einer Nützlichkeit ausweisen. [Eine Philosophie, die bloß nützlich sein will, ist keine Philosophie, sondern Alltagspragmatik.] Ein „Überholt“ oder ein „Veraltet“ gibt es in der Philosophie nicht, weil die Positionen und Texte der Philosophie nicht chronologisch aufeinanderfolgen, sondern Themen, Probleme, Fragen variieren. Die Kommentatorin Anne, die hier leider nicht mehr schreibt, brachte das in einem ihrer Beiträge einstmals schön auf den Punkt. Dieser Diachronie der Philosophie entspricht der Umstand, daß eine bestimmte Philosophie an einen Zeitkern gebunden ist, anhand dessen sie ihre Wahrheit entfaltet, und daß es innerhalb bestimmter Fragen – seien diese nun erkenntnistheoretisch, ontologisch oder dialektisch bestimmt – Bewegung und Gegenbewegungen gibt – hierbei läßt sich fragen, was diese Bewegungen motiviert. Es lassen sich Positionen und Texte rekonstruieren, es lassen sich diese neu lesen, neu erfinden, dekonstruieren. Es stellen sich neue Fragen und plötzlich greift man auf einen Text von Parmenides zurück.

    Die Frage nach Heideggers Philosophie: „Was ist Metaphysik?“ Immer noch die entscheidende Frage. Was man von Heidegger womöglich lernen kann? Eine zwar teils einseitige, auf seine eigene Philosophie ausgerichtete Lektüre von Platon und Aristoteles, von Kant und Hegel. Was die Sprache von Heidegger betrifft, so ist das noch einmal ein Kapitel für sich, das sich nicht in einem kurzen oder längeren Kommentar abhandeln läßt. Teils halte ich diese Sprache für Gesinnungskitsch. Andererseits stellt Heidegger Fragen, die ich dann allerdings sehr viel instruktiver in der Philosophie Derridas abgehandelt finde, der mir deutlich näher steht als Heidegger. Daß was er als Existentiale festsetzt, ist zudem ein gesellschaftlich Gemachtes. Das eben verkennt der Heideggersche Existenzpathos. Angst ist kein Existenzial, sondern ebenso wie die Begriffe Liebe, Freundschaft Kindheit an eine bestimmte Semantik, an eine Ordnung des Diskurses gebunden. Die Ontologisierung eines Ursprungs bei Heidegger stellt ebenfalls ein Problem dar. Und damit bin ich sehr schnell wieder bei einem völkischen Element in Heideggers Philosophie. Wobei man in bezug auf die Frage nach dem Ursprung wiederum dekonstruktiv gegenlesen kann und auch bei Heidegger bereits ein Moment von „ursprünglicher Spaltung“ wird ausmachen können.

    Die Analyse, daß Heidegger im Fatalismus landet, teile ich. Am Ende verschließt sich die Philosophie Heideggers zur Weltlosigkeit – einem Begriff, den Heidegger, zumindest in seiner Phase von „Sein und Zeit“, kritisierte.

  6. ziggev schreibt:

    vielleicht ein kurzer Kommentar zur angelsächsichen Heideggerrezeption …

    heidegger, n. A ponderous device for boring through thick layers of substance. „It’s buried so deep we’ll have to use a heidegger.“ Also useful for burying one’s own past.

    Quelle: http://www.philosophicallexicon.com/#H

    mein Übersetzungsversuch lautete damals, als ich´s zum zweiten Mal las:

    Heidegger (Nomen). – Ein schwerfälliges Gerät zum Durchbohren starker Schichten Substanz. „Es ist so tief vergraben, wir werden einen Heidegger nehmen müssen.“ Auch brauchbar, um die eigene Vergangenheit zu begraben.

    Alternativ wurde noch angeboten:

    ‚Eine schwerfällige Vorrichtung zum Durchbohren dicker Stoffschichten. „Es ist so tief vergraben, dass wir einen Heidegger brauchen werden.“ Auch brauchbar, um die eigene Vergangenheit zu begraben.‘ – klingt etwas eleganter.

    Zur Sprache Heideggers, der mit der Egge, vielleicht noch eine Anmerkung. Als ich mal übersetzerisch tätig war, fragte ich einen Lektor, den ich auf einem Konzert kennenlernte, was er mir an sperrigen Texten empfehlen würde, denn nur schwierige Texte würden mich dergestalt herausfordern, dass dadurch meine „syntaktische Intelligenz“, wie ich es nannte, trainiert und, wie ich hoffte, geschärft, verbessert würde. Außerdem war ich gerade mit Proust zum zweiten Mal durch.

    „Old school. Th. Mann. Und, kein Kommentar zu seiner Philosophie, Heidegger. Denk´ bitte auch an Th. Bernhard.“

    Was den Jargon der Eigentlichkeit betrifft – hier habe ich mich allerdings bisher – abgesehen von ein paar kleinen Ausflügen in den Kunstwerkaufsatz und die Metaphysik, auch mal Sein und Zeit – mit Edith Steins Aquino-Übertragungen begnügt.

    Adorno gibt wohl einen guten Eindruck von diesem „Sound“ in „Jargon der Eigentlichkeit“. Zudem merkt man bei der Lektüre, ungefähr nach dem zweiten Drittel, dass er sich „Sein und Zeit“ tatsächlich vorgenommen und Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel durchgearbeitet hat. – Mal wieder: allen Respekt Adorno gegenüber.

  7. ziggev schreibt:

    Ein paar Zitate vom Heid-Egger:

    „Der Aussaht voraus geht das Pflügen. Es gilt, das Feld urbar zu machen, das durch die unumgängliche Vorherrschaft des Landes der Metaphysik im Unbekannten bleiben musste. Es gilt, das Feld erst zu ahnen …“ (Nietzsches Wort „Gott ist tot“, in Holzwege)

    „In der derb-gediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauher Wind steht.“ (Der Ursprung des Kunstwerkes, ebd.)

    „Das Denken legt mit seinem Sagen unscheinbare Furchen in die Sprache.“ (Humanismisbrief)

    (grusel)

    Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) sagt wie folgt: Egge, die; -, -n landwirtschaftliches Gerät mit Zinken, das zur leichteren Bodenbearbeitung und zur Unkrautbekämpfung verwendet wird.

    Dazu sollten wir wissen, dass die Heide ein nährstoffarmer Boden ist. Dort hat also Heidegger seine Vergangenheit zu vergraben gesucht.

  8. ziggev schreibt:

    Edith Stein, die Husserl-Schülerin, die ich absolut verehehre. Sie hat Th. v. Aquino – eben bezeichnenderweise – in den deutschen Sprachschatz ‚rübergeholt‘. Zu husserl allerdings, o.g. Quelle:

    husserl, v. To surround a simple phenomenon with darkness to create the illusion of seeing it more clearly afterwards; if it fails, one probably has to use a Heidegger (q.v.).

  9. Bersarin schreibt:

    Ja, das Problem ist sicherlich und vielfach Heidggers Sprache, die an manchen Stellen in den erdverbundenen Gesinnungskitsch driftet. Problematisch bleibt es dennoch, nur einzelne Sätze herauszunehmen, ohne sie weiter in den Zusammenhang zu bringen, in dem sie geäußert wurden. Bei Heidegger liegen Dichten und Denken (also Philosophie und Literatur) ganz explizit dicht beisammen. Das eine geht nicht ohne das andere – dies macht Heidegger eben anschlußfähig an Literaturtheorie und Poststrukturalismus. Deshalb beschäftigte sich Heidegger sehr ausführlich mit Hölderlin, den er allerdings leider von seinen geschichtsphilosophischen (revolutionären) Aspekten reinigt.

  10. viktor schreibt:

    Hölderlins Bedeutung für Heidegger ist ein etwas zu großes Thema für mich, aber wenigstens will ich hier meinen Einspruch zu Protokoll geben und einige Literaturhinweise dazu. Kein Beitrag, mehr eine Fußnote.

    Hölderlins Dichtung steht im Zentrum des „anderen Anfangs“ Heideggers. Dies ist seine ‚Revolution‘, wenn man diesen Terminus anders als geläufig versteht. Er bezeichnet grob die neue Öffnung des geschichtlichen Horizonts aus dem Erbe der Metaphysik heraus. Politisch wäre das nur eine Erscheinung per consequens, es ist primär eine Revolution der Denkart, dies aber so radikal, dass sie sich sprachlich eben nur dichterisch vorausdeuten lässt, keineswegs aber begrifflich erfassen. Eine Vorausdeutung allein der Möglichkeit findet Heidegger eben bei Hölderlin, den er also nicht geschichtsphilosophisch reinigt, sondern revolutionär überbietet. Einschlägig hierfür sind weniger die „Erläuterungen“, sondern vielmehr die Nachlasstexte aus Bd. 75 der Gesamtausgabe „Zu Hölderlin“. Die wichtigsten Arbeiten zu diesem Aspekt hat Peter Trawny geschrieben, der ja auch die „Schwarzen Hefte“ herausgeben wird. Neben den kleineren Studien, die bei Matthes & Seitz erschienen sind (Adyton, Medium und Revolution), ist besonders beeindruckend „Heidegger und Hölderlin oder der Europäische Morgen“ (Königshausen & Neumann 2010).
    Zum Begriff der Revolution bei Heidegger ist auch die Studie von Florian Grosser „Revolution denken. Heidegger und das Politische 1919-1969“ (C. H. Beck 2011) interessant; diese Arbeit leidet m. E. an einem völlig verfehlten methodischen Ansatz, der einen gefährlichen und einen ungefährlichen Politikbegriff gegenüber stellt. Sie bietet aber dennoch einen hervorragenden Überblick über Heideggers politische Wandlungen, der nicht nur als Skandalgeschichte nachgezeichnet wird. Eine Superkurzfassung hiervon findet sich in Grossers Artikel „Mitsein“, der in der gerade erschienenen Neuauflage des Heidegger-Handbuchs (hg. v. Dieter Thomä, Metzler 2013) auf den S. 304-308 abgedruckt ist.

  11. Bersarin schreibt:

    Es ist einerseits richtig, daß Heidegger auf so etwas wie einen neuen Anfang verweist, und daß dies einen anderen Modus der Darstellung erfordert als es das herkömmliche (bzw. akademische) Philosophieren bisher betrieb, scheint mir konsequent. Der Philosophie ist ihre Darstellungsform nicht äußerlich. Adorno ist diese Form gelungen, Heidegger an vielen Stellen leider nicht. Er gelangte (vielfach) nicht über den sprachlichen Kitsch hinaus und tat so als lebten wir in einer Welt der erdhaften Bauern. Ich würde Heidegger als einen Technikreaktionär bezeichnen, der sich den Anforderungen einer Moderne nicht gewachsen zeigte. Die Dialektik der Aufklärung – nämlich mit der Aufklärung diese über sich selber aufzuklären, blieb ihm verschlossen. Gleiches gilt für den Begriff der Geschichte. Heidegger fehlt der Blick für die Geschichte, und so muß er einen ursprünglichen Anfang, ein Seinsgeschehen imaginieren, daß aber vielfach bloß Projektion bliebt. Diesen Blick auf Geschichte, die nicht eine zum Abstraktum verdünnte Geschichtlichkeit bleibt, hat z. B. Foucault Heidegger voraus. An ihn anknüpfend, übersteigt er ihn.
    Was den Gesinnungskitsch betrifft, so lese man nur diese Stelle:

    „Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit des Bauern. Wenn der Jungbauer den schweren Hörnerschlitten den Hang hinaufschleppt und ihn alsbald mit Buchenscheiten hochbeladen in gefährlicher Abfahrt seinem Hof zulenkt; wenn der Hirt langsam versonnenen Schrittes sein Vieh den Hang hinauftreibt; wenn der Bauer in seiner Stube die unzähligen Schindeln für sein Dach werkgerecht herrichtet, dann ist meine Arbeit von derselben Art. Darin wurzelt die unmittelbare Zugehörigkeit des Bauern. Der Städter meint, er ginge unter das Volk, sobald er sich mit einem Bauern zu einem langen Gespräch herabläßt. Wenn ich zur Zeit der Arbeitspause abends mit den Bauern auf der Ofenbank sitze oder am Tisch im Herrgottswinkel, dann reden wir meist gar nicht. Wir rauchen schweigend unsere Pfeifen Zwischendurch vielleicht fällt ein Wort, daß die Holzarbeit im Wald jetzt zu Ende geht, daß in der vorigen Nacht der Marder in den Hühnerstall einbrach, daß morgen vermutlich die eine Kuh kalben wird, daß den Öni-Bauer der Schlag getroffen, daß das Wetter bald umkehrt. Die innere Zugehörigkeit der eigenen Arbeit zum Schwarzwald und seinen Menschen kommt aus einer jahrhundertelangen durch nichts ersetzbaren alemanisch-schwäbischen Bodenständigkeit. Dagegen hat das bäuerliche Gedenken seine einfache, sichere und unnachahmliche Treue. Neulich kam dort oben eine alte Bäuerin zum Sterben. Sie schwatzte oft und gern mit mir und kramte alte Dorfgeschichten aus. Sie verwahrte in ihrer starken, bildhaften Sprache noch viele alte Worte und mancherlei Sprüche, die der heutigen Jugend schon unverständlich und so der lebendigen Sprache verlorengegangen sind. Solches Gedenken gilt unvergleichlich mehr als die geschickteste Reportage eines Weltblattes über meine angebliche Philosophie. (…) Neulich bekam ich den zweiten Ruf an die Universität Berlin. Bei einer solchen Gelegenheit ziehe ich mich aus der Stadt auf die Hütte zurück. Ich höre, was die Berge und die Wälder und die Bauernhöfe sagen. Ich komme dabei zu meinem alten Freund, einem fünfundsiebzigjährigen Bauern. Er hat von dem Berliner Ruf in der Zeitung gelesen. Was wird er sagen? Er schiebt langsam den sicheren Blick seiner klaren Augen in den meinen, hält den Mund straff geschlossen, legt mir seine treu-bedächtigeHand auf die Schulter und schüttelt kaum merklich den Kopf. Das will sagen: unerbittlich nein.“

    Solche Stellen, die man zudem textkritisch durchforsten könnte, finden sich bei Heidegger zu Hauf, nicht nur in Nebentexten.

    Dieser Umstand hindert nun aber nicht daran, daß sich in Heideggers Texten durchaus Brauchbares findet. Nur muß man dies eben gegen den Heideggerschen Sprach- und Gesinnungskitsch kehren.

    Für die Literaturangaben danke ich Dir. Diese sind sicherlich instruktiv und führen weiter. Insbesondere im Hinblick auf den politischen Heidegger

  12. viktor schreibt:

    Kitsch entsteht ja auch durch den unpassenden Kontext, die missglückte Zusammenstellung. Heidegger hat eine Sprache gesucht, durch die er etwas ausdrücken konnte, was Philosophie für ihn nicht (mehr) konnte. Jeder ihrer Termini war in seiner Auffassung „vernutzt“. Er griff dann eben auf die Sprach- und Erlebniswelten seiner ursprünglichen kindlichen Umgebung zurück. Damit befand er sich natürlich zum einen in Verwandtschaft der üblen Dichtung seiner Zeit, zum anderen wirkt diese Sprache im philosophischen Umfeld zu erdwarm, komisch affektiert. Das ist ihm sicherlich missglückt und insofern muss man gegen ihn lesen, das ist richtig.
    Dass Darstellung der Philosophie nicht äußerlich ist, darin stimmen wir alle und Heidegger überein, denn „das Wesen der Sprache ist die Zeige.“ Gerade daher sein Bemühen, eine andere Sprache für ein anderes Denken zu entwickeln.
    Zum Geschichtsdenken bin ich komplett anderer Auffassung. Gerade in seiner Abgrenzung gegen die „Historie“ kommt Heidegger erst zu einem geschichtlichen Denken, das sich phänomenologisch und nicht positivistisch begründen lässt. Foucault hat ihm nicht das voraus, da orientiert er sich an Heidegger (und Nietzsche), er hat ihm die Kenntnis der Quellen und Archive und eine Beherrschung strukturwissenschaftlicher Methoden voraus, die Historie eben. Das macht seine Argumentationen viel differenzierter, obwohl das begründende geschichtliche Denken mehr oder minder dasselbe ist.
    Das ist sehr ähnlich bei Heideggers Verhältnis zur Philologie. Die Unkenntnis ihrer Methoden und Realien belastet seine Gedankenketten mit vermeidbaren Unklarheiten und Irrtümern. Theunissen, bei dem Du, wenn ich das hier richtig gelesen habe, studiert hast, hat das in den abschließenden Kapiteln seines Pindar-Buches sehr schön herausgearbeitet.

  13. Bersarin schreibt:

    Ich werde Dir in bezug auf Heideggers Geschichtsbegriff morgen in einem kleinen Blogbeitrag antworten. Es wäre mir zu schade, diese Dinge im Kommentarteil zu versenken.

  14. ziggev schreibt:

    eine Stelle bei Michael Dummett (Hervorh. von mir)

    Frege hat als erster den Umstand gebührend hervorgehoben, dass wir keinen Gedanken haben können, den wir nicht zum Ausdruck bringen, wenn nicht für andere, dann für uns selbst. jeder Versuch, unsere Gedanken losgelöst von ihrem Ausdruck zu erforschen, wird deshalb darin enden, daß man das innere Erlebnis des Denkens bzw. die bloß kontingenten geistigen Begleitvorgänge des Denkens mit dem Gedanken selbst verwechselt. Der Gedanke unterscheidet sich von anderen Dingen, die ebenfalls geistige Gegenstände heißen (wie z. B. Schmerzen oder Vorstellungsbilder), darin, dass er nicht wesentlich privat ist. Ich kann dem anderen zwar mitteilen, was für Schmerzen ich habe oder was ich mir bildlich vorstelle, aber meine Schmerzen bzw. mein Vorstellungsbild kann ich ihm nicht übermitteln. Dem Gedanken jedoch ist es wesentlich, dass er übertragbar ist, dass ich dem anderen genau das übermitteln kann, was ich denke. Wie Wittgenstein an einer Stelle sagt, an der er diese Auffassung Freges kritisiert: Der andere nimmt den Gedanken gleichsam in seinen Geist auf. Ich sage dem anderen nicht bloß, was für einen Gedanken ich habe: Ich übermittle ihm ebendiesen Gedanken. Folglich muß jeder Versuch, Gedanken zu erforschen, der in einer Untersuchung dessen gipfelt, was in seinem Wesen privat — d. h. inneres geistiges Erleben — ist, sein Ziel verfehlen.

    Um mit dem irreführenden und unbefriedigenden Charakter unserer Alltagssprache fertig zu werden, verlegte sich Frege auf das Mittel, dass er sie zum Zwecke der philosophischen Untersuchung durch sprachliche Formen ersetzte, die nicht mit diesen Mängeln behaftet sind. Die Sätze einer derartigen ideal konstruierten Sprache würden Gedanken ausdrücken vermöge der Prinzipien, die den Gebrauch der sie bildenden Wörter bestimmen, Prinzipien also, die sich systematisch formulieren lassen. (…)

    zum 1. Satz: Auf diese Weise also einmal ganz unpostmodern bzw. unpoststruktuvistisch die Ansicht aufgefasst, dass Sprache dem Gedanken nicht äußerlich sei, oder wie Du, bersarin ja bereits das eine oder andere Mal – so oder ähnlich – Dich auszudrücken pflegtest.

    nehme ich aber den ganzen hier zitierten Absatz – hinsichtlich der wittgensteinischen Kritik – eben auch als Kritik an dem fregischen Verfahren, dessen Skizze ich deshalb noch angefügt habe, dann trete ich gewissermaßen zu kurz: Auch die dichterische Sprache muss das Ziel, die Gedanken zu erforschen, verfehlen.

    es sieht mir nun ganz danach aus, dass die sprachliche Ausdrucksfähigkeit in, Freges Sinne, an die reflexive Natur des Denkens, wie wir es bisher nur als menschliches als solches in Erfahrung bringen konnten (also nicht bei Tieren), gebunden ist (hatten wir neulich in Sachen bildender Kunst ne kleine Diskussion mit dem Nörgler).

    der irreführende und unbefriedigende Charakter unserer Alltagssprache, wie Frege es sah und dem ich kurzerhand auch die dichterische zurechne (im Gegensatz zur „Formelsprache“ von Frege zumindest), bleibt aber dennoch bestehen – auch dann, wenn wir Wittgensteins Kritik an Frege mitbedenken, der Frege hier zu zeigen scheint, dass er eigentlich Unmögliches versuchte.

    daher glaube ich nicht, dass die einzige Konsequenz aus dieser Patt-Situation ist, sich fürderhin nur noch mit Sprachphilosophie, wie sie sich postmodern bzw. postkonstruktivistisch auf Heidegger bezog, zu beschäftigen.

    oder mal so: für mich kann auch eine Formel eine poetische Aura besitzen. So klar und logisch der strukturierteste (oder langweiligste, je nach nach dem, wie das Temperament beschaffen ist) Text von Hegel anmutet, so fremd ist dies ihm eigentlich ebenso wie die „poetische Aura“ einer Formel fregischer Provenienz.

    beide Disziplinen scheinen ihrem Selbstzweck zu huldigen.

    Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung, in Michael Dummett: Wahrheit. Reclam, 1982)

  15. Bersarin schreibt:

    „Auch die dichterische Sprache muss das Ziel, die Gedanken zu erforschen, verfehlen.“

    Ja, das muß sie. Weil die dichterische Sprache nämlich den Gegenstand, auslotet und in eine Konstellation bringt. Die Erforschung der Gedanken stellt allenfalls einen Spezialfall da. Siehe Hofmannsthals Chandos-Brief.

    Nein, man muß sich, wenn einer Sprachphilosophie betreibt, nicht nur mit Heidegger beschäftigen. Das ist ein Aspekt. Ein andere wäre Thomas von Aquin, überhaupt die Positionen mittelalterlicher Philosophie zu rezipieren.

  16. ziggev schreibt:

    hier gibt es eine Art übersetzerisches Problem. Aus einem solchen kurzen Abschnitt ließt sich natürlich nicht heraus, dass dort, wo Dummett von Propositionen spricht – im Gegensatz zu Sätzen – er manchmal hinzufügt: (für Frege »Gedanken«) !

    Dennoch scheint Joachim Schulte, der Übersetzer, dann, wenn es um diesen Gegensatz geht und der Gedanke statt „Proposition“ in der Übersetzung steht, manchmal die kursive Schreibweise zu verwenden.

    Es ist also klar, »Gedanke«, »Bedeutung«,»Sinn« – welche letzteren ja auch nicht umsonst im Titel des Aufsatzens stehen – in Freges Sprache eine prominente Rolle spielen. — Jedoch nicht, das ist eine Schwierigkeit bei Frege, im alltagssprachlichen Verständnis aufgefasst werden dürfen.

    In dem betreffenden Aufsatz geht es nun einerseits nicht um die ‚Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung‘ – andererseits will ich nicht entscheiden, ob nicht mit »Gedanke« hier nicht doch die fregische Verwendung gemeint ist oder zumindest auf sie angespielt wird.

    Leider kann ich nicht ad hoc seine Philosophie erklären (deswegen lese ich ja wieder Dummett).

    Darauf wollte ich nur hinweisen, wenn Du nun – alltagssprachlich, wenn Du so willst – auf den Unterschied zw. Gedanke und Gegenstand abhebst. — Aber selbst Frege – und auch angelsächsische Philosophen – sprechen manchmal wie ihnen es ihre Muttersprache eingibt.

    So musste durch Schulte manchmal »Bedeutung« (also meanig) in »Bezug« umgewandelt werden … kompliziert.

    Proposition könnte man wohl auch als Aussagesinn , „das Ausgesagte, der (von der Aussage) gemeinte Sachverhalt, der Urteilssinn, der Gedanke, das Gedachte, die Proposition“ (wicki) aufgefasst werden.

    Daher könnte möglicherweise „die Gedanken erforschen“ und dergleichen unter Umständen in die falsche Richtung lenken.

    Dies wollte ich nur vorausschicken, bevor ich jetzt sage, dass ich mit „die dichterische Sprache“ natürlich dichterische Sprache in der Philosophie – wo sonst – meinte.

    Also versteht Du wahrscheinlich, warum ich nun meinerseits Gegenstand zunächst als Gegenstand der Sprache zu lesen geneigt war. Dass Dichtung aber immer auch die Sprache selbst als Gegenstand hat, scheint mir hinwiederum ein Gemeinplatz zu sein.

    Dichtung soll nun aber oder muss sogar philosophisch auf ihr Medium als „Gegenstand“ bezugnehmen. Meinerseits sehe ich dagegen allerdings das selbstbezügliche Philosophieren dichterischer Philosophie auf ihr Medium und durch dieses Medium anstatt über ‚Gedanken‘ als einen Spezialfall von „Sprachphilosophie“ im weitesten Sinne an.

    Eine solche Philosophie, die auch Dichtung sein kann, schien mir nun ein charakteristisches postmodernes Phänomen zu sein. — Aber mir ging es gar nicht um Heidegger.

    Soviel zu dem möglichen Missverständnis. – Ich pflichte Dir aber natürlich bei: mittelalterliche Philosophie, oder Renaissance-Philosophie; Du rennst bei mir gerade offene Türen ein. Welche, dazu vielleicht was morgen oder sogar was zu Hoffmannsthal.

  17. Roberto schreibt:

    Bin durch Zufall auf eure Seite gestoßen! Hier meine Meinung!
    H. versuchte die klassische Metaphysik (Kant, Platon) weiterzudenken, die grundlegende Strukturen des menschlichen Bewusstseins herausarbeitete (Ideen, Vernunft, Zeitlichkeit, Sprache …). Diese sind allen Menschen – jenseits von Religion, Rasse, u. Nation – zu eigen und Kern seiner Menschlichkeit. H.s „Existenzialien“ z.B. gelten für jeden Menschen ganz gleich ob Jude oder Deutscher. Somit hat seine Philosophie mit der Nazi-Ideologie nichts zu tun: In ihrem besonderen Seinsbezug sind alle Menschen einander gleich u. gleichwertig.
    H. hatte eine jüdische Geliebte (s. Liebesbriefe u. Gedichte) u. sein Lehrer, von dem er die Methodik übernahm u. dem er sein Hauptwerk widmete, war Jude. H. zählte zu den Konservativen u. war anfangs von Hitler sehr beeindruckt, zog sich aber schon 1934 enttäuscht ins Privatleben zurück. Nach dem Krieg waren viele moralische Autoritäten, z.B. die Familie Weizäcker, darüber enttäuscht, dass er sich nicht zu seiner Schuld bekannte. Laut eigenen Worten konnte er das nicht „weil die Nazianhänger in der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel bekundeten, ich aber mit ihnen nichts gemein hatte“.

  18. Bersarin schreibt:

    Diese Erklärung Heidggers, weshalb er nicht zum Wendehals werden wollte, ist leider der ganz billige Jakob. Genausgut kann man entgegnen: Nein, er war kein Wendehals. Weil er nämlich noch genau in der Weise dachte, wie vor 1933, nach 1933 und nach 1938. Deshalb mußte er sein Denken nicht ändern. Im Seinsgeschehen war die Shoah wohl eher eine Petitesse. Und wenn Heidegger „vom schutzlosen Markt der Wechsler“ schreibt (in „Wozu Dichter?“, 1946), dann hat das einen fragwürdigen Beigeschmack. (Höfliche Variante der Deutung.) Anläßlich einer Ausstellung über das Schicksal deutscher Kriegsgefangener, die 1951 in Freiburg stattfand, konnte sich Heidegger sehr wohlwollend über diese Ausstellung äußern, und er riet dazu, diese zu besuchen. Angesichts von Millionen ermordeter Juden sagte er nichts. Diese Diskrepanz verwundert mich aber nicht weiter.

    Antisemitismus zeigt sich nicht daran, ob einer nun mit Menschen jüdischen Glaubens in Kontakt ist, sondern an Worten und Taten. Bei der Beerdigung seines Lehrers Husserl, der 1936 in Freiburg starb, hatte Heidegger wahrscheinlich gerade einen Schnupfen und konnte nicht teilnehmen. Vielleicht hatte er aber auch nur sein Parteiabzeichen verlegt.

    Und nun zur Philosophie selbst: Zunächst einmal – heideggerextern und im Kontext Deines Sprechens – ist der Begriff der Rasse Unfug: es gibt keine verschiedenen Menschenrassen. Weiterhin: Heidegger versucht nicht, die Metaphysik weiterzudenken, sondern sie zu verwinden, sie zu überwinden, die überkommenen Begriffe zu destruieren. Der Platonismus mitsamt seinen Oppositionsbildungen, ist genau das Denken, das es zu hinterfragen geht, kaum wird er es weiterentwicklen wollen, gleiches gilt für Kant, und der Neukantianismus war Heideggers ausgemachter Gegner. Nirgends übrigens schreibt Heidegger von Menschen: In „Sein und Zeit“ spricht er vom Dasein. Ansonsten findet er für den Begriff „Mensch“ viele Umschreibungen. Heidegger wehrte sich mit Vehemenz gegen eine anthropologische Deutung seiner Begrifflichkeiten. Und nirgends schreibt er von gleichwertig, weil das nämlich in die Heidegger verhaßte Sphäre der Werte führen würde, was die Frage nach Menschenrechten und nach Gerechtigkeit impliziert.

    „In ihrem besonderen Seinsbezug sind alle Menschen einander gleich u. gleichwertig.“ Dann hätte Heidegger kaum seine Postulate über das „man“ sowie die „Uneigentlichkeit“ geschrieben. Heideggers „Sein und Zeit“ ist keine Ethik und auch keine Theorie des kommunikativen Handelns zwischen gleichen Subjekten. Im Gegenteil. Zum Wertbegriff siehe oben.

    Kleiner Nachtrag noch: dies ist nicht die Seite von vielen, sondern mein Blog, den ich mit mir selber und meinem ungeteilten Ich in all seinen Spaltungen und Disseminationen betreibe.

  19. viktor schreibt:

    @ Roberto

    Das geht an H.s Denkweg etwas vorbei. H. wollte die Metaphysik nicht weiterdenken, er wollte sie destruieren und überwinden, da sie immanent nihilistisch sei (siehe bes. die Nietzsche-Vorlesungen und die Bde. 65-69 GA). „Mensch“ hat H. als Begriff bis auf wenige Ausnahmen vermieden; zur anthropologischen Richtung der Philosophie seiner Zeit verhielt er sich ablehnend (siehe bes. den IV. Abschnitt von „Kant und das Problem der Metaphysik“). Heidegger sprach immer von Da-Sein. Die Existenzialien gelten für jedes Da-Sein, das ist richtig. Daraus folgt aber nicht, dass alle Menschen gleich sind. Das ist die klassische Formulierung, die H. klar ablehnt. Abgesehen davon, dass er d e n Menschen nicht kennt, wenden sich seine Überlegungen explizit immer an die Wenigen, Trawny spricht denn auch von einer esoterischen Philosophie. D e r Mensch war für H. eher das „man“, an welches das Da-Sein sich verlieren könnte.
    Was ist „die Nazi-Ideologie“? Himmlers privates Gebräu aus Mittelalter und Yoga-Lehren? Hitlers ästhetizistische Wagner-Träume? Rosenbergs Geschichtsspekulation? H.s Denken lässt sich nicht auf solche halb wahnsinnigen Gedanken reduzieren, das ist klar. Allerdings sind bestimmte Topoi wie Volk, die besondere Rolle der Deutschen, die fundamentale Opposition gegen die urbane Moderne usw. in seinem Denken wichtig. Da gilt es eben, in Kleinarbeit die Zeitverfallenheit zu markieren.
    Der Antisemitismus bei H. war bisher eher gering veranschlagt, gerät durch die „Schwarzen Hefte“, dem Anlass dieser Diskussion, jetzt stärker in den Fokus. Neben den Zitaten in den Beiträgen von Bersarin auch die Zeit-Artikel lesen, dann wird das Problem klar.
    Dass jeder deutsche Antisemit auch ’seinen guten Juden‘ kannte, das hatten schon die Organisatoren des Massenmord selbst gewusst. Hannah Arendt und Husserl, den er schäbig behandelt hat, als der Wind sich drehte, sind somit keine Kronzeugen gegen H.s Antisemitismus. „Weltjudentum“ ist ein antisemitischer Begriff, daran lässt sich wenig deuteln. Darüber hinaus verbot ihm schon sein Dünkel, sich mit der Ideologie der Straße allzu stark gemein zu machen.

  20. viktor schreibt:

    Nachtrag
    Hatte meinen Beitrag geschrieben, während Bersarin seinen ins Netz stellte. Im Heidegger-Kern steht in beiden so ziemlich dasselbe. Nur falls sich jemand wundert, warum ich das alles noch mal sage.

  21. Bersarin schreibt:

    Ja, ich mußte ein wenig schmunzeln, als ich Deinen Text las. Gut und wichtig fand ich, den Aspekt des Elitären zu nennen. Wobei das ja ein Zeichen vieler Konservativer war. Ernst Jünger etwa waren diese marschierenden Horden der Nazis schlicht zuwider. Er roch sehr schnell den Braten, flüchtete sich in eine sehr eigene Marmorklippenwelt. Mit der Volksgemeinschaft Sonntags Eintopf zu essen, war Jüngers Begehren nicht.

    Lob muß man wohl auch dem Heidegger-Forscher Trawny aussprechen, daß er beide Seiten sieht und nicht zu den orthodoxden Schweigern oder Entschuldigern gehört (ihr seit ja nicht dabeigesen, oder wie es Heidegger Marcuse vorhielt: Sie waren ab 1933 nicht mehr in Deutschland und können da nicht mitreden). Wenngleich Trawny durchaus mit einer gewissen Balance pro Heidegger schreibt. Aber das bleibt kaum aus, wenn man derart in der Materie steckt.

  22. viktor schreibt:

    Ja, Trawny ist wirklich ein kluger Kopf. Er hat eine ästhetische Schwäche für die elitäre Rechte der klassischen Moderne, scheint mir. George, Heidegger, auch Jünger, das sind seine Referenzautoren, zusammen mit Hölderlin. Aber ihm ist dabei die mörderische Seite durchaus bewusst, er gehört nicht zu den Verharmlosern.
    Das angekündigte Buch „H. und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ wird jetzt auch ein Prüfstein seiner Integrität, auf den ich sehr gespannt bin. Akademisch ist er ein ziemlicher Einzelkämpfer. Er gehört weder zu den klassischen Freiburgern noch zu den postmodernen Franzosen. In seiner Nische der Wuppertaler Phänomenologie kann er offensichtlich zwar leben, aber richtig etabliert scheint er dort auch nicht. H.s Familie setzt aber offensichtlich großes Vertrauen in ihn.
    Mir gefallen ja solche Leute, die tatsächlich einen eigenen philosophischen Weg zu gehen versuchen; aber mit seiner Ausgangsposition befindet er sich nicht nur wissenschaftlich, sondern eben auch politisch auf sehr vermintem Gelände.
    Die Brüder Jünger, die sehe ich meist als Paar, hat tatsächlich ihre ästhetizistische Überheblichkeit oder nett gesagt ihr guter Geschmack ‚gerettet‘. Daniel Morat hat die schöne Arbeit „Von der Tat zur Gelassenheit“ vor einigen Jahren vorgelegt, da sind ganz wunderbar schreckliche (vice versa) Schilderungen des Ekels verzeichnet, der die beiden ergriffen hat. Hitler war für sie der demokratische Triumph des Pöbels, damit wollten sie einfach nicht gemein sein. Aber gegen das, was sich in Ernst Jüngers „Politische Publizistik 1919-1933“ findet, ist alles, was ich bisher von H. zu diesem Thema gelesen habe, wirklich harmlos. Einzig der Beitrag „Die totale Mobilmachung“, der schon einiges vorweg nimmt, was später im „Arbeiter“ erscheint, kann eine gewisse gedankliche Höhe beanspruchen. Der Rest ist nur sehr schwer erträgliche Blut-und-Boden-Propaganda, Nicht ohne Grund hat Jünger diese Sachen später im Rahmen seiner ‚Werkpolitik‘ aus seinem Oeuvre gestrichen. Friedrich Georg war da meist etwas subtiler, aber nicht minder gefährlich. Diese beiden haben wirklich den intellektuellen Kampf gegen die Republik geführt zu einer Zeit, als H. noch vollkommen in seiner Ausarbeitung einer Fundamentalontologie versunken war. In meinen Augen war er in solchen Dingen auch (nicht: nur) naiv, was keine Entschuldigung sein soll. Eher so etwas wie die Kritik von Overbeck an seinem Freund Nietzsche: Er redet da von Dingen, von denen er nichts versteht und die ihn letztlich auch nichts angehen sollten.
    Ich schätze, dass man bei H., wenn denn diese Debatte ein neues Niveau der Historisierung geschafft hat, was sicherlich noch einige Zeit dauern wird, philosophisch noch einiges gewinnbringend diskutieren kann. Insbesondere was sein Denken der Differenz anbelangt. H. hat zum Ende seines Lebens alle seine Versuche für vergeblich erachtet, sich selbst wieder als letztlich gescheiterten Metaphysiker gesehen. Er nimmt da einiges von dem vorweg, was Derrida später als die Unmöglichkeit, der Metaphysik zu entkommen, theoretisiert hat. Gerade im Band „Zum Ereignis-Denken“ kann man da Spannendes lesen. Für die „Schwarzen Hefte“ hat Trawny ja auch noch Überraschungen angekündigt. Aber zuerst muss jetzt eine philologische, geschichtliche und auch politische Diskussion geführt werden, das ist notwendige Vorarbeit, das dringend benötigte Aufräumen der Schuttberge.

  23. summacumlaudeblog schreibt:

    Heidegger und die Gebrüder Jünger nebst George, Bronnen und v. Salomon? Bei Heidegger fehlt mir die aktive Tat („so steht denn auf und tut die Tat“), die die anderen Genannten kennzeichnet. Es ist im Grunde die begeisterte Tat vom August 1914, der „nationale Kopfstand“. Man wachte nach dem Rausch dann verkatert auf und fand sich in einer Republik wieder. Das führte dann schnell zu den Freikorps, der O.C., an dem zumindest Salomon Anteil hatte. Auch das Verhalten nach 1945 scheint mir bei Jünger unnd v. Salomon aggressiver, offensiver: Die Ablehnung Jüngers, den Fragebogen auszufüllen, v.Salomons gleichnamiger Bestseller; übrigens verlegt bei Rowohlt! Man kannte sich von vor dem Krieg!!! Und Brecht war durchaus Duzbekanntschaft von damals. Auch hier wie überall: Es gibt keine moralische Eindeutigkeit.

    Ich kenne von Heidegger nur ein wenig, aber meines Wissens hat er sich gegensätzlich zu den „Jüngern“ nie in diesen implizit republikfeindlichen Kreisen bewegt. Was als Tat stehen bleibt: Das Säubern der Freiburger Uni, von meinem Bio-Chemie-Prof übrigens genüßlich berichtet. Wie Krebs (Zitronensäure-Zyklus) auf Betreiben Heideggers gehen mußte. Sicherlich den Tatsachen entsprechend. Nur: Das moralische Händereiben meines Profs bleibt mir unangenehm in Erinnerung. Wo doch gerade Mediziner genügend Anlass hätten, den eigenen Berufsstand moralisch zu mikroskopieren, wenn das Mikroskop denn so eingesetzt werden muß….

    Eliten gab es zu allen Zeiten, auch ab 1933 rümpfte man im Casino der Reiter-SS über den Bildungsstand der Volksgemeinschaft die Nase. Warum Jünger hier nicht Mitglied wurde? Wahrscheinlich war ihm die Armee wichtiger, traditionsreicher und er vermutete zu Recht zu viele „Neureiche“ (neue Reiche!). Und er wollte doch das alte Reich….

    Der gemeinsame Nenner aller Genannten einschließlich Heidegger? Die Ablehnung der Technik, der Republik, überhaupt der gesellschaftlichen Durchlässigkeit vielleicht…der Glaube an eine Ständegesellschaft?
    Zunächst nur unsichere Fragen. Und Grüße an alle.

  24. Bersarin schreibt:

    Protestantische Ethik: erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Später mehr.

  25. viktor schreibt:

    Da mein Tag mir heute etwas Raum lässt, nutze ich die Gelegenheit, die mir summacumlaude gegeben hat, um die Explosion einer Mine einzudämmen, auf die ich gestern getreten bin und deren Knall ich erst später gehört habe. Wer den Terminus „naiv“ in die Diskussion einbringt, steht in der Erklärschuld; obwohl ich hineichend deutlich gemacht habe, dass es mir nicht um Exkulpation geht, ist das eine der bekannteren Fallen in der Heidegger-Debatte.
    Was ist die Tat H.s? Ernst von Salomon konnte einen echten Mord vorweisen, die Jüngers waren publizistische Kämpfer. Carl Schmitt, um einen weiteren Namen einzuführen, versuchte sich mit dem unsäglichen Aufsatz „Der Führer schützt das Recht“, in dem er den Röhm-Morden die juristischen Weihen verlieh, an die Spitze der Bewegung zu setzen. Gottfried Benn rief den Exilanten in Frankreich noch ein paar schmähende Worte hinterher.
    Und H.? Intrigen und Säuberungen im Kollegenkreis, eine fast demonstrative Distanz zu Husserl, die Übernahme des Rektorats und die dazu gehörige Rede. Aber es griffe m. E. zu kurz, nur die reinen Fakten aufzuzählen. Das wirklich Erschütternde war seine erste Naivität, die darin bestand, den Führer führen zu wollen, wie sein Schüler Pöggeler es später treffend formuliert hat. H. hat den kruden Kern der Machtergreifung nicht begriffen, der auf Mord am politischen Gegner, an den Juden, auf Krieg in Europa hinauslief. Mit seinen Dozentenseminaren, die stilgerecht den äußeren Habitus eines Pfadfinderlagers hatten, wollte er eine geistige Elite ausbilden, die durch ihre philosophische Schulung in ontologischer Eigentlichkeit eine echte Seinswende hätte vollziehen sollen. Dass die Nazis damit rein gar nichts anfangen konnten, muss man nicht betonen. H. hat es aber tatsächlich überrascht, dass niemand an seiner geistigen Fundierung interessiert war, dass Gegner in der Professorenschaft vielmehr solche Spinnereien benutzten, seine Stellung zu unterminieren. H. war naiv in der Diagnose, in dem übersteigerten Bewusstsein seiner intellektuellen Ausnahmestellung und vor allem darin, die konkreten schmutzigen Tricks des politischen Alltags als notwendige Technik zu verwenden.
    Sicher, moralische Eindeutigkeit findet sich selten, zumal in finsteren Zeiten. Aber zu einfach darf man es ich da auch nicht machen. Sehr aufschlussreich finde ich da die Sätze von Hannah Arendt, die sie im Interview mit Günter Gaus geäußert hat (ich rekapituliere aus dem Gedächtnis, die Aufzeichnung gibt es mehrfach auf youtube). Dass die Nazis ihre Feinde waren, das habe sie gewusst. Deren Maßnahmen konnten sie nicht überraschen. Erstaunt haben sie vielmehr, welche geistigen Kunststücke ihre Freunde aus dem Universitätsmilieu aufgeführt hätten, um der Machtergreifung einen geistigen Inhalt zu geben und sich selbst die Teilnahme zu sichern. Ganz ungeheure Dinge, so etwa wörtlich, habe man sich gedacht, wo es doch so einfach gewesen wäre.
    Solche „Ungeheuerlichkeit“ findet sich besonders bei Heidegger und hier liegt quasi eine Naivität zweiter Stufe, die durch den fast unmittelbaren Bezug von theoretischer Philosophie auf politische Wirklichkeit entsteht. Dies ging ihn philosophisch eigentlich gar nichts an, dafür boten seine Überlegungen gar nicht die intellektuell notwendigen Werkzeuge. Wissenschaftlich war dies eine Zeit für konkrete Sozialgeschichte, wie sie etwa Arthur Rosenberg beherrschte.
    1933ff war sonst nicht die Zeit der Theorie, sondern der vita activa, deren Beweggrund sich aus ganz simpler moralischer Teilnahme speist. Heldentum zu verlangen, ist anmaßend, aber mindestens Zurückhaltung und stille Hilfe. Die hat auch H. zum Teil geleistet. Für Elisabeth Blochmann hat er seine Reputation mit Briefen, Gutachten und Gesprächen in die Bresche geworfen, damit sie in der Emigration in England Fuß fassen konnte. Der Briefwechsel ist lesenswert, weil er auch zeigt, wie wenig H. die Mechanismen konkreter Macht begreifen konnte. Aber diese Schlichtheit im Gebotenen war ihm sonst allzu fremd.
    H. hat Politik im konkreten Sinn nicht verstanden, dies aber nicht akzeptieren können. Seine maßlose Selbsteingenommenheit hat es vermocht, sich dort, wo er nur in üblen Vorurteilen und Dummheiten gefangen war, noch eine geschichtliche Bedeutung beizumessen und dies in Tat und Wort umzusetzen.

    Ich bin darüber hinaus nicht sicher, ob Fragen der Technikphilosophie hier wirklich weiterhelfen. Wirkliche Bedeutung erlangt dieser Komplex im Werk H.s erst, als er sich wieder aus dem Betrieb zurück zieht und dann nach dem Krieg. Zwischen Friedrich Georg Jüngers „Perfektion der Technik“ und H.s Schriften gibt es viele Gemeinsamkeiten, das ist richtig. Aber diese Thematik würde eine eigene Diskussion erfordern. Politisch gibt er nicht sehr viel her, zumal ja die Nazis sehr technikgläubig waren.
    Die Fantasien von der Ständegesellschaft finden sich ja gerade auch im konservativen Widerstand um den 20. Juli. Bei H. steht hierzu m. W. nichts. Was die Hefte bringen, bleibt abzuwarten. Rechtssoziologisch oder staatstheoretisch im ernst zu nehmenden Sinn hat er sonst nicht argumentiert.

  26. summacumlaudeblog schreibt:

    Mhh lieber Victor und nun muß ich meine Mine entschärfen; denn nichts weniger steht in meinem Sinn, als flapsig über historische Schuld zu reden und diese wegen der mänschlichen Unzulänglichkeiten (mit ä!) im Vorbeigehen zu exculpieren. Etliche Einträge in der Blogoshpäre z.B. hier bei bersarin weisen dies auch aus. Auch auf meinem bescheidenen Blog lässt sich entsprechendes finden, z.B. die Kurzgeschichte „Der Judenmörder“.

    Zur Sache: Heideggers Verhalten kenne ich so etwa, seine Philosophie nicht. Das macht mich gemein mit vielen, die nun über seine Philosophie urteilen. Und darum geht es: Ich möchte lediglich sein Verhalten erkennen. Und erkenne gerade, dass ein solches Urteil ganz ohne Kenntnis seiner Philosophie nicht vollständig ist.
    Ich fürchte aber – deswegen mein Melden hier – , dass es Dietz darum gar nicht geht. Dietz will sich moralisch wohl fühlen und erkennt, dass das am besten funktioniert, indem man einen Drachen tötet. Wenn kein Drache vorliegt, erfindet man eben einen. Und eine angeblich ungeteilt klatschende Anhängerschaft gleich mit. Dieser Mechanismus einer Drachentötung interessiert mich. Mein Verdacht: Er hat auf geheime, „unterteufte“ (Th. Mann) Art und Weise selbst mit der deutschen Schuld zu tun und stellt eine Methode dar, diese wohlfeil zu entsorgen. Respektive auf andere nämlich Heidegger und seine angeblichen Adepten und kritiklosen Bewunderer zu projezieren.
    Nicht anders kam mir mein Biochemie-Prof vor: Natürlich hat er Recht und ist Heideggers „Uni-Politik“ 1933 zu verwerfen. Aber wir Studenten hatten durchaus das Bedürfnis, auch einmal über die Verbrechen der Humanmediziner ab 1933 einige „kräftig´ Wörtlein“ zu hören. Nur da war Fehlanzeige. Auch hier vermute ich eine Projektion, überdies in diesem Fall gepaart mit Anti-Intellektualismus (bei Dietz auch?): Wir die guten, praktischen Helfer und dort der labernde Intellektuelle, ein gängiges Stereotyp unter Medizinern und – wie Du natürlich weißt – neben dem Antisemitismus eine der ideologischen Kernaussagen des Nazismus. Deswegen korrekt Dein Hinweis auf die Technikgläubigkeit der Nazis: Nicht Barbaren waren sie, denn die Barbaren bauten keine Rekordflugzeuge oder Rekordrennwagen. Das Wesen der Nazis kann man vielmehr als instrumentelle, technische Vernunft im Dienst eines kruden, rassistischen Überbaus beschreiben. Soweit man in einer Blogdiskussion in ein paar Wörtern solche Phänomene überhaupt beschreiben kann.

  27. Bersarin schreibt:

    @ Viktor
    Ich danke Dir für diese entfalteten Bezüge. Gerade bei Heidegger schwanke ich zwischen dieser Sicht, daß da einer sehr naiv mit der Politik bzw. mit dem sich einließ, was er für bodenständig-erdverwachsen hielt, eben weil er aus konservativem Milieu kam und gegenüber der Moderne sowie ihren extremsten künstlerischen Werken wenig offen war, obgleich Heidegger G. Braque schätze. Doch der Sound der Großstadt, der sich in Kirchner und Dada und Grosz spiegelte, war ihm fremd. Und andererseits ein Maß an – wiederum naiver – Berechnung: eben den Führer führen zu wollen. Biographisch war Heidegger sicherlich ein unangenehmer Zeitgenosse, doch dies interessiert mich im Grunde nur am Rande. Es sind die Texte, die am Ende entscheiden. Im Sinne einer Gesellschaftstheorie oder gar als Ethik oder politische Philosophie läßt sich Heidegger nicht lesen. Dies wäre geradezu gegen jegliche „Absicht“ des Heideggerschen Textes.

    Was die Aspekte dieser unterschiedlichen Konservatismen betrifft, so müßte ich mich da genauer hineinlesen: Insbesondere die Bücher von Stefan Breuer zur sogenannten Konservativen Revolution scheinen mir da aufschlußreich zu sein.

    Was die Kritik der Technik und die der instrumentellen Rationalität betrifft, bin ich in Analyse und Bewertung ganz klar bei Adorno und der Kritischen Theorie. Heidegger bleibt allgemein, er muß es womöglich auch, wenn ein Überstieg der Metaphysik, das ganz Andere der Philosophie gewagt werden soll, das ohne die Bildung der Opposition auskommen soll. Dennoch: Auch Adorno wies in seiner „Negativen Dialektik“ auf dieses ganz andere hin. Ich möchte nun nicht unbedingt beide Texte dieser so unterschiedlichen Philosophie kurzschließen, aber gerade dort, wo es um den Überstieg, die Verwindung und das Denken dieses Anderen geht, läßt sich von Heidegger lernen.

    @ summacumlaude
    „Ich fürchte aber – deswegen mein Melden hier – , dass es Dietz darum gar nicht geht. Dietz will sich moralisch wohl fühlen und erkennt, dass das am besten funktioniert, indem man einen Drachen tötet.“ Genau so funktioniert das Spiel. Hier geht es um Inszenierung und Selbstermächtigung, ähnlich wie bei Kracht. Nazis sind immer die andern. Rassisten, Homophobe usw. auch. Wie schreibt es Hartmut: entsprechendes bitte ins frei Feld einsetzen. Im Grunde könnte man auch sagen: Vom Verhalten her ist Diez der Faschist. (Wenn man es ein wenig so genial wie Hegel in seinem Text „Wer denkt abstrakt“ dreht.) Als Literaturkritiker zumindest taugt Diez schon einmal nicht, da bleibt ihm nur noch die Boulevard-Komödie.

    Aber im ernst zu Diez: was schlicht degoutant ist, ist diese Leichtfertigkeit des Urteils ohne jegliche Kenntnis von Text und Umständen. Widerstand ex post facto. Billig von der Stange zu haben. Besonders wirkungsvoll mit Kritikerbrille.

  28. ziggev schreibt:

    also, ich finde, meine bescheidene Meinung, es höchst interessant, dass der ‚revolutionäre‘ Konservativismus am Anfang des 20. Jahrhunderts nochmals aufs Tapet gebracht wird anlässlich der Äußerungen Heideggers, die er in den „schwarzen Heften“ getan haben soll. Wir müssen uns vorstellen, dass Edith Stein, eine Husserl-Schülerin und später in Auschwitz ermordet worden, zum Katholizmus übergetreten und dann nicht sehr höflich von ihm, Husserl HIMSELF, behandelt worden war als Frau in der Philosophenszene: „Ach, dann machen Sie halt was zum Problem der Einfühlung“ – So in etwa soll die Durchsage gelautet haben. Damals hatten es Frauen nicht sehr leicht im akademischen Betrieb. Tod in Auschwitz. Von ihr stammen übrigens die Übersetzungen der wichtigsten Stellen von T. von Aquin ins Deutsche.

    Sie hat sich freiwillig aus dem Kloster in Holland abtransportieren lassen. Ich spüre eine Kälte, eine Härte, die mir typisch für diesen Anfang des 20. Jah. zu sein scheinen, und wie wir sie nochmal bei der Lektüre von Ödön von Horvath zu spüren bekommen.

  29. Bersarin schreibt:

    Die Zeit ist kalt, sie ist aus den Fugen. Dies in Sprache zu bringen, vermochten nur die wenigsten. Meist war die Kunst, die dies versuchte, viel zu dicht dran.

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